Väter und Gezeiten

Eigentümlich unbestimmte Zeitbestimmungswörter: „Siebzehnhundertselbigsmal“ sagte meine Mutter oft. Auch die Redewendung „Matthäi am Letzten“ kannte ich nur von ihr. Seit sie tot ist, höre ich diese Wörter nicht mehr, nur noch in meiner Erinnerung. Keine Ahnung, warum mir das ausgerechnet jetzt wieder einfällt, ich denke ziemlich viel an meine Eltern im Moment. Bin einerseits froh, dass sie tot sind und diesen Corona-Irrsinn nicht mehr miterleben müssen, als Hochrisikoleute am besten noch, mein Vater mit dem COPD, meine Mutter mit dem amputierten Bein, auch immer am Husten, kaputte Lungen nach lebenslangem Rauchen. Andererseits wünschte ich, sie wären da, einfach nur so, unproblematisch. Aber so läuft es nicht. Träumte kürzlich von meinem Vater, ich wollte ihn dazu überreden, dass er eine Atemschutzmaske aufzieht. War natürlich unmöglich, er weigerte sich, so ein Schmarrn, was soll das? Das war schon realistischer. In einem anderen Traum erschien mir Glasers Vater, ich klingelte an der Tür des Glaserhauses, er öffnete, bat mich schweigend ins Haus rein, wir standen in der Werkstatt, alles war ganz finster, draußen Winter, alles verschneit, ganz still. Wir gaben uns wortlos die Hand, dann sagte er: „Was denkst du?“, und ich erwiderte: „Ich denke, man sollte keine Hände mehr schütteln.“ Auch er seit zehn Jahren tot, starb im selben Jahr wie mein Vater, Matthäi am Letzten, manchmal denke ich, das ist ein Datum, das bereits vergangen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s