Wetter und Zeit

29.06.2019
Seit zwei Tagen in Oberammergau. Wetter zu heiß, eigentlich wollten wir hierher zur Abkühlung. Gestern Romanshöhe, um die Bergschuhe mal vorsichtig einzulaufen. Wir sahen ein Reh, aufgeschreckt von einem Raubvogel, was mich sofort in Verzückung versetzte. Auf der Romanshöhe fragte mich die Hildegard nach meiner Tante Monika, welcher Jahrgang die gewesen sei. Ein 45er, erwiderte ich, und sie darauf, ganz versonnen: „So, so, dann waren wir wirklich nur ein Jahr auseinander.“ Die Zeitverschränkungen überwältigten mich in dem Moment, da meine Kinder neben mir saßen und mich fragten: Woher kennst du denn die Kellnerin hier? Und ich wahrheitsgemäß erklärte, die Hildegard, die sei einfach schon immer hier heroben die Wirtin gewesen, solange ich denken könne, und sich dann im mehr oder weniger selben Moment ergibt, dass sie meine Tante, die ich nie kennengelernt, die lang vor meiner Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, mit eigenen Augen gesehen und gut gekannt hat.

Auf der Not noch vier ganz kleine Schneeflecken zu sehen, letzte Reste. Der von mir beobachtete Rekord, dass am 1. Juli noch Schnee dort zu sehen war, ich glaube 2001 war das, wird auch dieses Jahr nicht eingestellt werden. Wäre bei der Affenhitze auch verwunderlich. Am Thaneller, den wir heute vom Plansee aus sehen konnten, dagegen noch ganz viel Schnee, man glaubt fast, danach greifen zu können.

Beim Bäcker heute morgen stieß ich auf den S., verfluchte ihn innerlich sofort, musste natürlich höflicherweise kleinen Small Talk halten, bist du auch mal wieder am Ort, fragte er. Naja, dachte ich, wie sieht es denn aus, ich bin doch kein Gespenst, was soll man denn da sagen, und was bedeutet überhaupt dieser Ausdruck „Am Ort“, ich musste direkt an Bernhards „Am Ortler“ denken, was mich natürlich in diesem quälenden Minigespräch keinen Zentimeter weiter brachte. Die absolute Griesgrämigkeit und offen ausgestellte Missgelauntheit, der unbedingte Wille zum Schlechtdraufsein bestimmt hier generell die Gemüter, war heute morgen aber am grauen Gesicht des selbstverständlich Zigarette rauchenden S. nochmal besonders exemplarisch zu studieren.

30.06.2019
Schon mitten in der Nacht mit quälenden Kopfschmerzen erwacht, Tablette eingeworfen, und dennoch morgens immer noch kaputt, erschöpft, dröhnender Schädel. Es muss die Hitze sein, das Wetter, ich bin wie neben mir. Versumpften dann dementsprechend fast den ganzen Hitzetag nur dümpelnd in der Wohnung. Nur nachmittags kurz raus zum Eisessen, zeigte auf dem Weg den Kindern meine alte Schule und das Grab der Ur-, Urur-, und Urururgroßeltern. Was immer ich ihnen hier zeige, mir kommt vor, als zeigte ich nur mir selber diese Dinge, den Kindern ist all dieses Zeug vollkommen gleichgültig, und so muss das ja auch sein: unbelastet von den Tonnen von Geschichte muss man voran ins Leben gehen.

01.07.2019
Ich hatte Unrecht: Zwei letzte Schneeflecke auch heute, am ersten Juli, noch auf der Not, Rekord von 2001 mindestens eingestellt, mal schauen, wie es morgen aussieht. Heute Wettersturz, Gewitter und Regen, waren Schwimmen im Wellenberg, für mich allein deswegen schon ein erleichterndes Ereignis, weil J. endlich auch mal bei irgendwas Spaß hat.

02.07.2019
Kontrolle der Schneeflecke unmöglich, da Not zur Stunde in Nebel gehüllt. Hatten lange geschlafen, erst um 11 kletterte J. als letzter aus den Federn. Angesichts dessen und des indifferenten Wetters entschieden wir uns noch einmal fürs Dreistundenticket im Wellenberg, von 14 bis 17 Uhr, eigentlich ideal. Am Parkplatz kam es zu einer Szene, die mir sofort wieder als absolut typisch für die Geisteshaltung der hier lebenden Menschen erschien: Zwei ältere Damen regten sich darüber auf, dass das Parkticket jetzt drei Euro, statt bisher nur einen Euro kostet. Wie die Derwische tanzten sie über den Asphalt. In ihrer Empörung wandten sie sich an mich, wollten, dass ich einstimme in ihr Wutgeheul. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich gestern schon hier war und daher weiß, dass sie an der Kasse des Wellenbergs gegen Vorlage der Quittung zwei der drei Euro auf den Eintrittspreis angerechnet bekämen, somit summa summarum also alles beim Alten geblieben wäre. Aber sie hörten mir nicht zu, ich konnte förmlich sehen, wie in dem Moment, wo sie merkten, dass ich nicht mit ihnen losschimpfe und irre Flüche gegen die verrückt gewordenen Preiserhöher ausstoße, ihre Ohren zugingen, sie nichts weiter von mir wissen wollten, schon gar nichts, was eventuell die Wut und die schlechten Gefühle von ihrer Seele wieder runternähme. Denn sie brauchen das für ihr Selbstverständnis, diese absolute Negativität des Denkens und Fühlens, die sich von der Mürrischkeit der Berliner nochmal spürbar unterscheidet, ich kann bloß noch nicht genau beschreiben, worin dieser Unterschied eigentlich besteht. Dazu muss ich die Berliner Mürrischkeit noch länger untersuchen, die mir ja immer noch fremd und oft völlig unverständlich ist. Die schwarze Farbe, mit der hier im Gebirg die Leute ihre Seelen auspinseln, ist mir hingegen allzu gut vertraut.

Im Bad dann wieder schön. In meiner Kindheit war ich nur so selten hier, weil wir das Bruckengras hatten, und eigentlich ahne ich erst jetzt, was ich da möglicherweise verpasst habe, ein wirklich wunderbares Schwimmbad, mit der Kombination aus drinnen und draußen für jedes Wetter ideal geeignet, das Bergpanorama, einfach fantastisch. Seit Jahren will die Gemeinde dieses Bad zusperren, da es nur rote Zahlen schreibt, nur geballter Bürgerwiderstand hält diese wunderschöne Schuldenmaschine weiter am Laufen. Eigentlich müsste das eine Goldgrube sein, ich verstehe es nicht, wo versickert hier fortwährend das Geld?

03.07.2019
Tag aus Papier. Für morgen der Plan, endlich den Laber zu besteigen, Wetter sollte ideal sein, nicht zu heiß, aber auch nicht regnerisch, bloß schmerzt seit zwei Tagen mein linker großer Zeh auf mysteriöse Weise. Habe beschlossen, das zu ignorieren und trotzdem auf jeden Fall loszugehen. C. freut sich so aufs Bergsteigen, wir müssen da jetzt einfach irgendwie rauf.

04.07.2019
Zurück vom Laber. Bin immer noch völlig von den Socken, dass wir das wirklich geschafft haben. Morgens klingelte schon der Wecker nicht, kein gutes Omen, mein Plan war ja, so früh wie möglich loszugehen, um die Frische des Morgens noch am Berg zu haben, so verzögerte sich alles um eine Stunde, aber egal, beim Bäcker noch schnell Brezen geholt, gegen den Zehschmerz ein Ibuprofen reingepfiffen und los. Muss fast zwanzig Jahre her sein, dass ich zuletzt hier raufgegangen bin, aber war sofort wieder verliebt in das langsame Steigen, durch den Wald hinauf, und über die Wiesen. Die Blumen und Schmetterlinge. Die Stille, Abwesenheit von Motorenlärm, Gezwitscher der Vögel. J., der auf dem Weg zur Romanshöhe noch so schwierig gewesen, ging fast immer voran, war unser Bergführer, oft kam ich selber nicht so schnell hinterher, musste ihn zur Langsamkeit anhalten. Es gibt wirklich nichts Schöneres, als hier oben am Berg zu sein. Unterhalb der schon zum Greifen nah scheinenden Bergbahnstation dann nach rechts rüber, bis zu den Schartenköpfen, und der für mich einfach immer total magische Moment, wenn man den Grat erreicht und zum ersten Mal auf die andere Seite des Berges hinunterschaut. Dort war ein Seil gespannt, eine Art Slackline gigantischen Ausmaßes, über einen tiefen Abgrund hinweg, rüber zu einer einsam aufragenden Felszacke. Am andern Ende waren zwei Seiltänzer offenbar mit den Vorbereitungen zur Überquerung beschäftigt, aber uns wurde schwindlig vom bloßen Hinschauen, und ausgerechnet jetzt kamen die etwas diffizileren Kletterpassagen. Aber die Kinder gingen da ab wie die reinen Gemsen. Mir schmerzte irgendwann die Hüfte, und C. stieß den Fluch aus: Wo ist denn nun endlich diese verdammte Bergstation, da sahen wir genau in dem Moment die rettende Mobilfunkantenne über die Fichtenwipfel hinausragen und waren praktisch schon am Ziel. Oben dann alles voller Seilbahntouristen, ganze Gruppe von spanischen Jugendlichen, kurz drauf noch Mengen Bundeswehrler in Uniform, wir aßen Schnitzel, Spaghetti, Wurstsalat, jeder was er wollte, Eisschokolade hinterher, ich war so happy, erlaubte alles, mir selber auch zwei Bier. Noch ein Selfie, dann mit der Bahn wieder runter. Großes Glück, den Rückweg dergestalt abkürzen zu können. Zu Fuß den letzten Rest des Weges heim. Laber und Aufacker sind wirklich hier unsre Hausberge, wo man gar kein Auto oder Fahrrad braucht, sondern direkt von der Haustür loslatscht bis rauf zum Gipfel. Dieses Privileg, die Berge so unmittelbar vor der Tür zu haben, das mir als Kind und Jugendlichem, als ich hier noch tagtäglich lebte, völlig egal war, verstehe ich erst jetzt, wo ich weg bin. Neulich radelte ich im Traum einmal nach Spandau, und plötzlich waren da wundervolle Berge. Toll, dachte ich im Traum, dann kann ich ja da rauf steigen, und wachte auf.

05.07.2019
Tag im Schwimmbad. Die Kinder haben keinerlei Muskelkater, die gestrigen Strapazen scheinen für sie schon völlig vergessen, wie ein fern Vergangenes. Ich hingegen konnte morgens kaum aufstehen, humpelte mühsam die Treppe rauf, erst im Lauf des Tages kam ich langsam wieder halbwegs in die Gänge. Schwimmen natürlich das ideale Gegenprogramm zum Bergsteigen: Ist das eine ein reiner Kampf gegen die Schwerkraft, so ist das andere die Illusion der Aufhebung derselben, ein leichtes, gewichtsloses Gleiten im Wasser. Ein letzter, winzigster Schneerest schien mir heute morgen noch auf der Not erkennbar, jetzt, am Abend, sehe ich nichts mehr.

Als wir vom Laber gestern heimkamen, lag vor der Türe ein Paket voller Bücher, geschickt vom Guggerutz. Zum verabredeten Simon Strauss hatte er noch zwei Überraschungsbücher dazugelegt, die natürlich wie immer interessanter schienen als das schon Erwartete. Ich fing direkt an mit Ferdinand von Schirachs „Kaffee und Zigaretten“, mochte sofort die offene Form, die irgendwie lose aneinandergereihten, kurzen Kapitel, die sich thematisch immer mal wieder leicht berühren, aber nie so einen strengen Sinn von einem hermetischen Ganzen verströmen. Diese Leichtigkeit, auch bei den schweren Themen: Tod, Endlichkeit, Sinnlosigkeit aller menschlicher Bestrebungen, gefiel mir gleich, las es heute schon zu Ende. Hatte vorher noch nie was von Schirach gelesen, und hätte mir wahrscheinlich niemals selber eines seiner Bücher gekauft. Morgen fange ich dann mit dem Strauss an, an den ich ebenfalls nur die allergeringsten Erwartungen herantrage. Gut an den Guggerutzschen Büchern ist, dass sie alle so schön dünn sind.

06.07.2019
Idee des heutigen Tages war eigentlich, den Tag mit meiner Schwester zu verbringen, weswegen wir, obwohl das Wetter ideal gewesen wäre, Aufacker oder Hörnle hintan stellten, und stattdessen im Tal zur Ettaler Mühle wanderten, um sie dann dort zum Mittagessen zu treffen. Als wir ungefähr beim Frauenwasserl waren, kam die SMS: „Muss umkehren, hab Herd angelassen.“ Tatsächlich, wie sie später noch präzisierte, hatte sie einen Topf mit kochenden Kartoffeln auf dem Herd stehengelassen, die Wohnung verlassen und sich aufgemacht, nach Oberammergau zu fahren. Erst auf der Autobahn fielen ihr die Kartoffeln wieder ein, als sie heimkam, war gerade noch ein Hauch von Wasser unten im Topf. Ungefähr zeitgleich mit diesen Nachrichten, wurde C. von einer Biene in den Fuß gestochen, ich zog zu spät den bereits leergepumpten Stachel raus und sie humpelte unter Schmerzen weiter bis zur Mühle, wo man sie sehr nett und hilfsbereit verarztete, und dann sogleich mein Handy von unbekannter Nummer bimmelte: Meine Tante, die ihr Telefon zuhause vergessen und mich nun per Handy einer Freundin wissen lassen wollte: Sie sei jetzt da. Sie hat so eine Art zu fragen: Wo seid ihr gerade?, und dann direkt weiterzureden, ohne die kleinste Pause, die einem die Gelegenheit gäbe, vielleicht auf diese eigentlich ja sehr konstruktive Frage auch mal kurz zu antworten, um eventuell die Terms und Conditions einer möglichen Begegnung entscheidend weiter Richtung Klärung fortzutreiben. Fast ein Wunder, dass wir es später doch noch schafften, uns zu sehen, wir tranken ein Bier auf der Terrasse, kurz nachdem sie weg war, setzte der Regen ein.

07.07.2019
Beim Duschen heute die plötzliche Eingebung, warum das Sterbebuch in der geplanten Form für mich nicht schreibbar war: Falscher Ansatz. Ich sah die neue Struktur plötzlich glasklar vor mir: Nicht Trennung, sondern Verschränkung der zeitlichen Ebenen.

Seltsamerweise war der Gedanke ausgelöst durch die mich langweilende Lektüre von Strauss’ „Römische Tage“. Ich dachte, der Strauss irrt da so durch Rom und sehnt sich geradezu nach dem ganz besonders schicksalhaften Ereignis, damit er einen Stoff zum Schreiben kriegt, stolpert aber im Grunde nur über relativ Triviales. Und ich hatte umgekehrt diese für mich sehr heftige Erfahrung des Sterbens meiner Eltern, und zuckte immer davor zurück, ob ich das in öffentlich lesbarer Schrift überhaupt ausbreiten dürfe. Ist nicht der Tod auch etwas sehr Privates? Darf man das einfach so beschreiben, schildern, preisgeben? Besonders da der Tote selber sich ja nicht mehr wehren kann, auch nicht sagen kann „der eine Satz hier, der geht wirklich zu weit, den streich mal lieber wieder…“, muss hier der Schreibende selber die volle Verantwortung für die Persönlichkeitsrechte auch der Toten übernehmen.

08.07.2019
Seit wir hier sind, fragt J. immer wieder, wieviele Tage es noch bis zu seinem Geburtstag seien, überlegt hin und her, was er sich wünscht, was er sich nicht wünscht undsoweiter, und erst heute morgen begriff ich, wie er da überhaupt draufkommt: Der Geburtstagskalender an der Innenseite der Klotür, der da hängt seit Jahr und Tag, den ich schon lange nicht mehr wirklich wahrnehme, und in den meine Mutter als letzte Hinzufügung mit schon deutlich wackeliger Handschrift, dafür mit etwas dunklerem, markanterem Stift, J.s Geburtstag eingetragen hat, dessen Name daher sichtbar hervorsticht unter all den anderen, von denen jetzt auch schon ziemlich viele nicht mehr leben, viele auch, von denen ich nicht weiß, existieren sie noch?

Ganzer Tag Dauerregen, wir ab Mittag wieder im Schwimmbad, Kinder meistenteils am Rutschen, bis sie von einer Lautsprecher-Lady angeschimpft wurden: Falsches, nicht ordnungsgemäßes Rutschen wurde moniert. Das Rutschen sei jetzt Scheiße, sagte J., und was ein Schwimmbad überhaupt solle, in dem man gar nichts machen könne außer Schwimmen? So gingen wir heim.

09.07.2019
Wetter wieder besser, kein Regen mehr, aber bedeckt. Gingen nochmals auf die Romanshöhe, mit der Labererfahrung im Rücken jetzt deutlich schneller unterwegs. Am Rückweg vorbei an der Schnitzschule, wo wir kurz stehenblieben und die im Garten aufgestellten Skulpturen betrachteten. Manche ganz neu, man glaubt das frisch verletzte Holz noch riechen zu können, andere vom Wetter und der Zeit schon ganz ins Grau hinüberverwittert, zerfurcht von tiefen Rissen. Das liebe ich so am Holz als Rohstoff der Kunst, dass das Material so sichtbar weiterarbeitet, wenn der Künstler lang schon fertig, sich längst vom scheinbar fertigen Werk weggewandt hat. Auch die Skulpturen am Altherrnweg, an denen ich oft vorbeilief, als meine Mutter im Sterben lag und ich so viel Luft brauchte, nach Stunden im stickigen Krankenhauszimmer nur draußen herumlaufend es noch aushielt, sehen jetzt ganz anders aus als damals. Nicht unbedingt schlechter. Wetter und Zeit sind unterschätzte Künstler.

10.07.2019
Gemütlich ausgeschlafen, dann mit den Kindern rauf aufs Hörnle, von der Kappel losgehend, stressfrei, langsam, mit vielen kleinen Pausen, wie es so unsere Art ist. Ein gänzlich anderer Berg als der Laber vom Charakter her, ich achtete penibel auf den Weg, da ich mich letztes Mal ja auf dem Rückweg so saublöd verlaufen hatte und einen riesen Umweg gehen musste. Der Aufstieg zog sich länger, als ich in Erinnerung hatte, die Kinder leisteten Unglaubliches, den letzten Stich, steil rauf über holpriges Wurzelwerk, hätte ich selbst fast nicht mehr gepackt. Früher, als ich noch geraucht habe, war es immer die Atmung, die schlapp machte am Berg. Ich röchelte, hechelte, hustete und bekam irgendwann einfach nicht mehr genug Luft in den Körper rein zum weiterlaufen, musste pausieren, bis die Lunge sich wieder beruhigt hatte. Jetzt, nach annähernd drei Jahren als Nichtraucher, ein völlig anderes Bild: die Atmung läuft eigentlich ruhig, aber der Bewegungsapparat als solcher macht irgendwann nicht mehr mit: die Hüfte, der Rücken, die Knochen und Muskeln melden alle: Autsch, aua, bitte aufhören. Oben dann aber sehr schön, Einkehr auf der Hütte mit Russenhalbe und Kaiserschmarrn, plötzlich rasten Horden von Kühen über die Hügelkuppe des Vorderen Hörnles und trugen direkt vor unserer Nase ihren Stress aus, beruhigten sich aber auch schnell wieder und grasten weiter, als wäre nichts gewesen. Wir dann noch aufs Vordere rauf, fantastischer Rundblick vom Wetterstein bis fast bis München. Der Abstieg dann das, was wir uns beim Laber dank Gondelbahn erspart hatten. Immerhin verliefen wir uns nicht. Ich wusste noch ziemlich genau, wo ich beim letzten Mal den Weg verloren hatte, und passte hier doppelt gut auf. Endlich an der Kappel wieder angelangt, waren wir vollkommen erledigt. Das Schöne an der Route ist, dass kaum einer da unterwegs ist, wir begegneten vielleicht fünf Leuten. Ist man dann oben, fragt man sich, wo die ganzen Leute, die da in und um die Hütte wie die Bienchen emsig herumwimmeln, eigentlich alle herkommen. Die meisten fahren wohl mit der Bahn rauf. Nächstes Ziel wäre: die Einsamkeit eines von Gondelbahnen gänzlich unerschlossenen Berges zu genießen. Schaffen wir aber diesmal nicht mehr. Telefon sagt: ab morgen Dauerregen.

11.07.2019
Regen.

12.07.2019
Regen.

13.07.2019
Streit.

14.07.2019
Koffer packen, Wohnung aufräumen, Glotze und Super Mario.

15.07.2019
Tag im Zug: Murnau, München, Berlin. Große Freude. Zurück daheim.

2 Gedanken zu “Wetter und Zeit

  1. Klagefall

    Ganz genau: Wir müssen diese Orte zeigen und den Kindern dürfen sie egal sein. Ich war beim Lesen sofort in dieses Gefühl zurückversetzt, das ich selbst beim Gezeigt-Bekommen und später beim Zeigen hatte. Du hast das so gut getroffen!

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