Herkunft

Mein Migrationshintergrund ist ja der, dass ich aus Bayern komme. Dank meiner Großmutter mütterlicherseits, die aus Bremen stammte, und von der ich erst das Sprechen, später das Lesen und Schreiben, und dabei gleichzeitig auch das Denken lernte, sprach ich dennoch seit frühester Kindheit ein reines Hochdeutsch. Das Wort „Saupreiß“ hörte ich in meiner Kindheit manches Mal, ich kapierte gar nicht, was das genau bedeuten sollte, von einem Land namens Preußen wusste ich nichts, dennoch bemerkte ich natürlich die Verächtlichkeit, die in diesem Schimpfwort lag. Ich verhärtete mich dagegen mit einem inneren Panzer. Ich konnte doch nicht anders, als zu sprechen, wie ich eben sprach. Die Lehrerin in der Schule liebte mich dann plötzlich für mein Hochdeutsch, hier war „Austreibung des Dialekts“ das heimliche Hauptfach, in welchem ich von der ersten Stunde an ihr Musterschüler war.

Das Bairische ergriff dann erst später Besitz von meiner Zunge. In der Pubertät, wo alles sich ändert, fing ich dann an zu reden wie meine Freunde. Wenn ich mich heute konzentriere, kann ich, glaube ich, immer noch ein halbwegs akzentfreies Hochdeutsch über meine Lippen pressen. Wenn ich ganz normal drauflos rede, bemerkt jeder, der Ohren hat, meine bayrische Herkunft.

Als ich in Frankfurt lebte, und später genauso in Offenbach, war es oft so, dass ich ein paar Sätze sagte, und mein Gesprächspartner dann sehr bald fragte: „Wo kommst du denn her?“ Und wenn ich dann antwortete: „Aus Bayern!“, dann hatte man gleich ein Thema, ich erinnere mich an den wunderbaren Metzger vom Vogelsberg auf dem Offenbacher Markt, der geradezu vernarrt war in alles Bayrische, sehr interessante Gespräche ergaben sich daraus, zum Leidwesen der hinter mir in der Schlange Wartenden.

In Berlin hingegen, da bist du nur der lästige Zugereiste. Der Schwabenhass der Berliner ist ja schon seit Wolfgang Thierse legendär, als Bayer hat man da noch Glück, da wird dein Dialekt bloß gnädig ignoriert. Wo du herkommst, fragt dich niemand.

Im diesjährigen Frühjahr redete ich hier in Berlin mit einem Türken, der fragte mich das: „Wo kommst du her?“ Und als ich Bayern sagte, erzählte er mir davon, wie er den Münchner Flughafen gebaut hat, wie die Bayern so drauf sind, und wie die Berliner, und auch davon, wo er herkommt, nämlich aus der ganz östlichen Türkei, Grenze zu Georgien, gebirgig sei es da, und ich dachte direkt: Da will ich auch mal hin. Und der nächste Gedanke war, wie witzig es ist, dass nach zehn Jahren in Berlin ein Türke es ist, der mich zum ersten Mal fragt, wo ich herkomme.

8 Gedanken zu “Herkunft

  1. Ein unglaublich dichter und starker Text, berührt mich sehr… vielleicht weil ich sehr genau weiß, von was Du sprichst… ich spürte mich damals sogar schon in München als eine Art Migrantin und vorher sollte ich hochdeutsch mit österreichischer Färbung sprechen , wegen meiner Mutter…man weiß nie so genau, wo man hingehört, wer man ist, irgendwas bleibt immer anders. Ganz liebe Grüße!

    1. Vielen Dank, das freut mich. Diese Suche nach dem wirklichen Selbst, der eigenen Stimme – wahrscheinlich ist das ein lebenslanger Prozess. Man ist ja andererseits auch immer Viele, und das macht es auch wiederum interessant. So wie es bei Billie Holiday heißt: Me, Myself and I…

      1. Da haben wir wohl alle ein Sprach-Dialekt-Trauma der einen oder anderen Art.

        Andreas, schöne Pointe! Und auch schon der Einstiegssatz.

        Herzliche Grüße

    1. Vielen Dank Meinolf, ich bin grad schreiberisch sehr produktiv, keine Sorge, bloß fließt nur das wenigste hier ins Blog. Oft denke ich, ich will das Blog eigentlich ganz schließen, alles löschen, so wie der Robert es oft machte, ich bin da noch unschlüssig. Wenn sowas wie das Obige mir plötzlich durch den Kopf schießt und ich es schnell hinschreibe, dann bin ich wieder ganz froh, dass ich das Blog noch habe.

      1. Das freut mich zu hören.
        Ob Du das Blog offen hältst oder schließt, ist für mich nebensächlich, solange ich nur weiß, dass Du dem Schreiben treu bleibst – das ist Dein Job. Und irgendwann möchte ich was lesen.
        Löschen nur, wenn Du die Sachen gespeichert hast, möchte ich doch sehr drum bitten!
        Robert wird gegen den Artikel „das” (Blog) protestieren … Ich sag’s auch so.

      2. Ich hab alles in dreifacher Kopie, und alle sind unterschiedlich, weil ich immer in allem noch nachbessere, rumändere, lösche und hinzufüge. Es wird ein riesen Spaß, wenn sie mal meine kritisch-historische Gesamtausgabe machen…

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