Fernsehen

04.12.2020

Ich bin hier in O., die alte Wohnung meiner Mutter, abgeschnitten von allem, kein Festnetz, kein WLAN, Anfang Dezember, es wird früh dunkel, der erste Schnee ist schon gefallen: ich bin zurückgeworfen auf den Fernseher. Ein Gerät, das ich auch zuhause in Berlin habe, dort aber praktisch nur nutze, um mich mit meinem Sohn auf Super Smash Brothers zu verkloppen – „verkloppen zu lassen“ trifft es eventuell noch besser – oder wir schauen mal The Voice of Germany als ganze Familie, große Ausnahme, weil sonst ja eh jeder immer nur in seine eigene Röhre gafft. Jetzt sitze ich hier allein in der bayrischen Provinz und schaue Maischberger. Eine groteske Erfahrung. Die schlafwandlerische Fähigkeit der Moderatorin scheint darin zu bestehen, immer genau dann den Gast aufs penetranteste immer wieder zu unterbrechen und partout nicht ausreden zu lassen, wenn es mich ausnahmsweise mal interessieren würde, was der vielleicht zu sagen hätte. Man achtet strikt darauf, dass wirklich nur die gänzlich inhaltsleeren Phrasen über den sogenannten Äther geschickt werden. Eine gewisse Lockerung tritt ein, als Lauterbach und Kubicki das Studio verlassen, und stattdessen Elke Heidenreich den Sitz einnimmt. Ich will ihr völlig zustimmen, wenn sie wie Maren Kroymann vor ihr, die Kultur als den großen Leidtragenden der Coronakrise benennt. Theater, Kino, Konzerte – wie wichtig das alles sei. Wie schmerzlich, dass wir auf all das jetzt verzichten müssten. Alle stimmen brav zu, Moderatorin inklusive. Und dann, zum Abschluss, werden Elke Heidenreich Bilder von Menschen gezeigt, zu denen sie ganz schnell etwas sagen soll. Erstes Bild: Karl Lauterbach, der vorher selber in der Sendung war. Und Heidenreich verfällt sofort in Lauterbachs rheinischen Tonfall, äfft ihn nach, macht ihn verächtlich. Sinngemäß sagt sie: Er hat bestimmt mit allem recht, was er so sagt, aber ich ertrage den lahmen Singsang nicht, in dem er es sagt, also lehne ich ihn ab. Kurz darauf kommt das Bild Söders, da ist sie fasziniert: Ich traue ihm nicht über den Weg, sagt sie, aber schau mal, wie der schaut! Toll!

Mir schien das in diesem Moment symptomatisch für genau diesen ach so prekären Bereich Kultur / Literatur / Darstellende Künste: Diese Haltung, der Inhalt sei doch ziemlich zweitrangig, Hauptsache die Performance stimmt. Es ist egal, was einer labert, bloß bitte nicht in rheinisch-monotonem Gebetsmühlenton, dann nehm ich lieber den Opportunisten aus Bayern, der hat wenigstens dieses gewisse diabolische Funkeln in den Augen.

Dieses völlig unverhohlene Bekenntnis zur reinen Oberfläche. Als gäbe es dahinter eh nichts. Mich fröstelte. Vor allem auch deshalb, weil Heidenreich selbst als bühnenerprobte Rampensau das natürlich supergut performte, alle lachten, alle liebten diesen Auftritt, der Applaus des nicht vorhandenen Publikums lag förmlich in der Luft.

Lieber würde ich, so wie es früher war, mir im Spätprogramm irgendwelche bizarren Schwarzweissfilme aus den Vierzigern anschauen, der junge Cary Grant, oder die alten Western mit John Wayne, irgendwie sowas, aber dieses Zeug läuft gar nicht mehr, wie ich feststellen muss.

Stattdessen dann Lanz, der in so grotesken Verrenkungen auf der äußersten Kante seines Stuhls nervös hin- und herrutscht, dass man immer meint, er springt den Gast jetzt gleich an, um die richtige Antwort aus ihm rauszuschütteln. Und so redet er auch. Er sagt immer, wie die Dinge sich verhalten, und fordert den Gast im Grunde nur noch zur Zustimmung auf. Völlig irre letztlich, wie er versucht Kühnert zu benutzen, um seine eigene islamophobe Agenda rauszuhauen.

Über Illner habe ich dabei noch nicht geredet, wo Chrupalla und Wagenknecht einander die Bälle zuspielen durften, bitte nehmt mir diesen Fernseher weg, oder zeigt endlich wieder die alten Movies, Terminator, Mad Max, Alien II, egal, ich nehm echt alles, nur bitte keine neue Debatte über die Sinnhaftigkeit der neuen Coronamaßnahmen, die fast genauso wirkungslos sind, wie die Maßnahmen von letzter Woche, und die von vorletzter Woche, und die von der Woche davor, ich kann es nun nicht mehr.

5 Gedanken zu “Fernsehen

  1. Pingback: Gang aus der Schwitzhütte | Zwischen zwei Flügelschlägen

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