A Christmas Carol

Wir unterbrechen unser musikalisches Programm für eine kurze Zwischenmeldung, und zwar kam ich durch den geschätzten Herrn Buddenbohm darauf, der einige sehr lesenswerte Notizen zum Thema „Notizen“ notiert hat, bei deren Lektüre mir in den Sinn kam, es gebe außer den Garnichtsnotierern und den Allesnotierern auch noch eine dritte Kategorie von Menschen, in welche wie zufällig auch ich selbst zu fallen scheine, nämlich jene fatalen Subjekte, für die das Aufschreiben auch der allerkleinsten Notiz sofort mit dem Aufschreiben der gesamten Geschichte zusammenfällt.

Ich will das kurz erläutern: Auf meinem Telefon findet sich eine Notiz vom 22. Dezember des letzten Jahres mit dem Wortlaut: „Im Zug. Gespräche über Ute.“ Und jedesmal wenn ich über diese Notiz stolpere, halte ich kurz inne, die ganze Szene steigt vor meinem inneren Auge wieder auf, aber seit sieben Monaten habe ich es nicht über mich gebracht, diese Notiz mal kurz in einen Text zu verwandeln, den auch Leute verstehen könnten, die da nicht dabei waren. Mir selber reichte ja das „Im Zug. Gespräche über Ute.“, um alles wieder ganz klar vor Augen zu haben, oder vor den Ohren, um noch genauer zu sein, denn ich sah die handelnden Personen überhaupt nicht, hörte aber sehr gut ihre Worte. Aber von vorn.

Es war – logisch – der 22. Dezember 2019 und ich saß im Zug von München nach Berlin, Großraumwagen. Einige Reihen vor mir begann nun eine Frau zu telefonieren, von der Stimme her zu urteilen vielleicht so circa mitte fünfzig. Da es sich um einen Ruhebereich handelte, die anderen Fahrgäste also alle mucksmäuschenstill waren, konnte ich jedes Wort glasklar verstehen. Es wurde nach und nach deutlich, dass die Frau das Telefonat hauptsächlich aus einem Grund führte, nämlich um zu erfahren: Wo ist Ute? Ihr Gegenüber im Gespräch schien aber genau dieser Frage immer wieder auszuweichen, die Frau wurde gezwungen, über dies und das zu reden, wie das Wetter ist, wie angenehm oder unangenehm die Zugreise verläuft, derlei Dinge. Sie gab auch geduldig Auskunft, kam aber wie nebensächlich, gleichwohl mit gewisser Beharrlichkeit, immer wieder auf die Frage zurück: „Wo ist eigentlich Ute? Weißt du, wo Ute ist?“ Ohne eine befriedigende Antwort bekommen zu haben, beendete sie das Telefonat, rief aber augenblicklich jemand anderen an, den sie nach dem üblichen Vorgeplänkel fragte: „Du, sag mal, ist denn die Ute bei dir?“ Und wieder geschah das Gleiche wie beim vorigen Telefonat, sie musste über tausend Dinge reden, hatte aber auf die Frage nach Ute offenbar gar keine Antwort erhalten, denn nach minutenlangem Smalltalk fragte sie wiederum: „Weißt du denn, wo Ute ist? Ist sie bei dir, oder kommt sie noch?“ Doch auch diesmal konnte die Frage nach Ute offenkundig nicht gelöst werden, weswegen sie noch ein drittes Telefonat führte. Diesmal schien die Person am anderen Ende der Leitung kooperativer, doch leider mit ähnlich wenig Informationen ausgestattet, so dass man sich jetzt in Mutmaßungen erging: Vielleicht nimmt Ute den Zug von A nach B, und fährt dann weiter mit dem Taxi, oder vielleicht könnte ja der X sie abholen – Überlegungen dieser Art. Die Möglichkeit, dass Ute aber vielleicht auch gar nicht auf diese Reise gehen könnte, stand jedoch ebenfalls weiterhin im Raum, und dass alle schon so lange nichts mehr von Ute gehört hatten und niemand so richtig wusste, wo Ute sich aktuell aufhielt, trug offenbar zu großer Verunsicherung bei.

Nachdem die Dame auch dieses dritte Telefonat beendet hatte, erhob sich eine andere Frauenstimme, welche sie ganz ruhig und freundlich darauf hinwies, dass man sich in einem Ruhebereich des Zuges befinde, in dem das Telefonieren eigentlich verboten sei. Die Frau entschuldigte sich umgehend und versicherte glaubhaft, das habe sie gar nicht gewusst mit dem Ruhebereich, es sei ihr furchtbar unangenehm. Da nun aber keine weiteren Telefonate und also auch keine weiteren Aufschlüsse über Ute mehr zu erwarten waren, machte sich eine dritte Frauenstimme vernehmbar, die mit höchster Dringlichkeit fragte: „Aber was ist denn nun mit Ute? Kommt sie denn nun?“ Und die Angesprochene erwiderte ganz leise und, wie mir schien, schon fast den Tränen nahe: „Naja, ich hoffe es! Wir treffen uns doch jedes Weihnachten bei meiner Schwester.“ Und nun wurde es wieder ganz und gar still in dem Ruhebereich, man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können, und fühlte doch in dieser Stille, wie der gesamte Waggon mit der Frau zusammen hoffte, die ganze Sache mit Ute möge bitte gut ausgehen.

Das alles hätte ich damals in dem Zug am liebsten direkt aufnotieren wollen, doch mir mangelte es an Schreibzeug, das einzige, was mir zur Hand war, war das Telefon, auf dem längere Texte zu tippen mir leider völlig unmöglich ist, weswegen ich nur schrieb: „Im Zug. Gespräche über Ute.“ Mit dem festen Vorsatz, diese Notiz so bald wie möglich, am selben Abend am besten noch, solange die Erinnerung noch frisch, auszuformulieren und als Geschichte festzuhalten. Doch in der Folge schien mir durch die fünf ins Telefon getippten Worte offenbar die Pflicht zur Niederschrift schon erledigt, nie schrieb ich die Utegeschichte auf, und oft schrecke ich daher vor den kurzen Notizen zurück, weil ich denke, dieser Gedanke braucht mehr Raum, um sich zu entfalten, wenn ich ihn jetzt in eine kurze Notiz presse, schreibe ich nie das Ganze auf, das wäre doch viel zu schade drum. Und schreibe dann natürlich die extra nicht notierten Großgedanken auch viel zu oft überhaupt nirgends auf. Wenigstens habe ich dank Buddenbohm jetzt endlich mal die Utenotiz verarbeitet und kann sie vom Telefon löschen.

13 Gedanken zu “A Christmas Carol

      1. Ich habe noch einmal lange darüber nachgedacht, über die Sache mit den Tricks, oder eben nicht Tricks. Ich glaube, es ist tatsächlich so (oder jedenfalls ist das ein Teil der Lösung), dass wir während der Erinnerung, die Dinge so arrangieren, dass sie unsere Interpretation mittransportieren. Und wenn das so subtil, aber doch unübersehbar gelingt, wie z.B. in dieser Geschichte, dann ist es ein gelungener Text.

      2. Ja, das ist auf jeden Fall richtig. Eine reine Wiedergabe bloßer Tatsachen ist ja praktisch unmöglich und wäre auch vermutlich stinklangweilig zu lesen. Es ist unmöglich nachzuprüfen, aber wahrscheinlich wäre ich selber überrascht, wie anders damals in dem Zug in Wahrheit alles war, und wieviel ich selbst hinzugedichtet habe, um eine halbwegs stimmige Geschichte draus zu basteln.

  1. auch von hier, also von mir, ein daumen-hoch für diese geschichte. eben dachte ich: es gibt eben dinge, die man sich nicht ausdenken kann. die muss man erleben. 🙂
    interessanter text, vielen dank.
    mal was anderes. da du das andre blog verlinkt hast, war ich dort auch kurz um den entsprechenden artikel zu lesen. hast du den blog im abo und wenn ja, wie machst du das? ich habe dort keine möglichkeit gefunden, wie man ihn abonnieren kann. würde mich freuen, wenn du mir diesbezüglich über die straße helfen könntest. *lach*
    vielen dank.

    1. Ja, seit es den Google-Reader nicht mehr gibt, ist das mit dem Abonnieren ein bisschen schwierig geworden. In den WordPress-Reader kann man nur Blogs stecken, die auch bei wordpress.com gehostet sind. Da Herr Buddenbohm sein Blog selbst hostet, geht das also nicht. Die einfachste Alternative ist jetzt vermutlich, einfach ein Lesezeichen im Browser zu setzen, und dann halt hin und wieder dort vorbeizuschauen und zu sehen, ob es was Neues gibt. Oder, falls du Twitter nutzt, kannst du ihm dort folgen, er verlinkt neue Texte dort verlässlich. Es gibt auch plattformunabhängige Reader, aber mich hat da noch keiner richtig überzeugt und irgendwann habe ich aufgehört, da weiterzusuchen. Ich hoffe, ich konnte helfen…

  2. Pingback: Links am Morgen | Buddenbohm & Söhne

  3. Sehr großartig erzählt. (Und mich wiedererkannt im Notierverhalten ebenso wie im Notizenbehalten bis …).

    Du löschst solch gewichtige Notizen tatsächlich? Hm. Da muss ich jetzt mal drüber nachdenken.

  4. Pingback: Keine Geschichte von zwei Pinseln und warum ich mir Dinge aufschreibe – Sofasophien

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