La Comédie humaine

Gestern warf ich, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben, Bücher einfach zum Altpapier, um hier mal einen Anfang zu machen. Die doppelreihig bestückten Regale, gefüllt mit teilweise obskurstem Zeug, ich muss hier einfach mal Platz schaffen. Es gibt da ja ein seltsames Tabu in unserer Gesellschaft, dass man Bücher nicht zum Müll entsorgen dürfe. Auch jemand wie Herr K., der kaum übertriebenen Intellektuellentums verdächtig sein dürfte, äußerte sich mir gegenüber mal so, und in Berlin trage ich die Bücher ja auch immer brav zur Büchertelefonzelle am Mierendorffplatz, aber so etwas gibt es hier in Oberammergau leider nicht. Ich warf nur Bücher zum Altpapier, von deren literarischer Wertlosigkeit ich vollkommen überzeugt war: Zweifelhafte Gesundheitsratgeber, Weihnachtsanthologien, Martin Walser, Houellebecq, Gedichtsammlungen mit Sonnenuntergängen oder vierblättrigen Kleeblättern auf dem Cover. So Zeug. Erst nach Einbruch der Dunkelheit huschte ich schnell mit diesen Werken zu den Mülltonnen, schmiss sie zum Altpapier, und deckte dann sorgfältig alles mit unauffälligem, normalem Papiermüll ab, damit die Nachbarn nichts von meinem Kapitalverbrechen erfahren. Nicht auszudenken, was hier los wäre, wenn das Gerücht die Runde machte: Herr Wolf schmeißt Bücher in den Müll!

Im Zivildienst in München, bald dreißig Jahre her jetzt, da gab es einen Rollstuhlfahrer, der hörte auf den Spitznamen „Professor“. Ich sehe ihn heute noch vor mir, klein, agil, mit schwarzhaariger Meckifrisur, gar nicht alt, vielleicht Ende dreißig, Anfang vierzig. Ich kannte ihn kaum, er gehörte einer anderen Gruppe an, wie er zu dem Namen Professor gekommen war, entzog sich völlig meiner Kenntnis. Und eines Morgens kam ich zum Dienst, und vor dem Eingang stand ein riesiger Müllcontainer, voll mit allem möglichen, doch die oberste Deckschicht bestand aus Büchern. Davon wie magisch angezogen näherte ich mich dem Container und musste feststellen, dass es sich ausschließlich um absolute Weltliteratur handelte: Shakespeare, Laurence Sterne, Dante, Tolstoi, Thomas Mann, Dostojewski, und so weiter. Wer schmeißt denn sowas weg, fragte ich mich. Drinnen erfuhr ich, was es mit dem ominösen Container auf sich hatte: Der Professor war gestorben, und all seine Habseligkeiten wanderten jetzt ohne Umschweife in den Müll. Nach Dienstende passierte ich wieder den Container, nahm mir Dantes Göttliche Komödie heraus, und fuhr mit der U-Bahn nachhause. Gelesen habe ich sie nie, ließ sie aber auch gestern, als ich bei meiner Ausmistaktion wieder auf sie stieß, und mir die ganze Geschichte dadurch wieder einfiel, im Regal stehen.

Freuden des Spätkapitalismus

In der Früh Telefonat mit dem Elektriker, der meinte ganz klar: Herd ist kaputt. Muss ersetzt werden. Riet mir, nach Garmisch zu fahren, zum Techno Expert, was ich auch tat. Dort beschied man mir, Einbauherde mit 45cm Breite gebe es nicht mehr, so etwas werde nicht mehr produziert. Die Ladys da waren echt nett und bemüht, aber konnten einfach nichts für mich tun. Da aber der Onlineshop des Media Markt einen solchen angeblich nicht mehr produzierten Herd aufführt, ich also von Garmisch rauf nach Weilheim zum Media Markt. Ein wiederum sehr freundlicher Mitarbeiter erklärte mir, warum im Onlineshop manchmal Produkte erschienen, die man gar nicht wirklich kaufen könne, ich verstand kein Wort, er verwies mich auf ein benachbartes Küchenstudio, vielleicht hätten die ja irgendwelche Einzelstücke oder Sondermodelle. Was natürlich nicht der Fall war. Ich wieder heim, im Regen, und der jetzt schon hereinbrechenden Dunkelheit. Ohne Herd, ohne Plan. Kochte mir daheim Bratwürschtel mit Sauerkraut, die Herdplatten gehen ja noch, nur das Backrohr ist im Arsch. Am liebsten würde ich die ganze Küche leerräumen, alles wegschmeißen, das ganze Einbauküchenglump, alles raus, und nur noch einzeln austauschbare Einzelelemente da reinstellen: Ein Herd, eine Spüle, ein Kühlschrank, ein Geschirrspüler. Tschüss, fertig. Ich reg mich irgendwie auch so auf, bin ich etwa der einzige Mensch auf diesem Planeten mit einer kleinen Küche? Wo soll ich denn in diesem winzigen Raum einen solchen Riesenherd überhaupt hinstellen? Was zur Hölle ist mit diesem scheiß Kapitalismus passiert, dass ich neuerdings ständig höchst dringliche Nachfragen habe, für die es leider keinerlei Angebot mehr gibt. Stereoanlage? Wer kauft denn sowas heute noch. Fahrrad? Haha, Wartezeit mindestens ein Jahr. Passender Herd für meine Küche? Siehe oben. Und das traurigste ist der vertane Tag. Umsonst verfahrene Zeit, für nichts.

Hälfte des Berges

Wunderschönes Herbstwetter noch einmal. Ich erwachte mit höllischen Kopfschmerzen, das gestrige Durcheinandertrinken von Wein, Bier und Whisky bei den Glaserschen war natürlich fatal. Pfiff mir Ibuprofen rein und schlief noch einmal ein. Gegen elf hinaus zur Tanke, Süßigkeiten für die Halloweenkinder kaufen, das hatte ich gestern beim Rewe vergessen, danach sofort raus, langer Gang in fast völliger Einsamkeit den Lainengraben rauf und dann linksrum auf der Forststraße richtung Aufacker. Die Stille, der Sonnenschein, Schatten der Erde, die goldenen Bäume, der Wald – ich war ganz eins mit allem. Fast ärgerte ich mich, als ich die übliche Route zum Aufacker kreuzte, dass ich nur Turnschuhe anhatte. Wäre mit Bergschuhen vermutlich noch schnell ganz raufgegangen auf meinen Lieblingsberg. So stieg ich vorsichtig wieder ab, fast verwundert, wie hoch ich schon gekommen war. Meine Gedanken und Gefühle waren von völliger Klarheit. Morgen Allerheiligen, es soll regnen den ganzen Tag. Die Halloweenkinder kamen natürlich nicht.

Posttraumatisches Theater

…aber was weiß man schon, und peinlich ist mir eh nichts mehr. Dachte heute an das komische Theater im Gorki, wo ich damals mit dem Ochsen war, und man am Ende als Publikum so im Kreis herumstand und jeder durfte einen Satz sagen, der mit den Worten begann: „I want to get rid of the mask…“, um dann hinzuzufügen, welcher speziellen Maske er sich gern entledigen wolle, und diese dann symbolisch, mit einer Geste der Hand, sich vom Gesicht zu reißen und in die Mitte des Menschenkreises zu werfen. Ich sagte damals nichts, mir war die Kehle zugeschnürt, ich fühlte mich so extrem unwohl in diesem Mitmachtheater, Ochse sagte was, aber ich verstand es gar nicht, verfluchtes Englisch, ich war bloß froh als der Zirkus endlich vorbei war. Als mir das heute wieder einfiel, auf dem Weg zurück vom Sophie-Charlotte-Platz, wo ich meine neuen Einlagen im Sanitätshaus abgeholt hatte, griff ich mir direkt ins Gesicht, zog eine Maske von mir ab, schleuderte sie auf den Bürgersteig und ging schnell weiter…

Herkunft

Mein Migrationshintergrund ist ja der, dass ich aus Bayern komme. Dank meiner Großmutter mütterlicherseits, die aus Bremen stammte, und von der ich erst das Sprechen, später das Lesen und Schreiben, und dabei gleichzeitig auch das Denken lernte, sprach ich dennoch seit frühester Kindheit ein reines Hochdeutsch. Das Wort „Saupreiß“ hörte ich in meiner Kindheit manches Mal, ich kapierte gar nicht, was das genau bedeuten sollte, von einem Land namens Preußen wusste ich nichts, dennoch bemerkte ich natürlich die Verächtlichkeit, die in diesem Schimpfwort lag. Ich verhärtete mich dagegen mit einem inneren Panzer. Ich konnte doch nicht anders, als zu sprechen, wie ich eben sprach. Die Lehrerin in der Schule liebte mich dann plötzlich für mein Hochdeutsch, hier war „Austreibung des Dialekts“ das heimliche Hauptfach, in welchem ich von der ersten Stunde an ihr Musterschüler war.

Das Bairische ergriff dann erst später Besitz von meiner Zunge. In der Pubertät, wo alles sich ändert, fing ich dann an zu reden wie meine Freunde. Wenn ich mich heute konzentriere, kann ich, glaube ich, immer noch ein halbwegs akzentfreies Hochdeutsch über meine Lippen pressen. Wenn ich ganz normal drauflos rede, bemerkt jeder, der Ohren hat, meine bayrische Herkunft.

Als ich in Frankfurt lebte, und später genauso in Offenbach, war es oft so, dass ich ein paar Sätze sagte, und mein Gesprächspartner dann sehr bald fragte: „Wo kommst du denn her?“ Und wenn ich dann antwortete: „Aus Bayern!“, dann hatte man gleich ein Thema, ich erinnere mich an den wunderbaren Metzger vom Vogelsberg auf dem Offenbacher Markt, der geradezu vernarrt war in alles Bayrische, sehr interessante Gespräche ergaben sich daraus, zum Leidwesen der hinter mir in der Schlange Wartenden.

In Berlin hingegen, da bist du nur der lästige Zugereiste. Der Schwabenhass der Berliner ist ja schon seit Wolfgang Thierse legendär, als Bayer hat man da noch Glück, da wird dein Dialekt bloß gnädig ignoriert. Wo du herkommst, fragt dich niemand.

Im diesjährigen Frühjahr redete ich hier in Berlin mit einem Türken, der fragte mich das: „Wo kommst du her?“ Und als ich Bayern sagte, erzählte er mir davon, wie er den Münchner Flughafen gebaut hat, wie die Bayern so drauf sind, und wie die Berliner, und auch davon, wo er herkommt, nämlich aus der ganz östlichen Türkei, Grenze zu Georgien, gebirgig sei es da, und ich dachte direkt: Da will ich auch mal hin. Und der nächste Gedanke war, wie witzig es ist, dass nach zehn Jahren in Berlin ein Türke es ist, der mich zum ersten Mal fragt, wo ich herkomme.

Missa brevis

Auf dem Weg zu Krachs Laden traf ich neulich den M., meinen früheren Dirigenten im Kirchenorchester. Wir unterhielten uns ein wenig, ich hatte ihn Jahre nicht mehr gesehen, der war früher so ein kugelrunder, energiegeladener Typ, eine barocke Gestalt, wie man so sagt. Jetzt ist er deutlich leiser geworden. Die Kirchenmusik habe er vor vier Jahren aufgegeben, der neue Pfarrer halte nichts von Musik, dementsprechend gebe es auch vier Jahre nach seinem Abschied noch immer keinen Nachfolger. Die Kirchenmusik, einst ein Aushängeschild des Dorfes, sei de facto nicht mehr existent. Zuletzt habe er förmlich betteln müssen, dass der Kirchenchor einmal singen dürfe. Der neue Pfarrer sei auch insgesamt so unbeliebt, dass viele jetzt am Sonntag in andere Dörfer führen, um den Gottesdienst zu besuchen. Diese Nachricht stimmte mich auf eigentümliche Weise melancholisch, auch wenn ich mit dem ganzen Katholizismus schon lange nichts mehr am Hut habe. Auch früher, als ich in der Kirche noch spielte, war mir der ganze Hokuspokus schon völlig egal. Dennoch empfand ich es damals als etwas besonderes, in diesem Kirchenorchester zu spielen, auch wenn es oft nervte, wenn ich am Sonntag nicht einfach im Bett liegen bleiben konnte, sondern mich um 10 Uhr zum Hochamt schleppen musste. Die anderen Dörfer hatten keine so festen Ensembles für die Kirche, da rief dann manchmal Kohlgrub, Murnau oder Partenkirchen bei mir an und fragten, ob ich am Sonntag bei ihnen Cello spielen könne. Mir gänzlich unbekannte Messen, teilweise ohne Probe, alles vom Blatt, das war ein gutes Training. Für einen solchen Einsatz bekam man dann 50 Mark. Daheim in O. gab es nichts, bloß schulfrei im Fall eines Requiems, das war immerhin auch etwas. Naja, all das scheint es jetzt nicht mehr zu geben. Als wir im Gespräch naturgemäß auch auf Corona kamen, ich das Glück der Impfungen pries, entgegnete er lapidar: I bin ned g’impft. – Damit hatte ich nicht gerechnet, den hätte ich als ganz klaren CSU-Mann eingeschätzt, der, wenn der Markus Söder zum Impfen aufruft, sich logisch einen Impftermin besorgt. Nein, er lasse sich nicht vergiften, sagte er. Ich fragte ihn, ob ich für ihn wie ein Vergifteter aussähe, doch er winkte nur ab. Kurz darauf verabschiedeten wir uns und er schob sein Fahrrad weiter des Weges. Krachs Laden aber, den ich eigentlich doch hatte aufsuchen wollen, war geschlossen.

Wahl O Mat

Gestern schon beim Wählen gewesen, gleich in der Früh machte ich mich auf ins Rathaus in der Otto-Suhr-Allee und gab meine diversen Stimmen ab, alles für die Grünen. Ich denke nicht mehr nach über irgendwelche Taktiken, früher wählte ich mit der Erststimme immer den SPDler, weil ich dachte, der oder die Grüne gewinnt den Wahlkreis ja doch nicht, also hilft meine Stimme für Grün indirekt der CDU. Aber mittlerweile denke ich, Demokratie ist eigentlich einfacher: Wähl einfach das, was dir am meisten entspricht und warte, was dabei rauskommt.

Man wählt ja auch weder Personen noch Koalitionen, man wählt Parteien. Das ganze alarmistische Geschrei „Wenn du X wählst, wachst du am nächsten Tag mit Y auf!“, das geht mir so auf die Nerven. Als würde gleich die Welt untergehen, wenn Olaf Scholz einen Linken zum Entwicklungshilfeminister ernennt. Als müssten wir dann gleich am nächsten Tag alle mit Mao-Jackerln zum Jubelappell antreten und rote Fähnchen schwenken, das ist doch alles Quatsch. Das ganze Geplärr vom angeblichen Linksrutsch, der unbedingt verhindert werden müsse. Im Grunde sind das letzte Zuckungen einer Union, die selber überhaupt keine positive Vision mehr anzubieten hat und daher nur noch diffuse Angstmache betreibt.

Mich nerven aber auch die Linken, die auf Twitter große Appelle raushauen, man dürfe nicht Volt wählen oder die Sonnebornsche Spaßpartei, weil das verschenkte Stimmen wären. Lasst doch jeden mal wählen, was er will. Der Wahlomat hat mir noch höhere Übereinstimmung mit Volt und mit der Linkspartei attestiert, als mit den Grünen, die ich wähle seit ich wählen darf. Ok, einmal wählte ich auch CSU, damit kokettiere ich immer, das war die Stichwahl zum Bürgermeister bei uns im Dorf. Der Gegenkandidat war noch konservativer. Da war der CSUler praktisch schon der Linksradikale.

Jetzt wähle ich ja schon lange dort nicht mehr, sondern in Berlin, wo mich die Zusatzfrage nach der Enteignung gewisser Immobilienfirmen in leichte Ratlosigkeit versetzte. Die Stadt kann diesen Firmen ja nicht einfach die Wohnungen so leichterhand wegnehmen, sie muss sie ihnen ja praktisch abkaufen und mein letzter Kenntnisstand war, dass Berlin noch immer pleite ist. Also wenn die Stadt jetzt per Volksentscheid dazu verpflichtet wird, riesige Mengen an Immobilien aufzukaufen, mit einem Geld, das sie nicht hat, um dort dann die Mieten zu senken – ich weiß ja nicht, ob diese Rechnung wirklich aufgeht.

Kreuzte dann trotzdem fürs Enteignen, im Grunde um ein Signal zu setzen, dass Wohnen kein Luxusgut für ein paar Privilegierte werden darf. Mir scheint hier so ein Fall, an dem sich zeigt, wie schwierig es ist, die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte wieder zurückzudrehen. Merkels Erfolgsrezept bestand darin, wie sie nach außen immer so sozialdemokratisch rüberkam, in Wirklichkeit aber ganz Kohl war.

Kohl – Schröder – Merkel. Die drei Kanzlerinnen meines Lebens. Ernüchternde Erkenntnis.

Elektrifiziert

Von der Lokführergewerkschaft zum Autofahren gezwungen, heizte ich am Samstag also mit der alten Klapperkiste zurück nach Ogau. Kam völlig erschöpft am Abend an, schaute auf 3sat „Elektra“ von den Salzburger Festspielen, und war wie damals, als ich sie vor 16 oder 17 Jahren im Frankfurter Opernhaus live gesehen hatte, wieder völlig von den Socken. Eine so seltsame Oper: die ganze Action passiert abseits der Bühne, liegt entweder in der Vergangenheit oder findet hinter den Kulissen – im Palast – statt, während vor dem Palast die ganze Zeit nur geredet wird. Dieses Reden aber steht unter dem Starkstrom der Musik, die einfach nur rast und pulst und vorwärts drängt und prescht wie verrückt. Hier war Frankfurt (Dirigent leider vergessen) damals sogar noch eindrücklicher, da peitschte das Orchester noch erbarmungsloser, noch schneller einfach durch die Partitur. Was an gestriger Fernseh-Elektra hingegen unvergesslich bleiben wird, ist die Hauptdarstellerin: Ausrine Stundyte. Was für ein Talent, auch und gerade schauspielerisch, die ganze entfesselte Energie der Musik schien sichtbar auch in ihrem Inneren zu toben, während sie halbverrückt mit den Augen zuckend auf der Treppe vor dem Palast saß. Auch ihre sängerische Leistung stand dem in nichts nach, ich wünschte mir die sofort in sämtlichen Wagnerrollen.

Früher, ich erinnere mich deutlich, war es mir rätselhaft, wie das Duo Strauss/Hofmannsthal zwei so völlig verschiedene Opern wie „Elektra“ einerseits, und „Rosenkavalier“ andererseits produzieren konnte. Der Rosenkavalier erschien mir damals so zugänglich, so vertraut und verständlich, während die Elektra mich einfach nur verstörte. Gestern hingegen hörte ich Rosenkavalier an jeder Ecke dieser Oper, der ganze antike Königspalast schien zeitweise nach Wien verlegt. So ändern sich die Hörgewohnheiten, die musikalische Sprache von Strauss ist mir einfach vertrauter geworden, vielleicht kommt noch der Tag, an dem ich die Frau ohne Schatten verstehen werde. Ich glaubs aber eher nicht.

Gestern durch Zufall auf das Blog „Familienbande“ von Xeniana gestoßen. Ich kenne das Blog noch von früher, aus den ganz enthusiastischen Bloggerzeiten, fand immer interessant wie sie schreibt, noch offenherziger als ich selbst das eigene Leben erzählend, mit einem oft ganz interessanten, mikroskopischen Blick auf scheinbar Nebensächliches. Unsere Wege kreuzten sich nur selten, einmal debattierte sie mit mir über Handke, als der den Nobelpreis bekam. Da unterzog ich Handkes Jugoslawienbücher noch einmal einer wutentbrannten Hasslektüre, um mir nicht nachsagen lassen zu müssen, ich empörte mich über Bücher, die ich nicht gelesen hätte. Während Xeniana den Nobelpreis und auch die Aufregung darum zum Anlass nahm, die stille Poesie der Handketexte für sich zu entdecken. So lasen wir damals beide zwei völlig unterschiedliche Handkes, und dann verlor ich sie wieder aus den Augen.

Gestern konnte ich mich dann von ihrem Blog nicht mehr losreißen, ich las, wie man ein Blog manchmal, zu selten leider, liest: Text für Text, Eintrag für Eintrag, zurück in die Vergangenheit mich tastend, und verstand mehr und mehr: Sie ist in einer ganz ähnlichen Lebenssituation wie ich: Ihre Ehe ging fast zeitgleich in die sogenannten Brüche wie die meinige, und auch sie lebt jetzt in wöchentlichem Wechsel in dieser Seltsamkeit, für die sich das Wort „Nestmodell“ eingebürgert hat. Und sie macht ähnliche Erfahrungen wie ich: Sitzt viel in Zügen, denkt viel zurück, ich fühlte mich ihr auf seltsame Weise nah. Jetzt liest sie Proust, den ich mir witzigerweise auch erst vor einem Monat beim Hugendubel holte, aus einem vagen Gefühl heraus, vielleicht sei genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um über tausende von Seiten jemandem beim Suchen nach verlorener Zeit zuzuschauen. (Habe mich dann aber doch bisher noch nicht rangetraut.)

Praxisnachweis Modul 3

Alles, was ich mache, wird mir, indem ich es tue, zur völligen Selbstverständlichkeit, und ich vergesse es praktisch sofort. Indem es mit mir selbst verknüpft ist, wird es automatisch zu etwas Unbesonderem. Ich erinnere mich an eine Zeugnisvergabe, das muss so in der achten oder neunten Klasse gewesen sein, jede Schülerin und jeder Schüler bekam einzeln von der Klassenlehrerin das Zeugnis überreicht, und bei mir erlaubte sie sich den Zusatz, sie finde das so toll, dass ich so viel über das rein pflichtmäßige Schulprogramm hinaus noch machte. In dem Moment dachte ich wirklich, sie meine das ironisch, ja fast spöttisch-aggressiv, da ich fauler Sack doch eigentlich genau gar nichts über das Nötigste hinausgehend tat. Die anderen machten alle Sport wie die Verrückten, waren Ministranten oder sonstwas, aber ich? Als ich das Zeugnis dann in Händen hielt, verstand ich, was sie meinte: Schulorchester, Kammermusikgruppe und Mitwirkung beim Schultheater. Die ganze Tatsache, dass ich praktisch ständig mein Cello durch die Gegend schleppte, überall mitspielte bei jedem Konzert, jedem Theater – daran hatte ich gar nicht gedacht.

Ähnliches passierte mir Jahre später im Dramaturgiestudium, als es um die Praxisnachweise ging. Ich saß da mit dem L., die Theoriescheine hatte ich alle beisammen, aber im Praxismodul fehlte noch was. Mir brach der kalte Schweiß aus. Da meinte der L., keine Panik, wir schreiben da einfach irgendwas Erfundenes rein, wer prüft das schon nach. Später fielen mir zwei Sachen ein, die ich tatsächlich gemacht hatte, komplette Hospitanzen am Staatstheater Darmstadt und in Freiburg, praktischere Praxis war praktisch gar nicht mehr denkbar als diese komplett geistlosen Tätigkeiten als Handlanger für Menschen ohne Hirn. Ich hatte die völlig vergessen.

Mir fiel das neulich wieder ein, als ich „Das Leben meiner Mutter“ von Oskar Maria Graf las. Der Klappentext etikettiert das Buch mit den Worten Thomas Manns: „Ein Monument der Liebe“, doch mir schien es beim Lesen eher ein Monument der stetigen Arbeit, des unablässigen Vor-sich-hin-Werkelns dieser Mutter. Anders als der Vater, der sich in unsterblichen Bauwerken verewigen will, liegt das Glück der Mutter in jener unverzichtbaren Art von Arbeit, über die die Zeit sofort hinweggeht: Das Putzen, Waschen, Kochen, sich um die Viecher kümmern. Dieses Zeug, nach dem keine alte Sau fragt, aber irgendjemand muss es trotzdem machen.

Interessant eigentlich, dass Graf ausgerechnet diese im Grunde fast unscheinbare Mutter qua Titel so ins Zentrum seines Erinnerungsbuches stellt. Schaut man das Buch an, so kommt oft über viele Seiten die Mutter überhaupt nicht vor, kaum je greift sie aktiv in die Geschehnisse ein, sie bildet fast mehr einen stets gleich bleibenden Hintergrund, vor dem sich Zeit- und Familiengeschichte dann entfaltet. Besonders gefiel mir, wie der Kommunist Graf die märchenhafte Figur des König Ludwig II. durch das Buch geistern lässt, der große, zahnlose König: Einerseits lächerliche Gestalt, andererseits aber doch Symbol für die relative Intaktheit einer Welt, die dann 1914 einfach gnadenlos zusammenbrechen sollte.

Hab mir gleich noch mehr Bücher von Graf geholt. Ein Schriftsteller, der zu Unrecht auf das Provinzielle beschränkt wird, wozu er natürlich mit seiner Selbstinszenierung in der Lederhose das Seinige beitrug. Muss aufpassen, dass ich mit meinen Kofel- und Muttertexten nicht in dieselbe Falle tappe: Nicht zu grafig werden. Ich selber habe die Lederhose immer gehasst.