Neueröffnung

Ich müsste mich wieder mehr um diese Sache hier kümmern, diese Waldundhöhlenschrift, die ich mich weigere, ein Blog zu nennen, oder gar „einen“ Blog, wie überhaupt alles an mir fast nur noch aus Verweigerung besteht, ich bin einfach Bartleby und habe nicht die geringste Lust mitzumachen, bei was auch immer, weil, wohin ich auch schaue, es doch immer nur auf Gentrifizierung und Neoliberalifizierung hinausläuft, überall Typen in Anzügen, mit Aktenmappen unterm Arm, sie inspizieren mein Viertel, in ihren Augen rattern die Dollarzeichen, während sie scheinbar unauffällig im Biergarten ihr Mittagessen mit den Investoren abhalten: Schauen Sie doch mal, wie ursprünglich hier alles noch ist, die unverbaubaren Blicke, die jetzt noch abgefuckte Altbausubstanz, aber sehen Sie sich mal den Stuck an, die Dielenböden, alles die reinsten Goldgruben, die es zu heben gilt, sie reden es den ganzen Tag in ihre Mobilfunktelefone hinein, diesen Text, der vom Ausverkauf meines Viertels handelt, Sprechakte, die darauf hinauslaufen, meine Wohnung unter meinem Arsch hinwegzuziehen, sie sagen, sie wollen das Viertel lebenswerter machen, sie sprechen von Nachhaltigkeit und Carsharing, sie sagen, ich solle auch mal was sagen, ich könne mitreden, aber mache ich den Mund auf, kommt keine Sprache raus, auch ist überhaupt kein Ohr da für das, was ich zu sagen hätte.

Aus der alten Hähnchenbraterei, Happy Hour Futschi halber Preis, haben sie jetzt einen Burgerladen gemacht, ich glaube, so geht es los, die Burger kosten 10 Euro aufwärts, Brioche oder Vollkorn, ich meine, spinnt ihr, das ist einfach nur ein verdammter Burger, gebratenes Hackfleisch in eine Schrippe geklemmt, was für ein Gewese da gemacht wird um ein bisschen Fast Food, an der unverputzten Wand klebt ein Fahrrad. Und natürlich bin ich selbst dieser Gentrifizierer, der Zugezogene, der Bayer mit dem unmöglichen Dialekt, habe ich mich selber in die alte Hähnchenbraterei nie reingetraut, die verrauchte Spelunke, der Stammtisch und ein paar Besoffene im Blaumann, und in den neuen, schicken, hipsterigen Burgerladen gehe ich natürlich am Eröffnungstag sofort rein, der Burger ist noch nichtmal ganz schlecht, bin fast geneigt zu sagen: die Pommes gehen halbwegs okay, es schmeckt nicht völlig verkehrt, es ist eine verdammte Scheiße.

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