Zurüstungen

Endlich Wochenende, nach dem Abholen Familienkonferenz mit den Kindern, was wollt ihr essen: Tiefkühlpizza! Für mich mittlerweile wirklich komplett unessbarer Fraß, aber wenns die Kinder so freut, also machte ich mir meine allen anderen nur verhassten Krautfleckerln und schob währenddessen den Kindern ihren Fertigfraß, den ich mich weigere, Pizza zu nennen, in den Ofen. Trotzdem dann auch noch fertig geworden mit Saša Stanišićs „Herkunft“, was mich streckenweise begeisterte, vor allem der Mittelteil, wo er in Deutschland ankommt, die ARAL-Tankstelle als ultimative Integrationsbehörde, das war wirklich fantastisch erzählt. Am Ende fasert es leider aus, musste an Rayuela denken, das vom Autor gewollte Rumblättern im Buch, sowas funktioniert nie, es ist ähnlich aussichtslos wie der Kampf der Postdramatiker gegen die Guckkastenbühne: der Kampf des Romanschreibers gegen das ganz normale Umblättern. Ich weiß immer nicht, was an beidem eigentlich so schlimm sein soll. Weder will ich als Zuschauer im Theater zum Mitspielen gezwungen werden, noch verstehe ich, warum ein Autor mir am Ende von Seite 23 sagt, ich solle jetzt auf Seite 251 weiterlesen, dann kann er den jetzt folgenden Text doch lieber gleich auf Seite 24 legen, so wäre es für alle leichter. Die Jugoslawienbücher von Handke sind auch mittlerweile angekommen, liegen bleischwer herum, mit sofort natürlich aufgeklebtem Sticker „Nobelpreis 2019“, ich lass mich immer so fertigmachen von den Typen, die sagen: Du hast doch den Handke gar nicht gelesen, wie kannst du ihn verurteilen! Und so zwingt dich der Typ, ein Buch zu lesen, das du von Anfang an schon hasst. „Winterliche Reise“, welche Anmaßung schon im Titel, sich den Schubert da so einzuverleiben, einem ewig gültigen Kunstwerk wie der „Winterreise“ seine blöd politischen Zwecke aufzustülpen. Dabei habe ich ja Handke gelesen, Versuch über den geglückten Tag, Wunschloses Unglück, Kurzer Brief zum langen Abschied. Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter war das beschissenste, langweiligste, wirklich inhaltsloseste Buch, das ich je gelesen habe, ich stand vollkommen ratlos vor diesen Buchstaben damals, als junger Leser, der sich wer weiß was für ewig gültige Weisheiten von der Literatur erwartete. Als später die Debatte um seine Jugoslawientexte aufbrandete, war ich schon lange weg von ihm. Ein berühmter Autor, klar, aber mir sagte das alles nichts. Mich interessierten aber auch diese Balkankriege als solche nicht, ist doch weit weg, hat nichts mit uns zu tun, uns, von welchem uns redet der Mensch, der ich einmal war, es macht mich heute fassungslos, mit welchen Scheuklappen ich damals durch die Welt rannte.

Später sah ich ein Stück von Handke im Burgtheater, eine Wienreise mit meinem Vater, da war Kultur angesagt, jeder Tag durchgeplant, Oper, Burg, Akademietheater, Musikverein, Handke geht da natürlich klar. Das Stück war so schlecht, ich sehe uns noch in der Pause mit unserem Glas Sekt rumstehen und Ratlosigkeit bekunden, wie keiner sich aber traut zu sagen: Komm, lass uns lieber gehen, das wird nichts mehr. Als mein Vater es dann aber doch sagte, war ich es, der zum Durchhalten aufrief, nach der Pause der Zuschauerraum schon halb geleert, was auf der Bühne verhandelt wurde, verstand auch nach der Pause niemand. Das waren Handkes „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“, zwischen meinem Vater und mir wurde das nach diesem fürchterlichen Theaterabend zum geflügelten Wort, noch Jahre später bestellten wir im Wirtshaus Biere, um uns zur Unsterblichkeit zu zu rüsten, einmal überwies er mir ein Geld, Verwendungszweck: Zurüstung. Da lachte ich hell am Kontoauszugsdrucker.

6 Gedanken zu “Zurüstungen

  1. Pingback: Im Auto im Regen vor einem Container | Buddenbohm & Söhne

  2. Loony McMarschall

    Bei Buddenbohm & Söhnen ein Kommentar, der mit großer Wahrscheinlichkeit hierher gehört:

    „Letzter Satz Zurüstung: da war der Handke doch direkt nützlich! Gut, muss er ja nicht sein. Schwebt doch viel zu hoch, daher habe ich ihn damals auch wieder beiseite gelegt wegen überbordender Langeweile.

    Mit den großen Preisen ist es ohnehin immer so eine Sache. Mal abgesehen von der politischen Ebene, die aber auch nicht allein auschlaggebend sein darf – schließlich wäre uns in der Kunst vieles entgangen. Aber von mir hätte er den Nobelpreis jedenfalls nicht bekommen! Wegen seiner unsäglichen Äußerungen und Haltung zu Milosevic ist er sozusagen “unterdurch“.

    Buchpreis für “Herkunft“ von Stanisic: habe ich gelesen wegen gefühlter Verpflichtung, mitreden zu können. Was soll ich sagen, ganz subjektiv (geht ja nicht anders) zu 3/4 wieder Langeweile. Zwar entspricht der Inhalt dem Titel, aber mir war es dann doch etwas zu viel des “um sich selber kreisens“.
    Grundsätzlich gönne ich natürlich den Autoren den warmen Geldsegen, auch wenn ich sicher bin, dass viele Leser andere Favoriten hätten.“

    Diese Deplatzierung ist ein wunderbar lockerer Kommentar zur Verwilderung der Blogosphäre, finde ich.

    (Auf welchem Blog feuere ich ditte hier eigentlich ab?)

    1. Hm, wer entscheidet schon, was wo hin gehört, sie hat es bei Buddenbohm geschrieben, also gehört es vermutlich dorthin, ich bin ja froh über alles, was in dieser Blogosphäre überhaupt noch stattfindet. Na gut, ok, nicht wirklich über ALLES, aber statt Verwilderung stelle ich doch vor allem Verarmung und Verödung fest in den letzten Jahren, also hau doch selber auch mal wieder in die Tasten, die Welt wartet auf Marshalls MacLooney Tunes…

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