Elektrifiziert

Von der Lokführergewerkschaft zum Autofahren gezwungen, heizte ich am Samstag also mit der alten Klapperkiste zurück nach Ogau. Kam völlig erschöpft am Abend an, schaute auf 3sat „Elektra“ von den Salzburger Festspielen, und war wie damals, als ich sie vor 16 oder 17 Jahren im Frankfurter Opernhaus live gesehen hatte, wieder völlig von den Socken. Eine so seltsame Oper: die ganze Action passiert abseits der Bühne, liegt entweder in der Vergangenheit oder findet hinter den Kulissen – im Palast – statt, während vor dem Palast die ganze Zeit nur geredet wird. Dieses Reden aber steht unter dem Starkstrom der Musik, die einfach nur rast und pulst und vorwärts drängt und prescht wie verrückt. Hier war Frankfurt (Dirigent leider vergessen) damals sogar noch eindrücklicher, da peitschte das Orchester noch erbarmungsloser, noch schneller einfach durch die Partitur. Was an gestriger Fernseh-Elektra hingegen unvergesslich bleiben wird, ist die Hauptdarstellerin: Ausrine Stundyte. Was für ein Talent, auch und gerade schauspielerisch, die ganze entfesselte Energie der Musik schien sichtbar auch in ihrem Inneren zu toben, während sie halbverrückt mit den Augen zuckend auf der Treppe vor dem Palast saß. Auch ihre sängerische Leistung stand dem in nichts nach, ich wünschte mir die sofort in sämtlichen Wagnerrollen.

Früher, ich erinnere mich deutlich, war es mir rätselhaft, wie das Duo Strauss/Hofmannsthal zwei so völlig verschiedene Opern wie „Elektra“ einerseits, und „Rosenkavalier“ andererseits produzieren konnte. Der Rosenkavalier erschien mir damals so zugänglich, so vertraut und verständlich, während die Elektra mich einfach nur verstörte. Gestern hingegen hörte ich Rosenkavalier an jeder Ecke dieser Oper, der ganze antike Königspalast schien zeitweise nach Wien verlegt. So ändern sich die Hörgewohnheiten, die musikalische Sprache von Strauss ist mir einfach vertrauter geworden, vielleicht kommt noch der Tag, an dem ich die Frau ohne Schatten verstehen werde. Ich glaubs aber eher nicht.

Gestern durch Zufall auf das Blog „Familienbande“ von Xeniana gestoßen. Ich kenne das Blog noch von früher, aus den ganz enthusiastischen Bloggerzeiten, fand immer interessant wie sie schreibt, noch offenherziger als ich selbst das eigene Leben erzählend, mit einem oft ganz interessanten, mikroskopischen Blick auf scheinbar Nebensächliches. Unsere Wege kreuzten sich nur selten, einmal debattierte sie mit mir über Handke, als der den Nobelpreis bekam. Da unterzog ich Handkes Jugoslawienbücher noch einmal einer wutentbrannten Hasslektüre, um mir nicht nachsagen lassen zu müssen, ich empörte mich über Bücher, die ich nicht gelesen hätte. Während Xeniana den Nobelpreis und auch die Aufregung darum zum Anlass nahm, die stille Poesie der Handketexte für sich zu entdecken. So lasen wir damals beide zwei völlig unterschiedliche Handkes, und dann verlor ich sie wieder aus den Augen.

Gestern konnte ich mich dann von ihrem Blog nicht mehr losreißen, ich las, wie man ein Blog manchmal, zu selten leider, liest: Text für Text, Eintrag für Eintrag, zurück in die Vergangenheit mich tastend, und verstand mehr und mehr: Sie ist in einer ganz ähnlichen Lebenssituation wie ich: Ihre Ehe ging fast zeitgleich in die sogenannten Brüche wie die meinige, und auch sie lebt jetzt in wöchentlichem Wechsel in dieser Seltsamkeit, für die sich das Wort „Nestmodell“ eingebürgert hat. Und sie macht ähnliche Erfahrungen wie ich: Sitzt viel in Zügen, denkt viel zurück, ich fühlte mich ihr auf seltsame Weise nah. Jetzt liest sie Proust, den ich mir witzigerweise auch erst vor einem Monat beim Hugendubel holte, aus einem vagen Gefühl heraus, vielleicht sei genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um über tausende von Seiten jemandem beim Suchen nach verlorener Zeit zuzuschauen. (Habe mich dann aber doch bisher noch nicht rangetraut.)

3 Gedanken zu “Elektrifiziert

  1. Bin immer wieder fasziniert, mit welcher Begeisterung und Wortschatz Sie in der Lage sind, über Musik zu schreiben. Mir fehlt dafür jedes Vokabular. Musik und ihre Inszenierung berührt mich vielleicht genau so stark wie Sie. Aber ich kann nur stumm bleiben, oder Worte imitieren.

    Danke auch für die Blogempfehlung.

  2. Pingback: Sonntag mit Powy und Werfel- 2. Advent | Familienbande

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