G’schichten aus dem Grunewald

Immer weiter im Potter, jetzt schon tief im Gefangenen von Askaban. Und der Winter ist bis jetzt so mild, letztes Jahr war um die Zeit schon der ganze Boden unter einer tiefen Eisschicht begraben. Dieses Jahr fast immer über null Grad und noch fast keinen Schnee gesehen. Gingen heute einmal um den Teufelssee herum und dann, auf Irrwegen mäandernd, auch noch auf den Teufelsberg hinauf. Ein seltsam geschichtlicher Ort, man sieht die Steine, den wirklichen Weltkriegsschutt, aus dem dieser Berg ja tatsächlich besteht, noch überall aufblitzen, überall ragen einfach Ziegelsteine aus dem Waldboden heraus. Und darunter liegt die Kriegshochschule der Nazis, das ist die unterste Schicht, die Ruine der Wehrtechnischen Universität, darüber man dann den Schutt der zerstörten Stadt anhäufte.

Ganz oben aber, auf der Spitze dieses künstlichen Berges, die auch schon wieder abgewrackte Abhörstation der Amerikaner, die von dort aus die Sowjets abhörten. Bin gespannt, was sie als nächstes da drüber schütten. So schichten sich die Schichten der Geschichte übereinander.

Beim Abstieg völlig verwirrt und orientierungslos. Mit den Handys orientierten wir uns wieder und fanden zurück zum Auto. Karte des Rumtreibers, dachte ich. In den Neunzigern war das sogar noch in der Welt der Magier was Besonderes. Heute hat jeder Muggel so ein Ding in der Jackentasche.

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Rosebud

Hab jetzt gestern noch tatsächlich angefangen, Harry Potter zu lesen. Unter Auslassung des ersten Bandes, mit der Kammer des Schreckens eingestiegen. Im Grunde wirklich herrlich, dieses komplett naive Lesen. Die Last des Literarischen, die Last des Klassischen, die tonnenschwere Beethovenlast – ich merke, wie ich nach Wegen suche, um mich von diesen fürchterlichen Gewichten zu befreien. Vermutlich müsste ich eigentlich in einer Punkband spielen. Oder Bloggen. Ja, Bloggen, das wärs.

Metamorphmagus

Seit Silvester mit C. alle Harry-Potter-Filme der Reihe nach geschaut. Faszinierende Erfahrung. Ich habe ja damals, als der Hype darum so groß war, nichts so sehr gehasst wie diese Bücher, konnte mich tierisch aufregen über den immerzu gehörten Satz: Wenigstens bringt es die Kinder wieder zum Lesen! Ein Motiv, das mich mein Leben lang schon verfolgt: Ich, der Büchermensch, der allen immerzu erklären muss, dass das Lesen per se nichts besser macht, auch nicht automatisch gute Menschen erzeugt, dass Bücher im selben Maße auch ein Teufelszeug sein können wie Computerspiele, Glotze oder Kino, so wie andersherum ein Computerspiel auch eine absolut bereichernde Erfahrung sein kann, undsoweiter, ihr wisst ja, was ich meine. Naja und darum war ich damals um die Jahrtausendwende herum so ein absoluter Feind des Harry-Potter-Kultes. Kinder, die mit spitzem Hut, schwarzem Umhang und Zauberstab in der Hand vor einer Buchhandlung auf das Erscheinen des nächsten Bandes warteten – das war ein Bild, das mir sofort die Zornesröte ins Gesicht trieb. Warum? Weil so ein Bild es in die verdammte Tagesschau schaffte! Das war eine Meldung, die Kinder lesen wieder, meine Güte, wie toll, endlich mal was Positives, streich Bürgerkrieg, Börsencrash und Umweltkatastrophe: Wir bringen die knuddeligen Leseratten! Und das Schlimmste waren die Erwachsenen, die gestanden, sich den Scheiß ebenfalls reinzuziehen, um dann mit gequältem Lächeln noch hinzuzufügen: Aber auf Englisch natürlich! Ich war absolut dagegen, ohne je eine Zeile davon gelesen zu haben.

Zehn Jahre später las ich dann C. die ersten zwei Bände vor, danach stiegen wir auf die Filme um, und jetzt also der Riesenfilmmarathon. Ich kann nur sagen: Es ist eine wirklich gute Geschichte, spannend, mitreißend, komplex, toll. Bestimmt könnte man da auch ganz viel kritisieren, eine gewisse Überfülle der Erfindung vielleicht, immer noch mehr Figuren, immer noch mehr Zaubersprüche, Zaubertränke und Fabelwesen werden eingeführt usw., bestimmt hätte man den Stoff auch ökonomischer verarbeiten können. Aber wer bin ich, um so einen Welterfolg zu kritisieren? Rowling muss da etwas verdammt richtig gemacht haben, mit Stümperwerk erreicht man nicht die Herzen von Millionen. Vielleicht ist diese barocke Verschwendungslust der Ideen und Einfälle ja auch gerade der Reiz daran?

Für mich jedenfalls eine schöne Erfahrung, die einmal so felsenfest stehende Meinung nochmal geändert zu haben. Im Gegensatz zu den Häresiarchen von Uqbar („mirrors and fatherhood are hateful“) halte ich die Vaterschaft für etwas Wundervolles. Sie ermöglicht es uns, die Dinge noch einmal mit den Augen eines Kindes anzuschauen. Fast eine Art Magie.

Don’t Look Back in Anger

Das jetzt endlich vergangene 2017 hatte es dermaßen in sich, dass ich – aus Angst, es könne nochmal zurückhauen – sein definitives Ableben wirklich abwarten musste, bevor ich kurz hier konstatiere: Es war ein fürchterliches Jahr. Es begann gleich mit mehreren Weltuntergängen gleichzeitig, ich wusste gar nicht wie mir geschah, plötzlich war meine Mutter weg, tot, und dann hat man ja so irre viel sofort um die Ohren, mir schwirrte nur noch der Kopf, ich konnte das alles nicht begreifen. Das nicht mehr hinterherkommende Denken muss man dann irgendwie abschütteln, abhängen, ich radelte wie bescheuert durch die Welt, bis ich dabei zu schnell wurde und es mich vom Rad schmiss, ich landete im Krankenhaus, der beschädigte Körper fesselte mich zurück aufs Bett, aber nur für Tage, ich fing dann an zu gehen, später rennen, stieg auf Berge, um bloß nicht wahnsinnig zu werden. Ich glaube, ich war teilweise wirklich kurz davor.

Alle Texte, die ich in diesen höchst interessanten Zuständen schrieb, sind leider verloren. Computerabsturz. Totaler Blackout. Nichts zu machen.

Darum der Neustart. Noch einmal losgehen. Wohin, wird sich zeigen. Während ich den Landwehrkanal auf- und ablatschte in diesem gottverfluchten Jahr, dachte ich auch über das Schreiben nach, über mein Schreiben, während ich gleichzeitig vor ebendiesem Schreiben davonlief.

Vorsatz fürs neue Jahr dementsprechend: Ins Schreiben zurück laufen und laufend die verlorene Schrift zurück holen.

Tote

Mehr oder weniger zufällig erfahre ich heute, dass der Maxi gestorben ist. Nicht dass ich ihn besonders gut gekannt hätte, im Gegenteil, ich bin ihm bloß ein paarmal begegnet im Leben, vor zehn Jahren vielleicht zuletzt, da war er noch ein Kind, bei seiner Oma, die eine gute Freundin meiner Mutter war. Ich holte oder brachte irgendwas zu ihr, im Auftrag meiner Mutter, und da war dieses Kind, total nett, nichts besonderes auch, ein Kind halt: der Maxi. Und vor ein paar Tagen ist der Maxi bei einem Abfahrtsrennen in Kanada gestorben, der Ski durchschnitt auf tragische Weise das Sicherheitsnetz, wie ich lese. Die A., die ich noch sehe, wie sie im Frühjahr völlig in Tränen aufgelöst das Weihwasser auf die Urne meiner Mutter sprengte, muss jetzt wirklich auch noch ihren Enkel zu Grabe tragen. Ich weiß gar nicht, was ich tun soll, oder schreiben, es ist alles so unendlich traurig. Es sterben unentwegt die Leute, und man steht nur da und registriert schweigend die Toten.

Auch der Moser ist ja vor kurzem gestorben, wie mir der Glaser schrieb, Bratscher im Orchester seit ich denken konnte. Er war fast taub, weil er als Schnitzer in der Schnitzmanufaktur jahrelang seinen Arbeitsplatz neben dem Typen hatte, der die ganz große Holzblöcke mit dem Schlegel bearbeitete. Bämm, Bämm, Bämm, den ganzen Tag auf dem linken Ohr. Dabei brauchte er seine Ohren, er war der größte Klassikkenner, CD-Sammler, hatte alle Brucknerwerke und jeden noch so abseitigen Mozart, und eine sagenumwobene High-End-Anlage, die ich allerdings nie zu Gesicht bekommen habe. Er lieh auch nie CDs aus, machte stattdessen Kopien auf Audio-Cassetten. Man brachte ihm eine leere Cassette, sagte: Fauré Requiem, bitte. Und am nächsten Tag gab der Moser dir die Cassette wieder, schön beschriftet, mit Timecodes und allem.

Und keine dieser Cassetten habe ich noch, ich hab ja noch nichtmal mehr ein Abspielgerät für Cassetten, es geht alles dahin, die Toten lassen fast nichts zurück, den Steinway meines Vaters haben sie neulich auch hier rausgetragen und ich dachte nur: Gut, dass er weg ist.

tack tack tack

Ich saß auf dem Balkon des Hotels auf Mallorca, im Sonnenschein, Ende Oktober, knackte mir ein Dosenbier auf und las Bukowskis Briefe „Über das Schreiben“, wie er immer wieder betont, dass dieser reine Akt des Schreibens, das Geräusch der Schreibmaschine, das tack-tack-tack, das eigentliche Glück sei, das rettende Moment, die eigentliche Sucht auch. Ich glaube, irgendwo schreibt er, das Saufen sei sein einziger Ausweg gewesen, um nicht die ganze Zeit nur noch wie bekloppt auf die Schreibmaschine einzuhacken. Ich fraß jedenfalls diesen Briefband in einer Woche weg wie nichts, und dachte: Ich will zu dieser Lockerheit des Schreibens zurück. Zu dieser Unverschnörkeltheit, zu diesem tack-tack-tack, dem Sound der Tastatur.

Dann kam ich zurück und mein Computer stürzte ab, riss alle Notizen der letzten zwei Jahre mit sich in den Abgrund und Grobi meinte: Nimm den Absturz als Zeichen, jetzt kannst du ja wirklich nochmal alles neu rebooten, und ich dachte: Ja, ok, probier ich es halt nochmal.

Humanz

Im Gegensatz dazu das Konzert der Gorillaz vor drei Wochen, wo schon Little Simz als Vorband das Publikum immer wieder mit den Worten anheizte: Make some Noise! Und wir taten ihr den Gefallen, machten den gewünschten Lärm, aber noch nicht genug, lauter, lauter, hieß es, zeigt, dass ihr da seid, hier, jetzt, du, ich, wir alle gemeinsam, in dieser Halle, in diesem Moment, und als dann die Gorillaz selber kamen und mit ungeheurer Energie loslegten, die ganze Halle unter Strom setzten, und dieses dergestalt elektrisierte Publikum, dessen kleinster Teil ich selber war, diese Energieströme zurück auf die Bühne leitete, ein Hin- und Herwogen entfesselter Naturgewalten, während die Bässe nicht mehr nur für Ohren hörbar, sondern den ganzen Körper fühlbar erzittern ließen, was, ja was für eine Erfahrung war das eigentlich? Hundertmal heftiger als alles, was ich je in Opernhäusern oder philharmonischen Konzertsälen erlebt habe, weil hier das Publikum nicht nur nicht so tun muss, als wäre es gar nicht da, und auf der Bühne steht ein Künstler, der auch so tut, als wären keine Leute da, als spiele er nur für sich selbst, sondern das Publikum ist im Gegenteil hier ein wesentlicher Teil der Performance selber. Das Wissen darum, dass das Gelingen dieses Abends nicht nur von der Perfektion der Virtuosen da vorne abhängt, sondern von uns allen, und dieses Gefühl, wenn man merkt: Ja, es läuft, es wird gut, die Hütte brennt! Der Traum jedes Postdramatikers, ein mitmachendes Publikum, welcher nur leider in den Hallen der Stadt- und Staatstheater niemals gelingt, weil ein von Kindesbeinen zur Mucksmäuschenstillhalterei erzogenes Publikum sich ängstlich in die Sitze duckt – hier wird dieser Traum Wirklichkeit, und das Ergebnis ist unglaublich toll, kathartisch im besten aristotelischen Sinne. Erfahrung reinsten Glücks.