Moment musical

Am Richard-Wagner-Platz heute morgen, ich hielt mit dem Fahrrad an der roten Ampel, und neben mir kam so eine schwarze Luxuskarosse zum Stehen, aus deren weit geöffnetem Fenster laut Klaviermusik schallte. Ich hörte das und wusste mehr oder weniger sofort: Keith Jarrett, Köln Concert. Sein größter Hit, gleichzeitig, wie ich einmal las, ein Konzert, bei dem alles schief ging, verstimmter, halb kaputter Flügel und so Zeug. Mit siebzehn war ich Jarretts größter Fan, bezahlte Unsummen für ein Konzert im Münchner Gasteig, wo er ungefähr eine Viertelstunde irgendwie uninspiriert vor sich hin klimperte und dann das Konzert abbrach, weil angeblich jemand gehustet hatte. Das Publikum blieb sitzen, niemand konnte glauben, dass es einfach vorbei war, aber er kam wirklich nicht mehr zurück. So saßen wir noch eine halbe Stunde ratlos im Konzertsaal, starrten auf die leere Bühne, irgendwann gingen alle, enttäuscht, wütend, traurig, niemand bekam sein Geld zurück. Wegen eines kleinen Husters, den außer ihm niemand gehört hatte.

So genau hatte er es beim heute weltberühmten und fast schon zu ohrwurmverdächtigen Köln Concert offenbar noch nicht genommen. Die angeblich perfekten Rahmenbedingungen, wann gibt es die schon? Ich aber, heute morgen am Richard-Wagner-Platz, ein paar Takte aus dem Köln Concert aus dem geöffneten Fenster eines Autos hörend, dachte: Ich bin ja selber wirklich der Keith Jarrett des Bloggens geworden. Einmal passt dies nicht, dann wieder passt das nicht, dann hustet ein Leser und schon ist es endgültig vorbei, bin ich tödlich irritiert und falle monatelanger Schreiblähmung anheim. Der eigentliche Jazz geht doch anders. Und nahm mir fest vor, während die Ampel auf Grün schaltete und die schwarzgewandeten Klavierklänge in Richtung Ernst-Reuter-Platz entschwanden, heute mal wieder irgendwas in Wald und Höhle reinzuimprovisieren, und weil mir wirklich nichts besseres mehr einfiel, erzählte ich euch halt jetzt schnell das.

Advertisements

4 Gedanken zu “Moment musical

  1. Der Vergleich ist es doch schon mal wert.

    Übrigens, nach ein paar Tagen in den Bergen zurückzukommen und dann gewissermaßen als ersten kulturellen Akt zuhause deinen Text zu lesen, ist hoffentlich kein Huster …

  2. Klagefall

    Ich war im letzten Jahr bei einem Konzert von Ryan Adams. Vor Konzertbeginn gab es mehrsprachige Ansagen, dass der Künstler an Epilepsie leide und deshalb jegliches Blitzlicht und Fotografieren verboten sei, notfalls werde das Konzert abgebrochen. Ich weiß nicht, ob das stimmte, aber es hatte den sehr angenehmen Effekt, dass die Leute ihre Smartphones in der Tasche ließen und zugehört haben, statt den hinteren Reihen mit hochgereckten Armen die Sicht zu versperren. Mich nervt das inzwischen sehr, selbst im Theater sitzen die (älteren) Zuschauer nicht mehr still, sondern fummeln die ganze Zeit mit ihren Geräten herum. Ich habe mich sogar schon ertappt, wie ich meine Sitznachbarinnen barsch zurechtgewiesen habe. Wie so’n Rentner (aber ich darf das jetzt).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s