Am Ziel

In den Tagesthemen ein paar Sekunden: Jens Harzer erhält im Burgtheater den Iffland-Ring. Ich sah ihn früher oft auf der Bühne, in den Kammerspielen, sein nasal geleierter Satz „Mama, wo ist mein Drillichzeuch?“ aus einem Koltès-Stück wurde uns einen Sommer lang zum geflügelten Wort. In Frankfurt sah ich ihn zum letzten Mal, da aber ganz nah, das Publikum saß hinter dem geschlossenen Eisernen Vorhang mit auf der Bühne in Bernhards „Am Ziel“. Die Abwesenheit eines Bühnenbilds, die Illusion der Nicht-Illusion, die verstörende Nähe zu den Schauspielern: mit Jennifer Minetti damals noch, meine Güte, wie lang alles her ist. Wie ich das Theater damals liebte. Jetzt gehe ich nicht mehr rein. Letztes Mal im Gorki war wirklich nur noch der allerletzte infantile Unsinn, da kann ich mir auch Twitter mit verteilten Rollen selber vorlesen. Im Fernsehen sieht Harzer jetzt aus wie ein junger Bruno Ganz, ich erkannte ihn kaum wieder, die ganze Mimik, die Körpersprache, dieses leicht gebückte, erratisch unentzifferbare Geschmunzel, als wolle er sich ganz dem vorigen Ringträger anverwandeln, mich gruselte es fast, war froh, als sie zum Frauenfußball umschalteten.

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Fakes und Klicks

Auf das Blog „Read on my dear“ wurde ich aufmerksam, weil plötzlich meine Klickzahlen explodierten, das muss so ungefähr vor einem Jahr gewesen sein: Frau Read On hatte einen Text von mir verlinkt. Da staunt man natürlich immer als so ein Kleinblogger wie ich, was andere für eine Reichweite, für einen Impact haben, und schaut sich das an, will wissen, wer das ist, die einen da so gut und lesenswert findet, man fühlt sich geschmeichelt. Ich fand das dann aber eher nicht so interessant, was es auf „Read on …“ so zu lesen gab, irgendwie alles so vage, unklar, ungreifbar. In ein ungefähr Poetisches entrückt, einerseits, dann aber doch auch wieder recht konkret: Es wurde schon ganz klar, dass die Autorin Jüdin ist und von Überlebenden des Holocaust abstammt. Das suggerierten diese Texte auf vollkommen klare Weise, da funkten nicht die geringsten Signale, die das in Richtung Fiktion gedeutet hätten. Diese Texte sagten sämtlich, soviel ich davon las: Hier spricht ein echter Mensch in ein bisschen lyrischer Sprache über sich selbst, seine Erinnerungen, Erfahrungen, seine Innenwelt und Außenwelt.

Sie verlinkte mich noch ein paarmal, ich folgte ihr auf Twitter, war schon neugierig: Wer ist das? Aber ich wurde nicht wirklich schlau aus den Texten, alles war so lang, triefte von einer gewissen Getragenheit, ein Tierarzt trat auf – der Lebensgefährte? – starb dann – Woran eigentlich? – dieser Tod schien erst so einschneidend für das Leben der Autorin, und dann ging es doch eigentümlich schnell und ungerührt darüber weg und bloggte sich wieder durch ganz andere Themen, ich weiß auch nicht, mir kam das alles da schon ziemlich seltsam vor. Jetzt, da rauskam, dass sie mehr oder weniger alles sich nur ausgedacht hatte, dachte ich zurück an den Fall Alea Torik, die in Wirklichkeit ein Mann war, und den ganzen Mummenschanz dann als megaphilosophisches Experiment der Hinterfragung von Identitäten verkaufte. Heute redet schon lange kein Mensch mehr davon, damals lief die Blogosphäre kurzzeitig heiß. Zum Spiegelartikel reichte es für Torik nicht, wenn ich mich recht erinnere, das schaffte erst Read On. Der Traum aller Blogger: Einmal im Print landen…

Aber zurück zum konkreten Fall: Ich denke, dass die Form „Blog“ nicht automatisch den autobiographischen Pakt herbeibeschwört, über den Philippe Lejeune schrieb, ein Pakt zwischen Autor und Leser, durch welchen beide sich darauf vereinbaren, dass hier Annäherung an Wahrheit, an ein wirklich Passiertes, so unmöglich das sein mag, so doch wenigstens versucht wird. Bloggen heißt, viel simpler, ein Geschriebenes im Internet zu veröffentlichen, was über den Inhalt, die Natur dieser Schrift erstmal gar keine Aussage trifft. Ein Blog ist nicht per Form automatisch ein der Wahrheit verpflichtetes Tagebuch seines Autors. Niemand nähme es mir krumm, wenn ich hier in Wald und Höhle die unglaublichen Abenteuer eines Wolpertingers schilderte, weil alle wüssten: Wolpertinger gibts ja nicht.

Und Holocaust ist eben das Gegenteil davon: Das gab es wirklich, das hat tatsächlich stattgefunden, das Unvorstellbare – Auschwitz – war wirklich in der Welt. Hier zu erfinden, zu fabulieren, sich selbst (bzw. der Großmutter) eine Opferbiographie anzudichten – das verbietet sich einfach.

Umso interessanter die Reaktion vieler Leser*innen, gestern auf Twitter, die der Autorin sofort mit Solidaritätsbekundungen beisprangen. „Ein Blog ist doch ein Blog“, hieß es da, als sei die Minderwertigkeit des Mediums geradezu der Blankoscheck, hier könne man machen, was immer man wolle. Manche sagten auch, der Wahrheitsgehalt sei ihnen eh schnuppe, die Texte waren doch immer so schön zu lesen, was man denn mehr wolle und verlange. Hatten die das immer schon als Fiktion gelesen?

Ich weiß auch nicht, aber ich will wenigstens ungefähr wissen, auf welchen Deal ich mich einlasse, wenn ich in eine Lektüre einsteige. Andererseits natürlich auch wahnsinnig interessant, wie gut dieser Read-On-Fake offensichtlich klickte. Wie damals mit Relotius: Das für echt verkaufte Erfundene ist einfach magnetisch für die Leute. Während mein Credo doch immer war, dass kein anderer so interessante Geschichten schreibt, als wie das Leben selber. Ich glaube da auch weiter dran. Und wer genau liest, der erkennt auch dem Leben seine krakelige Handschrift. Und ihm seine scheißig geschriebenen Grammatikfehler. Und überhaupts.

Saturday Night Bruckner

Im Zweihunderter Bus schon vom Zoo weg lauter Klassikleute, ich weiß auch nicht, woran man die so zweifelsfrei erkennt, ein ganzer Pulk Franzosen, recht jung noch, und so lässig gut gekleidet, wo ich sofort dachte: Die fahren bestimmt ins selbe Konzert wie ich. Und so war es dann auch, an der Philharmonie stiegen alle aus. Es ist verrückt, mein allererster Besuch in der Berliner Philharmonie, seit acht Jahren lebe ich jetzt in dieser Stadt. Mozart, Klavierkonzert B-Dur KV 595; Schubert, Allegretto c-moll D 915; Bruckner, Siebte Symphonie E-Dur. Paul Lewis Klavier, Bernard Haitink Dirigent. Hat mir sehr gut gefallen, besonders auch der Mozart, den auch Haitink schon dirigierte, was mich wunderte, ich dachte, das regelt der Pianist alleine, und Haitink käme erst zum Bruckner raus. Aber er machte das sehr schön, ganz unprätentiös, mit großer Leichtigkeit, und doch sehr innig. Beim Bruckner dann für meinen Geschmack alles einen winzigen Tick zu langsam, zu gemäßigt, mir fehlte da ein bisschen die fiebrige Nervosität, die dieser Musik ja auch innewohnt, das zuckende Augenlid im Flirren der Streicher, das fehlte fast ganz. Aber schon toll natürlich trotzdem, wenn man sich mal drauf einlässt, in sehr großen Bögen gedacht. Der uralte Haitink, ich glaube, ich hab ihn mal mit meinem Vater in Wien gesehen, vor Jahrzehnten, bin nicht mehr ganz sicher, oder war es München, jetzt ist er jedenfalls 90, dirigiert sehr sparsam, was ich sofort mag, dennoch mit großer Präzision. Ich hör den Bruckner ja meist zum Kochen aus der Monobox, das war schon mal was anderes, allein klanglich, wie laut, wie klar man alles hört ohne die technischen Limitierungen. Schön auch, wenn ich es mit früher vergleiche, wie entspannt, wie unsteif, wie demokratisch so ein Konzertabend mittlerweile ist. Nicht mehr nur eine Veranstaltung für superreiche Alte in Frack und Abendkleid. Ich fiel überhaupt nicht auf mit meinem Kapuzenpullover und den Turnschuhen. Jeans tragen sowieso schon fast alle, vor zwanzig Jahren im Herkulessaal sah das noch anders aus. Wahnsinn andererseits die Geschlechterungleichheit in so einem Orchester: Extremer Männerüberhang, 80 zu 20 Prozent würde ich grob schätzen. Warum ist das so? Im Schulorchester war es bei uns genau umgekehrt: Hauptsächlich Mädchen lernten klassische Instrumente, warum landen so wenige davon bei den Philharmonikern?

Beim Applaus sprang das ganze Publikum auf, Standing Ovations, eine Geigerin brachte Haitink einen Strauß Blumen, aber genau in dem Moment als er den Strauß nehmen wollte, zog sie ihn wieder zurück, offenkundig, damit er die Hände frei behalten solle, die eine für den Stock mit Silberknauf, die andere fürs Geländer. Sie trug dann selber den Blumenstrauß wieder raus, Haitink viel langsamer, am Stock, allein und straußlos hinterher. Das wirkte seltsam, irgendwie verkorkst, die ganze Geste wie verfehlt. Großartig hingegen, wie er später, im immer noch brausenden Applaus, nochmal raus geht zum Dirigentenpult, sich nochmal verbeugt, und dann lächelnd die Partitur zuwirft. Geht nach Hause Leute, die Show ist vorbei.

Sauerampfer

Ich war elf Jahre alt, meine Mutter war wegen einer Operation im Krankenhaus in München, also wohnte ich für eine Woche bei meinem Freund Flori und seiner Familie. Der Flori war ein paar Jahre älter als ich und hatte immer den Kopf voller Ideen, hinter seinem Haus lief direkt der Bach, dahinter die Wiesen und Felder. Wir waren also viel draußen unterwegs, schließlich war Frühling, ich sehe uns irgendwo im Moos herumstapfen, während der Himmel sich langsam verdüstert, und der Flori mir den Sauerampfer zeigt. Ich war skeptisch, ist das wirklich Sauerampfer, kann man das bestimmt essen? Aber er mampfte die grünen Blätter fröhlich in sich hinein, also probierte ich auch, es schmeckte tatsächlich sauer, also war es logisch Sauerampfer, was sonst. Nieselregen setzte ein, wir sammelten und aßen weiter unseren Sauerampfer, bis wir uns irgendwann dann doch auf den Heimweg machten. Kurz darauf, vielleicht am selben Abend noch, oder vielleicht auch erst am nächsten Tag, hieß es, in Russland habe es einen Unfall an einem Atomkraftwerk gegeben, die atomar verseuchte Wolke sei vom Wind akkurat genau bis zu uns nach Südbayern getrieben worden, wo der Regen ausgerechnet genau jetzt den hoch verstrahlten Todesstaub zu Boden wäscht und alles hier verseucht. Betastrahlen, Gammastrahlen, Cäsium, Strontium, Becquerel, Curie, Sievert und Millisievert – Begriffe, die man noch nie vorher gehört hatte, schwirrten plötzlich durch die Luft, niemand wusste was genaues, offenbar rückten die Russen auch nur sehr zögerlich mit den Informationen rüber, was da eigentlich passiert war, das war natürlich wieder typisch, ausgerechnet die Russen. Ungläubig starrten wir in den Fernseher. Das kaputte Atomkraftwerk sah gar nicht so aus wie eines, das waren doch sonst so eiförmig-weiße Dinger. Klar wurde langsam nur, dass man unbedingt den Regen meiden müsse und auch den direkten Kontakt mit der Erde. Nicht auf den Spielplatz, nicht im Sand buddeln, auf keinen Fall bei Regen rausgehen und nichts essen, was draußen wächst. Floris Mutter saß ratlos vor einem Schälchen Erdbeeren, die könne sie doch unmöglich wegwerfen, die seien doch so schön, wie sollten so wunderschöne Erdbeeren denn bitte vergiftet sein, das sei doch gar nicht möglich. Wir beschworen sie, die Erdbeeren wegzuschmeißen, sie konnte es nicht, sagte: Ich ess jetzt diese Erdbeeren – und starrte weiter auf die auf dem Tisch stehende Schale. Am Ende warf sie sie dann doch weg. Unter uns flüsterten wir: Und wir Deppen sind im Regen gestanden und haben radioaktiven Sauerampfer gefressen. Was passiert jetzt mit uns?

Tschernobyl

Neulich ist mir etwas eigenartiges widerfahren: Mehr oder weniger zufällig rutschte ein Buch in mein Blickfeld mit dem Titel „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ – und ich wusste augenblicklich: Das interessiert mich, das will ich unbedingt lesen. Von der Autorin, Swetlana Alexijewitsch, hatte ich noch nie etwas gehört. Ich kaufte das Buch, und als ich es zuhause aufschlug und zuerst den Klappentext überflog, stellte ich fest: Die mir unbekannte Autorin hat 2015 den verdammten Literaturnobelpreis bekommen. Wie hatte mir denn das entgehen können?

Heute morgen habe ich das Buch beendet, und kann nur sagen: Es ist das erschütterndste, ergreifendste, das schlichtweg beste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Alexander Kluge hat im Radio einmal sinngemäß gesagt, einem Thema wie Stalingrad könne man sich nur mit dokumentarischen Mitteln annähern, fiktionale Beimischungen des Autors verböten sich hier auf ganz selbstverständliche, nicht weiter begründungsbedürftige Weise. Und genau das macht Alexijewitsch hier mit dem Thema Tschernobyl. Nur ein einziges Kapitel hat die Autorin sozusagen selbst geschrieben, alle anderen sind Mitschriften von Gesprächen, die sie mit Betroffenen der Reaktorkatastrophe geführt und dann zu Monologen montiert hat. Die Stimme der Autorin ist nur eine von vielen, sie verschwimmt bis zur Unhörbarkeit mit dem vielstimmigen Chor der Ehefrauen toter Liquidatoren, Ehefrauen toter Feuerwehrleute. Jäger, die damals in der Todeszone unterwegs waren mit dem Auftrag, unterschiedslos alle Tiere abzuschießen und in Gruben zu vergraben. Tödlich erkrankte Kinder, verzweifelte Eltern, und so weiter, die Liste wäre endlos fortzusetzen, es ist ein unglaubliches Panoptikum an Geschichten, die zusammen eine ganz dicht verwobene, gigantische Tragödie ergeben. Gerade indem die Autorin sich völlig zurücknimmt, nichts hinzudichtet, sondern nur das wörtlich Gesagte aufschreibt, zu Protokoll nimmt, erzielt sie eine Wirkung, die es mit jedem Dostojewski aufnehmen kann. Augenscheinlich wird das zum Beispiel in folgender Passage: Ein Soldat, der zum Beseitigen des Strahlenmülls in die Sperrzone abgeordert worden war, beschließ seinen Bericht mit folgenden Worten:

„Wieder zu Hause, habe ich alle Sachen, die ich dort getragen hatte, in den Müllcontainer geworfen. Nur das Käppi habe ich meinem kleinen Sohn geschenkt. Er wollte es so gerne haben. Er hat es ständig getragen. Zwei Jahre später wurde bei ihm ein Hirntumor festgestellt … Alles andere können Sie selbst hinzufügen … Ich will nicht weiterreden …“ – Aber sie fügt nichts hinzu, sie lässt das genau so stehen, und genau dadurch erhält der Bericht so eine Kraft und Tragik.

Oder ein Evakuierter aus der Stadt Pripjat, die am nächsten am Reaktor lag: Zwei Jahre nach dem Unglück fährt er zurück, schleicht sich an der Polizei vorbei in die Todeszone, nur um seine alte Haustür zu holen, da man bei ihm in der Familie die Größe der Kinder an der Tür markiert hat, und dann auch die Toten immer auf der Tür aufgebahrt hat, bis der Sarg kam. Das ganze Leben, sagt er, sei auf der Tür festgehalten, er kann ohne die Tür nicht existieren. Das hat schon so eine groteske, sehr russische Komik, bis die nur drei Seiten lange Geschichte dann ins Unvermeidliche kippt: Die Tochter stirbt mit sieben Jahren an den Folgen der Verstrahlung. Sie legen sie auf die Tür.

Eine Metapher, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht, ist der Vergleich der Reaktorkatastrophe mit dem Krieg. Auf Krieg war das Land vorbereitet, auch war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg noch ganz präsent im kollektiven Gedächtnis. Und dann explodiert ein Atomkraftwerk und allen ist klar: Jetzt ist Krieg. Die Armee rückt an, militärische Krisenstäbe beraten sich, aber wo ist der Feind? Wie bekämpft man eine unsichtbare Strahlung? Das Buch oszilliert hier auf eine Weise, wie nur große Literatur es vermag, zwischen zwei gleichberechtigten Wahrheiten: Einerseits war es wirklich ein Krieg, ein Krieg gegen das „friedliche“ Atom, gegen den brennenden Reaktor. Und andererseits lief genau deswegen so vieles falsch bei der Bewältigung der Katastrophe, weil das ganze Land zwar auf einen Atomkrieg, aber nicht auf einen Reaktorunfall vorbereitet war. Eine Frau berichtet: „Die Geräte schlugen wie wild aus, aber niemand verstand das, so etwas hatte es noch nicht gegeben. Man stellte die Geräte einfach ab. Meine Mutter rechtfertigte sich: ‚Ja, wenn Krieg ausgebrochen wäre, hätten wir gewußt, was zu tun ist. Da gab es Anweisungen. Aber hier?‘ Wer leitete bei uns den Zivilschutz? Generäle und Oberste a.D., für die ein Krieg so beginnt: Regierungserklärungen im Radio, Luftalarm, Sprengbomben, Brandbomben … Sie hatten noch nicht verstanden, daß wir in einem anderen Zeitalter leben.“

Das ist vielleicht das zweite Motiv, das sich durch das ganze Buch zieht, diese Zeitenwende, die Tschernobyl markiert. Da explodierte nicht nur ein Reaktor, sondern die ganze Sowjetunion als solche, die Katastrophe von Tschernobyl ist untrennbar verbunden mit dem Untergang des sowjetischen Staates. Und auch hier wieder das Paradox, dass man sich gleichzeitig nicht vorstellen mag, was passiert wäre, wenn nicht gerade die Sowjets, die ihr Leben lang die absolute Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv eingetrichtert bekommen hatten, mit dem massenhaften Selbstmordkommando der Aufräumarbeiten am Reaktor betraut gewesen wären. „Wir sind Sowjetmenschen“, „Ich war ein Sowjetmensch“, „Jemand musste doch die Arbeit machen“ – Sätze wie diese kehren immer wieder.

Am Ende aller Erklärungsversuche steht oft einfach nur die Resignation, das Unverstehbare. „Wäre ich nur in Afghanistan gefallen!“, sagt ein Soldat, „Dort war der Tod eine ganz normale Sache … Etwas Verständliches …“

Das Buch ist schon über 20 Jahre alt, es handelt sich um eine überarbeitete Neuauflage, die meisten der Menschen, die darin zu Wort kommen, dürften mittlerweile tot sein. Dass Swetlana Alexijewitsch ihre Stimmen festgehalten, ihre Worte aufgeschrieben und zu diesem Buch montiert hat, ist ein unschätzbarer Verdienst, das Ergebnis ein Stück ganz großer Literatur, der Nobelpreis für sie geht mehr als in Ordnung.

Hinterglasbild

Vorgestern nacht verzweifelter Traum, ich stand in einer schnieken Neubauwohnung mit Blick auf ein Meer, keine Ahnung welches, und rauchte. Die Kinder waren auch da, als ich das realisierte, wollte ich mit der Zigarette hinausgehen, aber es gab kein draußen, hinterm Glas war nur ein weiteres verglastes Zimmer, dahinter noch eins, immer so weiter. Hinter tausend Glasfronten das Meer, unerreichbar. Also rauchte ich sofort noch eine, während in mir die tiefste Verzweiflung darüber tobte, dass ich rauche, wieder rauche, nachdem ich doch geschworen hatte, nie wieder damit anzufangen. Gleichzeitig Zwangsgedanken, wo ich die nächste Schachtel Zigaretten kaufen könnte, da jetzt nur noch drei oder vier in der Schachtel waren. Wo kauft man Kippen, es war schon nach acht, wo kriege ich jetzt noch welche her, ich weiß das ja gar nicht mehr, dachte ich, wie ein Verzweifelter an der Zigarette saugend, und atmete den verhassten Rauch bis in die tiefsten Lungentiefen hinunter. Im Aufwachen stieg nur sehr langsam die Erkenntnis in mir hoch, dass alles nur ein Traum gewesen, dass ich in Wahrheit nicht geraucht hatte. Sehr starke Glücksgefühle daraus resultierend. Ein glücklicher Nichtraucher, wach in seinem Bett liegend.

Karfreitags Future Blues

Wie seltsam, dass ausgerechnet die, die den Begriff „Heimat“ so exklusiv für sich in Anspruch nehmen, sich gleichzeitig so dezidiert gegen den Klimaschutz aussprechen und Greta Thunberg als ein von sinistren Mächten ferngesteuertes und fehlgeleitetes kleines Mädchen darstellen. Neulich, als mich auf der Straße plötzlich der Slogan „DIESEL RETTEN!“ anbrüllte, dachte ich instinktiv, das könne nur eine Kampagne der Sonnebornschen Satirepartei sein, aber nein, das sind natürlich wirklich die vermeintlichen Heimatschützer von der AfD, denen in Wirklichkeit an nichts anderem als an der Verpestung und Vernichtung der sogenannten Heimat gelegen ist. Diese Geistesgrößen, die in ihren irre tiefgründigen Pamphleten fortwährend mit Ernst Jünger zum Waldgang verabredet sind, sind beim Hambacher Forst dann die ersten, die nach der Motorsäge kreischen, denen der Wald gar nicht schnell genug abgeholzt und die Landschaft in eine trostlose Einöde verwandelt werden kann. In meiner Jugend wurde das verbleite Benzin abgeschafft und die Autos mit Katalysatoren ausgestattet, und ich kann mich an keine ernsthaften Proteste dagegen erinnern, es war gesellschaftlicher Konsens, dass das vernünftige Maßnahmen sind. Auch das FCKW in den Kühlschränken und Spraydosen hielt niemand für rettungsbedürftig, wenn ich mich recht erinnere. Konservative, die rechts neben sich keine ernstzunehmenden politischen Kräfte aufkommen ließen, setzten diese Verbote durch, und alle machten ganz normal einfach mit, weil klar war, dass das vernünftig ist. Energie sparen, Müll trennen – auch meine ultrakonservative Mutter, der die CDU immer zu lasch war, weswegen sie froh war in Bayern zu leben und die CSU-Hardliner wählen zu können, machte da mit, schalt mich, wenn ich ein Papier oder einen Joghurtdeckel nicht in den richtigen Abfalleimer schmiss. Gute Luft, saubere Gewässer, gesunde Wälder – wie kann man das eigentlich nicht wollen? Was ist denn hier in der Zwischenzeit passiert, dass das plötzlich Fragen von links oder rechts geworden sind? Treibhauseffekt und Klimawandel, Anstieg des Meeresspiegels und Abschmelzen der Polarkappen durch die CO2-Emissionen sind ebenfalls Dinge, die wir schon Ende der Achtzigerjahre im bayrischen Gymnasium ganz selbstverständlich auf dem Lehrplan hatten. Jetzt ist ein Jahr heißer als das andere, extreme Wetterlagen nehmen zu, die Prognosen unseres Erdkundelehrers von 1988 treffen exakt ein, und die Fridays-for-Future-Bewegung wird von den Mächtigen in einem beispiellosen Ablenkungsmanöver auf eine Diskussion um Schulpflicht reduziert. Ich bin so enttäuscht, so wütend über diese ganze Unvernunft, die uns endlos in Diskursen zermürbt, die wir schon seit Jahrzehnten hinter uns haben müssten. Auch wütend auf mich selbst natürlich, der ich immer dachte, das regele sich alles von selbst, da setzten Profis schon das Richtige zur gegebenen Zeit um, da müsse ich mich nicht noch selber groß engagieren. Jetzt latsche ich halt manchmal freitags mit den SchülerInnen mit, im Grunde todtraurig, fühl mich zu alt, aller Visionen beraubt, und unsere Sache schon fast wie verloren.