Sauerampfer

Ich war elf Jahre alt, meine Mutter war wegen einer Operation im Krankenhaus in München, also wohnte ich für eine Woche bei meinem Freund Flori und seiner Familie. Der Flori war ein paar Jahre älter als ich und hatte immer den Kopf voller Ideen, hinter seinem Haus lief direkt der Bach, dahinter die Wiesen und Felder. Wir waren also viel draußen unterwegs, schließlich war Frühling, ich sehe uns irgendwo im Moos herumstapfen, während der Himmel sich langsam verdüstert, und der Flori mir den Sauerampfer zeigt. Ich war skeptisch, ist das wirklich Sauerampfer, kann man das bestimmt essen? Aber er mampfte die grünen Blätter fröhlich in sich hinein, also probierte ich auch, es schmeckte tatsächlich sauer, also war es logisch Sauerampfer, was sonst. Nieselregen setzte ein, wir sammelten und aßen weiter unseren Sauerampfer, bis wir uns irgendwann dann doch auf den Heimweg machten. Kurz darauf, vielleicht am selben Abend noch, oder vielleicht auch erst am nächsten Tag, hieß es, in Russland habe es einen Unfall an einem Atomkraftwerk gegeben, die atomar verseuchte Wolke sei vom Wind akkurat genau bis zu uns nach Südbayern getrieben worden, wo der Regen ausgerechnet genau jetzt den hoch verstrahlten Todesstaub zu Boden wäscht und alles hier verseucht. Betastrahlen, Gammastrahlen, Cäsium, Strontium, Becquerel, Curie, Sievert und Millisievert – Begriffe, die man noch nie vorher gehört hatte, schwirrten plötzlich durch die Luft, niemand wusste was genaues, offenbar rückten die Russen auch nur sehr zögerlich mit den Informationen rüber, was da eigentlich passiert war, das war natürlich wieder typisch, ausgerechnet die Russen. Ungläubig starrten wir in den Fernseher. Das kaputte Atomkraftwerk sah gar nicht so aus wie eines, das waren doch sonst so eiförmig-weiße Dinger. Klar wurde langsam nur, dass man unbedingt den Regen meiden müsse und auch den direkten Kontakt mit der Erde. Nicht auf den Spielplatz, nicht im Sand buddeln, auf keinen Fall bei Regen rausgehen und nichts essen, was draußen wächst. Floris Mutter saß ratlos vor einem Schälchen Erdbeeren, die könne sie doch unmöglich wegwerfen, die seien doch so schön, wie sollten so wunderschöne Erdbeeren denn bitte vergiftet sein, das sei doch gar nicht möglich. Wir beschworen sie, die Erdbeeren wegzuschmeißen, sie konnte es nicht, sagte: Ich ess jetzt diese Erdbeeren – und starrte weiter auf die auf dem Tisch stehende Schale. Am Ende warf sie sie dann doch weg. Unter uns flüsterten wir: Und wir Deppen sind im Regen gestanden und haben radioaktiven Sauerampfer gefressen. Was passiert jetzt mit uns?

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