Out of time

Habe völlig den Bezug zur Zeit verloren. Der April macht nicht mehr, was er will, was er ja eigentlich auch soll, früher hat es da doch immerzu geregnet, jetzt scheint nur noch unentwegt die Sonne, ich kapiere überhaupt nichts mehr. Als der Corona-Lockdown begann, hatten wir nachts noch Minusgrade, jetzt plötzlich herrscht eine Art von falschem Sommer, wieviel Zeit ist seither verflossen, einfach alles erscheint nur noch falsch, die Leute mit der Atemmaske erscheinen mir falsch, die Leute ohne Atemmaske erscheinen mir auch falsch. Die bis unters Kinn hinuntergezogenen Gesichtsmasken, wie soll ich ihre Falschheit beschreiben, neulich vor mir in der Spargelschlange auf dem Markt eine Frau, bestimmt über siebzig, definitiv Risikogruppe, mit ihrer lose ums Gesicht hängenden und schon völlig zerfransten Maske, und dann, als sie endlich dran, also in dem Moment, wo sie in einen sozialen Kontakt hineingeht, sich die Maske endgültig ganz runter zieht und ihre Bestellung aufgibt. Ich sah die Virus-Aerosole nur so durch die Luft fliegen in meinem Kopf.

Heute öffneten die Läden wieder, ich wusste das gar nicht, in den Arcaden, wo in den letzten Wochen alles ganz ruhig war, ganz still, auch in den Lebensmittelläden, die noch offen waren, schien alles den Atem anzuhalten. Heute sind da plötzlich alle Läden wieder auf, sofort wieder ein menschliches Gewusel wie verrückt, Sicherheitsdistanz im Grunde überhaupt nicht mehr zu halten, unser erster Impuls: So schnell wie möglich raus hier.

Meine Paranoia insgesamt immer noch im exponentiellen Wachstum begriffen, auf dem Rückweg vom Schlosspark rempelte mich heute völlig unverhofft von hinten etwas an, ich schrie direkt auf, ein Lebewesen hatte mich berührt, sofort die nackte Panik, bis ich verstand: War bloß ein Hund. Wobei die vielleicht auch als Corona-Taxi fungieren könnten, wer weiß das schon.

In meinem Kopf kreisen die zehn Jahre alten Bilder meines Vaters an der Beatmungsmaschine in der Intensivstation im Garmischer Krankenhaus, kaputte Lunge, da sah ich ihn zum letzten Mal, schrecklich, was für ein Abschied. Als ich zum Rauchen aufhörte, tat ich das unter anderem, um nicht an so einer Beatmungsmaschine zu enden, und jetzt Corona, na toll.

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