Missa brevis

Auf dem Weg zu Krachs Laden traf ich neulich den M., meinen früheren Dirigenten im Kirchenorchester. Wir unterhielten uns ein wenig, ich hatte ihn Jahre nicht mehr gesehen, der war früher so ein kugelrunder, energiegeladener Typ, eine barocke Gestalt, wie man so sagt. Jetzt ist er deutlich leiser geworden. Die Kirchenmusik habe er vor vier Jahren aufgegeben, der neue Pfarrer halte nichts von Musik, dementsprechend gebe es auch vier Jahre nach seinem Abschied noch immer keinen Nachfolger. Die Kirchenmusik, einst ein Aushängeschild des Dorfes, sei de facto nicht mehr existent. Zuletzt habe er förmlich betteln müssen, dass der Kirchenchor einmal singen dürfe. Der neue Pfarrer sei auch insgesamt so unbeliebt, dass viele jetzt am Sonntag in andere Dörfer führen, um den Gottesdienst zu besuchen. Diese Nachricht stimmte mich auf eigentümliche Weise melancholisch, auch wenn ich mit dem ganzen Katholizismus schon lange nichts mehr am Hut habe. Auch früher, als ich in der Kirche noch spielte, war mir der ganze Hokuspokus schon völlig egal. Dennoch empfand ich es damals als etwas besonderes, in diesem Kirchenorchester zu spielen, auch wenn es oft nervte, wenn ich am Sonntag nicht einfach im Bett liegen bleiben konnte, sondern mich um 10 Uhr zum Hochamt schleppen musste. Die anderen Dörfer hatten keine so festen Ensembles für die Kirche, da rief dann manchmal Kohlgrub, Murnau oder Partenkirchen bei mir an und fragten, ob ich am Sonntag bei ihnen Cello spielen könne. Mir gänzlich unbekannte Messen, teilweise ohne Probe, alles vom Blatt, das war ein gutes Training. Für einen solchen Einsatz bekam man dann 50 Mark. Daheim in O. gab es nichts, bloß schulfrei im Fall eines Requiems, das war immerhin auch etwas. Naja, all das scheint es jetzt nicht mehr zu geben. Als wir im Gespräch naturgemäß auch auf Corona kamen, ich das Glück der Impfungen pries, entgegnete er lapidar: I bin ned g’impft. – Damit hatte ich nicht gerechnet, den hätte ich als ganz klaren CSU-Mann eingeschätzt, der, wenn der Markus Söder zum Impfen aufruft, sich logisch einen Impftermin besorgt. Nein, er lasse sich nicht vergiften, sagte er. Ich fragte ihn, ob ich für ihn wie ein Vergifteter aussähe, doch er winkte nur ab. Kurz darauf verabschiedeten wir uns und er schob sein Fahrrad weiter des Weges. Krachs Laden aber, den ich eigentlich doch hatte aufsuchen wollen, war geschlossen.

15 Gedanken zu “Missa brevis

  1. Ha! Ich habe auch in meinem Heimatort im Kirchenorchester Cello gespielt. Unser Dirigent hat manche vertrackte Stelle für uns Laien geglättet. Ostern traditionell das Halleluja aus dem Messias.
    Geld gab’s keins.

  2. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich unsere Lebensrealitäten unterscheiden, obschon wir (eigentlich) aus „einem“ Land stammen. Einen Dirigenten hatte ich nie, schon gar nicht war ich in einem Orchester, schon gar nicht in Kirchen. Das waren für uns immer nur zufällige Relikte einer fremden Vergangenheit, etwas von außen Anzuschauendes. Praktisch die bärtige Lady unter den Stadtgebäuden. Ebenso Dirigenten oder Künstler im Allgemeinen, da gab es immer nur ein paar Hanseln, deren Namen man kannte, aber nicht ihr Schaffen.

    Faszinierend.

    1. Ja, Bayern scheint da schon recht speziell zu sein in manchen Aspekten, besonders in der Provinz. Hierzu auch interessant, was ich kürzlich bei Oskar Maria Graf las, dass den Bayern ihre weltlichen Herrscher meist ziemlich egal waren, die Könige kamen und gingen halt so, während die Kirche die eigentliche Autorität darstellte. Was der Pfarrer sagte, das hatte Gewicht. Auch das scheint heute nicht mehr wirklich so zu sein, siehe oben, und ist auch in meinen Augen keine schlechte Entwicklung.

  3. Sehr gern gelesen und sofort mitten im Bild gewesen.
    Überschneidungen auch im Thema der Kirchenmusik, wobei vom zum Hochamt schleppen keine Rede sein kann:)
    I bin ned geimpft: ich weiss wir werden alke sterben, denn die Impfungen verfolgen einzig dem Zweck der Dezimierung. Lass uns in drei Jahren noch mal schauen wenn wir es denn noch können:)

    1. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dich richtig verstanden habe, du wolltest sicher schreiben: Die Impfungen verfolgen einzig den Zweck der Dezimierung schwerer und tödlich verlaufender Covid-19-Erkrankungen. Dass wir am Ende irgendwann dennoch alle sterben werden, ist mir auch klar, aber die nächsten drei Jahre gedenke ich noch höchst lebendig zu verbringen, weswegen ich mich naturgemäß gegen Covid habe impfen lassen.

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