Neues Museum

Der Mai hat sich in so einen seltsamen Fleckerlteppich aus langen Wochenenden, Brückentagen, und dann aber doch wieder ein paar Schultagen verwandelt, und so begab es sich, dass ich am gestrigen verlängerten Pfingstdienstag mit meiner Tochter morgens den Beschluss fasste: Wir gehen ins Museum. Das machen wir von Zeit zu Zeit, wir nehmen uns dann kleine Zeichenblöcke mit, und wenn uns irgendetwas eigentümlich, außergewöhnlich oder auch nur ganz normal schön erscheint, dann skizzieren wir es schnell mit dem Bleistift aufs Papier und erörtern dann unsere ungenügenden Zeichenkünste. Gestern also im Neuen Museum, wo lustigerweise die älteste Kunst rumhängt, Vor- und Frühgeschichte, Schliemanns Trojafunde, die alten Ägypter, Nofretete, dieses Zeug. In Stein gemeißelte Steuerbescheide, 4000 Jahre alt: Komplett faszinierend.
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Als wir genug gesehen hatten und uns die Füße wehtaten vom Rumschleichen um die Vitrinen, da war genau die richtige Mittagessenszeit, wir setzten uns am Hackeschen Markt auf die Terrasse eines Italieners, C. sucht den Tisch aus, schön im Schatten liegend, wir setzen uns hin, ich höre nur zwei Minuten den vier Männern am Tisch hinter mir zu, und sacke innerlich zusammen, weil ich verstehe: Nazis. AfDler. Dumpfste Drecksäcke. Was mir den Rest gibt: Sie sind aus Bayern. Mein Land. Ich höre meinen Dialekt, meine Sprache, in welcher dämlichste Sprüche geklopft werden, und alle grölen lauthals, die übliche Hetzrede gegen Flüchtlinge, gegen Muslime, gegen Frauen, ich muss das hier nicht im Einzelnen wiedergeben, aber wie laut sie sind, wie sehr sie wollen, dass auch die Nebentische mithören. Platzhirsche. Männerphantasien. Muss unbedingt Theweleit lesen, ich glaube, da warten tiefe Einsichten auf mich, es sind immer reine Männergruppen, wie ich schon oft jetzt beobachtet habe: Der neue Rechtsradikalismus zeichnet sich vor allem auch durch seine Misogynie aus. Frauenhass und Antifeminismus, siehe Don Alphonso, dieses Männerbündlerische, mir wird es ewig unverständlich bleiben. Wie sie die Frauen befreien wollen von der angeblich drohenden Burka, um sie gleichzeitig an den Herd zurück zu bannen, sie wieder mundtot machen wollen.

Und ich sitze da, esse meine Nudeln und denke: was soll man tun jetzt? Natürlich tue ich nichts, habe nicht die geringste Lust, mit Rechten zu reden, das bringt auch nichts, man bekehrt ja nicht beim Mittagessen mal im Handumdrehen ein paar Idioten, ich höre nur zu, studiere die Rede: Seehofer? Größter Depp von allen. Er poltere doch nur herum, wenns aber drauf ankomme, dann ziehe er den Schwanz ein. Das sagen diese ungefähr dreißigjährigen Angeberboys aus Bayern, die kriegt kein noch so radikaler Rechtsschwenk der CSU wieder zurück. Die Unsinnigkeit dieser Manöver, aber meine Güte, was rege ich mich auf? Die Nazis diskutieren mittlerweile über Immobilienpreise.

Als wir gezahlt haben und weggehen, frage ich C., ob sie das bemerkt habe, dass das Nazis waren am Tisch neben uns, AfDler? Nein, sagt sie in völliger Gemütsruhe, sie habe gar nicht zugehört, was die sagen. Ich hätte ihr das aber durchaus mal mittteilen sollen, dann hätte sie denen mal ordentlich eins mit ihrer Handtasche übergezogen.

In der S-Bahn nachhause malt sie das Versäumte in ihr Skizzenbuch.

 

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6 Gedanken zu “Neues Museum

  1. Ja, tolle Skizzen, sowohl sprachlich als auch zeichnerisch. Und sehr interessant diese Beobachtung mit dem Männerbündelrischen. Ich habe kürzlich lange mit einer Frau geredet, die ähnliche Parolen vertrat, und die Erfahrung gemacht, dass es durchaus lohnend sein kann, miteinander zu reden. Aber die Situation war auch deutlich anders. Im geschilderten Fall hilft vermutlich wirklich nur eins mit der Handtasche überziehen.

    1. Danke, ja, ich glaube, man versteht intuitiv sofort, ob ein Gespräch möglich und lohnend sein könnte, oder ob durch Kommunikation der Konflikt nur vertieft würde, nur noch mehr Hassrede erzeugte. Es ist schwierig, die Rechten sind wirklich lauter geworden in den letzten Jahren, ich weiß eigentlich immer noch nicht recht, wie ich am besten damit umgehen soll, wie man in solch alltäglichen Situationen sich am besten verhalten solle, keine Ahnung.

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