Dichte Lesung

Gestern die Lesung im POP von Mattheis, er las Gedichte, wurde begleitet von einem Gitarrenspieler, eine seltsame Veranstaltung, fast genau die gleichen Leute im Publikum wie vor drei oder vier Jahren, als der Plattenladen noch woanders, damals rauchte ich noch und er schrieb noch Prosa, jetzt in der Yorckstraße, gegenüber eines übergroßen Möbelcenters. Mattheis’ Gedichte sehr traurig, deprimiert, von unterkühlten Eltern handelnd, verfehltem Leben, unendliche Traurigkeit, die sich oft im letzten Vers noch ins Witzige, Ironische zu retten versucht, aber mich hat das echt erschüttert, auch diese Bejahung der Kälte: Die Kälte ist der Gott der Geistesmenschen, hieß es einmal sinngemäß.

Nach der Lesung zogen wie auf Knopfdruck alle ihre bereits vorgedrehten Joints hervor, in Minutenschnelle verwandelte sich der winzige Plattenladen in eine vollvernebelte Räucherkammer, ich hielt es fast nicht aus, aber weil ich den Mattheis auch so selten nur sehe, man holte sich Bier vom Bäcker an der Ecke, also ich immer wieder rüber, redete mit Meinolf, der natürlich auch da war, über Literatur, über Handke, über Jazz. Nachdem er weg war, grotesker Zusammenstoß mit einem offensichtlich Wahnsinnigen, da konnte ich schon kaum noch atmen, Mattheis und ich waren jetzt die einzigen in dem Raum, die nicht rauchten oder kifften, meine Atemwege rebellierten, ich soff das Bier schneller, um möglichst bald wieder rüber zum Bäcker zu dürfen, ein bisschen Luft zu schnappen auf dem kurzen Weg zum nächsten Bier. Ein Typ fragte mich ungläubig, ob ich die Mattheisromane wirlich gelesen hätte, freiwillig, ich bejahte das, meine Güte, ich bin doch quasi der unbezahlte Lektor dieses ungelesenen Schriftstellers, es war alles so deprimierend, und dazu der immer noch dichter werdende Rauch, die immer noch lauter aufgedrehte Musik, ich konnte irgendwann nicht mehr so laut schreien, um meine komplett glasklar unterkühlten Gedanken an irgendwen ran zu kommunizieren, musste praktisch flüchten.

Nächsten Tag Kopfweh wie verrückt, der Rauch, so viele Biere waren es ja gar nicht. Als wir später rausgehen, schnuppere ich an der Jacke, denke sie riecht nach Aschenbecher, verzieh schon das Gesicht, bis mir einfällt: Die Jacke hatte ich ja gestern gar nicht an, das war ja die andere, so voll von Paranoia renne ich schon durch die Gegend mittlerweile. Mittagessen im Kantini unessbar, um uns rum nur Schnösel, im Saturn will ich ein MIDI-Kabel fürs Klavier kaufen, aber der Typ versteht die ganze Zeit „Medi-Kabel“, auch der zweite und der dritte, im ersten und im vierten Stock, alle haben noch nie was von einem MIDI-Kabel gehört, tun aber so als wüssten sie total Bescheid und verweisen auf den jeweils Nächsten. Den Satz: „Das gibt es hier nicht“, muss der Kunde schließlich selbst aussprechen.

2 Gedanken zu “Dichte Lesung

  1. Was ist schlimmer als nicht mehr zu rauchen und pltzl findet man sich wieder in altbekannten Kiff- und Saufsituationen und die Leute um einen herum tun so, als hätte sich nichts verändert im Leben- na ja, schön, es gibt schon noch eine Reihe von anderen schlimmen Dingen, aber Rauch im Haar und an der Jacke und nicht mehr rauchen schon seit Jahren IST DEFINITIV BÖSARTIG.

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