Bericht ans Heimatministerium

16.06.2018
Seit zwei Tagen in O. Tiefste Melancholie über die Sinnlosigkeit all unserer menschlichen Bestrebungen.

17.06.2018
Am Morgen sofort raus, Romanshöhe und weiter bis U., dann über Pfannenstiel und Glumphaufen zurück, Nieselregen setzte ein, war mir wurscht. Wunderschöne Blumenwiesen im Wiesmahd, welche Vielfalt, die Grillen zirpten, Schmetterlinge umschwänzelten mich, und nur ganz wenig Menschen, kaum ist der Himmel nur ein bisschen bedeckt, verkriechen sich alle gleich schon wieder in ihre Löcher. So war ich mit den Schafen allein, die mich anmähten: Mäh, mäh! Und mir war, als riefen sie mir in Wirklichkeit auf englisch zu: Mad! Mad, mad, mad.

18.06.2018
Ich bin schon froh, wenn ich, wie jetzt, alleine sitze und tippe, und keiner redet, keiner fragt mich Fragen.

20.06.2018
Gestern bei nahezu idealem Wetter auf den Brunnenkopf gestiegen, vertrauter Weg, auf dem ich wie lange nicht mehr ging? Müssen bald 20 Jahre sein, ich stieg damals voran, weil mir die anderen zu langsam, hatte schon die erste Russenmaß halb ausgetrunken als sie endlich anwankten. Dann weitere Biere und Schnäpse auf Drängen der grotesken Liesl, beim Abstieg wurde mir schon schwummerig, ich dachte, es sei der Alkohol zusammen mit der Sonne und der körperlichen Anstrengung, sackte zuhause vor dem Fernseher zusammen, es lief, wie ich mich noch genau erinnere, ein Dokumentarfilm über das Leben von Leni Riefenstahl. In Decken gehüllt zog ich mir das rein, schon zitternd, fiebernd, und immer noch schwächer und schwächer werdend, bis ich dann plötzlich aufs Klo rennen musste und aus allen Kanälen quollen die verschiedenfarbigen Melassen. Meine Mutter pflegte mich, eine Woche Brechdurchfall vom Feinsten, am Höhepunkt der Krankheit fast zu schwach, um die paar Meter zum Klo zurückzulegen, das war bis gestern mein letzter Besuch auf dem Brunnenkopf gewesen.

Dagegen war die gestrige Visite dort natürlich weit unspektakulärer, immer noch faszinierend, wie viel leichter ich überall hochkomme, seit ich nicht mehr rauche. Meine letzte Bergtour als Raucher war der Aufacker, allerletzte Kräfte aufbietend schnaufte ich mich irgendwie hoch und kriegte auf dem Gipfel einen minutenlangen, absolut epischen Hustenanfall. Danach natürlich sofort Gipfelzigarette, komplett irr, ich bin so froh, dass ich diesen Wahnsinn abstreifen konnte. Selbst als rauchender Mittzwanziger erschöpfte mich so ein Brunnenkopfanstieg mehr als mein nicht mehr rauchendes Ich gestern, ich ging langsam, aber unbeirrt, und ohne je außer Atem zu kommen, hätte im Grunde noch ewig so weiter laufen können. Nur der Knochenapparat wird merklich älter, während die Lunge sich so wundersam verjüngt, rechter Fuß und linke Hüfte schmerzen von der ungewohnten Belastung.

Abends Fußball in der Glotze, mich interessierts fast gar nicht, aber es lullt einen so schön ein, und immerhin besser, als sich kotzend Leni-Riefenstahl-Dokus reinzupfeifen.

22.06.2018
Wieder in Berlin.

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5 Gedanken zu “Bericht ans Heimatministerium

  1. 16.06.: Ja, sehr. – Glückwunsch und Respekt, dass du es durchgezogen hattest, von deinem „Wahnsinn“ wegzukommen! Und prima, dass es sich so schön gelohnt hat.

  2. Eva Birngruber

    An die Lisa denke ich sehr oft. Ich habe sie das letzte Mal im Januar 2008 gesehen. Das war sehr seltsam. Im Mai ist sie dann gestorben.

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