Praxisnachweis Modul 3

Alles, was ich mache, wird mir, indem ich es tue, zur völligen Selbstverständlichkeit, und ich vergesse es praktisch sofort. Indem es mit mir selbst verknüpft ist, wird es automatisch zu etwas Unbesonderem. Ich erinnere mich an eine Zeugnisvergabe, das muss so in der achten oder neunten Klasse gewesen sein, jede Schülerin und jeder Schüler bekam einzeln von der Klassenlehrerin das Zeugnis überreicht, und bei mir erlaubte sie sich den Zusatz, sie finde das so toll, dass ich so viel über das rein pflichtmäßige Schulprogramm hinaus noch machte. In dem Moment dachte ich wirklich, sie meine das ironisch, ja fast spöttisch-aggressiv, da ich fauler Sack doch eigentlich genau gar nichts über das Nötigste hinausgehend tat. Die anderen machten alle Sport wie die Verrückten, waren Ministranten oder sonstwas, aber ich? Als ich das Zeugnis dann in Händen hielt, verstand ich, was sie meinte: Schulorchester, Kammermusikgruppe und Mitwirkung beim Schultheater. Die ganze Tatsache, dass ich praktisch ständig mein Cello durch die Gegend schleppte, überall mitspielte bei jedem Konzert, jedem Theater – daran hatte ich gar nicht gedacht.

Ähnliches passierte mir Jahre später im Dramaturgiestudium, als es um die Praxisnachweise ging. Ich saß da mit dem L., die Theoriescheine hatte ich alle beisammen, aber im Praxismodul fehlte noch was. Mir brach der kalte Schweiß aus. Da meinte der L., keine Panik, wir schreiben da einfach irgendwas Erfundenes rein, wer prüft das schon nach. Später fielen mir zwei Sachen ein, die ich tatsächlich gemacht hatte, komplette Hospitanzen am Staatstheater Darmstadt und in Freiburg, praktischere Praxis war praktisch gar nicht mehr denkbar als diese komplett geistlosen Tätigkeiten als Handlanger für Menschen ohne Hirn. Ich hatte die völlig vergessen.

Mir fiel das neulich wieder ein, als ich „Das Leben meiner Mutter“ von Oskar Maria Graf las. Der Klappentext etikettiert das Buch mit den Worten Thomas Manns: „Ein Monument der Liebe“, doch mir schien es beim Lesen eher ein Monument der stetigen Arbeit, des unablässigen Vor-sich-hin-Werkelns dieser Mutter. Anders als der Vater, der sich in unsterblichen Bauwerken verewigen will, liegt das Glück der Mutter in jener unverzichtbaren Art von Arbeit, über die die Zeit sofort hinweggeht: Das Putzen, Waschen, Kochen, sich um die Viecher kümmern. Dieses Zeug, nach dem keine alte Sau fragt, aber irgendjemand muss es trotzdem machen.

Interessant eigentlich, dass Graf ausgerechnet diese im Grunde fast unscheinbare Mutter qua Titel so ins Zentrum seines Erinnerungsbuches stellt. Schaut man das Buch an, so kommt oft über viele Seiten die Mutter überhaupt nicht vor, kaum je greift sie aktiv in die Geschehnisse ein, sie bildet fast mehr einen stets gleich bleibenden Hintergrund, vor dem sich Zeit- und Familiengeschichte dann entfaltet. Besonders gefiel mir, wie der Kommunist Graf die märchenhafte Figur des König Ludwig II. durch das Buch geistern lässt, der große, zahnlose König: Einerseits lächerliche Gestalt, andererseits aber doch Symbol für die relative Intaktheit einer Welt, die dann 1914 einfach gnadenlos zusammenbrechen sollte.

Hab mir gleich noch mehr Bücher von Graf geholt. Ein Schriftsteller, der zu Unrecht auf das Provinzielle beschränkt wird, wozu er natürlich mit seiner Selbstinszenierung in der Lederhose das Seinige beitrug. Muss aufpassen, dass ich mit meinen Kofel- und Muttertexten nicht in dieselbe Falle tappe: Nicht zu grafig werden. Ich selber habe die Lederhose immer gehasst.

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