Wiederholungen

Neulich passierte etwas Seltsames, nämlich als ich nach sechsstündiger Zugfahrt am Südkreuz ankam und in die Ringbahn stieg, da betrat in Schöneberg oder Innsbrucker Platz eine Frau den Waggon und sang ein Lied, ganz alleine, unbegleitet, in einer mir fremden Sprache. Das einzige Wort, das ich verstehen konnte, war „Familia“. Dieses aber schien immerhin das zentrale Wort zu sein, um das sich das ganze Lied drehte, die Frau sang das mit herzzerreißender Inbrunst und auch guter Gesangstechnik, wie sie mit ornamentalen Verzierungen dieses Wort noch weiter dehnte und bei jeder Wiederholung immer noch ein wenig mehr in die Länge zog: „Fami-i-i-lia! Fa-mi-i-i-i-i-l-i-i-a-a-a!“ Das Verrückte geschah dann eine Woche später, als ich an der Jungfernheide in die Ringbahn wieder einstieg und mich anschickte, den ganzen Weg nach Ogau wieder zurück zu fahren, da war dieselbe Frau wieder mit mir in der Bahn und sang wieder ihr Lied von der Familie, mir lief es kalt den Buckel runter, plötzlich schien es, als richte sich ihre Botschaft direkt an mich persönlich, natürlich verstand ich auch diesmal nur genau ein einziges Wort von ihrem Lied, dennoch Gänsehaut, diesmal gab ich ihr ein Geld in ihren Pappbecher hinein.

Die letzten Tage Kerouac angefangen und gleich wieder weggelegt, desgleichen mit Kaiser-Mühlecker. Draußen wieder das schönste Wetter und ich keinerlei Lust zum Rausgehen. Ich brauche jetzt einfach mal eine wirkliche Weltliteratur, dachte ich dann, und griff wieder zum Proust, an dem ich schon so oft gescheitert bin, dass es auf ein weiteres Mal auch nicht mehr ankommt.

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