Libera

Ganzen Tag im Olympiabad mit den Kindern, erster Ferientag, super Wetter, und doch auch nicht zu gut, so dass das Bad nicht überfüllt war, was will man mehr. Wenn nur das Essen am sogenannten Snackpoint irgendwie den Tick genießbarer noch wäre, allein das Ketchup ist so minderwertig, eigentlich wirklich abscheulich, eine glitschig-saure Tunke, die mit eigentlichem Ketchup nur die Farbe gemein hat. Und die Chicken Nuggets, naja.

Das Faszinierende ist, wie die Zeit anders tickt, an einem Sommerferientag im Freibad, man planscht ein bisschen, liest ein bisschen, holt sich Pommes, die Sonne steht wie festgenagelt hoch droben im Zenith am Himmel, und plötzlich sind sechs Stunden wie nichts durchgerattert.

Zum Abendessen schneide ich irgendwelche Reste zusammen, höre dazu das Fauré-Requiem, ein wirkliches Lieblingsstück von mir, und mir fällt wieder ein, wie ich zum ersten Mal darauf stieß, auf dem Bergwandertag der elften Klasse, glaube ich, vielleicht auch zwölfte, als wir die Thannheimer Berge durchstiegen, Zweitagestour mit Übernachtung auf einer Berghütte. Wir gingen bei schlechtem Wetter los, kalt, neblig, Nieselregen, es war unklar, ob man bei solchem Wetter überhaupt die Tour machen kann, aber wir liefen dann doch los, missmutig, kein eigentliches Bergwetter. Und der Schindt, Experte für abgedrehten Progressive-Rock der Sechziger und Siebziger gab mir eine Cassette für meinen Walkman, das solle ich mir mal anhören. Ok, ich die Cassette rein und weiter im Regen den Berg rauf. Als aber die psychedelische Freakscheibe vorbei war, kamen plötzlich ganz andere Töne zum Vorschein, ein Lied, das mich sofort von den Socken haute. Der Schindt überspielte nämlich immer die alten Klassikcassetten aus irgendeinem Nachlass mit seinem Siebziger-Bluesrock, und da waren noch ein paar Minuten Fauré-Requiem übrig, die ich mir für den Rest des Anstiegs immer und immer wieder anhörte. Ich spulte immer die fünf oder sieben Minuten zurück, hörte das immergleiche Lied nochmal, und immer weiter hoch, durch den Regen, den Nebel, die Klamotten ganz klamm und feucht, unbeirrt immer weiter nach oben, mit Faurés Pie Jesu im Ohr.

Und dann, es war wirklich so, ich erfinde das nicht, mit diesem Zauberlied im Ohr, stiegen wir aus dem Nebel raus über die Wolkengrenze, standen plötzlich, völlig unverhofft, mitten in strahlendem Sonnenschein, der Gipfel direkt vor uns, wir mussten nur noch ein paar Meter weiterlaufen. Wir waren am Ziel und hatten gar nicht gewusst, wie nah, wie sonnig, wie wunderschön der Ausblick auf das endlose Wolkenmeer unter uns. Nur sehr selten tobten die Endorphine nochmal so durchgedreht und vollkommen glücklich durch meinen Kopf, vielleicht überhaupt nie. Aber was war das für ein Lied, woraus stammt das? Der Schindt wusste es nicht. Irgendwas Geistliches, Messe vermutlich, die Musik schien mir so überzeitlich, ich konnte nicht mal richtig die Epoche schätzen.

Irgendwann, Jahre später, lief das Radio in der Küche, ich erkannte es sofort wieder, war wie elektrisiert, am Ende die Ansage: Sie hörten das Requiem von Gabriel Fauré. Ich besorgte mir bei nächster Gelegenheit die CD, sofort Lieblingsmusik, und höre das immer noch gerne, obwohl ich mit Kirche und Katholizismus wirklich fertig bin, aber so Werke wie Matthäuspassion, h-Moll-Messe, oder halt Fauré-Requiem, was soll ich sagen, da kann man sich nicht entziehen, das Beste, was diese verfluchten Religionen hervorgebracht haben, war wirklich Musik.

Im Fauré-Requiem zum Beispiel diese unvergleichliche Stelle im Libera, wo der Chor so langsam von unten drohend anschwillt, und dann langsam immer lauter, so richtig sauer eigentlich, und wütend diesen Gott anschreit: Befrei mich jetzt endlich von diesem ewigen Tod, du hast mir doch die ganze Scheiße erst eingebrockt, du Affe! So höre ich das jedenfalls.

Und diese Geschichte mit dem Pie Jesu habe ich noch nie jemandem erzählt, niemand wusste davon. Als es bei der Totenmesse meiner Mutter erklang, Hobby-Sopran mit Orgel, schien es mir dennoch völlig logisch, als könnte es einfach gar nicht anders sein. Und die Tränen flossen wie von selber einfach raus.

Ich vermisse die Toten, sie werden immer mehr, vermisse manchmal ganz heimlich und verstohlen auch einen Gott, der anzubrüllen wäre: Jetzt befreie uns mal endlich, alter Trottel!

Advertisements

7 Gedanken zu “Libera

  1. Habe jetzt dein Requiem als Auferstehungsmusik genutzt, aus der Zerschlagenheit der nächtlichen Grube (so fühlte es sich an) in etwas, das mit etwas Großzügigkeit als Vertikale bezeichnet werden könnte. Ich hatte mal ein ähnliches Erlebnis mit Schostakowitschs 13. Symphonie, na ja, was heißt ähnlich, aber ich musste gleich daran denken. Den Progressive Rock auf der Kassette hätte ich trotzdem auch gerne gehört. (Und wenn ich mal das Gefühl wieder spüren will, wie es sich anfühlen könnte, gläubig zu sein, dann höre ich mir Bach an.)

  2. Eva Birngruber

    Das Fauré-Requiem ist überirdisch! Ich kann es aber gerade nicht anhören, das letzte Jahr war zu schwer. Die ganze Sterberei ist eine Zumutung!

    1. Kann ich sehr nachvollziehen, es ist alles so fürchterlich, manchmal hilft ja eine schöne Trauermusik ein bisschen, aber eigentlich, wenn man ehrlich ist, hilft halt leider gar nichts gegen diese schrecklichen Verluste.

  3. Graugans

    ich dank Dir so sehr für diese Musik, kannte Fauré nicht, höre mich ein , dringt immer weiter in mein Herz.
    So ein tiefer Text, ich glaube Dir jedes Wort.
    Und der letzte Satz, den brüll ich auch, die Katzen sehen mich ganz entgeistert an..
    Gruß

    1. Dank und viele Grüße auch zurück, vor allem an die armen Katzen, die ich über zwei Ecken so erschreckt habe, das habe ich wirklich nicht gewollt mit meinem Text, dass sich noch ein paar unschuldige Kätzchen so entgeistern…

  4. Pingback: Tod – muetzenfalterin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s