Mit links geschrieben

24.03.2018
[…] zersprang mir das alte Ettaler-Bierglas beim Abwaschen in der Hand und schnitt mir so übelst in den rechten Daumen rein, dass ich sofort wusste: Ich muss ins Krankenhaus zum Nähen. Kurzer Wutausbruch, dann Taxi, Westend, Notaufnahme. Musste ewig warten, dann endlich der Doktor: Schnitt verläuft recht unglücklich, könnte Komplikationen geben. Montag zur Kontrolle zum Hausarzt. Nähte es mit vier Stichen, im Nebenraum schrie herzerweichend ein Kind. Dann aus dem Krankenhaus raus, erstmal Essen kaufen, heim. Völlig fertig im Bett eingesunken und geschlafen.

26.03.2018
Heute morgen bei Dr. Baxxter vorstellig geworden, meiner neuen Hausärztin, der die Wunde nicht so richtig hundertprozentig gefiel. Absolute Schonung verschrieb sie mir, ich solle am besten überhaupt gar nichts machen, auf jeden Fall aber alles, was sich gar nicht vermeiden ließe, unbedingt mit links. Was hatte ich mir nicht alles vorgenommen für diese Woche, wo H. mit den Kindern auf Reisen: die Wohnung aufräumen, entrümpeln, vielleicht sogar die Speisekammer ausräumen und ausmisten, eine neue Ordnung stiften – und jetzt das, ich kann nicht einmal das Geschirr abwaschen, es stapelt sich in der Spüle, statt mehr Ordnung kommt noch mehr Unordnung, aber ok, dachte ich mir: Wenn der Daumen jetzt Ruhe braucht, dann braucht der Daumen jetzt eben Ruhe. Ab aufs Sofa und Netflix-Marathon. Und der Zufall will, dass es eine neue Dokumentar-Serie über Dr. Dre gibt, das interessiert mich doch sofort, ich fange an, es gefällt mir, und nach einer Viertelstunde plötzlich ZUMP, geht die Glotze aus. Ich denke zuerst, ein Computerproblem, Kabel rein, Kabel raus, klicke planlos rum, bis ich merke: Es geht ja gar nichts mehr, der Strom in der ganzen Wohnung ist weg. Blick aus dem Fenster: Die erloschene Ampel an der Kreuzung vorne flüstert mir leise ins Ohr: Der Strom im ganzen Viertel ist weg.

Da kann ich mir meinen Fernsehtag schön in die Haare schmieren, laut Vattenfall kommt der Strom frühestens um 1 Uhr morgens wieder. Computer hat noch 87% Strom, Telefon 38%. Noch ist Tageslicht zum Lesen da, für später habe ich nichts besseres als ein paar Teelichter finden können. Es wird der langweiligste Abend meines Lebens, fürchte ich. Ich begreife es als ZEN-Übung: Fühle das Nichts, achte darauf, dass der Daumen still hält.

18.55 Uhr: Strom wieder da, früher als erwartet. Es soll ein Bekennerschreiben von Linken geben, die absichtlich an der Mörschbrücke ein Feuer gelegt haben sollen, um Infrastruktur zu lähmen, wirtschaftlichen Schaden in möglichst großer Höhe zu erzeugen. Ich frage mich wirklich, was an solchen Aktionen „links“ sein soll. Links heißt doch, das Gemeinwohl mehren zu wollen, die zivilisatorischen Errungenschaften für alle verfügbar zu machen. Gemeinnützige Infrastruktur zu zerstören, ist für mich das Gegenteil von links. Ganz Charlottenburg Nord hasst jetzt die „Vulkangruppe NetzHerrschaft zerreißen“, allein der Name schon, was für Idioten, haben wir mit den rechten Irren nicht schon genug zu tun? Und by the way: Charlottenburg Nord, der Mierendorffplatz, der Kiez, wo ich lebe, und wo heute die Lichter ausgingen: Das sind nicht die champagnerschlürfenden, dekadenten Kudamm-Charlottenburger, die ihr euch vorstellt, ihr Vulkangruppenheinis, das ist ein alter Arbeiterkiez, viele Rentner, viele Migranten, Geringverdiener, ganz normale Normalos. Bitte treibt die nicht auch noch in die Arme der AfD mit euren Unsinnsaktionen.

20.00 Uhr: Versuche jetzt mal, meinen Netflixabend doch noch Wirklichkeit werden zu lassen.

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Ulysses

In letzter Zeit war einiges zu lesen über eine Überarbeitung der Ulyssesübersetzung von Hans Wollschläger. Zehn Jahre lang sollen gewisse Experten an dieser Arbeit gesessen haben, die nun aber dennoch nicht erscheinen darf, weil die Erbin der Rechte an Wollschlägers Werk ihre Zustimmung verweigert. Ich habe zu der Debatte eigentlich gar nichts beizutragen, wer darüber mehr wissen will, findet wesentliche Informationen hier: https://gabrielewolff.wordpress.com/2018/03/17/fake-news-oder-wie-ich-zur-witwe-von-hans-wollschlaeger-wurde/

Mir löste die Nachricht vor allem eine kleine Lawine der Erinnerung los, von der ich hier kurz erzählen will.

Im November 1995 ging mein Zivildienst zu Ende und ich brauchte dringend eine Pause. Hinter mir lag die verrückteste, aufregendste und beste Zeit meines Lebens, ein Sommer der Freiheit in München, mit soviel Drogen und Party wie nur reinpassen in so einen Sommer. Nach der Kindheit in der bayrischen Provinz, der verklemmten Schulzeit auf der verfluchten Klosterschule – was für eine Befreiung! Wir hatten ein ganzes Haus in Obersendling, damals noch verkommenes Glasscherbenviertel, nur für uns alleine, ein Haus voller Zivis, im Erdgeschoß eine Prollkneipe, es war perfekt. Wieviele Anregungen ich da bekam, neue Musik, neue Menschen, endlose Nächte mit endlosen Gesprächen, und irgendwo lag immer Gras rum, baute jemand einen Joint, es war einfach paradiesisch. Es war auch viel Arbeit, harte Arbeit, das sprichwörtliche Arschabwischen bei Körperbehinderten, Frühschicht, Spätschicht, heftige Einblicke in Biographien, von denen meine behütete Provinzjugend nichts geahnt hatte. Aber im Rückblick war es vor allem eine gigantische Feier, ein riesiger Rausch, ein komplett bekiffter Summer of Love. Mit einem Sack voll Gras über zwei Grenzen zum Gardasee, und weil wir das alles gar nicht so schnell aufrauchen konnten, nahmen wir die Hälfte wieder mit zurück, ich musste für den Grenzübergang bei Mittenwald das Steuer übernehmen, weil ich mit meinem Trachtenjanker als unverdächtig bodenständiger CSU-Typ rüberkommen sollte, und was soll ich sagen: es funktionierte: Vielen Dank und gute Nacht, Mister Grenzer.

Aber was ich ja eigentlich erzählen wollte: Nach diesem Zivildienst, diesen fünfzehn durchgeknallten Monaten auf Vollgas, da war mir selber klar: Ich brauch ne Pause. Vor allem eine Pause vom Gras, was aber auch bedeutete: Eine Pause von den Potheads, mit denen ich das letzte Jahr durchgefeiert hatte. Aus dem Zivihaus mussten wir eh alle ausziehen, aber ich arbeitete weiter in der Wohnanlage für Behinderte. Fand es komplett faszinierend, dass ich jetzt für zwei Dienste die Woche mehr Geld bekam, als als Zivi, wo ich zum Teil vierzehn Tage am Stück runtergerissen hatte. Einziges Problem war das Wohnen. Ich hatte ein WG-Zimmer in der Maxvorstadt organisiert, aber erst ab Februar, jetzt war November. Studium begann im Mai. Und ich war auf Entzug.

Ich weiß nicht mehr, wie wir es wirklich koordinierten, aber ich kam dann in der Einzimmerwohnung meiner Schwester unter. Sooft ich arbeiten musste, war sie dann bei ihrem Freund oder so, ich weiß nicht mehr genau, sie wohnte damals im sogenannten Schwabylon, ein grotesker Hochhauskomplex im Norden Schwabings, völlig verrückt, gerade nach dieser WG-Erfahrung im Zivihaus, wo alle Türen praktisch immer offen standen, jetzt das komplett anonyme Wohnen in der aufs absolut Notwendigste reduzierten Minibutze im Megawohnkomplex. Und in dieser Lebenssituation des völligen Umbruchs, auf Entzug, orientierungslos, die Monate bis zum Studium, von dem ich auch nicht wirklich wusste, ob es das wirklich ist, die Monate dehnten sich ins Unendliche – da griff ich zum Ulysses.

So völlig alleine, einsam in der riesen Großstadt rumsitzend, in fremder Wohnung, schwärzester Nacht, entkoppelt von allem, las ich nachts die Geschichte von Leopold Bloom, wie er durch Dublin stolpert, und irgendwie gab mir das einen Halt, war mir Ersatzdroge, ich zog es mir rein. Ich las es langsam, entgegen meinem sonstigen, eher hektischen Lesen, ließ mir Zeit, Mr. Blooms Tag dehnte sich mir zu Wochen. In meiner Unbehaustheit fing ich an, dieses Buch zu bewohnen, war Untermieter in diesem komisch lilafarbigen edition-suhrkamp-Taschenbuch. Augustiner und Kartoffelchips von der Tankstelle. Bronze bei Gold. Kein Dope.

Naja, und dann entlässt einen natürlich auch so ein Buch wieder, und man wandert weiter, aber das bleibt für mich schon eins der Bücher, die wesentlich in mein Leben eingegriffen haben, wo ich wirklich sagen kann: Das Buch hat mich damals gerettet. Und das war der Ulysses in der Übertragung von Wollschläger. Bestimmt gäbe es da die eine oder andere Stelle, die man vielleicht besser übersetzen könnte. Bestimmt ist es sowieso eigentlich erstrebenswert, die Werke immer im Original zu lesen. Aber für mich wird immer genau dieser zerfledderte, lilane Taschenbuchwollschlägerulysses vom Winter 1995 der einzig wahre eucharistische Jakob bleiben.

Providence

Mit den Comics Watchmen und From Hell hatte ich in den letzten Jahren so intensive Lektüreerfahrungen gemacht wie mit keiner anderen, keiner normal „nur geschriebenen“ Literatur, deshalb waren meine Erwartungen an Providence, das auch von Comicgroßmeister Alan Moore getextet ist, die allerhöchsten. Gestern habe ich nun die letzten zwei Kapitel gelesen und muss doch sagen: Enttäuschend.

Wahrscheinlich muss man wirklich Fan und intimer Kenner des Werks von H.P. Lovecraft sein, um das Geflecht der Anspielungen und Andeutungen entziffern zu können und daraus eventuell nochmal einen ganz anderen Genuss zu ziehen. Ich hab letztes Jahr mal die Berge des Wahnsinns gelesen und vor Jahren ein paar Geschichten, so dieses krude Cthulhu-Zeug, aber mich hat im Grunde die Sprache nie richtig gepackt, war mir immer zu übertrieben, zu adjektivgespickt. War jetzt aber an Providence in dem Glauben herangegangen, man könne das auch ohne große Lovecraftkenntnisse rezipieren. Was man zweifellos auch kann, bloß bleibt es dennoch ein irgendwie blutleeres Stationendrama, das sich so linear von Ort zu Ort, von Freak zu Freak durch das New England von 1919 schleppt, unterbrochen von länglichen Tagebucheinträgen des Protagonisten, die teilweise auf ermüdendste Weise nur das noch einmal nacherzählen, was man gerade schon als Comic gesehen und gelesen hatte, die man aber trotzdem nicht einfach überspringen kann, weil dann teilweise eben doch wichtige Neuinformationen einfließen. Was bei Watchmen so kongenial funktioniert hat, nämlich zwischen die einzelnen Kapitel des Comics noch zusätzlich reinen Text bzw. sozusagen „Faksimiles“ irgendwelcher Handschriften, Zeitungsausrisse und maschinengeschriebener Manuskripte zu schalten, und der Erzählung damit noch mehr Tiefe und komplexe Struktur zu verleihen – hier hat es mich vor allem nur gelangweilt, teilweise fast gequält. Ein endloses Blabla, durch die Pseudohandschrift, in der es gedruckt ist, zusätzlich mühsam zu entziffern.

Natürlich hat Providence auch geniale Momente, unglaublich starke Sequenzen, sonst hätte ich eh schon vorher abgebrochen. Aber es überwiegt die Enttäuschung, vor allem der Schluss, ich meine: Am Anfang macht der Protagonist sich auf die Suche nach einem Buch, das angeblich alle Leute verrückt macht und in den Selbstmord treibt. In der Mitte findet er das Buch. Und am Ende glaubt er, verrückt geworden zu sein und begeht Selbstmord. Ernsthaft? Da hätte ich mir jetzt doch etwas Überraschenderes erwartet.

Irgendwie blieb mir dieser Robert Black auch insgesamt ein ganz blasser, austauschbarer Held, einer, dem die ganzen Seltsamkeiten und gruseligen Geschehnisse einfach so zufälligerweise am laufenden Meter widerfahren, und nach jeder grotesken Begebenheit rettet er sich in seinen ewiglangen Reflexionen schließlich wieder in die Einsicht, das alles bestimmt ja nur irgendwie geträumt zu haben und stolpert zur nächsten Station, wo sich dasselbe Muster erneut wiederholt, undsoweiter, undsoweiter, bis er dann am Ende eben doch komplett durchdreht, sich umbringt, und dann vom Erzähler fallengelassen wird wie eine heiße Kartoffel, zugunsten eines nun vollends wirren Appendix’ von Zombieapokalypse from outer space, wo leider kein einziger der ungefähr tausend in der Luft hängenden losen Erzählfäden aufgenommen und zu einem sinnvollen Ende verknüpft wird, sondern stattdessen lieber noch ein paar völlig neue Figuren aus dem Hut gezaubert werden, und man im Grunde überhaupt nichts mehr kapiert.

Ich las, Alan Moore habe angekündigt, dass dies sein letzter Comic war, er habe in diesem Medium alles für ihn Interessante ausprobiert, und würde sich ab jetzt nur noch wiederholen. Es schmerzt mich in tiefster Seele, das sagen zu müssen über den Meister, der der Welt die Watchmen hinzugefügt hat: aber vielleicht ist das wirklich besser so.

Pac-Mans Erwachen

Gestern, Sonntag, ich muss das noch schnell aufschreiben, dieser jedes Jahr wieder so unglaublich tolle Tag, wo man zum ersten Mal die Winterjacke an der Garderobe hängen lässt und mit leichtem Jackett sich hinauswagt in die allererste Frühlingssonne. Vor einer Woche schlitterten wir im Schlosspark noch über die geschlossene Eisdecke des Karpfenteichs. Dieses Aufatmen, wenn das Eis schmilzt. Fuhren dann alle ins Computerspielemuseum an der Weberwiese, ich war sofort total geflasht, das ist die Art von interaktivem Museum, die ich mir wünsche, man kann fast alles anfassen, ausprobieren, die Spiele eben spielen. Da wurden bei mir sofort die Bergwerke der Erinnerung geöffnet: Ein Urlaub am Achensee mit meiner Schwester und unserem Vater, wo irgendwo in einem Nebenraum des Hotels dieses riesengroße Ding rumstand, mannshoch, mit genau einem Spiel drauf: Pacman. Und meine Schwester und ich schmissen da die Schillinge rein, der Vater wechselte an der Rezeption die Scheine für noch mehr Ein-Schilling-Münzen, für ein langes Wochenende waren wir die Könige des Pacmanautomaten am Achensee. Und plötzlich bin ich selbst der Vater und zocke mit meiner Tochter Pacman im 2-Player-Modus im Museum. Sitze mit meinem Sohn in einem Nachbau eines Kinderzimmers der Achtzigerjahre, der so täuschend echt ist, dass ich wirklich fast durchdrehe. Es ist eigentlich nicht der Nachbau eines Kinderzimmers. Es ist der Nachbau MEINES tatsächlichen Kinderzimmers, wie haben die das so hingekriegt, woher kennen die mich, der Tisch, die Lampe, die Aufkleber, das Toni-Schumacher-Poster? Das einzige, was es in meinem Kinderzimmer halt nicht gab, war die Nintendo-Konsole mit dem Super Mario. Ich hab das nicht einmal groß vermisst als Kind. Fast niemand hatte sowas. Jetzt sitze ich im Museum im Nachbau meines alten Zimmers und streite mit meinem Sohn, wer dran ist beim Super Mario. Ob man den Controller bei jedem Sterben weitergibt, oder bei Aufstieg ins nächste Level, oder bloß wenn Game Over?

Am Ende hatten wir alle Hunger, also raus, einstimmiger Beschluss: Zur nächstbesten Dönerbude, die glücklicherweise gleich um die Ecke auftauchte, und drinnen, wie als völlig logische Fortsetzung des Museums, Spielautomaten, an welche die Kinder sofort stürmten und irgendwelche Knöpfe drückten. Und während wir noch hin und her überlegten, was für wen zu bestellen sei, kommt plötzlich eine Alte daher und lallt etwas, dass die Kinder ihr Geld verzockt hätten, sie habe dreiundzwanzig Euro in den Automaten gesteckt und nun sei irgendwas falsch gelaufen, unklar, was genau. „Man lässt doch nich ’n Kind an det Ding da rann gehn.“ Konnten ihr dann doch klarmachen, dass man selber Schuld ist, wenn man seinen wahnsinnig wichtigen Automaten mit den dreiundzwanzig Euro unbeaufsichtigt rattern lässt.

Ich fand es als Metapher schon fast wieder zu überdeutlich in die Welt hineingeschrieben, dass man jetzt im Museum alles anfassen und ausprobieren darf, in der Dönerbude aber nicht. Vielleicht nicht die schlechteste Entwicklung, ich habs noch nicht ganz raus.

Fingen danach noch Pokemons im Volkspark Friedrichshain.

Ziemlich viele Wablus dort.

Don Kosaken

Nachricht des Tages gestern, dass der sogenannte Don Alphonso künftig nicht mehr für die FAZ bloggen wird. Endlich, kann ich da nur sagen, endlich trennt sich diese Zeitung von einem Schreiber – oder muss man sagen: von einer Kunstfigur? – dem man in den letzten Jahren dabei zusehen konnte, wie er ins paranoide Rechtsaußen abdriftet, mit xenophoben und misogynen Entgleisungen, die von seiner vielköpfigen Fanbase mit zermürbender Verlässlichkeit dann abgefeiert wurden: Endlich sagts mal einer! Der werte Don, der lässt sich halt nicht das Maul verbieten!

Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, der Rainald Goetz hat damals in den Nullerjahren den Alphonso mal verlinkt, in seinem Klage-Blog, ich erinnere mich dunkel, da war er noch nicht bei der FAZ, und ich dachte: Aha, das sind also diese Blogs, ist ja stinklangweilig. Es ging hauptsächlich ums Autofahren, wenn ich mich recht erinnere: dass man mit ganz bestimmten Oldtimern ganz bestimmte Passstraßen auf ganz bestimmte Weise fahren müsse, nur dann habe das wirklich Stil, irgendwie sowas. Ich wusste nicht, warum ich mich in derlei Schriften weiter vertiefen hätte sollen und es versank dann wieder in den Tiefen des Netzes. Auch als er anfing, für die FAZ zu bloggen – ich hatte die FAZ damals abonniert, weil es zu der Zeit für mich das aufregendste Feuilleton war, offen nach allen Seiten, ich bekam so viele Anregungen, soviele Denkanstöße da raus – diese Stützen der Gesellschaft blieben mir fremd. Ich dachte erst, das sei Satire, dass ein stinkreicher Erbe sich über die Nöte ganz normaler Nichtkrösusse belustigt, für ein Stück Torte nach Meran heizen, warum macht ihr das nicht auch, ihr Berliner Loser? Bis mich dann doch langsam die Erkenntnis beschlich: Er meint das wirklich ernst. Der ganze Scheiß mit der Kunstfigur, die ihrem Verfasser nicht gänzlich unähnlich ist, all das ist Unsinn, der Typ denkt und lebt wirklich so.

Aber okay, Dumme schreiben dumme Sachen, das war schon immer so, ich konnte das völlig entspannt wegignorieren. Ist eben einfach nicht mein Ding, diese verschwurbelte High-Society-Klatschspalte. Erst als ich selber mit dem Bloggen begann, kam mir der Don Alphonso wieder unter, weil man natürlich logisch schaut: Wie geht das denn mit diesem Bloggen, wie machen das die Anderen, die Erfolgreichen, die Großen? Und von da an, muss ich gestehen, wurde ich Stück für Stück wie besessen von ihm, ich las das zeitweise wie ein Verrückter und raufte mir die Haare dabei: Wie kann man denn so viel Erfolg haben mit so einem Mist? Warum schreibt der für die FAZ, er schreibt ja offensichtlich nur dieselben fünf Artikel immer und immer wieder, mit nur immer noch kruderem Drumherumgeschwafel: 1. Rennradfahren, 2. Kuchenfressen, 3. Tegernsee gut – Berlin schlecht, 4. Silberkannen, 5. Biedermeierölgemälde. Und am Rand dieser paar Themen ließ sich der immergleiche hämische Hasstext einflechten: Gegen die Flüchtlinge, die Armen, die Feministinnen, die Gutmenschen, die Berliner. Die ganze Art, wie die angeblich so heile Welt des bayrischen Voralpenlandes da immer und immer wieder abgefeiert wurde, ging mir allein schon deswegen so gegen den Strich, weil ich zufällig da herkomme und weiß: So idyllisch ist das da alles gar nicht. Und von da wegging und jetzt in Berlin lebe und deswegen weiß: So ein verkommener Slum ist das da eben auch nicht.

Aber ok, mich interessierte dann natürlich auch die ganze Dynamik des Bloggens, wie geht er mit seinen Kommentaren um, usw., ich klickte also gelegentlich noch rein und da durfte man dann in den letzten Jahren wirklich Zeuge sein, wie einer immer weiter nach Rechts abdriftet, getragen von seiner Kommentarcommunity, auf die er immer so stolz war und ist, ich fand das wirklich gruselig. Hass generiert Klicks, Ressentiment generiert Kommentare. Das kann man von Don Alphonso lernen, und habe ich ja auch erfahren, in meinen kleinen Flamewars mit dem bekennenden Don-Alphonso-Verehrer Bersarin: Da schnellten die Klickzahlen in ungeahnte Höhen, wenn ich mich am liebsten nur noch verkriechen hätte wollen, denn das ist einfach nicht der Grund, warum ich schreibe, weil ich Bock auf Kampf hätte, auf Hass, auf Streit.

Lieber verzichte ich auf all die tausenden von Klicks. Ich bin auch eben keine Kunstfigur, vielleicht ist das der Unterschied, bin kein Stadtkommandant Bersarin, kein Monsignore Don Alphonso, ich bin Andreas Wolf, ganz normaler Typ und echter Mensch, der hin und wieder etwas schreibt.

Rock and Roll Heart

Kälterekorde, Dauerfrost, minus 11 am hellichten Tag. War trotzdem zu Fuß auf der Wilmersdorfer, fast völlig eingefroren komme ich zuhause wieder an, stelle fest, die Tube Tomatenmark hat den Deckel des Ayran-Bechers eingedrückt, die ganzen Einkäufe und der Rucksack als solcher – alles mit weißem Joghurtschleim versaut. Ich wasche alles säuberlich ab, brause den Rucksack über der Badewanne gründlichst aus, bin gerade fertig, da sehe ich weißen Glibber unter der Waschmaschine hervorquellen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich: Die Katze hat in ihrem ewigen Schwachsinn den Weichspüler angebissen, der nun als glitschige Melasse langsam aus der Packung quillt. Konnte ich gleich noch das halbe Bad putzen. So gehen die Tage rum, bevor man auch nur den kleinsten Gedanken mal gefasst hätte.

Es gibt ja, apropos Lou Reed, diesen wunderbaren Mythos über die erste Platte von The Velvet Underground, die mit der Banane von Andy Warhol, dass alle, die diese Platte in der ersten Pressung gekauft haben, noch am selben Tag eine Band gegründet haben. Und ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt, ich glaube, das stimmt, die Platte klingt heute noch so frisch, so jung, ich hab natürlich nur die Nachpressung der Nachpressung als digitales Derivat, und mein Plattenspieler ist schon lang kaputt, aber fast gründe ich trotzdem noch ne Band.

Eines der wirklich fürchterlichen Versäumnisse meines Lebens: Nie in einer Band gespielt zu haben. Stattdessen Streichquartett. Das dumme Cello, das jetzt auch nur noch blöd in der Ecke rumsteht. Ich hatte gute Zeiten mit dir, alter Freund, aber was dir wirklich fehlt, ist das Rock and Roll Herz.

Transformer

Seit Tagen will ich Mozart hören und lande dann doch bei Lou Reed. Ich nehme den iPod in die Hand in dem festen Vorsatz, die Mozartschen Klavierkonzerte, vor allem aber das A-Dur-Konzert, anzuwählen, aber dann ist immer der Lou Reed schon da, und bevor ich lang hin und her tue, bin ich schon auf dem Dirty Boulevard.

Irgendwie nehmen gerade alle reißaus vor der Schrift, habe ich das Gefühl, ich selber ja auch, es macht mir ungeheure Mühe, irgendwas aufzuschreiben, wo sind die Tage hin, wo die Tastatur wie von selbst klapperte? Überall löschen sich die Blogs, ein großer Rückzug ins Private scheint da gerade stattzufinden. Wobei der Zug ins Privatistische den Blogs ja zu allererst zum Vorwurf gemacht wurde: Was soll mich Dein Scheiß eigentlich interessieren, was macht ausgerechnet Dich so wichtig? Als hätte man das nicht auch schon Goethe fragen können. Tausend Seiten Italienische Reise, und ich soll nicht mal kurz was von Mallorca berichten dürfen? Wie schön es dort war?

Vielleicht mehr Goethe lesen, guter Vorsatz, wer weiß, was ich dann aus dem Regal greife: Pynchon wahrscheinlich, oder Musil.