Vanitas

Der Blues, der mich niederdrückt, natürlich auch wegen der politischen Lage, Flüchtende ertrinken im Mittelmeer und Söder triumphiert derweil mit seinen Transitzentren an der Grenze, er erfindet einfach diese Lager und da herrsche dann Residenzpflicht, keine Möglichkeit Rechtsmittel einzulegen, und dabei grinst er so breit, freut sich, es ist alles so menschenverachtend, so grässlich, die Don Alphonsos geben den Ton vor, und alle rennen hinterher, überhaupt Bayern, ich verzweifel im Moment an allem, komme ich da wirklich her, bin ich auch so ein Bayer? Die Haferlschuhe habe ich ja vor kurzem abgelegt, es ging nicht mehr, die Fußschmerzen, aber vielleicht auch der generelle Widerwille, mit so einem bayrischen Nationalschuh aufzutreten, also ich weiß nicht, ich trug die letzten 20 Jahre wirklich nichts anderes, und dann musste ich die Haferl in den Müll hauen, irgendwas tut sich gerade.

Im Grunde wurde ich politisiert durch zwei Dinge: Kalter Krieg und Mauerfall. Oder besser gesagt: entpolitisiert. Denn im kalten Krieg haben wir als Kinder schon gelernt, dass das Leben jederzeit vorbei sein kann. Erste Atombombe im Dritten Weltkrieg fällt auf Deutschland, das war einfach klar, hat mir als Kind der Ochsendampf schon gesagt, und der war an der Ostfront gewesen, der kannte sich aus, ein Auge aus Glas, fehlende Fingerglieder, ganzer Brustkorb vernarbt, Krieg war das Ding, mit dem er sich auskannte, das war damals normal, in den Achtzigern, als ich ein Kind war, da liefen überall noch die verstümmelten Weltkriegshelden rum: Vom nächsten Krieg kriegen wir nix mit, sagte der Ochsendampf zu mir, da sind wir am Tag Eins schon weggepustet, mausetot, ich prägte mir das tief ein, in tiefste Tiefen, daraus resultierte auch ein gewisser Spaß: geht uns doch nix an, dieser komische Krieg. Als Kind, wenn es manchmal knallte, oder Düsenjets irre laut übers Dorf brausten, dachte ich: Ok, jetzt ist es so weit, bumm, Auslöschung von allem, alles aus. Und war dann überrascht, dass das Leben doch weiterging.

Mauerfall und Zusammenbruch des Ostblocks war dann die gegenteilige Illusion, damals war ich 15 und dachte: jetzt wird alles gut, jetzt haben die bösen Kommunisten ihren Fehler eingesehen und sind gar nicht mehr böse, machen endlich mit bei unserem westlichen Friedensprojekt. Es passte irgendwie, dass der behäbige Kohl den Laden managte, ich war natürlich gegen ihn, die Birne, aber eigentlich war mir Politik auch egal, die großen Versprechungen gingen für mich von der Kunst aus, die Bücher, Literatur, Philosophie, Musik, Pop. Beethoven, Chemical Brothers, und Kleist. Rainald Goetz, um es auf ein Wort zu bringen. Ich liebte seine Bücher, Rave, noch mehr aber Abfall, was für ein Hammer. Natürlich konnte der das bringen, für Ulf Poschardt in der Vanity Fair zu bloggen. Und war das nicht zufällig das beste Blog aller Zeiten? Klage. Das waren die Nullerjahre.

Aber dann ging die Vanity Fair unter, Poschardt geht zur Welt, heiliger Lobgesang von Autofahren und FDP, und holt dann noch den Trottel Alfons als Hausblogger, Selfie mit bis oben zugeknöpftem Trachtenjanker und den kleinen Finger abgespreizt beim Teetrinken, er sauft ja noch nicht einmal ein Bier, was ist das überhaupts für ein bayrisches Cowgirl, frage ich mich, wie weit kann man sinken, was wurde aus Goetz, was wurde aus den ganzen Blogs, alle löschen nur noch die Accounts, es ist alles so eine riesige Resignation, wo bleibt denn da mal wieder ein Aufbruch, aber ich sitz ja auch nur da, erstarrt, und denke, es kann eigentlich alles gar nicht wahr sein, ok, jetzt bauen sie dann halt Lager an Grenzen, von denen wir eigentlich dachten, die gibts gar nicht mehr, ich hab diese Leute ja nicht gewählt, aber ich würde gern weggehen, verschwinden, vanish, vanity, fair

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9 Gedanken zu “Vanitas

  1. Ich mag wütende Texte und den hier mag ich auch.

    Haferlschuhe musste ich nachschlagen und bei Ochsendampf musste ich an Die Krüppel von Wenzel denken, aber bei mir ist das nur noch ein schwacher Abglanz an die Leute, die mit einem bein Fahrrad fuhren. Die Kriegsgeneration habe ich nur noch schwach mitbekommen, die Großeltern haben nichts erzählt, ich habe nichts gefragt und die Nazis waren nach dem Krieg alle in den Westen verschwunden, so hieß es.

    Erst wollte ich schreiben, dass diese Erfahrung der Kriegsgeneration jetzt fehlt, aber das stimmt ja gar nicht: Die Soldaten, die in Afghanistan waren, werden auch nicht gehört. Ich habe mal welche belauscht im Regionalexpress bis Pasewalk, Krieg richtet etwas an, auch bei denen.

    1. Interessant, wie du das erlebt hast im Osten, in meiner Kindheit war der 2. Weltkrieg noch überall sichtbar, mehr als präsent. Überall in den Wohnstuben standen kleine Gedenkbilder von jungen Männern in Wehrmachtsuniformen, der Onkel, der Opa, der Oma ihr Bruder. Und halt die Überlebenden, Blinde, Einarmige, Einbeinige, der hinkende Lehrer, dem seine Füße in Russland abgefroren waren. Heute lebt keiner mehr von denen. Gerhard Polt hat mal aus seiner Kindheit erzählt, dass er da am Stammtisch im Wirtshaus immer die Gespräche gehört hat, wo die Veteranen des Ersten Weltkriegs mit denen des Zweiten gestritten haben, ob jetzt Verdun die schlimmere Hölle war, oder doch Stalingrad. Das habe ich natürlich nicht mehr erlebt, aber es ist, wie du ja sagst, so wichtig, diese Augenzeugen zu hören, diese Erinnerungen sich klar zu machen, damit sich diese Dinge nicht wiederholen. Für mich prägend war ein Seminar über Literatur von Holocaustüberlebenden: Primo Levi, Ruth Klüger, Imre Kertesz, Jean Amery, diese Lektüren haben mich mehr verändert, mehr geprägt als alles andere, jeder sollte diese Bücher lesen, man kann sich nicht genug oder zuviel mit diesen Themen auseinandersetzen.

      Afghanistan ist natürlich nochmal ein anderes Thema, da hast du schon recht, wie das weggedrängt wird, im öffentlichen Diskurs nicht stattfindet, das ist ein Skandal eigentlich. Man schickt diese Leute da hin, sie kommen zurück, und keiner will was davon hören, am liebsten will man gar nichts wissen davon, dass da ein Krieg tobt und deutsche Soldaten sind mit dabei. Sehr schizophren.

  2. Mei, da sagst du was. Kann ich so viel nachempfinden, historisch wie aktuell. (Der Unterschied ist wohl nur der, dass die „kulturellen Aneignungen“ bei mir mit großer Verzögerung stattfanden.) Ich freue mich, dass du deine Resignation so rausschreibst und damit transformierst.

    1. Ich freu mich, dass es noch ein paar Hanseln gibt, die das lesen. Aber die Resignation ist schon schlimm im Moment: Gefühl der Ohnmacht, man schreibt ja gegen Windmühlen an. Die Transformation in Schrift verpufft im Nichts. Ein Bild, das mich in Träumen immer verfolgt: Ich spreche, aber kein Ton kommt raus, keiner kann mich hören, so sehr ich mich bemühe, versuche zu schreien, es hilft nichts, alles bleibt still.

  3. Eva

    Witzig, ich hab’ erst neulich F. erzählt, dass es früher viele Männer gab, denen ein Arm oder Bein gefehlt hat.

    Schreib weiter, deine Texte sind toll und sie rufen schlummernde Gedanken wach.

  4. Ute Plass

    „Primo Levi, Ruth Klüger, Imre Kertesz, Jean Amery, diese Lektüren haben mich mehr verändert, mehr geprägt als alles andere, jeder sollte diese Bücher lesen, man kann sich nicht genug oder zuviel mit diesen Themen auseinandersetzen.“

    Unbedingt.

    Dazu zählt für mich auch: „Das Menschengeschlecht“ v. Robert Antelme

    „…..es ist alles so eine riesige Resignation, wo bleibt denn da mal wieder ein Aufbruch, aber ich sitz ja auch nur da, erstarrt, und denke, es kann eigentlich alles gar nicht wahr sein….“

    Geht mir ähnlich. Halte am ‚Prinzip Hoffnung‘ fest.

    Hier einige Ermutigungen: https://futurzwei.org/

      1. Ute Plass

        All diese Zeugnisse der Barbarei und Unmenschlichkeit sind ja Aufforderung an uns alle, sich gegen die Verhältnisse zu stellen, die zu Auschwitz führten.

        Habe folgenden Artikel https://hinter-den-schlagzeilen.de/geeint-in-die-barbarei
        an die SPD, linke u. grüne Partei gesendet, mit der Aufforderung, dass sie mit allen gesellschaftlichen Gruppierungen u. Institutionen zu Demonstrationen aufrufen, die
        *Das gute Leben für alle Menschen* anmahnen und einfordern und sich gegen die vorherrschende inhumane Politik stellen.

        Naiv? Ja, trotzdem notwendig!

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