Schachteln

Der Vorgänger des heutigen Fußball-WM-Pokals, die Coupe Jules Rimet, verblieb immer in dem Land des letzten Gewinners der Weltmeisterschaft. Bei Wikipedia lese ich, dass der Pokal, der 1938 nach Italien gegangen – oder, um es ganz genau zu sagen: dort verblieben war, denn Italien hatte ja 1934 auch schon gewonnen – den zweiten Weltkrieg in einer Schuhschachtel unter dem Bett des FIFA-Vizepräsidenten Ottorino Barassi überdauerte. 1970 durfte Brasilien den Pokal für immer behalten, sie hatten das Turnier drei Mal gewonnen, ließen sich aber später die Trophäe stehlen, aus einer Verbandsvitrine heraus, wie es auf Wikipedia heißt, und die Diebe vernichteten das Ding angeblich, heute steht eine Replik irgendwo in Rio rum.

Irgendwas berührt mich zutiefst an dieser durch und durch brüchigen Biographie eines Pokals. Sie erinnert mich an die Krippenfiguren meines Urgroßvaters, der sie zum Ende des zweiten Weltkriegs unter den hölzernen Dielen seiner alten Berghütte versteckte, und mein Vater erinnerte sich, wie sein Opa beim Einmarsch der Amerikaner wirklich keine anderen Sorgen hatte, außer: ob wohl bitte die Figürlein noch da seien, ob es ihnen gut gehe, zitternd sei er in der Küche gesessen und hätte auf ihn, das Kind, eingeredet, weil alle anderen mit scheinbar Wichtigerem beschäftigt waren, dass er sie doch unbedingt woanders hätte verstecken sollen, was, wenn die Amis jetzt die Figuren finden und rauben, was, wenn sie die ganze Hütte einfach niederbrennen, usw. Sie waren dann noch da, überlebten den Krieg, heute ist die Hütte vernichtet, die Figuren gibt es immer noch, sie stehen in einer Vitrine im Heimatmuseum, und ich frage mich, ob Schuhschachteln unterm Bett oder der Zwischenboden einer windschiefen Berghütte vielleicht eigentlich doch die besseren Aufbewahrungsorte für auratisch stark aufgeladene Dinge sind als Vitrinen?

Ich werde aber auch einfach diese Szene nicht los, ein Greis und ein Kind reden in einer Küche über geschnitzte Figürchen, während draußen eine feindliche Armee einmarschiert, Häuser in Beschlag nimmt, Menschen verhaftet, neue Regeln an die Rathaustür nagelt, Panzer rollen durch die Straßen, und ich denke immer, der Alte und das Kind, wie sie hier am Esstisch über die Figuren reden, wie sie sich um kleine, zerbrechliche Kunstwerke sorgen, die sind eigentlich im Recht.

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8 Gedanken zu “Schachteln

  1. Eva Birngruber

    Ja mei, die Figirlan. Als unsere Mama starb hatten Flori und ich die Idee, vorne auf das Sterbebild ein Foto vom Auferstandenen zu geben. Die Mama hat ja mit ihre Figirlan immer ein unglaubliches Gschieß gemacht und mit diesem Auferstandenen ein besonderes. Zurecht! Wir haben den Auferstandenen in einem Rucksack verstaut (falsch, ich war das) und wollten ein schönes Foto machen. Im Garten, am Friedhof, nirgendwo hat es gepasst. Schließlich waren wir in der Kirche und haben dort fotografiert. Irgendwann habe ich bei der Suche nach der perfekten Location den oberen der drei Strahlen abgebrochen… Flori meinte, dass die Mama schon recht gehabt hätte mit dem ganzen Gschieß, weil ich feinmotorisch wohl nicht so begabt sei. Ja mei. War aber gar nicht so ein Problem, weil man den Strahl wieder reinstecken konnte. Blöd ist bloß, dass wir akkurat ein Foto OHNE Strahl ausgesucht haben. Das ist mir allerdings erst während des Beerdigungsgottesdienstes aufgefallen. Und jetzt denke ich mir jedesmal, wenn mir das Sterbebild in die Hand kommt, wie wir das übersehen konnten!

    1. Eva, ich finds so lustig, dass meine Texte grade bei dir so viel Erinnerungsmaterial loslösen, und ich selber wollte ja eigentlich auch „Figirlan“ schreiben, entschied mich dann aber doch für „Figürlein“, damit es auch für Nichtbayern lesbar bleibt.

      1. Eva Birngruber

        Wieso denn? Dann dürftest du auch nichts über das jetzige „daheim“ schreiben. Ich finde es toll und gar nicht wildromantisch.

      2. Ich weiß schon, es geht auch gar nicht gegen dich, ist doch klar, dass dich die Texte mit Ammergaubezug am meisten interessieren. Es ist mehr eine Selbstkritik. Ich muss da mal mehr wieder drüber nachdenken, warum ich eigentlich worüber schreibe. Selbstkritik, coming soon…

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