Karma Police

09.12.2018
Gestern haute ich mir noch so dermaßen den kleinen Zeh an, ich weiß gar nicht mehr woran eigentlich, entweder die Bank im Flur oder der Türstock der Küche, jedenfalls schrie J. nach mir, genau in dem Moment, als ich das Mehl zur schäumenden Butter geschmissen hatte für die Bechamelsoße, und ich zog das also vom Feuer, rannte zu ihm, regelte sein Anliegen, rannte wieder zurück und blieb im vollen Lauf mit dem kleinen Zeh an einer Holzkante hängen, strauchelte, furchtbarster Schmerz, mir blieb für Minuten fast die Luft weg. Kochte die Lasagne fertig, die auch gut war, danach schauten wir alle Mary Poppins auf Netflix, ich mit Kühlkissen am Fuß. Ein eigentümlicher Film, wobei ich mich von ferne erinnerte, dass ich mich als Kind mit diesen Kindern ganz gut identifizieren konnte, die Kinder aus gutem Hause, die alles haben, bloß dass die reichen Eltern selber nie da sind, nie Zeit haben. Heute morgen sofort laufunfähig, der kleine Zeh ums Doppelte angeschwollen, blau-gelblich verfärbt der halbe Fuß. Fast völlig untätiger Sonntag, abends noch Weihnachtsmarkt, wo viel zu viel los, meine akustische Überreiztheit, das Geschrei und Gerede, dazu tröten zwei Blaskapellen gleichzeitig von links und von rechts zwei verschiedene Weihnachstlieder stereo in meinen Kopf rein, rechne das Grundrauschen des Spandauer Damms da dann noch dazu, ich halte sowas praktisch nicht mehr aus, wie soll solch überdrehte Lärmkaskade irgendwas von weihnachtlicher Stimmung verströmen, in mir verlangt alles nur nach Stille, Ruhe, Leisigkeit.

10.12.2018
Immer noch fußkrank, heute den Vormittag allein auf dem Sofa, fürchterlichste Langeweile, konnte überhaupt nicht produktiv sein, auch nichts lesen, keinen Film schauen, nur fahrig auf Twitter herum gescrollt, es war grauenvoll, früher habe ich solche Tage genossen, was ist mit mir passiert? Absolute Erlösung als C. um eins heimkam. Morgen wieder Zahnarzt.

11.12.2018
Trotz anhaltender Fußschmerzen, auch dem scheißig nasskalten Nieselwetter zum Trotz, humpelte ich heute zu Fuß nach Moabit zum Zahnarzt. Es muss einfach so sein. Dem Motzverkäufer Ecke Bochumer oder Krefelder muss ich eine Münze in seinen Becher schmeißen, um damit mein Zahnkarma aufzubessern, mittlerweile weiß er, dass ich keine Zeitung will, in der Praxis kennen sie mich auch schon, wenn ich reinkomme sofort: Ah, hallo, Herr Wolf, bitte nochmal kurz Platz nehmen, na klar, heute ein verrücktes Rentnerpaar, das die Wartezeit nutzte, um eine Art Radio auseinanderzunehmen. Rückweg im weiter anhaltenden Nieselregen über Turmstraße, ich bin immer so fasziniert von Moabit, das Gewusel, die Gedrängtheit, ich weiß nicht, ich bin da gern.

Advertisements

Adventsmutmaßungen

Die geschätzte Graugans macht dieses Jahr einen Adventskalender aus Blogbeiträgen mit verschiedenen „Mutmaßungen über das Deutschsein“, und hat mich eingeladen, dafür auch ein bisschen was zu mutmaßen. Mein Text erschien schon gestern, hinterm dritten Türchen, man kann ihn hier lesen.

Back in the USSR

Das weiße Album von den Beatles war eine der ersten Platten, die ich mir selber gekauft habe, ich werde das nie vergessen, die Fahrt nach München, Saturn Hansa an der Theresienwiese, diese Plattentempel waren ja damals für uns heilige Orte, man kann das heute gar keinem mehr verständlich machen. Auf der Rückfahrt im Zug merkte ich schon, ich werde krank, legte mich zuhause mit rasant ansteigendem Fieber ins Bett und dazu den Soundtrack des weißen Albums, erstes Hören, völlig unbekannte Musik. Bei Revolution 9 dachte ich, ok, das wars, das sind jetzt die letzten Fieberphantasien bevor es abgeht richtung Tod, vollkommen logisch folgte danach „Good Night / Sleep Tight“, ich schlief ein, die Platte drehte sich in der Endrille weiter bis zum nächsten Morgen, und ich verstehe im Grunde bis heute nicht, wie ich je wieder aufwachen konnte, wie es eigentlich sein kann, dass mein Leben danach doch noch weiterging. Ich kann kaum noch genau sagen, wann das war, vielleicht 1988 oder 89. Über die Beatles, die Stones, die Musik der Sechziger insgesamt, erschloss sich mir der ganze Kosmos der Musik nochmal neu, nachdem ich bis dahin nicht anderes gekannt hatte als Beethoven und Mozart einerseits, deutscher Schlager andererseits, und dann noch, fast das Schlimmste, die mir vollkommen steril und seelenlos erscheinende Popmusik der Achtziger, das Zeug, das damals so im Radio lief, das auch die Leute in der Schule gut fanden, kalte Plastikmusik, diese Synthesizersounds und künstlich klappernden Schlagzeuge, ich konnte dem einfach nichts abgewinnen. Die Beatles waren für mich damals eine Tür zu einer mir völlig neuen Welt des Pop, und lustigerweise das weiße Album stieß sie auf, Sergeant Pepper hörte ich erst viel später und fand es dann auch eine nicht so wahnsinnig bahnbrechend gute Platte, wie alle immer tun.

Gestern kam mit der Post [1] das weiße Album noch einmal zu mir, wegen einer Notiz des Klagefalls, wo ich sofort wusste: Ok, das brauche ich auch. Die neue Abmischung sehr gut, die neue Klarheit und Präsenz der Stimmen, überzeugt mich sofort, die Esher Demos auch sehr interessant, wie fertig diese Songs schon sind, auch in der Rohfassung. Man kriegt so eine kleine Ahnung, wie diese Lieder gewachsen sind. Gleichzeitig aber auch schon deutlich die Signale der Auflösung, der Entfremdung. Die Herausgeber haben bei ganz vielen Liedern die Stimme des Sängers einfach verdoppelt, so dass die Illusion von chorischem Zusammenklang entsteht, aber in Wahrheit singt immer nur John mit John, Paul mit Paul, und manchmal vernimmt man im Hintergrund ein Klatschen und hofft, es ist Ringo. Aber John und Paul singen hier im Jahr 1968 offenbar nicht mehr zusammen.

Der Zusammenklang dieser zwei Stimmen war aber mal die wahre Magie dieser Band, ich gäbe alles für eine Zeitmaschine in den Star-Club 1960. Das weiße Album ist im Grunde schon die gewaltsame Ineinanderschiebung von zwei Soloalben. Fast jeder Song ist der Hammer, wahnsinnig gut, aber im Gegensatz zu Revolver, meine geheime Lieblingsplatte der Beatles, sieht man die Band hier trotzdem schon am Ende. Die Esher-Demos bestätigen diese Vermutung.

 
[1] Ich lebe in einer Stadt voller Plattenläden und lasse mir trotzdem CDs von bösen Internetkonzernen per Post liefern, um sie dann zu digitalisieren und als mp3 vom Küchenradio abspielen zu lassen, während ich Zwiebeln schneide. Mit anderen Worten: Ich bin Voldemort.

Monadenlehre

Träumte letzte Nacht von meinem alten Philosophieprofessor Hans Burkhardt, im Traum war er tödlich erkrankt, bat mich verzweifelt um Hilfe, mir schwante im Erwachen schon nichts Gutes. Als ich ihn später google, bestätigen sich meine dunklen Ahnungen: er ist gestorben, am 2. Mai 2015. Ich las das im Blog eines seiner Schüler und Kollegen, mir selber aber unbekannt, ein Stamatios Gerogiorgakis, der wohl sogar nach dem Tod Burkhardts zusammen mit der Christl Schneider noch die Blockseminare in Ettal fortleben lässt. Ich hatte ja damals den Kontakt zu Pater Raphael und den Ettalern überhaupt erst hergestellt, nachdem das Murnauer Kongresszentrum sich als ungeeignet erwiesen hatte, war bei den Seminaren immer dabei, fühlte mich nie ganz zugehörig und war doch selbst auch irgendwie ein Teil dieser seltsamen Truppe, Guido Imaguire, Herr Kurusu – was für wundervolle Menschen, stundenlang mochten sie mit der größten Hingabe irgendein Detail bei Aristoteles, irgendeinen Satz von Leibniz diskutieren, ich selbst hielt meist die Schnauze, meine eigenen Gedanken erschienen mir immer irgendwie trivial, nicht so glänzend und durchdacht wie deren Geistesperlen, hatte Angst sie auszusprechen. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, erscheint es mir als eine schöne Zeit, die wunderbar unaufgeregte Atmosphäre in diesen Seminaren, dennoch war ich in der Philosophie immer falsch. Ich begegnete Burkhardt zum letzten Mal durch reinen Zufall in der Metzgerei Gerold, wo er, wie ich mich genau erinnere, Weißwürste UND Wiener kaufte, und mir nochmals das Angebot unterbreitete, ich solle meine die Monadenlehre von Leibniz betreffende Magisterarbeit ausarbeiten, damit wir ein Buch daraus machten. Ich hatte das damals schon völlig zu den Akten gelegt, kam auch nie mehr darauf zurück, vielleicht ein Fehler, wer weiß das schon. Der Gerogiorgakis scheint ihm ein besserer Schüler gewesen, es berührte mich ganz eigentümlich, diese Texte zu lesen, die Stimme eines Unbekannten. Nach Leibniz ist die Monade unteilbar, daher unzerstörbar, der Tod nur eine Transformation des Phänomens, der Kern, das Eigentliche, die wirkliche Substanz bleibt lebendig.

Sedantag

Tag der Einheit, der ja, wie ich damals schon dachte, logisch der 17. Juni sein müsste, aber 1953 war halt Kohl noch nicht dabei, und der wollte eben mal der große Star und Einheitsheld werden. Es ist dann doch anders gekommen. Wie schlecht diese Einheit übers Knie gebrochen wurde und alle Probleme immer nur unter den Teppich gekehrt, wird heute ja so langsam sichtbar, weil es sich einfach nicht mehr länger wegdrücken und schönreden lässt. Trotzdem lese ich heute in der U-Bahnzeitung über gewisse Bestrebungen, einen Platz in Berlin in Helmut-Kohl-Platz umzubenennen. Nächster Screen ein Foto vom Großen Stern mitsamt Siegessäule. Ich meine, spinnen die jetzt völlig? Eine Siegessäule, die mit vergoldeten Kanonen an drei gewonnene Preußenkriege erinnert, die schließlich zur deutschen Einheit im Sinne von Wilhelminisches Kaiserreich geführt haben – den Platz, wo genau diese Säule draufsteht, wollt ihr jetzt Helmut-Kohl-Platz nennen? Warum nicht gleich wieder den Sedantag einführen, diesmal aber als Helmut-Kohl-Tag?

Ich las das in der U-Bahn, unterwegs zum Potsdamer Platz, wo wir Die Unglaublichen 2 im Kino schauen wollten, denn dort haben sie, im Gegensatz zum Zoo-Palast, Nachos mit Käsedip, was für meine Tochter von höchster Priorität ist. Dort sofort das undurchdringlichste Gewimmel, ich schon fast Platzangstanfall, atmete direkt auf bei der Mitteilung: Vorstellung ausverkauft. Schnell wieder weg von diesem trotz allen Gewusels irgendwie leblosen Platz, der immer noch aussieht, als hätten tödlich gelangweilte Riesen mal ein bisschen mit Bauklötzen gespielt. Schauten den Film dann im Kant-Kino, was eh schöner ist, nur halt keine Nachos. Stattdessen Kartoffelchips, was auch ging. Film lustig, Tag gerettet.

Meine islamfreie Schule

Die sich rassisch überlegen fühlenden Herrenmenschen von der AfD haben jetzt, wie man hört, schon wieder eine neue Idee zur Verbesserung unseres Landes vorgebracht: „Islamfreie Schulen!“, tönt es von Plakaten zur bayerischen Landtagswahl, auf denen wir fünf junge Menschen sehen, adrett gekleidet im hübschen Kleidchen respektive sauberen Oberhemd, die fröhlich und vergnügt einen Schulflur entlangspringen.

Wir müssen im Grunde ja nicht reden über die grotesken Apartheidsphantasien, die so einer Forderung zugrunde liegen, mich wundert da auch schon lange nichts mehr, was aus den Reihen dieser Partei immer sichtbarer als reinste nationalsozialistische Ideologie zutage tritt. Ihr wisst das alles, denke ich, sparen wir uns die Spucke.

Was mir aber, als meine erste Aufregung über das Plakat sich wieder ein bisschen beruhigt hatte, plötzlich in den Sinn kam, war der Gedanke, dass ich ja selbst genau so eine islamfreie Schule besucht hatte, witzigerweise genau in Bayern: Das Benediktinergymnasium Ettal, idyllisch in der oberbayrischen Postkartenlandschaft der Voralpen gelegen, wo man damals, in den achtziger und neunziger Jahren, wenn ich mich recht erinnere, das Abitur nur ablegen durfte, wenn man christlich getauft war. Ein paar Evangelische waren wohl gerade noch geduldet, und an einen einzigen Konfessionslosen erinnere ich mich, der Jahr für Jahr vom Schulleiter zum Einzelgespräch gebeten wurde, wie es denn jetzt endlich mal aussähe in Sachen Taufe. Aber so sehr ich im Gedächtnis hin und her krame, an Muslime kann ich mich nicht erinnern, an keinen einzigen.

Und trotzdem hüpften wir nicht so frei und unbeschwert über die Gänge, wie sich die AfD das vorstellt. Jahre später ging es durch alle Zeitungen, was damals nur hinter vorgehaltener Hand mal hier und da getuschelt wurde, wie nämlich just an meiner islamfreien Schule körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch gegen hilflose und unschuldige Kinder an der Tagesordnung standen. Katholische Ordensmänner begingen diese Verbrechen hinter den schalldichten Mauern einer islamfreien Schule.

Man vergebe mir daher meine bestimmt linksgrünversiffte Naivität, wenn ich zaghaft behaupte, der Islam könnte unter Umständen das geringste Problem im bayerischen Schulsystem darstellen, nämlich überhaupt keines.

Der Riss der Jacke

Die Daten und also vor allem die für immer verloren geglaubten Tagebuchnotizen sind jetzt tatsächlich gerettet, ich blättere mich durch die Schriften, zum Beispiel dies hier, vor fast genau einem Jahr:

28.08.2017
[Nachgetragene Handynotiz von gestern, 27.08.2017:

Graswang. Über Sonnenweg hin, durch Schattenwald zurück. Dickelschwaig. Guggerutz’ Vater am Rad begegnet, wir grüßten uns artig, gegenseitiges Erkennen erst, als er schon vorbei. Das ist ja der Andi, ruft er, am Rad sich umdrehend, und ich: Ja, freili! Wie fit die guggerutzschen Eltern sind, dachte ich, während meine schon bei den Würmern liegen.

Der Andi. So nennt mich auch auf der ganzen Welt keiner mehr, nur die Leute hier, die mich von damals her noch kennen, als ich der Andi war. Für mich Äonen her.

Schmerzende Füße, noch von gestrigem Aufacker. Jetzt Fisch und Biere in der Ettaler Mühle, unterm Baum vorm tröpfelnden Regen ganz gut geschützt.

Sonnenweg hin, Schattenwald zurück – vielleicht auch ganz passende Metapher aufs Leben als solches.]

Ich kann mit völliger Klarheit sagen: Das war das erste Mal, dass ich Tagebuch ins Handy tippte, bemerkenswert auch, weil ich vor dem Losgehen noch relativ verzweifelt nach Bleistiften, Anspitzern, Notizbüchern gesucht hatte, aber außer zwei stumpfen Bleiern nichts davon fand.

Wie ich ja auch neulich in vollkommener Ruhe und Klarheit dachte, dass das Tagebuch das unbestrittene Zentrum meines Schreibens ist, und keinesfalls das Bloggen, was immer wieder nicht verstanden wird, weil das Bloggen permanent mit dem Führen eines öffentlichen Tagebuchs verwechselt wird, und dies noch nichtmal völlig grundlos, denn in der Tat versieht die Blogsoftware jeden Blogpost mit einer Datumssignatur, weshalb das Ganze automatisch tagebuchartige Züge bekommt. Der Unterschied aber, der oberflächlich besehen nur so marginal, winzig, überhaupt nicht ins Gewicht fallend erscheint, könnte in Wahrheit nicht größer und weitreichender sein: Denn beim Bloggen verweist der automatisch generierte Datumsindex auf den Tag der Veröffentlichung. Beim Tagebuch hingegen gibt es grob zwei Möglichkeiten: Entweder verweist der Index auf den Tag des Schreibens, oder er bezeichnet den Tag im Leben des Verfassers, der im Text beschrieben, erzählt, festgehalten werden soll. Manchmal fließt das so unklar ineinander, ich glaube, die meisten Tagebuchschreiber sehen selbst die Differenzen gar nicht so deutlich, weswegen ja auch sehr viele Blogger ihr Blog tatsächlich so führen, als wäre es ein Tagebuch, und damit zur Verwirrung der Begriffe nicht unwesentlich beitragen.

Bei mir natürlich ganz klar und exklusiv nur der Tag des Schreibens, weswegen das gestern in der Ettaler Mühle auf dem Handy Geschriebene in diesem Eintrag von heute nur in eckigen Klammern und mit dem Vermerk, dass ich es heute nochmal abgetippt habe, überhaupt erscheinen darf. Völlig problemlos wäre es hingegen, wenn ich unterm Datum von heute den 13. Oktober 1997 als Erinnerungsbild festhielte. Solang der Text nur heute geschrieben, darf alles mögliche darin vorkommen, also alles, einfach alles. Keine weiteren Restriktionen. Einzige Schwammigkeit, die ich mir hier erlaube, ist der Datumswechsel um Mitternacht. Oft schreib ich ja nachts, und nach Mitternacht also noch weiter, das bleibt aber immer ein Text. Für mich trennt nur der Schlaf die Tage, nicht die Uhr. (Und kaum, dass ich dieses schreibe, erfasst mich bleierne Müdigkeit… Uhrzeiten, wie bei Goetz’ Abfall, wären auch noch eine Möglichkeit, die Einträge noch mit Substruktur zu versehen. Hab schon oft drüber nachgedacht, mich dann aber doch immer wieder dagegen entschieden, und nur in absoluten Ausnahmefällen darauf zurückgegriffen.)

30.08.2017
Wieder in Berlin. Völlig am Ende von der endlosen Autofahrt, wie immer. Um 7.00 Uhr aufgestanden, dann Treffen der Bekloppten, danach sofort los, über Murnau, da Ettaler Berg gesperrt, verpasse richtige Abfahrt dank schlechter Ausschilderung, und eiere ewig durch diese mir nichtssagenden Orte da, ganz malerisch ja eigentlich gelegen, bis ich bei Seeshaupt endlich auf die Autobahn komme. Das alles hatte ich gestern ja erst von oben betrachtet, vom Hörnle aus, da schiens zum Greifen nah. Wenn man aber tags drauf mit dem Auto dann durch dieselben Gegenden heizt und eigentlich ganz woanders sein will – Lichtjahre weit weg. Im Grunde kommt es immer nur darauf an: Wo sind deine Gefühle, deine Gedanken. Drum rasen wir soviel mit unseren Autos durch die Gegend: Immer den Gefühlen, den Gedanken hinterher, aber die sind immer schon wieder 500 Kilometer weitergereist, nie erwischt man sie. Oder halt selten. Zu Fuß hat man größere Chancen. Langsam. So wie gestern am Hörnle, ich tippe pflichtschuldigst gestrigen Handyeintrag ab:

[29.08.2017
Hörnle. Fantastisch. 1202 bei Kappel los, ca. 1400 bei Hütte, 1425 Vorderes, 1525 Hinteres Hörnle. Unglaubliche Panoramen, die hintereinander gestaffelten Bergreihen im Süden, die Seen und flachen Ebenen im Norden. Jetzt, 1555, wieder an der Hütte, mit Karg Weißbier, um mich Kuhglockengebimmel. Auch Seilbahntouristen natürlich. Muss hier unbedingt mal mit den Kindern her. Idealer Einstieg, weil mehrere Gipfelsiege möglich, ohne dass man die ganze Ochsentour des Aufstiegs zwingend machen müsste.]

Zur wahren Ochsentour wurde dann, nachdem ich dies geschrieben, der Abstieg, weil ich den Weg verfehlte und querfeldein weiterlief, aus Unlust, nochmal zurückzugehen und den rechten Pfad zu suchen. Also beim Runtergehen nicht mehr am hohlen Baum vorbei, sondern plötzlich durch ziemlich steilen Wald, teilweise am Hosenboden vorsichtig runtergerutscht, bis schließlich eine Forststraße kam, die mich in Wurmansau wieder entließ. Von da dann noch zurück bis zur Kappel, in prallster Sonne, knapp am Sonnenbrand entlanggeschrammt.

Heute morgen, als ich übernächtigt so schnell noch alles packte und dann hektisch aus der Wohnung stürzte, blieb ich mit meiner braunen Lieblingsjacke an der Klinke der Haustür hängen, es ratschte hörbar, Tasche halb ab, mir war, als hätte meine Mutter nochmal nach mir gegriffen, mich als Geist nochmal zum Hierbleiben bewegen wollen. Mir war sie die ganzen Tage jetzt ganz präsent gewesen, ich träumte jede Nacht von ihr, auch der Vater hatte Gastauftritte in diesen Träumen, und mir schien es nach anfänglichem Schock dann fast schon ganz normal, dass in der Nacht, im Traum, die Toten halt wieder da sind und mich besuchen kommen. Der Riss der Jacke scheint aber unproblematisch, entlang der Naht zu laufen, das kriegt die Schneiderin bestimmt leicht wieder hin.