Mahlertagebuch, Teil 5

29.07.2020
Es gibt so gewisse Musiker, die verehre ich einfach, und zu denen gehört ganz klar Leonard Bernstein. Mit ihm habe ich diesen Mahlerzyklus hier angefangen, also ist es logisch, dass ich mir Mahlers neunte und letzte vollendete Symphonie auch mit Bernstein und den Wiener Philharmonikern auf YouTube anhöre bzw. -schaue. Die Musik beginnt als Bild reinsten Friedens, aber der Konflikt lässt nicht lang auf sich warten, dann wirbelt sich alles schnell zu einem ersten Höhepunkt hinauf, es ist ein bisschen wie am Anfang: Ich kapiere das System Mahler nicht. Höre es mir dennoch gerne an, auch wenn ich die Logik dieser Musik nicht ganz verstehe.

Was mir wahnsinnig gut gefällt, ist Bernsteins Tanzen. Er dirigiert die Musik nicht nur, er tanzt sie mit, der ganze Körper, nicht nur das Dirigierstäbchen bewegt sich, das macht einen riesigen Unterschied, der Swing, den der Mahlersound ja auch hat, kommt hier viel besser zur Geltung.

Gewisse Totentanzassoziationen, spinne ich, oder höre ich hier auch zitierende Anklänge an die zweite, die Auferstehungssymphonie? Erster Satz schließt in ganz großer Ruhe, als wäre die Symphonie jetzt schon vorbei. Im zweiten Satz geht es dann direkt aufs Land, buchstäblich: „Im Tempo eines gemächlichen Ländlers. Etwas täppisch und sehr derb.“ Wie beim späten Beethoven werden auch beim späten Mahler die Tempobezeichnungen immer eigentümlicher. Aber wird es dadurch auch wirklich genauer? Im Grunde wird doch nur gesagt: Langsamer Dreivierteltakt. Auch hier gefällt mir Bernsteins Dirigierstil wahnsinnig gut. Wieder stellt er das Tänzerische, Swingende in den Vordergrund, wobei das kontrastierende, täppisch vor sich hin Stolpernde immer auch hörbar bleibt. Im dritten Satz die jetzt schon öfter beobachtete, irgendwie hohle Fröhlichkeit bei Mahler. Man scheut sich, hier so unbeschwert mit einzusteigen, ein Abgrund lauert hinter dieser vordergründig lustigen Musik.

Im abschließenden Adagio klingt dann alles nach Abschied. Auch hier wiederholt das Gefühl, als hörte ich zitierende Anklänge an frühere Mahlerwerke, immer nur so ganz kurz angerissen. Dann steigern sich die Streicher in eine Art endlosen choralartigen Gesang hinein, von großem Schmerz getränkt, sehr bewegend. Ganz leise und ruhig klingt diese Neunte aus, ich bin ganz gerührt, es ist vorbei. In den Kommentaren bei YouTube schreibt jemand: „Damn, I miss Lenny.“ Und ein besseres Schlusswort für dieses ganze komische, unnötige, viel zu verschachtelte, und außerdem viel zu lang hingezogene Mahlertagebuch, wird wahrscheinlich nur sehr schwer zu finden sein.

9 Gedanken zu “Mahlertagebuch, Teil 5

  1. Ihr seid ja echt wunderbar, danke für soviel Zuspruch. Ich hab das Beethovenzeug letztes Jahr nochmal durchgesehen und ein bisschen richtung Buch gebürstet, aber irgendwie hat es mir dann selber nicht mehr so richtig gefallen, es ergab kein wirklich stimmiges Ganzes, schien mir, und so hab ich das jetzt wieder fallengelassen.

  2. Hör auf Deine Leute! – Das Lektorat soll das Lektorat machen (in enger Abstimmung mit Dir). Ein Schriftsteller soll bloß schriftstellern. Ein Buch daraus zu machen: dafür sind andere da.

      1. Hm, nein, ich kenne keine Lektoren, aber ich stelle mir vor, dass Du das digitale Format beibehalten könntest, und dann wären drei Berliner Kleinverlage die erste Anlaufstelle: mikrotext, Frohmann, und Sukultur, die ja übrigens – aber das weißt Du vermutlich – alle zweigleisig arbeiten, digital und print. Fragen solltest Du, meint der heute noch katzensittende Meinolf, der Dir viele Grüße sendet.

  3. PS. Es ist immer noch Beethoven-Gedenkjahr (1770-2020), das ließe sich beiläufig erwähnen 😉 Nimm es mir nicht krumm, dass ich einstweilen eine Klassikerin der Popmusik höre, Julia Holter (*1984), und Beethoven und Mahler dafür links liegenlasse.

    1. Ich sage hierzu nur soviel: Frohmann: „Bitte keine Manuskripte anbieten oder schicken.“ Sukultur: „Eingesandte Prosatexte […] sollten eine Länge von 20.000 bis 25.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen) besitzen“ Mein Beethoven, stark gekürzt: 146.153 Zeichen (inklusive Leeerzeichen). Warum soll ich mit einem Manuskript, das ich selber nur höchstens halb gelungen finde, Verlagen hinterherlaufen, die mir klar zu verstehen geben, dass sie meine Sachen sowieso nicht wollen? Ich fühl mich hier im Blog eigentlich ganz wohl, meine Energie investiere ich lieber in Dinge, die nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt sind.

      1. Das wusste ich nicht. Und klar, da hast Du Recht, nicht unnötig Energie vergeuden! Darfst aber auch nicht zu selbstkritisch sein. Du schreibst gut, erkenne das ruhig mal an, Grantler. Wenn Du genauer bestimmen kannst, was Dir selbst an Deinen Texten noch nicht gefällt: mach’s besser!

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