Pursuit of Happiness

Das Faszinierende am Menschsein ist: Man kommt nie irgendwo an. Es ist eben nicht so, dass das Leben eine Reise der Selbstverwirklichung wäre, und dann irgendwann haste dich verwirklicht und wärst den Rest des Lebens einfach nur noch komplett glücklich und du selber. Sondern das permanente Unglück ist natürlich einprogrammiert. Der vollkommen glückliche Mensch stiege ja morgens gar nicht mehr aus dem Bett heraus, wozu auch? Also kann es ihn nicht geben, denn der Mensch ist eben mal per definitionem ein Wesen, das morgens aus dem Bett raussteigt und irgendwelchen Dingen nachgeht. Ich zum Beispiel morgen früh nach Moabit zum Zahnarzt.

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Libera

Ganzen Tag im Olympiabad mit den Kindern, erster Ferientag, super Wetter, und doch auch nicht zu gut, so dass das Bad nicht überfüllt war, was will man mehr. Wenn nur das Essen am sogenannten Snackpoint irgendwie den Tick genießbarer noch wäre, allein das Ketchup ist so minderwertig, eigentlich wirklich abscheulich, eine glitschig-saure Tunke, die mit eigentlichem Ketchup nur die Farbe gemein hat. Und die Chicken Nuggets, naja.

Das Faszinierende ist, wie die Zeit anders tickt, an einem Sommerferientag im Freibad, man planscht ein bisschen, liest ein bisschen, holt sich Pommes, die Sonne steht wie festgenagelt hoch droben im Zenith am Himmel, und plötzlich sind sechs Stunden wie nichts durchgerattert.

Zum Abendessen schneide ich irgendwelche Reste zusammen, höre dazu das Fauré-Requiem, ein wirkliches Lieblingsstück von mir, und mir fällt wieder ein, wie ich zum ersten Mal darauf stieß, auf dem Bergwandertag der elften Klasse, glaube ich, vielleicht auch zwölfte, als wir die Thannheimer Berge durchstiegen, Zweitagestour mit Übernachtung auf einer Berghütte. Wir gingen bei schlechtem Wetter los, kalt, neblig, Nieselregen, es war unklar, ob man bei solchem Wetter überhaupt die Tour machen kann, aber wir liefen dann doch los, missmutig, kein eigentliches Bergwetter. Und der Schindt, Experte für abgedrehten Progressive-Rock der Sechziger und Siebziger gab mir eine Cassette für meinen Walkman, das solle ich mir mal anhören. Ok, ich die Cassette rein und weiter im Regen den Berg rauf. Als aber die psychedelische Freakscheibe vorbei war, kamen plötzlich ganz andere Töne zum Vorschein, ein Lied, das mich sofort von den Socken haute. Der Schindt überspielte nämlich immer die alten Klassikcassetten aus irgendeinem Nachlass mit seinem Siebziger-Bluesrock, und da waren noch ein paar Minuten Fauré-Requiem übrig, die ich mir für den Rest des Anstiegs immer und immer wieder anhörte. Ich spulte immer die fünf oder sieben Minuten zurück, hörte das immergleiche Lied nochmal, und immer weiter hoch, durch den Regen, den Nebel, die Klamotten ganz klamm und feucht, unbeirrt immer weiter nach oben, mit Faurés Pie Jesu im Ohr.

Und dann, es war wirklich so, ich erfinde das nicht, mit diesem Zauberlied im Ohr, stiegen wir aus dem Nebel raus über die Wolkengrenze, standen plötzlich, völlig unverhofft, mitten in strahlendem Sonnenschein, der Gipfel direkt vor uns, wir mussten nur noch ein paar Meter weiterlaufen. Wir waren am Ziel und hatten gar nicht gewusst, wie nah, wie sonnig, wie wunderschön der Ausblick auf das endlose Wolkenmeer unter uns. Nur sehr selten tobten die Endorphine nochmal so durchgedreht und vollkommen glücklich durch meinen Kopf, vielleicht überhaupt nie. Aber was war das für ein Lied, woraus stammt das? Der Schindt wusste es nicht. Irgendwas Geistliches, Messe vermutlich, die Musik schien mir so überzeitlich, ich konnte nicht mal richtig die Epoche schätzen.

Irgendwann, Jahre später, lief das Radio in der Küche, ich erkannte es sofort wieder, war wie elektrisiert, am Ende die Ansage: Sie hörten das Requiem von Gabriel Fauré. Ich besorgte mir bei nächster Gelegenheit die CD, sofort Lieblingsmusik, und höre das immer noch gerne, obwohl ich mit Kirche und Katholizismus wirklich fertig bin, aber so Werke wie Matthäuspassion, h-Moll-Messe, oder halt Fauré-Requiem, was soll ich sagen, da kann man sich nicht entziehen, das Beste, was diese verfluchten Religionen hervorgebracht haben, war wirklich Musik.

Im Fauré-Requiem zum Beispiel diese unvergleichliche Stelle im Libera, wo der Chor so langsam von unten drohend anschwillt, und dann langsam immer lauter, so richtig sauer eigentlich, und wütend diesen Gott anschreit: Befrei mich jetzt endlich von diesem ewigen Tod, du hast mir doch die ganze Scheiße erst eingebrockt, du Affe! So höre ich das jedenfalls.

Und diese Geschichte mit dem Pie Jesu habe ich noch nie jemandem erzählt, niemand wusste davon. Als es bei der Totenmesse meiner Mutter erklang, Hobby-Sopran mit Orgel, schien es mir dennoch völlig logisch, als könnte es einfach gar nicht anders sein. Und die Tränen flossen wie von selber einfach raus.

Ich vermisse die Toten, sie werden immer mehr, vermisse manchmal ganz heimlich und verstohlen auch einen Gott, der anzubrüllen wäre: Jetzt befreie uns mal endlich, alter Trottel!

Vanitas

Der Blues, der mich niederdrückt, natürlich auch wegen der politischen Lage, Flüchtende ertrinken im Mittelmeer und Söder triumphiert derweil mit seinen Transitzentren an der Grenze, er erfindet einfach diese Lager und da herrsche dann Residenzpflicht, keine Möglichkeit Rechtsmittel einzulegen, und dabei grinst er so breit, freut sich, es ist alles so menschenverachtend, so grässlich, die Don Alphonsos geben den Ton vor, und alle rennen hinterher, überhaupt Bayern, ich verzweifel im Moment an allem, komme ich da wirklich her, bin ich auch so ein Bayer? Die Haferlschuhe habe ich ja vor kurzem abgelegt, es ging nicht mehr, die Fußschmerzen, aber vielleicht auch der generelle Widerwille, mit so einem bayrischen Nationalschuh aufzutreten, also ich weiß nicht, ich trug die letzten 20 Jahre wirklich nichts anderes, und dann musste ich die Haferl in den Müll hauen, irgendwas tut sich gerade.

Im Grunde wurde ich politisiert durch zwei Dinge: Kalter Krieg und Mauerfall. Oder besser gesagt: entpolitisiert. Denn im kalten Krieg haben wir als Kinder schon gelernt, dass das Leben jederzeit vorbei sein kann. Erste Atombombe im Dritten Weltkrieg fällt auf Deutschland, das war einfach klar, hat mir als Kind der Ochsendampf schon gesagt, und der war an der Ostfront gewesen, der kannte sich aus, ein Auge aus Glas, fehlende Fingerglieder, ganzer Brustkorb vernarbt, Krieg war das Ding, mit dem er sich auskannte, das war damals normal, in den Achtzigern, als ich ein Kind war, da liefen überall noch die verstümmelten Weltkriegshelden rum: Vom nächsten Krieg kriegen wir nix mit, sagte der Ochsendampf zu mir, da sind wir am Tag Eins schon weggepustet, mausetot, ich prägte mir das tief ein, in tiefste Tiefen, daraus resultierte auch ein gewisser Spaß: geht uns doch nix an, dieser komische Krieg. Als Kind, wenn es manchmal knallte, oder Düsenjets irre laut übers Dorf brausten, dachte ich: Ok, jetzt ist es so weit, bumm, Auslöschung von allem, alles aus. Und war dann überrascht, dass das Leben doch weiterging.

Mauerfall und Zusammenbruch des Ostblocks war dann die gegenteilige Illusion, damals war ich 15 und dachte: jetzt wird alles gut, jetzt haben die bösen Kommunisten ihren Fehler eingesehen und sind gar nicht mehr böse, machen endlich mit bei unserem westlichen Friedensprojekt. Es passte irgendwie, dass der behäbige Kohl den Laden managte, ich war natürlich gegen ihn, die Birne, aber eigentlich war mir Politik auch egal, die großen Versprechungen gingen für mich von der Kunst aus, die Bücher, Literatur, Philosophie, Musik, Pop. Beethoven, Chemical Brothers, und Kleist. Rainald Goetz, um es auf ein Wort zu bringen. Ich liebte seine Bücher, Rave, noch mehr aber Abfall, was für ein Hammer. Natürlich konnte der das bringen, für Ulf Poschardt in der Vanity Fair zu bloggen. Und war das nicht zufällig das beste Blog aller Zeiten? Klage. Das waren die Nullerjahre.

Aber dann ging die Vanity Fair unter, Poschardt geht zur Welt, heiliger Lobgesang von Autofahren und FDP, und holt dann noch den Trottel Alfons als Hausblogger, Selfie mit bis oben zugeknöpftem Trachtenjanker und den kleinen Finger abgespreizt beim Teetrinken, er sauft ja noch nicht einmal ein Bier, was ist das überhaupts für ein bayrisches Cowgirl, frage ich mich, wie weit kann man sinken, was wurde aus Goetz, was wurde aus den ganzen Blogs, alle löschen nur noch die Accounts, es ist alles so eine riesige Resignation, wo bleibt denn da mal wieder ein Aufbruch, aber ich sitz ja auch nur da, erstarrt, und denke, es kann eigentlich alles gar nicht wahr sein, ok, jetzt bauen sie dann halt Lager an Grenzen, von denen wir eigentlich dachten, die gibts gar nicht mehr, ich hab diese Leute ja nicht gewählt, aber ich würde gern weggehen, verschwinden, vanish, vanity, fair

Bericht ans Heimatministerium

16.06.2018
Seit zwei Tagen in O. Tiefste Melancholie über die Sinnlosigkeit all unserer menschlichen Bestrebungen.

17.06.2018
Am Morgen sofort raus, Romanshöhe und weiter bis U., dann über Pfannenstiel und Glumphaufen zurück, Nieselregen setzte ein, war mir wurscht. Wunderschöne Blumenwiesen im Wiesmahd, welche Vielfalt, die Grillen zirpten, Schmetterlinge umschwänzelten mich, und nur ganz wenig Menschen, kaum ist der Himmel nur ein bisschen bedeckt, verkriechen sich alle gleich schon wieder in ihre Löcher. So war ich mit den Schafen allein, die mich anmähten: Mäh, mäh! Und mir war, als riefen sie mir in Wirklichkeit auf englisch zu: Mad! Mad, mad, mad.

18.06.2018
Ich bin schon froh, wenn ich, wie jetzt, alleine sitze und tippe, und keiner redet, keiner fragt mich Fragen.

20.06.2018
Gestern bei nahezu idealem Wetter auf den Brunnenkopf gestiegen, vertrauter Weg, auf dem ich wie lange nicht mehr ging? Müssen bald 20 Jahre sein, ich stieg damals voran, weil mir die anderen zu langsam, hatte schon die erste Russenmaß halb ausgetrunken als sie endlich anwankten. Dann weitere Biere und Schnäpse auf Drängen der grotesken Liesl, beim Abstieg wurde mir schon schwummerig, ich dachte, es sei der Alkohol zusammen mit der Sonne und der körperlichen Anstrengung, sackte zuhause vor dem Fernseher zusammen, es lief, wie ich mich noch genau erinnere, ein Dokumentarfilm über das Leben von Leni Riefenstahl. In Decken gehüllt zog ich mir das rein, schon zitternd, fiebernd, und immer noch schwächer und schwächer werdend, bis ich dann plötzlich aufs Klo rennen musste und aus allen Kanälen quollen die verschiedenfarbigen Melassen. Meine Mutter pflegte mich, eine Woche Brechdurchfall vom Feinsten, am Höhepunkt der Krankheit fast zu schwach, um die paar Meter zum Klo zurückzulegen, das war bis gestern mein letzter Besuch auf dem Brunnenkopf gewesen.

Dagegen war die gestrige Visite dort natürlich weit unspektakulärer, immer noch faszinierend, wie viel leichter ich überall hochkomme, seit ich nicht mehr rauche. Meine letzte Bergtour als Raucher war der Aufacker, allerletzte Kräfte aufbietend schnaufte ich mich irgendwie hoch und kriegte auf dem Gipfel einen minutenlangen, absolut epischen Hustenanfall. Danach natürlich sofort Gipfelzigarette, komplett irr, ich bin so froh, dass ich diesen Wahnsinn abstreifen konnte. Selbst als rauchender Mittzwanziger erschöpfte mich so ein Brunnenkopfanstieg mehr als mein nicht mehr rauchendes Ich gestern, ich ging langsam, aber unbeirrt, und ohne je außer Atem zu kommen, hätte im Grunde noch ewig so weiter laufen können. Nur der Knochenapparat wird merklich älter, während die Lunge sich so wundersam verjüngt, rechter Fuß und linke Hüfte schmerzen von der ungewohnten Belastung.

Abends Fußball in der Glotze, mich interessierts fast gar nicht, aber es lullt einen so schön ein, und immerhin besser, als sich kotzend Leni-Riefenstahl-Dokus reinzupfeifen.

22.06.2018
Wieder in Berlin.

Vier Jahre später

Ich werde meine erste Begegnung mit der AfD nie vergessen, Europawahl 2014, ich fuhr mit dem Auto den Spandauer Damm entlang, sah das blaue Plakat – irgendwas mit „Wir sind gegen die Überwachung!“ – und sagte: „Die wähl ich!“

Und H. zuckte auf dem Beifahrersitz zusammen und sagte: „Aber das sind Nazis!“. Upps, das hatte ich natürlich nicht gewusst, naja, ok, dann wähle ich die vielleicht doch lieber nicht. Aber das war die Zeit, wo Angela Merkel gerade die bedingungslose Bankenrettungspolitik durchgedrückt hatte, in Griechenland aber mehr oder weniger selber die Regierung entmachtete und dort die Krise eines ganzen Landes, statt sie aufzufangen und abzumildern, verschärfte, damit in Deutschland die schwarze Null weiter stünde. Das war also deren Vision von Europa. Hegemoniale Kackscheiße. Dass Bundesbürger von der NSA und den Five Eyes überwacht wurden, dazu hatte sie merkwürdig wenig zu sagen, fast überhaupt nichts eigentlich, sogar als ihr eigenes Handy betroffen war, Funkstille, und die SPD ging in diesen denkwürdigen Europawahlkampf mit der Parole hinein: “Wählt SPD, damit mit Martin Schulz ein DEUTSCHER Präsident der EU-Kommission wird!“ Das war damals die Zeit, vier Jahre her erst, ich will damit vor allem illustrieren: Damals hatte ich auch richtig Bock auf eine Alternative, ja, man war richtig durstig nach einer Alternative zur angeblichen Alternativlosigkeit alter nationalistischer und neoliberaler Politik.

Aber die Alternative, die dann tatsächlich kam und plötzlich wirklich da war, denen war das alles noch nicht nationalistisch und neoliberal genug, auch bisschen Rassismus könnte mal wieder mehr Breitenwirkung vertragen, fanden die, hauptsächlich die Muslime könnten jetzt mal zur Abwechslung raus sollen aus unserm tollen Land, und statt Holocaust-Scham und -Trauer sollte man auch mal wieder bisschen stolz sein dürfen auf die Heldentaten unserer Weltkriegssoldaten. Und kaum schaust du dich um, sitzt so eine Partei bei uns im Bundestag, hat Redezeit im Fernsehen, wo sie dann behaupten kann, sie dürfe nie was sagen, und was tun alle anderen Parteien: Sie labern ihnen nach dem Maul. Seehofer, Boris Palmer, Sahra Wagenknecht, Nahles und Lauterbach, mit Sarrazins Giftgespritze fing ja alles sowieso erst an.

Und so kam es, dass ich mich heute zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder mal auf einer Demo einfand. Vier Jahre nach den denkwürdigen zwei Sekunden, wo ich einmal fast zum AfD-Wähler geworden wäre, waren wir auf der Anti-AfD-Demo, ich war wirklich noch nie der Typ für derlei Massenveranstaltungen, habe das immer gemieden, zuviele Menschen auf einem Haufen machen mir immer Angst, aber das heute war einfach zu wichtig, hier Präsenz zu zeigen, um auch die Relationen mal wieder klar zu rücken: Die AfD spricht eben nicht für „Deutschland“ oder für „die Bürger“, im Gegenteil: Die wirkliche Mehrheit hat nicht das geringste Interesse an dieser Nazischeiße, der Storch- und Höcke-Trottelei.

Es war auch ein bisschen gruselig, da am Spreeufer zu stehen, die Nazis auf der anderen Seite des Flusses zu sehen, und die Brücken alle gesperrt von schwerst gepanzerten Polizeitruppen, behelmt und bewaffnet, ausdruckslose Gesichter. Aber auf unserer Seite war die Buntheit, die sprichwörtliche Vielfalt, während drüben fast nur schwarzrotgoldene Deutschlandfahnen wehten. Grotesk, wie eine Landesflagge da vereinnahmt wird, ganz offen provozierend hängten welche eine riesige schwarzrotgoldene Fahne ans Brückengeländer, gegen uns Gegendemonstranten gestikulierend, und neben uns rief einer: Springt doch!

So wünschen wir uns jetzt über den Fluss hinweg gegenseitig schon den Tod und ich frage mich noch: War das nicht mal die Fahne von uns allen? Ist das jetzt nur noch die Fahne von den Nazispinnern? Weil, wenn das so ist, sagt mir Bescheid, ich kann damit gut leben, von der ganzen Fußball-WM hab ich jetzt schon die Schnauze voll und brauch auch sonst eigentlich überhaupt keine Fahnen, Uniformen oder sonstigen Gleichschaltungsikonen, bin jetzt bereit für die totale Vielfalt, die wunderbaren Menschen heute alle auf der Demo, tanzend, lachend, wenn einer weiß, wo man die vielleicht mal ausnahmsweise wählen könnte nächstes Mal, bitte schreibts mir in die Kommentare.

Neues Museum

Der Mai hat sich in so einen seltsamen Fleckerlteppich aus langen Wochenenden, Brückentagen, und dann aber doch wieder ein paar Schultagen verwandelt, und so begab es sich, dass ich am gestrigen verlängerten Pfingstdienstag mit meiner Tochter morgens den Beschluss fasste: Wir gehen ins Museum. Das machen wir von Zeit zu Zeit, wir nehmen uns dann kleine Zeichenblöcke mit, und wenn uns irgendetwas eigentümlich, außergewöhnlich oder auch nur ganz normal schön erscheint, dann skizzieren wir es schnell mit dem Bleistift aufs Papier und erörtern dann unsere ungenügenden Zeichenkünste. Gestern also im Neuen Museum, wo lustigerweise die älteste Kunst rumhängt, Vor- und Frühgeschichte, Schliemanns Trojafunde, die alten Ägypter, Nofretete, dieses Zeug. In Stein gemeißelte Steuerbescheide, 4000 Jahre alt: Komplett faszinierend.
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Als wir genug gesehen hatten und uns die Füße wehtaten vom Rumschleichen um die Vitrinen, da war genau die richtige Mittagessenszeit, wir setzten uns am Hackeschen Markt auf die Terrasse eines Italieners, C. sucht den Tisch aus, schön im Schatten liegend, wir setzen uns hin, ich höre nur zwei Minuten den vier Männern am Tisch hinter mir zu, und sacke innerlich zusammen, weil ich verstehe: Nazis. AfDler. Dumpfste Drecksäcke. Was mir den Rest gibt: Sie sind aus Bayern. Mein Land. Ich höre meinen Dialekt, meine Sprache, in welcher dämlichste Sprüche geklopft werden, und alle grölen lauthals, die übliche Hetzrede gegen Flüchtlinge, gegen Muslime, gegen Frauen, ich muss das hier nicht im Einzelnen wiedergeben, aber wie laut sie sind, wie sehr sie wollen, dass auch die Nebentische mithören. Platzhirsche. Männerphantasien. Muss unbedingt Theweleit lesen, ich glaube, da warten tiefe Einsichten auf mich, es sind immer reine Männergruppen, wie ich schon oft jetzt beobachtet habe: Der neue Rechtsradikalismus zeichnet sich vor allem auch durch seine Misogynie aus. Frauenhass und Antifeminismus, siehe Don Alphonso, dieses Männerbündlerische, mir wird es ewig unverständlich bleiben. Wie sie die Frauen befreien wollen von der angeblich drohenden Burka, um sie gleichzeitig an den Herd zurück zu bannen, sie wieder mundtot machen wollen.

Und ich sitze da, esse meine Nudeln und denke: was soll man tun jetzt? Natürlich tue ich nichts, habe nicht die geringste Lust, mit Rechten zu reden, das bringt auch nichts, man bekehrt ja nicht beim Mittagessen mal im Handumdrehen ein paar Idioten, ich höre nur zu, studiere die Rede: Seehofer? Größter Depp von allen. Er poltere doch nur herum, wenns aber drauf ankomme, dann ziehe er den Schwanz ein. Das sagen diese ungefähr dreißigjährigen Angeberboys aus Bayern, die kriegt kein noch so radikaler Rechtsschwenk der CSU wieder zurück. Die Unsinnigkeit dieser Manöver, aber meine Güte, was rege ich mich auf? Die Nazis diskutieren mittlerweile über Immobilienpreise.

Als wir gezahlt haben und weggehen, frage ich C., ob sie das bemerkt habe, dass das Nazis waren am Tisch neben uns, AfDler? Nein, sagt sie in völliger Gemütsruhe, sie habe gar nicht zugehört, was die sagen. Ich hätte ihr das aber durchaus mal mittteilen sollen, dann hätte sie denen mal ordentlich eins mit ihrer Handtasche übergezogen.

In der S-Bahn nachhause malt sie das Versäumte in ihr Skizzenbuch.

 

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Neueröffnung

Ich müsste mich wieder mehr um diese Sache hier kümmern, diese Waldundhöhlenschrift, die ich mich weigere, ein Blog zu nennen, oder gar „einen“ Blog, wie überhaupt alles an mir fast nur noch aus Verweigerung besteht, ich bin einfach Bartleby und habe nicht die geringste Lust mitzumachen, bei was auch immer, weil, wohin ich auch schaue, es doch immer nur auf Gentrifizierung und Neoliberalifizierung hinausläuft, überall Typen in Anzügen, mit Aktenmappen unterm Arm, sie inspizieren mein Viertel, in ihren Augen rattern die Dollarzeichen, während sie scheinbar unauffällig im Biergarten ihr Mittagessen mit den Investoren abhalten: Schauen Sie doch mal, wie ursprünglich hier alles noch ist, die unverbaubaren Blicke, die jetzt noch abgefuckte Altbausubstanz, aber sehen Sie sich mal den Stuck an, die Dielenböden, alles die reinsten Goldgruben, die es zu heben gilt, sie reden es den ganzen Tag in ihre Mobilfunktelefone hinein, diesen Text, der vom Ausverkauf meines Viertels handelt, Sprechakte, die darauf hinauslaufen, meine Wohnung unter meinem Arsch hinwegzuziehen, sie sagen, sie wollen das Viertel lebenswerter machen, sie sprechen von Nachhaltigkeit und Carsharing, sie sagen, ich solle auch mal was sagen, ich könne mitreden, aber mache ich den Mund auf, kommt keine Sprache raus, auch ist überhaupt kein Ohr da für das, was ich zu sagen hätte.

Aus der alten Hähnchenbraterei, Happy Hour Futschi halber Preis, haben sie jetzt einen Burgerladen gemacht, ich glaube, so geht es los, die Burger kosten 10 Euro aufwärts, Brioche oder Vollkorn, ich meine, spinnt ihr, das ist einfach nur ein verdammter Burger, gebratenes Hackfleisch in eine Schrippe geklemmt, was für ein Gewese da gemacht wird um ein bisschen Fast Food, an der unverputzten Wand klebt ein Fahrrad. Und natürlich bin ich selbst dieser Gentrifizierer, der Zugezogene, der Bayer mit dem unmöglichen Dialekt, habe ich mich selber in die alte Hähnchenbraterei nie reingetraut, die verrauchte Spelunke, der Stammtisch und ein paar Besoffene im Blaumann, und in den neuen, schicken, hipsterigen Burgerladen gehe ich natürlich am Eröffnungstag sofort rein, der Burger ist noch nichtmal ganz schlecht, bin fast geneigt zu sagen: die Pommes gehen halbwegs okay, es schmeckt nicht völlig verkehrt, es ist eine verdammte Scheiße.