Skifahren

An wenige Dinge habe ich so schlechte Erinnerungen wie an das Skifahren. Der ganze Zwang, ich bin ja in den Bergen aufgewachsen, jeder musste hier Skifahren lernen, es war gar keine Frage, die Lifte waren praktisch vor der Haustür, aber ich hasste es von der ersten Sekunde an, stürzte, taumelte, rollte mehr bergab als ich je fuhr, am Ende war ich nass, fror, hatte schlechte Laune, und für alle anderen war das das Paradies. Hä? Man musste aber trotzdem da raus, auch wenn man nicht wollte, elterlicherseits wurden Skikurse für mich arrangiert, Winter für Winter, er muss es doch mal lernen, damals fiel sogar der Schnee noch von selber vom Himmel und musste nicht von Schneekanonen künstlich auf den Berg gebombt werden. Ich stellte mich aber hartnäckig blöd an, beim Skiausflug mit der Grundschule stürzte ich, musste von der Bergwacht abtransportiert werden, ab ins Krankenhaus, unglaubliche Schmerzen sind mir erinnerlich, Bänderriss im Knie, wochenlang im Gips, die Qualen, wenn es unterm Gips juckte und ich verzweifelt versuchte, mich da zu kratzen, aber ums Verrecken nicht rankam, selbst die allerlängste Gabel war immer genau den halben Zentimeter zu kurz. Als der Gips endlich abkam, die erste Bewegung, und mir wurde schwarz vor Augen vor Schmerz, das wochenlang unbewegte Gelenk brauchte weitere Wochen, um wieder den Normalbetrieb aufzunehmen.

In der Siebten dennoch, logisch, auf ins einwöchige Skilager am Großvenediger. Für alle in der Klasse der absolute Höhepunkt des Jahres, außer für mich und die anderen paar Hanseln in Gruppe Fünf. Die Gruppen wurden ermittelt durch ein Probefahren am ersten Tag, ich sah sie alle den Hang runterwedeln, aufgrund meines Nachnamens (Buchstabe W) war ich wie immer als letzter dran und stürzte praktisch sofort, kam gar nicht richtig ins Fahren, rutschte schneegepökelt irgendwie ins Ziel, alles klar, willkommen in Gruppe Fünf von fünf. Der Gestank von Skiwachs, abends wenn man dann endlich das dumme Skifahren hinter sich gebracht hatte. Dann gingen die Cracks aus Gruppe Eins nämlich in den Keller und machten sich ihre Ski schneller durch die kunstgerechte Applikation von heißen Wachsen, die man mit Bügeleisen aufzubringen hatte. Mir wars einerlei, denn mir konnten die Dinger gar nicht langsam genug sein. Nur den scheußlichen Gestank des Wachses hab ich noch in der Nase. Überhaupt dieser Kontrast aus der Kälte am Tag, und dann die überheizten, stinkenden Innenräume am Abend. Als das vorbei war, unendliche Freude: Endlich wieder Schule. Lateinbuch, alter Freund, komm her, an meine Brust!

Hatte man das Skilager überstanden, lauerte aber noch der jährliche sogenannte Skiwandertag auf einen, die ganze Schule wurde da auf die Zugspitze hochbefördert, die stickige Luft in der Zugspitzzahnradbahn, du steckst im dicksten Skianzug der Welt und kriegst keinerlei Luft mehr, dann steigst du aus, und stirbst sofort vor Kälte.

Am Skifahren lernte ich, wie das geht, ein Außenseiter zu sein. Irgendwann hörte ich auf, den anderen vorzuheucheln, mir mache dies auch totalen Spaß, auf Brettern, die sich falsch anfühlen, einen viel zu steilen Berg hinunterzurutschen. Verweigerte ab der zehnten Klasse die Teilnahme an diesen bizarren Skiritualen, man wurde dann mit Mathematikunterricht bestraft, die kleine, dicke Mathelehrerin, die auch nicht Skifahren konnte. Mir war das recht. Zum Skifahren ging ich nie wieder.

10 Gedanken zu “Skifahren

  1. Pingback: Links am Morgen | Buddenbohm & Söhne

  2. Roswitha

    dieser bericht gefällt mir, könnte auch von mir sein. auch ich komme aus einer gegend mit viel schnee und hatte keine freude am wintersport. zum glück konnte ich schwimmen, mein element ist flüssiges wasser. warum quält man kinder mit einem sport, der ihnen nicht liegt?

  3. Zum Glück komme ich aus dem (mit Verlaub) pisswarmen Rhein-Main-Gebiet, wo nur alle paar Jahre mal genug Schnee lag, um mit Langlaufski darauf herumzurutschen. In der 8. Klasse gab es zwar eine Skifreizeit (Teilnahme Pflicht), aber zum Glück wurde die erst eingeführt, als ich schon in der 9. Klasse war. Langlauf habe ich gelernt, mit Anschreien und Ohrfeigen, wie es in meiner Familie üblich war. Als ich nach Bayern umzog, habe ich vage darüber nachgedacht, zumindest ein bisschen Langlauf zu machen. Als ich allerdings hörte, wie man im Kollegium über nichtbayerische Anfänger herzog, habe ich mir auch die Teilnahme an den Anfänger-Touren verkniffen.

  4. Klagefall

    Ich fand es demütigend, mit der Fresse im Schnee zu liegen, während die Beine verknotet und wegen der Bretter an den Füßen unbeweglich waren, weil auch diese irgendwo im Schnee feststeckten. Nach dem zweiten Versuch endlich aufgegeben, niemals Spaß daran gehabt. Schlittenfahren fand ich dagegen immer toll, da blieb ein Rest von Kontrollgefühl.

  5. Das Gefühl kenne ich gut. Ähnlich empfand ich, wenn beim Schulsport Fußball gespielt wurde. Skifahren war in Ostwestfalen zum Glück kein Thema, obwohl der Teutoburger Wald dazu durchaus Möglichkeiten bot. Bis heute erscheint es mir vollkommen absurd, in den Skiurlaub zu fahren.

  6. Ich wurde mein Leben lang nicht auf Skibretter gezwungen, was für Flachländlerinnen wie mich ja vielleicht auch keine Kunst ist, und kann den Schnee, der mir nie was getan hat, trotzdem nicht leiden.

  7. Herr Ackerbau

    Meine Eltern hatten keine Lust, uns mit Skiausrüstungen auszustatten, deswegen war ich auch nie dabei. Hat mir nicht leid getan. Gerne wäre ich allerdings in dem Skilager der Siebten dabei gewesen, als der Tatzinger unbemerkt sein Glasauge in die Suppenterrine geworfen hat.

  8. Meine hatten Stahlkanten, und wurden gewachst. Einen Skilift hatten wir nicht, aber viel Schnee. So gab es zwei Möglichkeiten, den Hang hoch zu kommen, seitlich oder in V-Formation. Es hat ewig gedauert, bis man oben war. Und dann kam man irgendwie runter. Ich trug Steghosen, die sehr chic waren, aber auch sehr bald klatschnass. Mit klammen Hosen den Berg hoch? Es war ekelhaft.
    Mit 18 Jahren bin ich also zum letzten Mal einen Hang runter gefahren, dann nie wieder. Im Studium fuhr die Freundesgruppe allwinterlich auf eine Hütte. Ohne mich. Ich hatte ja kein Geld für eine Ausrüstung. Dass ich Stahlkanten hatte, musste ja niemand wissen.

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