Fakes und Klicks

Auf das Blog „Read on my dear“ wurde ich aufmerksam, weil plötzlich meine Klickzahlen explodierten, das muss so ungefähr vor einem Jahr gewesen sein: Frau Read On hatte einen Text von mir verlinkt. Da staunt man natürlich immer als so ein Kleinblogger wie ich, was andere für eine Reichweite, für einen Impact haben, und schaut sich das an, will wissen, wer das ist, die einen da so gut und lesenswert findet, man fühlt sich geschmeichelt. Ich fand das dann aber eher nicht so interessant, was es auf „Read on …“ so zu lesen gab, irgendwie alles so vage, unklar, ungreifbar. In ein ungefähr Poetisches entrückt, einerseits, dann aber doch auch wieder recht konkret: Es wurde schon ganz klar, dass die Autorin Jüdin ist und von Überlebenden des Holocaust abstammt. Das suggerierten diese Texte auf vollkommen klare Weise, da funkten nicht die geringsten Signale, die das in Richtung Fiktion gedeutet hätten. Diese Texte sagten sämtlich, soviel ich davon las: Hier spricht ein echter Mensch in ein bisschen lyrischer Sprache über sich selbst, seine Erinnerungen, Erfahrungen, seine Innenwelt und Außenwelt.

Sie verlinkte mich noch ein paarmal, ich folgte ihr auf Twitter, war schon neugierig: Wer ist das? Aber ich wurde nicht wirklich schlau aus den Texten, alles war so lang, triefte von einer gewissen Getragenheit, ein Tierarzt trat auf – der Lebensgefährte? – starb dann – Woran eigentlich? – dieser Tod schien erst so einschneidend für das Leben der Autorin, und dann ging es doch eigentümlich schnell und ungerührt darüber weg und bloggte sich wieder durch ganz andere Themen, ich weiß auch nicht, mir kam das alles da schon ziemlich seltsam vor. Jetzt, da rauskam, dass sie mehr oder weniger alles sich nur ausgedacht hatte, dachte ich zurück an den Fall Alea Torik, die in Wirklichkeit ein Mann war, und den ganzen Mummenschanz dann als megaphilosophisches Experiment der Hinterfragung von Identitäten verkaufte. Heute redet schon lange kein Mensch mehr davon, damals lief die Blogosphäre kurzzeitig heiß. Zum Spiegelartikel reichte es für Torik nicht, wenn ich mich recht erinnere, das schaffte erst Read On. Der Traum aller Blogger: Einmal im Print landen…

Aber zurück zum konkreten Fall: Ich denke, dass die Form „Blog“ nicht automatisch den autobiographischen Pakt herbeibeschwört, über den Philippe Lejeune schrieb, ein Pakt zwischen Autor und Leser, durch welchen beide sich darauf vereinbaren, dass hier Annäherung an Wahrheit, an ein wirklich Passiertes, so unmöglich das sein mag, so doch wenigstens versucht wird. Bloggen heißt, viel simpler, ein Geschriebenes im Internet zu veröffentlichen, was über den Inhalt, die Natur dieser Schrift erstmal gar keine Aussage trifft. Ein Blog ist nicht per Form automatisch ein der Wahrheit verpflichtetes Tagebuch seines Autors. Niemand nähme es mir krumm, wenn ich hier in Wald und Höhle die unglaublichen Abenteuer eines Wolpertingers schilderte, weil alle wüssten: Wolpertinger gibts ja nicht.

Und Holocaust ist eben das Gegenteil davon: Das gab es wirklich, das hat tatsächlich stattgefunden, das Unvorstellbare – Auschwitz – war wirklich in der Welt. Hier zu erfinden, zu fabulieren, sich selbst (bzw. der Großmutter) eine Opferbiographie anzudichten – das verbietet sich einfach.

Umso interessanter die Reaktion vieler Leser*innen, gestern auf Twitter, die der Autorin sofort mit Solidaritätsbekundungen beisprangen. „Ein Blog ist doch ein Blog“, hieß es da, als sei die Minderwertigkeit des Mediums geradezu der Blankoscheck, hier könne man machen, was immer man wolle. Manche sagten auch, der Wahrheitsgehalt sei ihnen eh schnuppe, die Texte waren doch immer so schön zu lesen, was man denn mehr wolle und verlange. Hatten die das immer schon als Fiktion gelesen?

Ich weiß auch nicht, aber ich will wenigstens ungefähr wissen, auf welchen Deal ich mich einlasse, wenn ich in eine Lektüre einsteige. Andererseits natürlich auch wahnsinnig interessant, wie gut dieser Read-On-Fake offensichtlich klickte. Wie damals mit Relotius: Das für echt verkaufte Erfundene ist einfach magnetisch für die Leute. Während mein Credo doch immer war, dass kein anderer so interessante Geschichten schreibt, als wie das Leben selber. Ich glaube da auch weiter dran. Und wer genau liest, der erkennt auch dem Leben seine krakelige Handschrift. Und ihm seine scheißig geschriebenen Grammatikfehler. Und überhaupts.

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10 Gedanken zu “Fakes und Klicks

  1. ja, du hast recht. ich hab gestern auch so kommentiert, ein blog ist ein blog, als hinweis auf die nicht festgelegte form des blogs, das sich nicht festlegen muss auf fiktion oder nicht, relevanz oder nicht, nicht einmal auf qualität. alles ist möglich. der text kann für sich stehen, frei von festlegungen und erwartungen und gattungen, dass sophie keine signale für fiktion nutzt, finde ich im nachhinein sogar interessant, weil ihr text ja ansonsten ziemlich voll von stilistischen signalen ist, der emotionalen überforderung zb, der traumatisierung, der poetisierung eines erlebens, dass sich mit gefühlen begnügen kann, um gelesen zu werden, und keine authentizität mehr braucht. ich habe das gern gelesen, weil mir das gefühlte nahegebracht wurde, ich denke, da steckt auch die wahre sophie dahinter, zumindest in dem aspekt des leidens. sicher bin ich mir aber nicht mehr.

    also nein, nicht als fiktion gelesen, dieser aspekt hat mich gar nicht interessiert. es ist so ein text, der für sich genommen funktioniert oder nicht, es ist halt normalerweise auch nicht wichtig, ob ein blogtext fiktional ist oder nicht.

    sophie war aber auch die einzige jüdin, die ich gelesen habe, ich habe ihr die generationenübergreifende traumatisierung der holocaustopfer abgenommen und gedacht, dass ihre stimme wichtig ist, weil ja so viel verdrängt und vergessen wird.

    fabian wolff hat getwittert, dass ihn die verletztheit von sophie skeptisch gemacht hat, weil der umgang mit der shoah heutzutage anders statfindet, das find ich sehr interessant, das wusste ich nicht.

    (ups. zu langer kommentar, entschuldige bitte, nehm ich gern wieder raus, wollte eigentlich auch noch drüber bloggen)

    1. Ich will dir keinesfalls deine Lektüre dieses Blogs kaputtreden, oder dir sagen, du hast das „falsch“ gelesen. Aber ich glaube halt, dass gerade weil die Blogs der per Form mitgesendeten Signale entbehren, es wichtig ist, dass die Texte selber da dann wenigstens in eine gewisse Richtung deuten. Also die Zeitung sagt durch ihr Zeitungsein schon, dass hier Bericht von Wirklichkeit stattfindet. Und wo vorne Roman draufsteht, da kann der Text dann auch in der ersten Person erzählt sein, und wir würden trotzdem klar Autor und Ich-Erzähler unterscheiden. Solche grundsätzlichen Einordnungen von Texten finde ich wichtig für ihr Verständnis. Wer da mit Dichtung und Wahrheit anfängt rumzuspielen, sich interessanter macht, als er wirklich ist, der begibt sich auf gefährliches Terrain. Und spätestens bei Holocaust ist da schluss mit lustig für mich, aber das sagte ich ja schon. Ich hab ja auch schon manchmal einen völligen ausgedachten Schmarrn hier geschrieben, aber ich glaube, das war immer ziemlich klar ersichtlich, auch ganz klar im komödiantischen Sektor angesiedelt. Ich käme nie auf die Idee, hier Tragödien zu faken, Schicksalsschläge zu erfinden, bloß weil Rührstücke gut klicken, das finde ich einfach nicht okay.

      1. casino

        ja, das stimmt, besonders der aspekt der intention hinter den geschichten hat meinen standpunkt verändert, wie sie zur jüdin wird, nur um als jüdin glaubwürdiger leiden zu können. spätestens mit dem täuschungsversuch bei yad vashem ist das vom schrägen und moralisch fragwürdigem spleen zum betrug umgeschlagen. das alles ist wirklich überhaupt nicht okay, keine frage.

  2. Pingback: Über Täuschungen | dame.von.welt

    1. Ich glaube, bereits Platon äußerte sich ähnlich über die verbrecherischen Dichter, die der Welt noch mehr Trugbilder hinzufügten, und die er deswegen nicht in seinem Philosophenstaat haben wollte.

  3. Remo

    Es ist alles andere als ein Einzelfall.

    [Link entfernt, A.W.]

    Man sollte mal analysieren, was die Motive sind, daß Leute sich solch falsche Herkünfte und Lebens- bzw. Opfergeschichten zulegen.

    Viele haben damit gut verdient, eine Autorin wurde von Gericht verurteilt, einen Teil ihrer Einnahmen, 22 Millionen US-Dollar, zurückzugeben (sie schrieb ein Buch, bei dem sie angeblich als Kind bei der Flucht vor den Nazis bei Wölfen lebte bzw. gelebt haben wollte und gab ebenfalls vor, Jüdin zu sein, nichts davon stimmte).

    1. Die Zeitung, die Sie hier verlinken, scheint mir ein Organ zur Verbreitung rechter Verschwörungstheorien zu sein. Ich habe deshalb den Link entfernt, da ich nicht zur Verbreitung derart fragwürdiger Inhalte beitragen möchte.

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