Remotius

Eigentümlich sind die Wellen, die der Fall Relotius schlägt. Zu mir haben sie gesagt, als ich anfing zu bloggen: Mensch, Wahnsinn, du schreibst ja so schön, schreib doch auch mal Geschichten. Und die andern dann alle so: Au ja, eine Geschichte, eine Geschichte! Und ich wusste gar nicht, was die so richtig von mir wollten. Waren das nicht eh Geschichten, die ich schrieb? Ist nicht jeder erzählende Text irgendwie eine Geschichte?

Damals fing meine Panik vor den Kommentaren an. Was wollten die von mir? Ist doch wunderbar, wenn ihr mein Zeug gerne lest, aber ich bin doch keine Jukebox, wo man oben eine Münze oder ein paar Likes reinschmeißt, und dann kommt unten der Text raus, den ihr gerne lesen würdet.

Ich schreibe aus so einer Naivität heraus, ich schreibe einfach, ich setze mich an eine Tastatur hin und tippe los, so habe ich das schon immer gemacht, ich kann es gar nicht anders tun, das habe ich mittlerweile gelernt. Wenn ich vorher versuche, mir einen Lord Cunningshurst auszudenken, der mit der Lady Scheesmydoud ins Bett will, und dann die ganzen Hindernisse, die eine wahnsinnige Spannung aufbauen sollen, bis am Schluss die Bombe platzt – dann schreibe ich gar nicht. Dann sitze ich vor der Tastatur und nichts passiert. Ich kann sowas einfach nicht schreiben.

Gleichzeitig ist mein Schreiben auch immer und zu jedem Zeitpunkt ein komplett verantwortungsloses Lügen. Ich erfinde schlimmste Unwahrheiten, niemand sollte irgendetwas von dem hier Geschriebenen glauben! Ich wünschte mir ein Pop-Up-Fenster, welches beim Aufrufen der Seite sofort aufschnellt und den Leser anschreit: „Achtung! Diese Seite beinhaltet Erfundenes!“ Und dann muss der Leser entweder „OK“ oder „IGITT“ drücken.

Ich weiß auch nicht, irgendwie war mir dieses spiegelmäßige Storytelling immer schon zuwider, diese mega atmosphärischen Einstiege, Hamburg an einem Dienstag im Spätherbst, der Regen peitscht, die Nacht ist dunkel, ein schwarzer Mercedes zerschneidet die nasskalte Finsternis mit seinen gleißenden Scheinwerfern, darin sitzt einer der einflussreichsten Männer der Republik, kaum einer kennt ihn, und weiter so bla bla bla, bis mal irgendwann in Absatz fünf so langsam klar wird, worum es überhaupt geht.

Während draußen ein kalter Wind vor sich hin haucht und die Regentropfen sinnlos an die Scheibe prasseln, wird mir eventuell klar, dass wir Blogger sowieso was völlig anderes machen als die Heinis beim Spiegel.

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2 Gedanken zu “Remotius

  1. Meiomei, und ich weiß net mal, wer der Relotius ist!!!
    Ach, weißt Du was, ich glaube, ich hab überhaupt keine Ahnung, ich hätt schon immer Wahnsinnsprojekte im Kopf, denk mir die irrsten Geschichten aus und dann, wenn´s soweit ist, dann steht halt immer nur das da, was halt aus mir rauskommt und nix anderes…und nie, nie, nie ist es das, was in meinem Kopf war, sondern ganz was anderes und nie bin ich so recht zufrieden. Und ehrlichgesagt weiß ich auch nicht so recht, was das mit den Kommentaren so auf sich hat, die blöden ärgern mich und den allzu netten mißtraue ich, und wenn keine kommen, dann bin ich verunsichert, ach, man kanns mir auch nicht rechtmachen, ich bitte um Gnade!

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