Tschernobyl

Neulich ist mir etwas eigenartiges widerfahren: Mehr oder weniger zufällig rutschte ein Buch in mein Blickfeld mit dem Titel „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ – und ich wusste augenblicklich: Das interessiert mich, das will ich unbedingt lesen. Von der Autorin, Swetlana Alexijewitsch, hatte ich noch nie etwas gehört. Ich kaufte das Buch, und als ich es zuhause aufschlug und zuerst den Klappentext überflog, stellte ich fest: Die mir unbekannte Autorin hat 2015 den verdammten Literaturnobelpreis bekommen. Wie hatte mir denn das entgehen können?

Heute morgen habe ich das Buch beendet, und kann nur sagen: Es ist das erschütterndste, ergreifendste, das schlichtweg beste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Alexander Kluge hat im Radio einmal sinngemäß gesagt, einem Thema wie Stalingrad könne man sich nur mit dokumentarischen Mitteln annähern, fiktionale Beimischungen des Autors verböten sich hier auf ganz selbstverständliche, nicht weiter begründungsbedürftige Weise. Und genau das macht Alexijewitsch hier mit dem Thema Tschernobyl. Nur ein einziges Kapitel hat die Autorin sozusagen selbst geschrieben, alle anderen sind Mitschriften von Gesprächen, die sie mit Betroffenen der Reaktorkatastrophe geführt und dann zu Monologen montiert hat. Die Stimme der Autorin ist nur eine von vielen, sie verschwimmt bis zur Unhörbarkeit mit dem vielstimmigen Chor der Ehefrauen toter Liquidatoren, Ehefrauen toter Feuerwehrleute. Jäger, die damals in der Todeszone unterwegs waren mit dem Auftrag, unterschiedslos alle Tiere abzuschießen und in Gruben zu vergraben. Tödlich erkrankte Kinder, verzweifelte Eltern, und so weiter, die Liste wäre endlos fortzusetzen, es ist ein unglaubliches Panoptikum an Geschichten, die zusammen eine ganz dicht verwobene, gigantische Tragödie ergeben. Gerade indem die Autorin sich völlig zurücknimmt, nichts hinzudichtet, sondern nur das wörtlich Gesagte aufschreibt, zu Protokoll nimmt, erzielt sie eine Wirkung, die es mit jedem Dostojewski aufnehmen kann. Augenscheinlich wird das zum Beispiel in folgender Passage: Ein Soldat, der zum Beseitigen des Strahlenmülls in die Sperrzone abgeordert worden war, beschließ seinen Bericht mit folgenden Worten:

„Wieder zu Hause, habe ich alle Sachen, die ich dort getragen hatte, in den Müllcontainer geworfen. Nur das Käppi habe ich meinem kleinen Sohn geschenkt. Er wollte es so gerne haben. Er hat es ständig getragen. Zwei Jahre später wurde bei ihm ein Hirntumor festgestellt … Alles andere können Sie selbst hinzufügen … Ich will nicht weiterreden …“ – Aber sie fügt nichts hinzu, sie lässt das genau so stehen, und genau dadurch erhält der Bericht so eine Kraft und Tragik.

Oder ein Evakuierter aus der Stadt Pripjat, die am nächsten am Reaktor lag: Zwei Jahre nach dem Unglück fährt er zurück, schleicht sich an der Polizei vorbei in die Todeszone, nur um seine alte Haustür zu holen, da man bei ihm in der Familie die Größe der Kinder an der Tür markiert hat, und dann auch die Toten immer auf der Tür aufgebahrt hat, bis der Sarg kam. Das ganze Leben, sagt er, sei auf der Tür festgehalten, er kann ohne die Tür nicht existieren. Das hat schon so eine groteske, sehr russische Komik, bis die nur drei Seiten lange Geschichte dann ins Unvermeidliche kippt: Die Tochter stirbt mit sieben Jahren an den Folgen der Verstrahlung. Sie legen sie auf die Tür.

Eine Metapher, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht, ist der Vergleich der Reaktorkatastrophe mit dem Krieg. Auf Krieg war das Land vorbereitet, auch war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg noch ganz präsent im kollektiven Gedächtnis. Und dann explodiert ein Atomkraftwerk und allen ist klar: Jetzt ist Krieg. Die Armee rückt an, militärische Krisenstäbe beraten sich, aber wo ist der Feind? Wie bekämpft man eine unsichtbare Strahlung? Das Buch oszilliert hier auf eine Weise, wie nur große Literatur es vermag, zwischen zwei gleichberechtigten Wahrheiten: Einerseits war es wirklich ein Krieg, ein Krieg gegen das „friedliche“ Atom, gegen den brennenden Reaktor. Und andererseits lief genau deswegen so vieles falsch bei der Bewältigung der Katastrophe, weil das ganze Land zwar auf einen Atomkrieg, aber nicht auf einen Reaktorunfall vorbereitet war. Eine Frau berichtet: „Die Geräte schlugen wie wild aus, aber niemand verstand das, so etwas hatte es noch nicht gegeben. Man stellte die Geräte einfach ab. Meine Mutter rechtfertigte sich: ‚Ja, wenn Krieg ausgebrochen wäre, hätten wir gewußt, was zu tun ist. Da gab es Anweisungen. Aber hier?‘ Wer leitete bei uns den Zivilschutz? Generäle und Oberste a.D., für die ein Krieg so beginnt: Regierungserklärungen im Radio, Luftalarm, Sprengbomben, Brandbomben … Sie hatten noch nicht verstanden, daß wir in einem anderen Zeitalter leben.“

Das ist vielleicht das zweite Motiv, das sich durch das ganze Buch zieht, diese Zeitenwende, die Tschernobyl markiert. Da explodierte nicht nur ein Reaktor, sondern die ganze Sowjetunion als solche, die Katastrophe von Tschernobyl ist untrennbar verbunden mit dem Untergang des sowjetischen Staates. Und auch hier wieder das Paradox, dass man sich gleichzeitig nicht vorstellen mag, was passiert wäre, wenn nicht gerade die Sowjets, die ihr Leben lang die absolute Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv eingetrichtert bekommen hatten, mit dem massenhaften Selbstmordkommando der Aufräumarbeiten am Reaktor betraut gewesen wären. „Wir sind Sowjetmenschen“, „Ich war ein Sowjetmensch“, „Jemand musste doch die Arbeit machen“ – Sätze wie diese kehren immer wieder.

Am Ende aller Erklärungsversuche steht oft einfach nur die Resignation, das Unverstehbare. „Wäre ich nur in Afghanistan gefallen!“, sagt ein Soldat, „Dort war der Tod eine ganz normale Sache … Etwas Verständliches …“

Das Buch ist schon über 20 Jahre alt, es handelt sich um eine überarbeitete Neuauflage, die meisten der Menschen, die darin zu Wort kommen, dürften mittlerweile tot sein. Dass Swetlana Alexijewitsch ihre Stimmen festgehalten, ihre Worte aufgeschrieben und zu diesem Buch montiert hat, ist ein unschätzbarer Verdienst, das Ergebnis ein Stück ganz großer Literatur, der Nobelpreis für sie geht mehr als in Ordnung.

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4 Gedanken zu “Tschernobyl

  1. Klagefall

    Im Juni 1986 saßen wir in einer Barackensiedlung in einem Wald auf Rügen. Ende der 9. Klasse, GST-Lager, vormilitärische Ausbildung. Tschernobyl war noch immer ein Thema, obwohl wir nicht genau wussten, was dort eigentlich passiert war. Es wurde fast nichts berichtet. Trotzdem lief das Gerücht herum, dass die Reaktoren im Kernkraftwerk Lubmin, nur 20 Kilometer von uns, »baugleich« seien.

    Mein Schulfreund schrieb vor Langeweile den Songtext von Wolf Maahns »Deserteure« in sein Arbeitsheft und als der Offiziersschüler, der uns ausbilden sollte, das sah, schrie er ihn an: ob er überhaupt wisse, was das sei. Dann wandten wir uns alle zusammen wieder der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko zu. Wir hatten keine Ahnung, was los war.

    Im Sommer kam dann »Tschernobyl (das letzte Signal)« von Wolf Maahn heraus. Noch so ein Songtext, den wir auswendig kannten.

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