Am Stachus

Wunderschönes Wetter heute an Neujahr, der Regen hat in der Nacht all den verböllerten Feinstaub weggebunden, man konnte gleich die Fenster wieder öffnen und der Himmel war ganz hellblau und die Sonne schien: das neue Jahr war irgendwie sofort gut und voller guter Hoffnungsgedanken für das Kommende. Fuhren durch eine vollkommen entvölkerte Stadt, Straßen ohne Menschen, dafür voll Feuerwerksmüll und Scherben, in den Grunewald, wo dann die bereits verloren geglaubten Menschen alle wieder auftauchten. Hier geht es ja zu wie am Stachus, pflegte meine Mutter bei solcher Gelegenheit auszurufen, und ich verkneife mir den Spruch immer, weil in meiner Familie niemand weiß, was der Stachus eigentlich ist. Obwohl, wenn ich es recht bedenke: Ich hatte als Kind auch keine Vorstellung von einem Stachus, für mich war das bloß irgendein Wort, und jetzt war ich schon so lange nicht mehr in München, dass ich gar nicht mehr wüsste: Ist da wirklich immer so ein Gewusel? Ich hab ja wirklich überhaupt keine Münchensehnsucht in mir, wo ich so viele Jahre lebte und doch immer fremd blieb. Höchstens die Biergärten, im Sommer, der Steckerlfisch im Augustinergarten, und für den Winter das Bratwurstglöckl am Dom, diese rauchig verkohlten Bratwürschtel auf dem sehr dunklen Sauerkraut in der noch dunkleren, holzvertäfelten Gaststube. Wenn ich mit meinem Vater in München war, gingen wir fast immer da rein, damals rauchte man noch überall, das war normal, aber im Bratwurstglöckl hing der Rauch besonders dicht, man sah kaum bis ans andere Ende des Tisches. Wenn ich nur wüsste, wie die da das Sauerkraut machen, nirgends schmeckte es mir je so gut, aber ich kriege es selber nie auch nur annähernd so hin. Jedenfalls waren wir heute am Teufelssee und in der sogenannten Kiesgrube, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil ist, nämlich keine Grube, sondern ein Hügel, und nicht aus Kies, sondern aus Sand. Dennoch, und H., die da schon als Kind herumlief, legte da unmissverständlich größten Wert drauf, heißt das Kiesgrube. So wie der Stachus in München ja auch eigentlich Karlsplatz heißt, aber alle sagen nur Stachus, denn der Name des bierausschenkenden Wirtes Eustachius war eben hartnäckiger als der von irgendeinem Kurfürst Karl, von dem heute kaum jemand mehr was weiß.

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4 Gedanken zu “Am Stachus

  1. Klagefall

    Sauerkraut sollte erst ein bisschen angebraten werden, damit es dunkler wird, und dann sehr sehr lange schmoren, damit es süß wird.

    [ex: Meine gesammelten pommerschen Kochweisheiten]

    Ein schönes neues Jahr, süß-sauer!

    1. Ja, mit dem Anbraten und Bräunen des Krauts habe ich schon herumexperimentiert, evtl. muss ich jetzt noch die Schmorzeit verlängern, aber ich glaube, das Bratwurstglöcklkraut bleibt dennoch unerreichbar. Dir auch ein gutes neues Jahr! (Vielleicht sollten wir alle auf Foodbloggen umsteigen?)

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