Zusammen schreiben

Vor ein paar Jahren fing ich an, Kempowskis Echolot zu lesen, ich hatte die vier Bände über Januar und Februar 1943 halbwegs günstig in einem Antiquariat herumstehen sehen und direkt mitgenommen. Es haute mich so von den Socken, ein kollektives Tagebuch, diese Vielzahl der Stimmen, die Art und Weise, wie das Durcheinandergerede so vieler Texte nicht in Chaos, sondern in ganz transparente Erzählung mündet. Ich brach die Lektüre dennoch nach ein paar hundert Seiten ab, wie so oft, ohne genau sagen zu können, warum eigentlich. Aber eines Tages lese ich das alles doch noch einmal, das wäre mir wichtiger als Prousts Suche nach der verlorenen Zeit.

Ich dachte daran heute wieder, weil jetzt schon überall über die angebliche Unsitte von Corona-Tagebüchern gemault wird, im Feuilleton der FAS gestern, auf Twitter stieß ich jetzt auch schon öfter darauf, während ich mir nur denke, die Leute sollen doch so viel schreiben, wie sie irgend können. Mein ganzes Bloggen habe ich immer als ein Mitschreiben an einem kollektiven Tagebuch verstanden, eine Stimme von vielen. Bei 54 Books schreiben sie, der Begriff eines öffentlichen Tagebuchs mute genauso paradox an wie das Wort „Home-Office“, weil die Trennung des Privaten vom Öffentlichen diese Dinge, also öffentliches Office einerseits, privates Tagebuch andererseits, überhaupt erst konstituiere. Ich halte das für vollkommen falsch, ich habe ziemlich viel in meinem Leben schon über Tagebücher nachgedacht, öfter auch schon hier im öffentlichen Blograum, deshalb, um euch nicht ewig mit demselben Kram zu langweilen, nur ganz kurz: Ein Tagebuch ist eine Schrift, deren Struktur aus der Datierung der Einträge resultiert. Im Normalfall besagt diese Datierung, wann der entsprechende Eintrag verfasst wurde, an welchem Tag, daher der Name „Bratkartoffel“. Wem der Autor Einblick in diese Schrift gewährt, ist absolut seine persönliche Entscheidung, die Idee des privaten, für alle anderen unzugänglichen Tagebuchs mit eingebautem Vorhängeschloss, in welches ich dann Dinge schreibe, die niemand anderer lesen darf, ist für mich eigentlich reinster Kitsch, wenn ich ehrlich sein soll, nützlich bestimmt für Teenager, die ihre erste, heimliche Liebe da verarbeiten. Ziemlich sicher ist jedenfalls öffentliche Lesbarkeit nichts, das einem Tagebuch seine Tagebuchhaftigkeit entreißen würde.

Ich würde im Grunde lieber weiter von Tagebüchern reden als von Blogs, von denen man leider immer noch zuwenig weiß, nicht einmal, ob sie nun Neutrum oder Maskulinum sind, aber die Blogs sind wahrscheinlich wirklich nochmal was anderes. Der von der Blogsoftware automatisch generierte Datumsindex macht etwas anderes mit den Texten als eine die Überschrift ersetzende Tagesangabe. Das Datum der Niederschrift scheint hier weit weniger wichtig zu sein, die Kollektivität hingegen viel wichtiger, die Öffentlichkeit, das Lesen und Gelesenwerden, die Gespräche, Kommentare, Verlinkungen, im Grunde machen wir hier live, was Kempowski erst im Nachhinein extrem mühevoll und aufwendig zusammengestellt hat: Texte, die miteinander reden. Und logisch: Corona betrifft uns alle, auf unterschiedlichste Weise, dem einen wird sein Geschäft zugesperrt, die andere muss im Krankenhaus Doppelschichten schieben, einer verzweifelt am Home-Schooling, der nächsten stirbt die Oma, alle haben irgendwie Panik, das alles passiert gerade gleichzeitig, ich finde es faszinierend, das lesen zu dürfen, also her mit euren Corona-Tagebüchern, lasst euch bloß nicht einschüchtern von diesen elitären Literatur-Bescheidwissern, die jetzt schon mit den Augen rollen und die Nasen rümpfen, genau wie sie es früher mit den Berlinromanen gemacht haben, und die also jetzt schon wieder wissen, dass die Corona-Tagebücher alle scheiße sind, weil einfach viel zu Mainstream. Was da unterschwellig propagiert wird, ist doch auch Literatur (und Kunst allgemein) als reiner Eskapismus: Im allgemeinen Lockdown jetzt endlich mal im Gartenstuhl mit einer schönen Kanne Grüntee Arno Schmidt lesen! Zettel’s Traum. Und überlasst das Schreiben der Romane mal schön den professionellen Romanschriftstellern, die haben schließlich das Handwerk gelernt, die wissen ja gottseidank, wie sowas geht. Ich hoffe, diese schnöseligen Feuilletons mit ihrem blöden Dünkel gehen alle pleite. Zu lesen habe ich dann immer noch genug, da habe ich nicht die geringste Sorge.

12 Gedanken zu “Zusammen schreiben

  1. Roswitha

    Wir sind Zeitzeugen und machen mit dieser Zeugenschaft was wir wollen. Es macht mir Freude, auf dem Marktplatz die gesprayten Markierungen der Ordnungshüter zu fotografieren, ich warte noch auf entsprechende Verkehrszeichen. Das stößt sehr mein Denken an, diese Widersprüchlichkeit in Anordnungen, diese Angst und gleichzeitige Gleichgültigkeit, wenn es nicht den eigenen Stamm betrifft. Ich schaue, staune und fotografiere. Deinen Text finde ich prima!

  2. Pingback: Links am Morgen | Buddenbohm & Söhne

  3. Pingback: Corona Tagebuch – Tag 22 | Au fil des mots

  4. Eben, lieber etwas zusammen schreiben als jemanden zusammenschlagen! (Letzteres ist ja eh angesichts des Infektionsrisikos derweil nicht so zu empfehlen. In ein paar Monaten dann gern wieder.) Wenn jetzt natürlich die Russkis ein Killervirus züchten, das sämtliche Rechner und Netzwerke in unseren Breiten zum Zusammenkrachen bringt, dann haben wir den Salat! Wenn auch vielleicht keinen -kabel mehr.

    1. Es freut mich ganz besonders, dass du etwas mit der Idee anfangen kannst, denn ich dachte dabei vor allem auch an dich und deine wundervolle Kastanienbaumgeschichte, die du vielleicht nie geschrieben hättest, wenn du nicht meine Birnbaumgeschichte gelesen hättest. Die Blogosphäre wurde in den letzten Jahren so oft für tot erklärt, von mir ja auch, aber vielleicht ist es wirklich langsam Zeit, sie wiederzubeleben, die Kollektivität und Vernetztheit wieder mehr zu kultivieren.

  5. Pingback: Zeug*innenschaft statt Rechenschaft – muetzenfalterin

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