Kreiz Birnbaam und Hollerstaudn

Heute morgen, ich ziehe den Vorhang auf, die Sonne scheint, Wärme schlägt mir entgegen, Frühling, und möchte als erstes kotzen. Schon wieder ein Tag. Fuhr dann mit C. später raus nach Ribbeck, wohin sie ihre erste Reise ohne Eltern unternommen, mit dem Kinderladen damals, wie lange es her scheint, ein paar Jahre sind das doch bloß, zum Kinderbauernhof. Wir parkten am Birnbaum, liefen zum Bauernhof raus und dann die Schleife wieder zurück. Sie erkannte nichts wieder, ich hingegen erinnerte mich ganz genau, wie wir sie damals dort abholten, alles kam mir heute plötzlich so klein vor, die Ponys, die Esel, der ganze Hof, als wäre alles geschrumpft. Hat mir viel besser gefallen von der Natur her, als das alte DDR-Truppenübungsgelände in Elstal, das immer noch wie so ein verwüstetes Schlachtfeld aussieht, obwohl da seit dreißig Jahren kein Panzer mehr rumgefahren ist. Wahrscheinlich liegt es an Fontane, am Birnbaum, ein Gedicht, das jeder irgendwann schon mal gelesen oder gehört hat. Wiste ne Beer? Die Stille, die Luft, Weite des Himmels. Für eine Stunde erlöst zu sein. Im Moment brauche ich so dringend alles, was nicht Stadt ist, nicht Enge, Abgas, Menschengedränge. Musik zum Beispiel auch. Streichquartette.

Ein Birnbaum gehört zu den wenigen Erinnerungen an meinen Großvater, die ich habe. Er pflückte immer die Birnen und legte sie dann zur finalen Reifung auf das Fensterbrett des Stadels, in dem er seine Werkstatt hatte. Da nahm ich mir dann die Birnen, und sie schmeckten köstlich, im Gegensatz zum Radi, den er auch dort hinten züchtete, der war unglaublich scharf, das hielt ich als Kind nicht aus. Als mein Opa starb, kam der Birnbaum sofort weg, er stand im Weg für irgendwas. So geht es ja den meisten Bäumen. Auch die zwei Äpfelbäume, die ich später mit dem Ochsen ungefähr zehn Meter weiter anpflanzte, ließ mein Vater ein paar Jahre später direkt wieder umschneiden, bevor sie noch die erste Frucht getragen hätten. Irgendwie muss mein Vater echt was gegen Obstbäume gehabt haben.

Väter und Gezeiten

Eigentümlich unbestimmte Zeitbestimmungswörter: „Siebzehnhundertselbigsmal“ sagte meine Mutter oft. Auch die Redewendung „Matthäi am Letzten“ kannte ich nur von ihr. Seit sie tot ist, höre ich diese Wörter nicht mehr, nur noch in meiner Erinnerung. Keine Ahnung, warum mir das ausgerechnet jetzt wieder einfällt, ich denke ziemlich viel an meine Eltern im Moment. Bin einerseits froh, dass sie tot sind und diesen Corona-Irrsinn nicht mehr miterleben müssen, als Hochrisikoleute am besten noch, mein Vater mit dem COPD, meine Mutter mit dem amputierten Bein, auch immer am Husten, kaputte Lungen nach lebenslangem Rauchen. Andererseits wünschte ich, sie wären da, einfach nur so, unproblematisch. Aber so läuft es nicht. Träumte kürzlich von meinem Vater, ich wollte ihn dazu überreden, dass er eine Atemschutzmaske aufzieht. War natürlich unmöglich, er weigerte sich, so ein Schmarrn, was soll das? Das war schon realistischer. In einem anderen Traum erschien mir Glasers Vater, ich klingelte an der Tür des Glaserhauses, er öffnete, bat mich schweigend ins Haus rein, wir standen in der Werkstatt, alles war ganz finster, draußen Winter, alles verschneit, ganz still. Wir gaben uns wortlos die Hand, dann sagte er: „Was denkst du?“, und ich erwiderte: „Ich denke, man sollte keine Hände mehr schütteln.“ Auch er seit zehn Jahren tot, starb im selben Jahr wie mein Vater, Matthäi am Letzten, manchmal denke ich, das ist ein Datum, das bereits vergangen.

War Games

Morgens beim Aufwachen brauche ich immer noch ein, zwei Minuten, bis ich wieder ganz realisiere: Dieser dystopische Horrorfilm von der unsichtbaren Gefahr, die die ganze Welt in ihren Fundamenten erschüttert, ist wahre Wirklichkeit. Ein Virus, so wie in H.G. Wells’ „Krieg der Welten“, da bringt doch am Ende auch ein Schnupfen die dreibeinigen Eindringlinge aus dem All zu Fall. Als Orson Welles das im Radio brachte, drehten die Leute reihenweise durch, Massenpanik brach aus, weil alle dachten, sie hörten gerade eine Nachrichtensendung und die Invasion vom Mars sei dementsprechend real. Wie erstaunlich ruhig die Menschen aber jetzt bleiben. Der Schlosspark bei dem schönen Frühlingswetter jeden Tag vollgepackt mit Menschen, die sonst im Büro sitzen würden, man geht schon in so verrückten Schlangenlinien durch die Welt, um niemandem zu nah zu kommen, der Ein- und Ausgang ist ein vermaledeites Nadelöhr, an dem es notwendig zu Menschenanhäufungen kommen muss. Großstadt insgesamt eine eher schlechte Idee, wenn der Feind gerade ein Virus ist, das von Mensch zu Mensch hüpft. Siehe dazu New York gerade, ich kann gar nicht daran denken, habe auch selber aufgehört, so viel Nachrichten zu lesen.

Weil wir den Schlosspark nicht mehr sehen können, wollten wir heute mal zum Teufelssee, das Auto ist jetzt doch wieder nützlich, muss ich sagen, Bus und U-Bahn sind ja im Grunde unbenutzbar im Moment, aber im Grunewald war heute ganz Berlin versammelt, ein reiner Massenansturm, Menschen dicht an dicht, wir drehten direkt um und fuhren ganz raus aus der Stadt. Wenn Karls Erdbeerimperium und Outlet-City geschlossen haben, ist es in Elstal plötzlich sehr ruhig, einsam und beschaulich. Wir gingen im ehemaligen Truppenübungsgelände herum, sandiger Boden, wenig Leute, zwei Meter Mindestabstand kein Problem. Die Wege mit hohen Zäunen geschützt, Warnschilder stehen herum, es könnten überall noch Minen und anderes explosives Zeug da rum liegen, ich konnte mir sofort vorstellen, wie die sowjetischen Panzer durch diese Landschaft brettern und Krieg spielen.

Später frühes Bier, Spaghetti Carbonara, keine Smash Brothers gesmasht. Dafür Zeitgefühl verloren. War morgen schon Donnerstag, oder wird gestern Mittwoch sein? Zeitverschiebung und Sonnenstandsneuregelung mit einer Stunde Verlust von irgendwas wird hier sicherlich sehr hilfreich geworden.

Zeitreisen

Aus meiner Kindheit erinnere ich ein eigentümliches Gefühl, diese ganz seltsame Empfindung, wenn man viele Tage lang krank war, geschwächt ans Bett gefesselt, immer nur drinnen und im Zimmer lag, und dann, noch nicht ganz gesund wieder, aber doch auf dem Weg der Besserung befindlich, zum ersten Mal wieder ins Freie tritt: Wie ungewohnt da die Luft riecht, und der Sonnenschein auf dem Kopf. Ich verbinde dieses unvergleichliche Gefühl komischerweise genau mit so einem Wetter wie jetzt gerade: Ganz kalte, noch winterliche Luft, aber dabei das Licht der Sonne schon: diese spezielle kalte Helligkeit.

Als Kind war ich oft krank, Mittelohrentzündung, Masern, alles mögliche, ganz normale Fieberschübe, das schlimmste war Scharlach in der Dritten – es war mir ein vertrautes Gefühl, dieses erneute Hinaustreten in die Welt. Irgendwann muss ich das verloren haben, mit Mitte zwanzig vielleicht, ich erkrankte, lag ein paar Tage drinnen rum, ging wieder raus, wartete auf das alte Gefühl, aber es kam nicht mehr. Es ist jetzt nur noch in der Erinnerung präsent, ich kann es noch denken, aber nicht mehr wirklich fühlen. Ich dachte heute wieder daran, wo ich den ganzen Tag nur drinnen war, lesend am Sofa lag, überhaupt nicht krank, mir aber trotzdem bald so leicht kalt wurde, ich mich unter die Decke verkroch und es mir in der Vorstellung bequem machte, ich wäre vielleicht tatsächlich einfach krank und deswegen jetzt daheim in Decken gehüllt und sehr arm dran. Seit das Virus grassiert bin ich eh schon so halb hypochondrisch und fühle ständig in mich rein, ob irgendwas, speziell in der Lungengegend, eventuell auffällig sein könnte, vermeine so eine gewisse Kälte in der Brustgegend zu verspüren, am liebsten wäre ich jetzt zusammen mit Hans Castorp irgendwo zum Auskurieren meiner eingebildeten Krankheit in einer Spezialklinik in den Schweizer Bergen.

Aus meiner momentanen Tätigkeit als Aushilfslehrer, Fachbereich Deutsch, Jahrgangsstufe 3, kann ich berichten: Es wird von Tag zu Tag grotesker. Ich habe selber zum Teil größte Mühe, überhaupt die Aufgabenstellungen zu dechiffrieren. Heute zum Thema Osterbräuche: „Lies den Text! Setze passende Sammelwörter in die Lücken ein!“ Es folgen jetzt Sätze, in denen immer das Verb fehlt und durch ein leeres, eiförmiges Oval substituiert ist. Also auf jeden Fall schon mal gar kein „Text“, den man einfach so mal eben lesen könnte. Was sind aber vor allem Sammelwörter? Ich habe das Wort „Sammelwort“ noch nie gehört. Soll ich die Sammelwörter jetzt aus meinem Kopf raussammeln, oder sind das die Wörter in dem Kasten rechts, die dort versammelt sind und auf mich warten, dass ich sie aus ihrer Versammelung da rauspicke? Mein Sohn ist, muss ich hier vielleicht dazusagen, auch ein bisschen schwierig, was solche Dinge angeht. Wenn ich ihn frage, was sind denn Sammelwörter, du arbeitest doch öfter schon mit diesen Schulbüchern, dann wird er augenblicklich sehr erratisch. Sammelwörter halt, das weiß man, oder man weiß es nicht, das ist halt so was wie das da, (auf ein unbestimmtes Etwas deutend), so was ist das, oder was anderes, vielleicht, keine Ahnung. Er ist mir da keine große Hilfe, ich muss mich schon allein in die Aufgabenstellung erstmal selber reinfummeln. Und dann kommen solche Sätze:

Die Kinder [ ] die Sträucher mit Ostereiern.
Am Osterbäumchen [ ] zwölf Ostereier.
Auch der Brunnen [ ] Osterschmuck.
Junge Mädchen [ ] schweigend am Ostermorgen Osterwasser.
Osterwasser [ ] schön.

Was ist das? Aus welchem Jahrhundert stammen diese bizarren Fragmente? Ich bin jetzt wirklich alt, von vorgestern, aufgewachsen im tiefsten bayrischen Katholizismus, aber noch nichtmal mir ist irgendwas von Osterwasser oder österlicher Brunnenschmückerei bekannt. Brunnen spielen in der Lebenswelt meiner Kinder keinerlei Rolle, man schickt auch keine jungen Mädchen mehr zum Wasserholen da hin, und selbst wenn, dann hoffe ich doch sehr, dass sie wenigstens mittlerweile den Mund dabei aufmachen dürfen. Und was denken eigentlich die Muslime, die solchen Käse als Deutschunterricht unter die Nase gerieben bekommen? Ich finde das alles auf so vielen Ebenen falsch, dumm, komplett irre und verfehlt. Für mich natürlich auch der Wahnsinn, weil ich immer dachte: Das wird schon passen, was die da in der Schule lernen. Solange die Noten stimmen, undsoweiter. Wie wenig ich darüber je nachgedacht habe. Ich schaue jetzt, in dieser Ausnahmesituation, zum ersten Mal überhaupt in diese Bücher rein und bin entsetzt. Kunst und Musik unterrichte ich echt lieber, muss ich sagen, wir zeichnen, hauen auf dem Klavier rum, scheißen auf die Lehrpläne.

In Super Smash Brothers ist er mein Lehrmeister, aber er erklärt nicht gut, eher wie so ein unverständlicher Zen-Meister: „Mach mal so und dann das!“ Ich drücke dann hektisch irgendwelche Knöpfe, und dann lacht mein persönlicher Dalai Lama und smasht mich in den Abgrund.

Lehrkraftzersetzung

Gefühl des Nichtverstandenwerdens mittlerweile quälend, rund um die Uhr, und egal zu wem ich was sage oder schreibe. Alle verstehen immer was anderes und ich sacke innerlich zusammen, kann mich nicht mehr aufraffen, umständlich zu erklären, was ich eigentlich meinte, weil ich schon weiß, dass ich mich damit nur noch mehr um Kopf und Kragen rede. Willkommen im Home Office der beklopptesten Firma der Welt. Mittlerweile traue ich mich kaum noch, den Mund aufzumachen, beim Schreiben noch schlimmer. Auch im Blog, da verstehen ja auch alle fortwährend alles falsch. Obwohl es besser geworden ist. Der Wechsel zu Wald und Höhle hat mich so viele Leser gekostet, aber meine Vermutung ist, dass viele der Klicks im alten Blog einfach Hate-Views waren, wie ich sie selber ja auch immer noch, wenn auch viel seltener, meinem alten Troll und Lieblingskotzbrocken B. abstatte. Hotel Mama ist, soviel ich sehe, das einzige Blog, das mich und B. in derselben Blogroll verlistet, ich finde das interessant, ich lese Hotel Mama gerne, obwohl mich die Kleinschreibung nervt, früher schrieb ich selber so, Mitte der Neunziger war das irgendwie cool, die ersten Emails auf Pine, keine Großbuchstaben, warum eigentlich, keine Ahnung, nur ein Gefühl, anders schreiben als die Alten. Am Klo lese ich jetzt Susan Sontags großes Rolling-Stone-Interview, „The Doors und Dostojewski“, ihr Essay „Against Interpretation“ war für mich eine der ganz entscheidenden Lektüren, wirklich schade, dass ich da schon mit dem Studium der Literatur fertig war. Zu spät. Durch diesen Text verstand ich erstmals, warum mich dieses Verstehenwollen und Stellenerklären immer so fertiggemacht hatte, wieso diese ganze Methodik, die Texte auseinanderzunehmen, um sie verstehbar zu machen, anstatt sie einfach mal ganz und unzerlegt zu lassen, und damit einer anderen Art von Verständnis zuzuführen, meiner ganzen Art der Rezeption von Kunstwerken komplett zuwiderlief. Im Studium hatte ich mich auf der Flucht vor der Hermeneutik dann einfach in den Theoriekram gestürzt: keine Hölderlinseminare, sondern Semiotik, Medientheorie, radikaler Konstruktivismus. Da waren die Seminare auch leerer, weil die Lehramtler fehlten. Elitärer Dünkel natürlich, auf die Lehramtsstudenten so runterzublicken. Gerade jetzt, wo alle Schulen zu sind, die Kinder den ganzen Tag zuhause sitzen, beginne ich zu verstehen, wie elementar die Institution Schule eigentlich ist, wie wichtig das ist, dass ausgebildete Profis diesen Job machen, und nicht jeder irgendwie zuhause, so gut er eben kann. Ich kann das nämlich nicht besonders gut, merke ich zur Zeit, und es macht mir auch keinerlei Spaß, meine Kinder mit sinnlosen Aufgaben zu malträtieren. „Der Schwimmer schwimmt“ war ein Beispielsatz dritte Klasse neulich, und jetzt sollte man dasselbe mit den Wörtern „Der Treffer“ und „Der Fall“ machen. Aber der Treffer trifft ja nicht, er wird noch nichtmal getroffen, sondern ein Treffer wird erzielt. Auch fällt der Fall normalerweise nicht, sondern irgendwas anderes fällt, und das ist dann der Fall, so wie ja die Welt insgesamt angeblich exakt genau alles das ist, was der Fall ist, nach einer halben Stunde Homeschooling schmeiße ich schon alle Bücher in die Ecke und sage selber: Super Smash Brothers ist die lehrreichere Lektion fürs Leben. Mein Sohn meint diese Meinung auch.

Luft

Fast völlige Ausgangssperren mittlerweile, zum Einkaufen und Spazierengehen darf man noch raus, mit dem Gebot des Abstandhaltens, war bei Getränke Hoffmann und in den Arcaden heute morgen, wo es sogar noch Nudeln gab, Klopapier aber nicht, es war so still, gespenstisch fast, obwohl in den Geschäften ganz normal viele Leute sind, aber keiner redet, alle wirken ganz konzentriert, angespannt, kein Geräusch. Mengen von Angst liegen tonnenschwer in der Luft, am Boden aufgeklebte Markierungen zeigen an, wo man stehen soll. Die waren vorgestern auch noch nicht da. Wie schnell jetzt alles geht. Haben wir kürzlich noch diskutiert, ob die Burka verboten werden soll, rennt heute schon jeder Dritte mit Mundschutz rum, oder eben mit Schals, die ums Gesicht gebunden, im Prinzip Vermummung, Panik, Paranoia. Niemand weiß was ganz Genaues, selbst Wissenschaftsguru Drosten betont immer, was er alles nicht weiß, ein neuer Sokrates, mir natürlich sofort megasympathisch. Söder hingegen macht mir Angst, wie er sich jetzt als Krisenmanager inszeniert, immer zwei Tage vor den anderen die nächst schärfere Notstandsklausel aus dem Register zieht, dabei können doch die vor einer Woche getroffenen Maßnahmen jetzt noch gar nicht in den Zahlen sich niederschlagen, wenn die Inkubationszeit des Virus 14 Tage beträgt. Das muss doch jeder Depp verstehen. Söder läuft hier nur auf seinem Kanzlerprofilierungslaufsteg auf und ab. Im Grunde unverantwortlich, denn die Krise ist ja real. Für die Kinder das Nervigste, dass ich sie einmal am Tag zum Rausgehen zwinge, um nicht durchzudrehen, aber tut mir sehr leid, da werde ich selber zum Despoten und dekretiere knallhart: Jetzt aber sofort an die sogenannte frische Luft.

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Coronapanik wird immer größer, heute an der Fußgängerampel über die Mierendorffstraße stehen fünf Leute und warten auf Grün, aber keiner drückt, offenbar aus Angst, irgendetwas im öffentlichen Raum mit Händen zu berühren, so wird das bloß an dieser Ampel halt leider nie was, die schaltet nur um, wenn ein Fußgänger die Taste betätigt, also erbarmte ich mich. Neulich auch schon die nicht unlustigen Verrenkungen einer Frau beobachtet, die den Knopf zum Öffnen der U-Bahn-Tür mit dem Ellbogen drücken wollte, was nicht funktionierte, schließlich musste sie doch den Daumen bemühen. Ich selber wasche Hände wie ein Bekloppter, die Haut ist schon ganz rissig, ansonsten verhalte ich mich im Prinzip wie immer, vor ein paar Tagen kaufte ich noch, ohne mir irgendwas dabei zu denken, Karten für den Pierre-Boulez-Saal Anfang Mai, und seitdem explodiert in den Nachrichten die Krisenstimmung, plötzlich bricht mir der Angstschweiß aus, wenn ich bloß daran denke, mit so vielen Leuten dicht an dicht in einem Raum zu sitzen.

Am liebsten würde ich mich, bis die Epidemie vorüber, nur noch zuhause verkriechen, Netflix schauen, den Bücherstapel abarbeiten, muss aber heute noch mit C. zum Zahnarzt, sie muss jeden Moment von der Schule kommen, die hier im Gegensatz zu sämtlichen Nachbarländern immer noch geöffnet hat. Man schließt Opernhäuser, sagt Messen ab, macht Fußballstadien dicht, aber der Gedanke, dass die Kinder mal spontan zwei Wochen nicht in ihre Bildungsinstitutionen reingehen würden, der sprengt endgültig die Vorstellungskraft der preußischen Beamtenhirne. Der Fetisch Schulpflicht ist in Deutschland stärker als alles andere, wie man ja auch an den Fridays for Future sehen konnte, deren freitägliche Absenz in der Schule von den sogenannten Konservativen so skandalisiert wurde, dass alles andere dahinter verschwand.