Mit links geschrieben

24.03.2018
[…] zersprang mir das alte Ettaler-Bierglas beim Abwaschen in der Hand und schnitt mir so übelst in den rechten Daumen rein, dass ich sofort wusste: Ich muss ins Krankenhaus zum Nähen. Kurzer Wutausbruch, dann Taxi, Westend, Notaufnahme. Musste ewig warten, dann endlich der Doktor: Schnitt verläuft recht unglücklich, könnte Komplikationen geben. Montag zur Kontrolle zum Hausarzt. Nähte es mit vier Stichen, im Nebenraum schrie herzerweichend ein Kind. Dann aus dem Krankenhaus raus, erstmal Essen kaufen, heim. Völlig fertig im Bett eingesunken und geschlafen.

26.03.2018
Heute morgen bei Dr. Baxxter vorstellig geworden, meiner neuen Hausärztin, der die Wunde nicht so richtig hundertprozentig gefiel. Absolute Schonung verschrieb sie mir, ich solle am besten überhaupt gar nichts machen, auf jeden Fall aber alles, was sich gar nicht vermeiden ließe, unbedingt mit links. Was hatte ich mir nicht alles vorgenommen für diese Woche, wo H. mit den Kindern auf Reisen: die Wohnung aufräumen, entrümpeln, vielleicht sogar die Speisekammer ausräumen und ausmisten, eine neue Ordnung stiften – und jetzt das, ich kann nicht einmal das Geschirr abwaschen, es stapelt sich in der Spüle, statt mehr Ordnung kommt noch mehr Unordnung, aber ok, dachte ich mir: Wenn der Daumen jetzt Ruhe braucht, dann braucht der Daumen jetzt eben Ruhe. Ab aufs Sofa und Netflix-Marathon. Und der Zufall will, dass es eine neue Dokumentar-Serie über Dr. Dre gibt, das interessiert mich doch sofort, ich fange an, es gefällt mir, und nach einer Viertelstunde plötzlich ZUMP, geht die Glotze aus. Ich denke zuerst, ein Computerproblem, Kabel rein, Kabel raus, klicke planlos rum, bis ich merke: Es geht ja gar nichts mehr, der Strom in der ganzen Wohnung ist weg. Blick aus dem Fenster: Die erloschene Ampel an der Kreuzung vorne flüstert mir leise ins Ohr: Der Strom im ganzen Viertel ist weg.

Da kann ich mir meinen Fernsehtag schön in die Haare schmieren, laut Vattenfall kommt der Strom frühestens um 1 Uhr morgens wieder. Computer hat noch 87% Strom, Telefon 38%. Noch ist Tageslicht zum Lesen da, für später habe ich nichts besseres als ein paar Teelichter finden können. Es wird der langweiligste Abend meines Lebens, fürchte ich. Ich begreife es als ZEN-Übung: Fühle das Nichts, achte darauf, dass der Daumen still hält.

18.55 Uhr: Strom wieder da, früher als erwartet. Es soll ein Bekennerschreiben von Linken geben, die absichtlich an der Mörschbrücke ein Feuer gelegt haben sollen, um Infrastruktur zu lähmen, wirtschaftlichen Schaden in möglichst großer Höhe zu erzeugen. Ich frage mich wirklich, was an solchen Aktionen „links“ sein soll. Links heißt doch, das Gemeinwohl mehren zu wollen, die zivilisatorischen Errungenschaften für alle verfügbar zu machen. Gemeinnützige Infrastruktur zu zerstören, ist für mich das Gegenteil von links. Ganz Charlottenburg Nord hasst jetzt die „Vulkangruppe NetzHerrschaft zerreißen“, allein der Name schon, was für Idioten, haben wir mit den rechten Irren nicht schon genug zu tun? Und by the way: Charlottenburg Nord, der Mierendorffplatz, der Kiez, wo ich lebe, und wo heute die Lichter ausgingen: Das sind nicht die champagnerschlürfenden, dekadenten Kudamm-Charlottenburger, die ihr euch vorstellt, ihr Vulkangruppenheinis, das ist ein alter Arbeiterkiez, viele Rentner, viele Migranten, Geringverdiener, ganz normale Normalos. Bitte treibt die nicht auch noch in die Arme der AfD mit euren Unsinnsaktionen.

20.00 Uhr: Versuche jetzt mal, meinen Netflixabend doch noch Wirklichkeit werden zu lassen.

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7 Gedanken zu “Mit links geschrieben

  1. Am Bierglas verletzt, ist das noch männlich? Gute Besserung auf jeden Fall!

    Ich gucke gerade Wild Wild Country, was ganz gut ist. Hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich im Alter Doku-Serien schauen werde.

    1. Danke! Solche Männlichkeitszuschreibungen interessieren mich witzigerweise überhaupt nicht, ich käme nicht mal auf die Idee, mir so eine Frage zu stellen. Doku-Serien hingegen haben mich immer schon interessiert, insbesondere zur Popkultur, ich glotzte als Heranwachsender mit vollkommener Hingabe die Serie „Superdrumming“, moderiert von Pete York. Hätte man mir damals ein Schlagzeug gegeben – wer weiß, was aus mir geworden wäre. Aber: War natürlich zu laut, die Nachbarn, usw.

      1. Wunde und Bier: Da hatte ich diese leicht dämliche Assoziation. Weiß auch nicht, was mich geritten hat, aber es war auch noch früh.

        Bislang war ich eher der Fiction-Typ, keine Dokus, keine Sachbücher. Vielleicht ändert sich das gerade.

  2. Ging mir so ähnlich mit einem Teller. Hatte schon einen feinen Sprung. Beim Spülen brach er dann auseinander und die Bruchkante fuhr in meinen Daumen. Fast tief genug um genäht zu werden. Aber nur fast. Wunde verheilt, Nervenstränge aber nicht.

    Bleibt noch die Frage, ob das wirklich wichtig ist …

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