Zwei Zettel

Als meine Mutter vor vier Jahren starb, vererbte sie mir neben anderen Schätzen auch ihre Kundennummer bei der Metzgerei Gerold. Der Chef persönlich bestätigte mir dies, als ich kurz nach ihrem Tod dort einkaufte und Unsicherheit darüber bekundete, ob ihre alte Kundennummer nun noch für mich verwendbar sei. „Das ist jetzt deine“, sagte er kurzerhand, und so kommt es, dass immer, wenn ich dort einkaufe, der Name meiner Mutter auf dem Kassenzettel erscheint: Pilar Wolf. Mich erfreut dieser Umstand auf eine Weise, die ich mir selbst nicht ganz genau erklären kann, irgendwie vermittelt es mir ein gewisses Gefühl von Kontinuität, als könne die Welt noch nicht ein vollkommen abgefuckter Ort sein, solange wenigstens ich noch immer in dieselbe Metzgerei hineintapere wie meine Mutter, deren Leben ich auch eines Tages mal ausführlicher erzählen muss, erst heute fiel mir ihre Geburtsurkunde beim Sichten, Ordnen und Ausmisten der Kisten und Schränke in die Hände und ich dachte wieder, wie seltsam das doch ist, dieser Name: „Maria del Pilar Gomez de Ortega“, auf einer in Frakturschrift geschriebenen und mit Hakenkreuzstempel versehenen Urkunde des Standesamts Jena vom 8. Mai 1939. Den Akzent auf dem o von „Gómez“ ließ der Standesbeamte Schmidt natürlich weg, ein Fehler, der sich durch das gesamte Leben meiner Mutter ziehen sollte, auch auf ihrem letzten Personalausweis ist der Geburtsname auf diese Weise falsch geschrieben, was sie jedoch, soviel ich weiß, nicht weiter juckte. Was sie hingegen tatsächlich nervte, war die Tatsache, dass in Oberammergau niemand ihren Namen richtig aussprach: Pilar, mit Betonung auf der letzten Silbe. Stattdessen sagten die Leute entweder Pihla oder Pilla, auf jeden Fall immer die erste Silbe betont, da konnte meine Mutter den Leuten noch so oft erklären, wie man das ausspricht, es war vergeblich. Worüber sie sich ebenfalls ärgern konnte, wenn immer Post ankam, die an „Herrn Pilar Wolf“ adressiert war. Dass die Leute das nicht irgendwann mal lernen, dass Pilar ein Frauenname ist, schimpfte sie dann vor sich hin.

Dies fiel mir bei meinem gestrigen Einkauf in der erwähnten Metzgerei wieder ein, wo die Verkäuferin, nachdem ich ihr die Kundennummer genannt hatte, ein paar Sekunden zu lang auf ihren Monitor schaute, und mich dann mit etwas skeptischem Blick fragte: „Herr Wolf?“ „Ja, genau!“, erwiderte ich, bezahlte, und dachte im Weggehen, dass ich jetzt möglicherweise selber auch noch dazu beitrage, dass sich hierzulande die Überzeugung festigt, es handle sich bei „Pilar“ um einen Männernamen.

4 Gedanken zu “Zwei Zettel

  1. Des freit mi allat fiechtig … Ah, nein, verzeih, ich war heute den ganzen Tag mit Dialektsprechern im Holz, Bäume keilen. Das schwingt noch nach in mir.

    Ich freue mich immer riesig, wenn von dir ein Text kommt. Und dann noch diese Sebald’sche Dokumentation. Schön, von dir zu lesen.

  2. Roswitha

    das ist ja mal ein service, den kenne ich nur von apotheken. die sache mit dem namen auf dem kassenzettel finde ich schön, eine art stilles gedenken. dass der name der mutter immer falsch ausgesprochen oder geschrieben wurde, finde ich ignorant.

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