La Comédie humaine

Gestern warf ich, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben, Bücher einfach zum Altpapier, um hier mal einen Anfang zu machen. Die doppelreihig bestückten Regale, gefüllt mit teilweise obskurstem Zeug, ich muss hier einfach mal Platz schaffen. Es gibt da ja ein seltsames Tabu in unserer Gesellschaft, dass man Bücher nicht zum Müll entsorgen dürfe. Auch jemand wie Herr K., der kaum übertriebenen Intellektuellentums verdächtig sein dürfte, äußerte sich mir gegenüber mal so, und in Berlin trage ich die Bücher ja auch immer brav zur Büchertelefonzelle am Mierendorffplatz, aber so etwas gibt es hier in Oberammergau leider nicht. Ich warf nur Bücher zum Altpapier, von deren literarischer Wertlosigkeit ich vollkommen überzeugt war: Zweifelhafte Gesundheitsratgeber, Weihnachtsanthologien, Martin Walser, Houellebecq, Gedichtsammlungen mit Sonnenuntergängen oder vierblättrigen Kleeblättern auf dem Cover. So Zeug. Erst nach Einbruch der Dunkelheit huschte ich schnell mit diesen Werken zu den Mülltonnen, schmiss sie zum Altpapier, und deckte dann sorgfältig alles mit unauffälligem, normalem Papiermüll ab, damit die Nachbarn nichts von meinem Kapitalverbrechen erfahren. Nicht auszudenken, was hier los wäre, wenn das Gerücht die Runde machte: Herr Wolf schmeißt Bücher in den Müll!

Im Zivildienst in München, bald dreißig Jahre her jetzt, da gab es einen Rollstuhlfahrer, der hörte auf den Spitznamen „Professor“. Ich sehe ihn heute noch vor mir, klein, agil, mit schwarzhaariger Meckifrisur, gar nicht alt, vielleicht Ende dreißig, Anfang vierzig. Ich kannte ihn kaum, er gehörte einer anderen Gruppe an, wie er zu dem Namen Professor gekommen war, entzog sich völlig meiner Kenntnis. Und eines Morgens kam ich zum Dienst, und vor dem Eingang stand ein riesiger Müllcontainer, voll mit allem möglichen, doch die oberste Deckschicht bestand aus Büchern. Davon wie magisch angezogen näherte ich mich dem Container und musste feststellen, dass es sich ausschließlich um absolute Weltliteratur handelte: Shakespeare, Laurence Sterne, Dante, Tolstoi, Thomas Mann, Dostojewski, und so weiter. Wer schmeißt denn sowas weg, fragte ich mich. Drinnen erfuhr ich, was es mit dem ominösen Container auf sich hatte: Der Professor war gestorben, und all seine Habseligkeiten wanderten jetzt ohne Umschweife in den Müll. Nach Dienstende passierte ich wieder den Container, nahm mir Dantes Göttliche Komödie heraus, und fuhr mit der U-Bahn nachhause. Gelesen habe ich sie nie, ließ sie aber auch gestern, als ich bei meiner Ausmistaktion wieder auf sie stieß, und mir die ganze Geschichte dadurch wieder einfiel, im Regal stehen.

9 Gedanken zu “La Comédie humaine

  1. Pingback: Links am Abend | Buddenbohm & Söhne

  2. Bei uns gibt’s im Ort auf dem Wertstoffhof eine Sammelstelle für Bücher ‐ man kann bringen und mitnehmen und durch das Engagement von vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern ist das erstaunlich gut sortiert.
    Aber manche Sachen liest wahrscheinlich wirklich niemals mehr irgendjemand.

    1. Ja, ich kenne solche Büchertauschboxen jetzt schon von vielen Orten, aber hier gibt es das offenbar (noch) nicht. Wäre für mich eine große Erleichterung, denn die oben beschriebene Aktion war ja nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, ich will immer noch sehr viele Bücher loswerden, die aber zum Wegschmeißen tatsächlich zu schade wären.

  3. Roswitha

    bei uns in der kleinstadt gibt es einen weltladen, die sammeln die bücher und verkaufen sie für kleines geld(o,50 – 2,- euro) zugunsten einer indischen schule. daneben gibt es dort jemanden, der den wiederverkaufswert bei momox checkt, bücher deren verkauf sich lohnt werden eingeschickt mit deren sammelboxen, auch für indien. klappt seit jahren, und wir bekommen keine neuen regale, sondern tauschen immer wieeder alt gegen neu.
    (weggefaehrtin.blogspot.com)

  4. Deinen Beitrag zum Anlass genommen, die Bücherregale noch einmal zu entsprechen. Allein, die Bücher Fristen nun ein Zwischendasein in einer Kiste am Treppendasein. Ich bringe es nicht über mich sie dem Totenreich der Altpapiertonne zu überlassen. Dann doch lieber das Fegefeuer des Treppenabsatzes. Was tun mit nicht mehr gebrauchten Büchern? Aussetzen in öffentliche Bücherschränke? Dafür habe ich zuviele Bücher und Kiel Zuwenig Bücherschränke.momox?
    Dantes Göttlichen Komödie habe ich kürzlich in einem Bingereading Wahn von 17 Stunden bewältigt. Ich will nicht sagen, dass ich sie verstanden habe, dafür war das Ganze zu unzerkaut, aber einen ersten Eindruck hat es durchaus hinterlassen.

    1. Ok, wenn du so ein Gerät wie die Göttliche Komödie an einem Tag wegbingest, dann wundert es mich nicht, dass du zuviele Bücher hast. Da bin ich deutlich langsamer unterwegs, weswegen die Büchermassen, unter denen ich leide, ein bisschen anderer Natur sind: Das sind Bücher von meiner Schwester, meiner Mutter, von Großeltern und anderen Vorfahren, vergilbt, zerlesen, kaputt, alte, vollgekritzelte Schullektüren, für Momox alles völlig inakzeptabel. Über Jahre hat die ganze Familie ihre überschüssige Bücherlast in diesem Zimmer abgeladen, das ich jetzt gerade wieder benutz- und bewohnbar zu machen versuche. Das Zimmer war quasi unser Treppenabsatz.

      Bei Dante ist, glaube ich, die große Frage, welche Übersetzung man wählt. Eine, die das Versmaß ins Deutsche hinüberrettet, dadurch aber oft weit vom ursprünglichen Wortlaut abweichen muss. Oder eine, die den Sinn möglichst getreu zu übersetzen versucht, und dafür das Versmaß völlig opfert, aus einem Großgedicht eine Prosaerzählung macht. Für welce Übersetzung hast du dich entschieden?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s