Über das Fliegen mit Flügeln

Lustig war gestern die Verkäuferin im Europa-Center, der ich einen Koffer abkaufen wollte. Worauf es mir dabei ankäme, wollte sie wissen, und ich erwiderte: Stabilität! Der alte Koffer sei nämlich viel zu schnell schon wieder kaputt gegangen. Wo genau er kaputt gegangen sei, fragte sie mich nun, und ich antwortete ihr wahrheitsgemäß: An den Rädern. Und spätestens ab jetzt hatte sie mich in einer völlig klaren Schublade eingekastelt: Vielflieger. Sie dozierte mir, wie die Koffer am Flughafen herumgeschmissen würden, wie dabei logisch die Räder als erstes zu Schaden kämen, wie genau man die Fluggesellschaften für die Kofferbeschädigungen zur Rechenschaft und auch zum Schadensersatz heranziehen müsse. Wir besichtigten mehrere Koffermodelle, sie empfahl mir eines, das auch für USA-Flüge tauglich sei. Dafür hätten die am amerikanischen Flughafen nämlich einen Generalschlüssel. Andere Koffer, die nicht mit einem solchen Schloss ausgestattet seien, brechen die dann einfach auf, dann ist der Koffer direkt im Arsch.

Als sie dies sagte, musste ich an die Geschichte vom Pianisten Krystian Zimerman denken, die ich neulich las. Zimerman geht nämlich immer mit seinem eigenen Flügel auf Tournee, er ist ein Klangfetischist, bastelt selber an seinem Klavier herum bis alles seinen höchsten Ansprüchen genügt, und will nicht auf ihm fremden Instrumenten Konzerte geben. Und kurz nach 9/11 soll er mit seinem perfekt präparierten Steinway nach New York geflogen sein, die Security-Leute am Flughafen dachten, da könnte vielleicht eine Bombe drin versteckt sein, und zerstörten bei ihrer Sprengstoffsuche den für Zimerman einzig spielbaren Flügel auf irreversible Weise.

Wahnsinn irgendwie, was bin ich froh, dass ich nicht mit einem Flügel verreisen will, sondern bloß mit einem Koffer. Und noch nichtmal mit dem Flugzeug, sondern nur mit der Eisenbahn. Ich verlasse noch nicht einmal das Land, aber das verheimlichte ich meiner Kofferverkäuferin, die mich schon so in die Flughafenprofi-Ecke gestellt hatte, dass ich mich da unmöglich wieder rausmanövrieren konnte. Als ich mich schließlich für den grünen, nicht den dunkelblauen Koffer entschied, beglückwünschte sie mich für meine Weisheit, da man den grünen natürlich am Gepäckband viel leichter wiedererkennen könne als die ganzen dunklen. Ich bezahlte, sie wünschte mir frohe Weihnachten und einen guten Flug. „Das wünsche ich Ihnen auch“, erwiderte ich, und rollte meinen neuen Koffer zur U-Bahn.

3 Gedanken zu “Über das Fliegen mit Flügeln

  1. Was für eine Geschichte; die mit dem Flügel! Du solltest irgendwann mal ein Büchlein machen mit deinen Musikgeschichten. Ich hätte die sehr gerne alle mal beieinander auf Papier, zum drin blättern.
    Aber erst einmal gute Reise mit dem grünen Koffer und ein Frohes Fest!

    1. Gar keine schlechte Idee eigentlich: eine lockere Sammlung von Geschichten, die sich so lose um das Thema Musik herumgruppieren. Das taucht ja tatsächlich immer wieder auf bei mir. Da muss ich direkt mal in meine Archive hinabsteigen und das mal zusammentragen.

      Einstweilen aber lieben Dank und frohe Weihnachten auch für dich!

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