Meine islamfreie Schule

Die sich rassisch überlegen fühlenden Herrenmenschen von der AfD haben jetzt, wie man hört, schon wieder eine neue Idee zur Verbesserung unseres Landes vorgebracht: „Islamfreie Schulen!“, tönt es von Plakaten zur bayerischen Landtagswahl, auf denen wir fünf junge Menschen sehen, adrett gekleidet im hübschen Kleidchen respektive sauberen Oberhemd, die fröhlich und vergnügt einen Schulflur entlangspringen.

Wir müssen im Grunde ja nicht reden über die grotesken Apartheidsphantasien, die so einer Forderung zugrunde liegen, mich wundert da auch schon lange nichts mehr, was aus den Reihen dieser Partei immer sichtbarer als reinste nationalsozialistische Ideologie zutage tritt. Ihr wisst das alles, denke ich, sparen wir uns die Spucke.

Was mir aber, als meine erste Aufregung über das Plakat sich wieder ein bisschen beruhigt hatte, plötzlich in den Sinn kam, war der Gedanke, dass ich ja selbst genau so eine islamfreie Schule besucht hatte, witzigerweise genau in Bayern: Das Benediktinergymnasium Ettal, idyllisch in der oberbayrischen Postkartenlandschaft der Voralpen gelegen, wo man damals, in den achtziger und neunziger Jahren, wenn ich mich recht erinnere, das Abitur nur ablegen durfte, wenn man christlich getauft war. Ein paar Evangelische waren wohl gerade noch geduldet, und an einen einzigen Konfessionslosen erinnere ich mich, der Jahr für Jahr vom Schulleiter zum Einzelgespräch gebeten wurde, wie es denn jetzt endlich mal aussähe in Sachen Taufe. Aber so sehr ich im Gedächtnis hin und her krame, an Muslime kann ich mich nicht erinnern, an keinen einzigen.

Und trotzdem hüpften wir nicht so frei und unbeschwert über die Gänge, wie sich die AfD das vorstellt. Jahre später ging es durch alle Zeitungen, was damals nur hinter vorgehaltener Hand mal hier und da getuschelt wurde, wie nämlich just an meiner islamfreien Schule körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch gegen hilflose und unschuldige Kinder an der Tagesordnung standen. Katholische Ordensmänner begingen diese Verbrechen hinter den schalldichten Mauern einer islamfreien Schule.

Man vergebe mir daher meine bestimmt linksgrünversiffte Naivität, wenn ich zaghaft behaupte, der Islam könnte unter Umständen das geringste Problem im bayerischen Schulsystem darstellen, nämlich überhaupt keines.

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6 Gedanken zu “Meine islamfreie Schule

  1. Klagefall

    Diese Geschichte hat auch mein alter Chef aus Nordrhein-Westfalen erzählt, die bürgerlichen Familien, die ihre Kinder auf eine konfessionelle Schule gegeben haben, vordergründig wegen der ethischen Erziehung, tatsächlich, weil dort keine Türken gewesen seien. Ich glaube, das war für ihn einer der Gründe, in die SPD einzutreten und am Ende wurde er Ministerpräsident in einem Land fast ohne Türken. Trotz allem mochte ich ihn sehr.

    1. Bei uns in der oberbayerischen Provinz gab es damals sowieso nur ganz wenige Muslime, und nur die wenigsten dieser Wenigen konnten ihre Kinder aufs Gymnasium schicken, so dass in meinem Fall jede andere zur Auswahl stehende Schule vermutlich ebenso frei von Muslimen gewesen wäre. Islamophobie war für meine Eltern also sicher nicht der Grund, mich auf diese Klosterschule zu schicken. Sie wollten einfach die bestmögliche Ausbildung für ihre Kinder, und Ettal galt als Eliteschule. Über diesen nach außen hin präsentierten Elitedünkel machten wir Schüler damals schon Witze, angesichts der alles andere als elitären Zustände im Schulalltag.

  2. Klagefall

    Mein Eindruck ist ohnehin, dass die Frage nach der Religion früher keine sehr große Rolle spielte. Das hat sich erst mit 2001 geändert.

    1. Das sagst du jetzt mit säkularisierter Ostbiographie, ich hatte verrückte Diskussionen mit meiner Mutter, weil ich die Kinder nicht hab taufen lassen, das war zehn Jahre nach 9/11. Aber auch mit Gleichaltrigen in Bayern, Schulfreunde, die sagten: In Bayern muss man halt katholisch sein, sonst ist das Kind benachteiligt. Und wahrscheinlich hatten die sogar recht. Es hat schon Gründe, warum ich da weggegangen bin.

      1. Klagefall

        Ja, okay, das stimmt sicher. Im Osten ist die Evangelische Kirche Minderheitenkirche, was ihr wahrscheinlich ganz gut getan hat. Benachteiligt war man, wenn man in der Kirche war. Und die Katholische Kirche findet im Nordosten ohnehin kaum statt, da hat die Reformation ganze Arbeit geleistet.

        Ich meinte eigentlich eine andere Diskussion. Bis 2001 war man einfach gegen Ausländer, ohne sich groß um deren Religion zu scheren. Erst seit dem Anschlag ist der Islam als Feindbild in den Vordergrund gerückt (so ist jedenfalls mein Eindruck).

  3. Auf jeden Fall, so sehe ich das auch. Die nächste Zäsur war dann wahrscheinlich Sarrazins Buch 2010, der dieses Untergangsszenario an die Wand malte: Deutschland geht unter, wegen der Muslime. Dass der Typ immer noch in der SPD ist, immer noch Bücher schreibt, die sich auch noch verkaufen wie geschnitten Brot – das sind diese Dinge, die ich einfach nicht verstehe. Da bin ich einfach zu dumm dafür.

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