Sedantag

Tag der Einheit, der ja, wie ich damals schon dachte, logisch der 17. Juni sein müsste, aber 1953 war halt Kohl noch nicht dabei, und der wollte eben mal der große Star und Einheitsheld werden. Es ist dann doch anders gekommen. Wie schlecht diese Einheit übers Knie gebrochen wurde und alle Probleme immer nur unter den Teppich gekehrt, wird heute ja so langsam sichtbar, weil es sich einfach nicht mehr länger wegdrücken und schönreden lässt. Trotzdem lese ich heute in der U-Bahnzeitung über gewisse Bestrebungen, einen Platz in Berlin in Helmut-Kohl-Platz umzubenennen. Nächster Screen ein Foto vom Großen Stern mitsamt Siegessäule. Ich meine, spinnen die jetzt völlig? Eine Siegessäule, die mit vergoldeten Kanonen an drei gewonnene Preußenkriege erinnert, die schließlich zur deutschen Einheit im Sinne von Wilhelminisches Kaiserreich geführt haben – den Platz, wo genau diese Säule draufsteht, wollt ihr jetzt Helmut-Kohl-Platz nennen? Warum nicht gleich wieder den Sedantag einführen, diesmal aber als Helmut-Kohl-Tag?

Ich las das in der U-Bahn, unterwegs zum Potsdamer Platz, wo wir Die Unglaublichen 2 im Kino schauen wollten, denn dort haben sie, im Gegensatz zum Zoo-Palast, Nachos mit Käsedip, was für meine Tochter von höchster Priorität ist. Dort sofort das undurchdringlichste Gewimmel, ich schon fast Platzangstanfall, atmete direkt auf bei der Mitteilung: Vorstellung ausverkauft. Schnell wieder weg von diesem trotz allen Gewusels irgendwie leblosen Platz, der immer noch aussieht, als hätten tödlich gelangweilte Riesen mal ein bisschen mit Bauklötzen gespielt. Schauten den Film dann im Kant-Kino, was eh schöner ist, nur halt keine Nachos. Stattdessen Kartoffelchips, was auch ging. Film lustig, Tag gerettet.

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Meine islamfreie Schule

Die sich rassisch überlegen fühlenden Herrenmenschen von der AfD haben jetzt, wie man hört, schon wieder eine neue Idee zur Verbesserung unseres Landes vorgebracht: „Islamfreie Schulen!“, tönt es von Plakaten zur bayerischen Landtagswahl, auf denen wir fünf junge Menschen sehen, adrett gekleidet im hübschen Kleidchen respektive sauberen Oberhemd, die fröhlich und vergnügt einen Schulflur entlangspringen.

Wir müssen im Grunde ja nicht reden über die grotesken Apartheidsphantasien, die so einer Forderung zugrunde liegen, mich wundert da auch schon lange nichts mehr, was aus den Reihen dieser Partei immer sichtbarer als reinste nationalsozialistische Ideologie zutage tritt. Ihr wisst das alles, denke ich, sparen wir uns die Spucke.

Was mir aber, als meine erste Aufregung über das Plakat sich wieder ein bisschen beruhigt hatte, plötzlich in den Sinn kam, war der Gedanke, dass ich ja selbst genau so eine islamfreie Schule besucht hatte, witzigerweise genau in Bayern: Das Benediktinergymnasium Ettal, idyllisch in der oberbayrischen Postkartenlandschaft der Voralpen gelegen, wo man damals, in den achtziger und neunziger Jahren, wenn ich mich recht erinnere, das Abitur nur ablegen durfte, wenn man christlich getauft war. Ein paar Evangelische waren wohl gerade noch geduldet, und an einen einzigen Konfessionslosen erinnere ich mich, der Jahr für Jahr vom Schulleiter zum Einzelgespräch gebeten wurde, wie es denn jetzt endlich mal aussähe in Sachen Taufe. Aber so sehr ich im Gedächtnis hin und her krame, an Muslime kann ich mich nicht erinnern, an keinen einzigen.

Und trotzdem hüpften wir nicht so frei und unbeschwert über die Gänge, wie sich die AfD das vorstellt. Jahre später ging es durch alle Zeitungen, was damals nur hinter vorgehaltener Hand mal hier und da getuschelt wurde, wie nämlich just an meiner islamfreien Schule körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch gegen hilflose und unschuldige Kinder an der Tagesordnung standen. Katholische Ordensmänner begingen diese Verbrechen hinter den schalldichten Mauern einer islamfreien Schule.

Man vergebe mir daher meine bestimmt linksgrünversiffte Naivität, wenn ich zaghaft behaupte, der Islam könnte unter Umständen das geringste Problem im bayerischen Schulsystem darstellen, nämlich überhaupt keines.

Der Riss der Jacke

Die Daten und also vor allem die für immer verloren geglaubten Tagebuchnotizen sind jetzt tatsächlich gerettet, ich blättere mich durch die Schriften, zum Beispiel dies hier, vor fast genau einem Jahr:

28.08.2017
[Nachgetragene Handynotiz von gestern, 27.08.2017:

Graswang. Über Sonnenweg hin, durch Schattenwald zurück. Dickelschwaig. Guggerutz’ Vater am Rad begegnet, wir grüßten uns artig, gegenseitiges Erkennen erst, als er schon vorbei. Das ist ja der Andi, ruft er, am Rad sich umdrehend, und ich: Ja, freili! Wie fit die guggerutzschen Eltern sind, dachte ich, während meine schon bei den Würmern liegen.

Der Andi. So nennt mich auch auf der ganzen Welt keiner mehr, nur die Leute hier, die mich von damals her noch kennen, als ich der Andi war. Für mich Äonen her.

Schmerzende Füße, noch von gestrigem Aufacker. Jetzt Fisch und Biere in der Ettaler Mühle, unterm Baum vorm tröpfelnden Regen ganz gut geschützt.

Sonnenweg hin, Schattenwald zurück – vielleicht auch ganz passende Metapher aufs Leben als solches.]

Ich kann mit völliger Klarheit sagen: Das war das erste Mal, dass ich Tagebuch ins Handy tippte, bemerkenswert auch, weil ich vor dem Losgehen noch relativ verzweifelt nach Bleistiften, Anspitzern, Notizbüchern gesucht hatte, aber außer zwei stumpfen Bleiern nichts davon fand.

Wie ich ja auch neulich in vollkommener Ruhe und Klarheit dachte, dass das Tagebuch das unbestrittene Zentrum meines Schreibens ist, und keinesfalls das Bloggen, was immer wieder nicht verstanden wird, weil das Bloggen permanent mit dem Führen eines öffentlichen Tagebuchs verwechselt wird, und dies noch nichtmal völlig grundlos, denn in der Tat versieht die Blogsoftware jeden Blogpost mit einer Datumssignatur, weshalb das Ganze automatisch tagebuchartige Züge bekommt. Der Unterschied aber, der oberflächlich besehen nur so marginal, winzig, überhaupt nicht ins Gewicht fallend erscheint, könnte in Wahrheit nicht größer und weitreichender sein: Denn beim Bloggen verweist der automatisch generierte Datumsindex auf den Tag der Veröffentlichung. Beim Tagebuch hingegen gibt es grob zwei Möglichkeiten: Entweder verweist der Index auf den Tag des Schreibens, oder er bezeichnet den Tag im Leben des Verfassers, der im Text beschrieben, erzählt, festgehalten werden soll. Manchmal fließt das so unklar ineinander, ich glaube, die meisten Tagebuchschreiber sehen selbst die Differenzen gar nicht so deutlich, weswegen ja auch sehr viele Blogger ihr Blog tatsächlich so führen, als wäre es ein Tagebuch, und damit zur Verwirrung der Begriffe nicht unwesentlich beitragen.

Bei mir natürlich ganz klar und exklusiv nur der Tag des Schreibens, weswegen das gestern in der Ettaler Mühle auf dem Handy Geschriebene in diesem Eintrag von heute nur in eckigen Klammern und mit dem Vermerk, dass ich es heute nochmal abgetippt habe, überhaupt erscheinen darf. Völlig problemlos wäre es hingegen, wenn ich unterm Datum von heute den 13. Oktober 1997 als Erinnerungsbild festhielte. Solang der Text nur heute geschrieben, darf alles mögliche darin vorkommen, also alles, einfach alles. Keine weiteren Restriktionen. Einzige Schwammigkeit, die ich mir hier erlaube, ist der Datumswechsel um Mitternacht. Oft schreib ich ja nachts, und nach Mitternacht also noch weiter, das bleibt aber immer ein Text. Für mich trennt nur der Schlaf die Tage, nicht die Uhr. (Und kaum, dass ich dieses schreibe, erfasst mich bleierne Müdigkeit… Uhrzeiten, wie bei Goetz’ Abfall, wären auch noch eine Möglichkeit, die Einträge noch mit Substruktur zu versehen. Hab schon oft drüber nachgedacht, mich dann aber doch immer wieder dagegen entschieden, und nur in absoluten Ausnahmefällen darauf zurückgegriffen.)

30.08.2017
Wieder in Berlin. Völlig am Ende von der endlosen Autofahrt, wie immer. Um 7.00 Uhr aufgestanden, dann Treffen der Bekloppten, danach sofort los, über Murnau, da Ettaler Berg gesperrt, verpasse richtige Abfahrt dank schlechter Ausschilderung, und eiere ewig durch diese mir nichtssagenden Orte da, ganz malerisch ja eigentlich gelegen, bis ich bei Seeshaupt endlich auf die Autobahn komme. Das alles hatte ich gestern ja erst von oben betrachtet, vom Hörnle aus, da schiens zum Greifen nah. Wenn man aber tags drauf mit dem Auto dann durch dieselben Gegenden heizt und eigentlich ganz woanders sein will – Lichtjahre weit weg. Im Grunde kommt es immer nur darauf an: Wo sind deine Gefühle, deine Gedanken. Drum rasen wir soviel mit unseren Autos durch die Gegend: Immer den Gefühlen, den Gedanken hinterher, aber die sind immer schon wieder 500 Kilometer weitergereist, nie erwischt man sie. Oder halt selten. Zu Fuß hat man größere Chancen. Langsam. So wie gestern am Hörnle, ich tippe pflichtschuldigst gestrigen Handyeintrag ab:

[29.08.2017
Hörnle. Fantastisch. 1202 bei Kappel los, ca. 1400 bei Hütte, 1425 Vorderes, 1525 Hinteres Hörnle. Unglaubliche Panoramen, die hintereinander gestaffelten Bergreihen im Süden, die Seen und flachen Ebenen im Norden. Jetzt, 1555, wieder an der Hütte, mit Karg Weißbier, um mich Kuhglockengebimmel. Auch Seilbahntouristen natürlich. Muss hier unbedingt mal mit den Kindern her. Idealer Einstieg, weil mehrere Gipfelsiege möglich, ohne dass man die ganze Ochsentour des Aufstiegs zwingend machen müsste.]

Zur wahren Ochsentour wurde dann, nachdem ich dies geschrieben, der Abstieg, weil ich den Weg verfehlte und querfeldein weiterlief, aus Unlust, nochmal zurückzugehen und den rechten Pfad zu suchen. Also beim Runtergehen nicht mehr am hohlen Baum vorbei, sondern plötzlich durch ziemlich steilen Wald, teilweise am Hosenboden vorsichtig runtergerutscht, bis schließlich eine Forststraße kam, die mich in Wurmansau wieder entließ. Von da dann noch zurück bis zur Kappel, in prallster Sonne, knapp am Sonnenbrand entlanggeschrammt.

Heute morgen, als ich übernächtigt so schnell noch alles packte und dann hektisch aus der Wohnung stürzte, blieb ich mit meiner braunen Lieblingsjacke an der Klinke der Haustür hängen, es ratschte hörbar, Tasche halb ab, mir war, als hätte meine Mutter nochmal nach mir gegriffen, mich als Geist nochmal zum Hierbleiben bewegen wollen. Mir war sie die ganzen Tage jetzt ganz präsent gewesen, ich träumte jede Nacht von ihr, auch der Vater hatte Gastauftritte in diesen Träumen, und mir schien es nach anfänglichem Schock dann fast schon ganz normal, dass in der Nacht, im Traum, die Toten halt wieder da sind und mich besuchen kommen. Der Riss der Jacke scheint aber unproblematisch, entlang der Naht zu laufen, das kriegt die Schneiderin bestimmt leicht wieder hin.

 

Im Computerladen

Als der Rechner abschmierte, damals, nach der Heimkehr von Mallorca, dachte ich in meiner Verzweiflung: Ist doch egal, scheiß auf alles, die Fotos, die Texte, Tagebuch von zwei Jahren. Ich schreibe einfach neues Zeug, mache neue Bilder, das alte schaut doch eh keiner mehr an. Und seitdem immer wieder diese Flashbacks auf ganz bestimmte Texte, die im nicht mehr hochzufahrenden Computer versiegelt liegen: Die zwei oder drei Seiten, die ich schrieb, als mir klar wurde, dass ich aufhören muss zu rauchen. Ich rauchte wie ein Irrer, während ich das schrieb, und wusste: das sind die letzten, der Epilog aufs Rauchen, und so war es dann auch. Und dann die Woche, als meine Mutter starb, meine Tagebucheinträge von da, unersetzlich. Meistens schreibt man ja wirklich nur einen Schmarrn, tippt irgendwas hin, aber da

Moment musical

Am Richard-Wagner-Platz heute morgen, ich hielt mit dem Fahrrad an der roten Ampel, und neben mir kam so eine schwarze Luxuskarosse zum Stehen, aus deren weit geöffnetem Fenster laut Klaviermusik schallte. Ich hörte das und wusste mehr oder weniger sofort: Keith Jarrett, Köln Concert. Sein größter Hit, gleichzeitig, wie ich einmal las, ein Konzert, bei dem alles schief ging, verstimmter, halb kaputter Flügel und so Zeug. Mit siebzehn war ich Jarretts größter Fan, bezahlte Unsummen für ein Konzert im Münchner Gasteig, wo er ungefähr eine Viertelstunde irgendwie uninspiriert vor sich hin klimperte und dann das Konzert abbrach, weil angeblich jemand gehustet hatte. Das Publikum blieb sitzen, niemand konnte glauben, dass es einfach vorbei war, aber er kam wirklich nicht mehr zurück. So saßen wir noch eine halbe Stunde ratlos im Konzertsaal, starrten auf die leere Bühne, irgendwann gingen alle, enttäuscht, wütend, traurig, niemand bekam sein Geld zurück. Wegen eines kleinen Husters, den außer ihm niemand gehört hatte.

So genau hatte er es beim heute weltberühmten und fast schon zu ohrwurmverdächtigen Köln Concert offenbar noch nicht genommen. Die angeblich perfekten Rahmenbedingungen, wann gibt es die schon? Ich aber, heute morgen am Richard-Wagner-Platz, ein paar Takte aus dem Köln Concert aus dem geöffneten Fenster eines Autos hörend, dachte: Ich bin ja selber wirklich der Keith Jarrett des Bloggens geworden. Einmal passt dies nicht, dann wieder passt das nicht, dann hustet ein Leser und schon ist es endgültig vorbei, bin ich tödlich irritiert und falle monatelanger Schreiblähmung anheim. Der eigentliche Jazz geht doch anders. Und nahm mir fest vor, während die Ampel auf Grün schaltete und die schwarzgewandeten Klavierklänge in Richtung Ernst-Reuter-Platz entschwanden, heute mal wieder irgendwas in Wald und Höhle reinzuimprovisieren, und weil mir wirklich nichts besseres mehr einfiel, erzählte ich euch halt jetzt schnell das.

Schnarchen und Bloggen

Ich war damals in den Nullerjahren so ein fanatischer Tagebuchschreiber, setzte mich an den Rechner, um bloß ein paar Sätze zu notieren, und saß dann eine Stunde da, wie wild tippend, jeder Satz erzeugte fünf neue, und meine Freundin sagte: Mensch, du solltest vielleicht bloggen. Das war damals das Ding der Stunde, bloggen, ich war aber skeptisch, was soll das, man kann doch auf flimmernden Kisten nicht vernünftig lesen, das hatte ich schon bei Goetz’ Abfall sofort verstanden und dann auch brav gewartet, bis es den Scheiß als ganz normales Buch zu kaufen gab.

Als ich dann doch mal selbst zu bloggen begann, im Mai 2012, da war es fast schon wieder vorbei damit, der Hype war jedenfalls verklungen, aber mir machte es Spaß, es war eine gute Erfahrung, überhaupt mal für Leser zu schreiben, zu veröffentlichen, die Leichtigkeit davon, was für eine wundervolle Welt. Du musst bei keinem Verleger oder Redakteur dich ranschleimen, um deine Texte öffentlich zu kriegen. Du kannst es einfach machen. Was wirklich perfekt ist für einen Menschen wie mich, der praktisch unfähig ist, unterwürfigste Bittschreiben für die Verdruckung meiner Scheißtexte zu verfassen. Und noch unfähiger, die einsilbigen Absageschreiben zu verknusen.

Andereseits ist es so: Bloggen ist die niedrigste Kategorie des Schreibens, seien wir ehrlich, wir Blogger sind die Paria der Schrift, kein sogenannter Schriftsteller, der schon mal bei kookbooks ein paar Gedichte auf Papier rausgehauen hat, will noch gerne mit seiner bloggerischen Vergangenheit konfrontiert werden. Internet, das ist doch Ekelzeug für Nazis und Verrückte.
Ich hab damals Sichten und Ordnen aufgemacht, verrückterweise, weil ich einen Printtext geschrieben hatte, und den hatte der auf Papier gedruckte Schriftsteller Thomas Meinecke gelesen und mich gefragt: Wo kann man denn noch mehr von dir lesen? Und leider konnte man nirgendwo noch mehr von mir lesen, und da dachte ich mir: Jetzt mache ich wirklich mal so ein Blog auf und wenn der nächste Suhrkampautor mich fragt, dann sag ich ganz lässig: Sichten und Ordnen.

Logisch, dass kein Suhrkampautor mich je mehr danach fragte. Auch sonst niemand. Keiner will wissen, was du in ein beklopptes Internet hinein schreibst. Als Blogger bist du hauptsächlich und als erstes mal der Depp vom Dienst. Schrift, die irgendeine Art von Gültigkeit hätte, die man ernst nehmen müsste, muss auf Papier vorgelegt werden.

Wenn ihr anderer Meinung seid, behaltet es gerne für euch, ich hasse erstens Kommentare, bin ab übermorgen ohnehin im Urlaub.

Schachteln

Der Vorgänger des heutigen Fußball-WM-Pokals, die Coupe Jules Rimet, verblieb immer in dem Land des letzten Gewinners der Weltmeisterschaft. Bei Wikipedia lese ich, dass der Pokal, der 1938 nach Italien gegangen – oder, um es ganz genau zu sagen: dort verblieben war, denn Italien hatte ja 1934 auch schon gewonnen – den zweiten Weltkrieg in einer Schuhschachtel unter dem Bett des FIFA-Vizepräsidenten Ottorino Barassi überdauerte. 1970 durfte Brasilien den Pokal für immer behalten, sie hatten das Turnier drei Mal gewonnen, ließen sich aber später die Trophäe stehlen, aus einer Verbandsvitrine heraus, wie es auf Wikipedia heißt, und die Diebe vernichteten das Ding angeblich, heute steht eine Replik irgendwo in Rio rum.

Irgendwas berührt mich zutiefst an dieser durch und durch brüchigen Biographie eines Pokals. Sie erinnert mich an die Krippenfiguren meines Urgroßvaters, der sie zum Ende des zweiten Weltkriegs unter den hölzernen Dielen seiner alten Berghütte versteckte, und mein Vater erinnerte sich, wie sein Opa beim Einmarsch der Amerikaner wirklich keine anderen Sorgen hatte, außer: ob wohl bitte die Figürlein noch da seien, ob es ihnen gut gehe, zitternd sei er in der Küche gesessen und hätte auf ihn, das Kind, eingeredet, weil alle anderen mit scheinbar Wichtigerem beschäftigt waren, dass er sie doch unbedingt woanders hätte verstecken sollen, was, wenn die Amis jetzt die Figuren finden und rauben, was, wenn sie die ganze Hütte einfach niederbrennen, usw. Sie waren dann noch da, überlebten den Krieg, heute ist die Hütte vernichtet, die Figuren gibt es immer noch, sie stehen in einer Vitrine im Heimatmuseum, und ich frage mich, ob Schuhschachteln unterm Bett oder der Zwischenboden einer windschiefen Berghütte vielleicht eigentlich doch die besseren Aufbewahrungsorte für auratisch stark aufgeladene Dinge sind als Vitrinen?

Ich werde aber auch einfach diese Szene nicht los, ein Greis und ein Kind reden in einer Küche über geschnitzte Figürchen, während draußen eine feindliche Armee einmarschiert, Häuser in Beschlag nimmt, Menschen verhaftet, neue Regeln an die Rathaustür nagelt, Panzer rollen durch die Straßen, und ich denke immer, der Alte und das Kind, wie sie hier am Esstisch über die Figuren reden, wie sie sich um kleine, zerbrechliche Kunstwerke sorgen, die sind eigentlich im Recht.