Der Riss der Jacke

Die Daten und also vor allem die für immer verloren geglaubten Tagebuchnotizen sind jetzt tatsächlich gerettet, ich blättere mich durch die Schriften, zum Beispiel dies hier, vor fast genau einem Jahr:

28.08.2017
[Nachgetragene Handynotiz von gestern, 27.08.2017:

Graswang. Über Sonnenweg hin, durch Schattenwald zurück. Dickelschwaig. Guggerutz’ Vater am Rad begegnet, wir grüßten uns artig, gegenseitiges Erkennen erst, als er schon vorbei. Das ist ja der Andi, ruft er, am Rad sich umdrehend, und ich: Ja, freili! Wie fit die guggerutzschen Eltern sind, dachte ich, während meine schon bei den Würmern liegen.

Der Andi. So nennt mich auch auf der ganzen Welt keiner mehr, nur die Leute hier, die mich von damals her noch kennen, als ich der Andi war. Für mich Äonen her.

Schmerzende Füße, noch von gestrigem Aufacker. Jetzt Fisch und Biere in der Ettaler Mühle, unterm Baum vorm tröpfelnden Regen ganz gut geschützt.

Sonnenweg hin, Schattenwald zurück – vielleicht auch ganz passende Metapher aufs Leben als solches.]

Ich kann mit völliger Klarheit sagen: Das war das erste Mal, dass ich Tagebuch ins Handy tippte, bemerkenswert auch, weil ich vor dem Losgehen noch relativ verzweifelt nach Bleistiften, Anspitzern, Notizbüchern gesucht hatte, aber außer zwei stumpfen Bleiern nichts davon fand.

Wie ich ja auch neulich in vollkommener Ruhe und Klarheit dachte, dass das Tagebuch das unbestrittene Zentrum meines Schreibens ist, und keinesfalls das Bloggen, was immer wieder nicht verstanden wird, weil das Bloggen permanent mit dem Führen eines öffentlichen Tagebuchs verwechselt wird, und dies noch nichtmal völlig grundlos, denn in der Tat versieht die Blogsoftware jeden Blogpost mit einer Datumssignatur, weshalb das Ganze automatisch tagebuchartige Züge bekommt. Der Unterschied aber, der oberflächlich besehen nur so marginal, winzig, überhaupt nicht ins Gewicht fallend erscheint, könnte in Wahrheit nicht größer und weitreichender sein: Denn beim Bloggen verweist der automatisch generierte Datumsindex auf den Tag der Veröffentlichung. Beim Tagebuch hingegen gibt es grob zwei Möglichkeiten: Entweder verweist der Index auf den Tag des Schreibens, oder er bezeichnet den Tag im Leben des Verfassers, der im Text beschrieben, erzählt, festgehalten werden soll. Manchmal fließt das so unklar ineinander, ich glaube, die meisten Tagebuchschreiber sehen selbst die Differenzen gar nicht so deutlich, weswegen ja auch sehr viele Blogger ihr Blog tatsächlich so führen, als wäre es ein Tagebuch, und damit zur Verwirrung der Begriffe nicht unwesentlich beitragen.

Bei mir natürlich ganz klar und exklusiv nur der Tag des Schreibens, weswegen das gestern in der Ettaler Mühle auf dem Handy Geschriebene in diesem Eintrag von heute nur in eckigen Klammern und mit dem Vermerk, dass ich es heute nochmal abgetippt habe, überhaupt erscheinen darf. Völlig problemlos wäre es hingegen, wenn ich unterm Datum von heute den 13. Oktober 1997 als Erinnerungsbild festhielte. Solang der Text nur heute geschrieben, darf alles mögliche darin vorkommen, also alles, einfach alles. Keine weiteren Restriktionen. Einzige Schwammigkeit, die ich mir hier erlaube, ist der Datumswechsel um Mitternacht. Oft schreib ich ja nachts, und nach Mitternacht also noch weiter, das bleibt aber immer ein Text. Für mich trennt nur der Schlaf die Tage, nicht die Uhr. (Und kaum, dass ich dieses schreibe, erfasst mich bleierne Müdigkeit… Uhrzeiten, wie bei Goetz’ Abfall, wären auch noch eine Möglichkeit, die Einträge noch mit Substruktur zu versehen. Hab schon oft drüber nachgedacht, mich dann aber doch immer wieder dagegen entschieden, und nur in absoluten Ausnahmefällen darauf zurückgegriffen.)

30.08.2017
Wieder in Berlin. Völlig am Ende von der endlosen Autofahrt, wie immer. Um 7.00 Uhr aufgestanden, dann Treffen der Bekloppten, danach sofort los, über Murnau, da Ettaler Berg gesperrt, verpasse richtige Abfahrt dank schlechter Ausschilderung, und eiere ewig durch diese mir nichtssagenden Orte da, ganz malerisch ja eigentlich gelegen, bis ich bei Seeshaupt endlich auf die Autobahn komme. Das alles hatte ich gestern ja erst von oben betrachtet, vom Hörnle aus, da schiens zum Greifen nah. Wenn man aber tags drauf mit dem Auto dann durch dieselben Gegenden heizt und eigentlich ganz woanders sein will – Lichtjahre weit weg. Im Grunde kommt es immer nur darauf an: Wo sind deine Gefühle, deine Gedanken. Drum rasen wir soviel mit unseren Autos durch die Gegend: Immer den Gefühlen, den Gedanken hinterher, aber die sind immer schon wieder 500 Kilometer weitergereist, nie erwischt man sie. Oder halt selten. Zu Fuß hat man größere Chancen. Langsam. So wie gestern am Hörnle, ich tippe pflichtschuldigst gestrigen Handyeintrag ab:

[29.08.2017
Hörnle. Fantastisch. 1202 bei Kappel los, ca. 1400 bei Hütte, 1425 Vorderes, 1525 Hinteres Hörnle. Unglaubliche Panoramen, die hintereinander gestaffelten Bergreihen im Süden, die Seen und flachen Ebenen im Norden. Jetzt, 1555, wieder an der Hütte, mit Karg Weißbier, um mich Kuhglockengebimmel. Auch Seilbahntouristen natürlich. Muss hier unbedingt mal mit den Kindern her. Idealer Einstieg, weil mehrere Gipfelsiege möglich, ohne dass man die ganze Ochsentour des Aufstiegs zwingend machen müsste.]

Zur wahren Ochsentour wurde dann, nachdem ich dies geschrieben, der Abstieg, weil ich den Weg verfehlte und querfeldein weiterlief, aus Unlust, nochmal zurückzugehen und den rechten Pfad zu suchen. Also beim Runtergehen nicht mehr am hohlen Baum vorbei, sondern plötzlich durch ziemlich steilen Wald, teilweise am Hosenboden vorsichtig runtergerutscht, bis schließlich eine Forststraße kam, die mich in Wurmansau wieder entließ. Von da dann noch zurück bis zur Kappel, in prallster Sonne, knapp am Sonnenbrand entlanggeschrammt.

Heute morgen, als ich übernächtigt so schnell noch alles packte und dann hektisch aus der Wohnung stürzte, blieb ich mit meiner braunen Lieblingsjacke an der Klinke der Haustür hängen, es ratschte hörbar, Tasche halb ab, mir war, als hätte meine Mutter nochmal nach mir gegriffen, mich als Geist nochmal zum Hierbleiben bewegen wollen. Mir war sie die ganzen Tage jetzt ganz präsent gewesen, ich träumte jede Nacht von ihr, auch der Vater hatte Gastauftritte in diesen Träumen, und mir schien es nach anfänglichem Schock dann fast schon ganz normal, dass in der Nacht, im Traum, die Toten halt wieder da sind und mich besuchen kommen. Der Riss der Jacke scheint aber unproblematisch, entlang der Naht zu laufen, das kriegt die Schneiderin bestimmt leicht wieder hin.

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Der Riss der Jacke

  1. Du Sebald, du. Wobei, das ist ja auch nicht treffend und gerecht, weder für ihn noch auch für dich, aber manchmal schwingt ihr eben zusammen. (Bin froh, dass du deine Texte wieder hast.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s