Zwischenbericht

Corona-Starre. Konnte auch gar nichts mehr schreiben, das Nichts nicht mehr weiter protokollieren, die häuslichen Spannungen, der Irrsinn mit dem Geschäft, die Entfremdung auch von den Kindern, die jetzt immer und immer in der Wohnung sitzen. Im Grunde alles der völlige Wahnsinn. Gesichtsmasken vom Schneider sitzen schlecht, tun mir nach kurzer Zeit schon hinter den Ohren weh, wo ich ja eh schon immer latente Entzündungsherde habe. Außerdem sind sie sehr dick, schlucken den ganzen Schall weg, man kann praktisch nicht kommunizieren mit dem Ding auf der Nase. Die Einkäufe plane ich mittlerweile so, dass ich möglichst wenig reden muss. Gehe also überhaupt nicht mehr zu Rogacki, der Metzger neulich war schon schwierig, Centro Italia apokalyptisch, ich brüllte in meine Maske, die Frau hinterm Plexiglas brüllte in ihre Maske zurück, dass sie mich nicht versteht, nebenan untermalte ein Presslufthammer unsere angeregte Unterhaltung mit ein paar rhythmischen Interpunktionen. Ich war völlig am Ende, als ich endlich meinen Parmaschinken und ein paar Käseeckchen im Sack hatte. Lieber zu Rewe seit der Maskenpflicht. Packe mein Zeug aufs Band, zahle mit Karte, Hallo und Auf Wiedersehen versteht sich von selbst, ich könnte irgendwelche Verfluchungen in die Maske nuscheln, es käme aufs Selbe hinaus. Und so jetzt in die nächsten Monate, Jahre, bis zum Impfstoff. Ochse sagt, vielleicht ist das Coronavirus so gebaut, dass Impfung ganz unmöglich. Und dann? Bin kurz vorm Umkippen.

Out of time

Habe völlig den Bezug zur Zeit verloren. Der April macht nicht mehr, was er will, was er ja eigentlich auch soll, früher hat es da doch immerzu geregnet, jetzt scheint nur noch unentwegt die Sonne, ich kapiere überhaupt nichts mehr. Als der Corona-Lockdown begann, hatten wir nachts noch Minusgrade, jetzt plötzlich herrscht eine Art von falschem Sommer, wieviel Zeit ist seither verflossen, einfach alles erscheint nur noch falsch, die Leute mit der Atemmaske erscheinen mir falsch, die Leute ohne Atemmaske erscheinen mir auch falsch. Die bis unters Kinn hinuntergezogenen Gesichtsmasken, wie soll ich ihre Falschheit beschreiben, neulich vor mir in der Spargelschlange auf dem Markt eine Frau, bestimmt über siebzig, definitiv Risikogruppe, mit ihrer lose ums Gesicht hängenden und schon völlig zerfransten Maske, und dann, als sie endlich dran, also in dem Moment, wo sie in einen sozialen Kontakt hineingeht, sich die Maske endgültig ganz runter zieht und ihre Bestellung aufgibt. Ich sah die Virus-Aerosole nur so durch die Luft fliegen in meinem Kopf.

Heute öffneten die Läden wieder, ich wusste das gar nicht, in den Arcaden, wo in den letzten Wochen alles ganz ruhig war, ganz still, auch in den Lebensmittelläden, die noch offen waren, schien alles den Atem anzuhalten. Heute sind da plötzlich alle Läden wieder auf, sofort wieder ein menschliches Gewusel wie verrückt, Sicherheitsdistanz im Grunde überhaupt nicht mehr zu halten, unser erster Impuls: So schnell wie möglich raus hier.

Meine Paranoia insgesamt immer noch im exponentiellen Wachstum begriffen, auf dem Rückweg vom Schlosspark rempelte mich heute völlig unverhofft von hinten etwas an, ich schrie direkt auf, ein Lebewesen hatte mich berührt, sofort die nackte Panik, bis ich verstand: War bloß ein Hund. Wobei die vielleicht auch als Corona-Taxi fungieren könnten, wer weiß das schon.

In meinem Kopf kreisen die zehn Jahre alten Bilder meines Vaters an der Beatmungsmaschine in der Intensivstation im Garmischer Krankenhaus, kaputte Lunge, da sah ich ihn zum letzten Mal, schrecklich, was für ein Abschied. Als ich zum Rauchen aufhörte, tat ich das unter anderem, um nicht an so einer Beatmungsmaschine zu enden, und jetzt Corona, na toll.

The Kids Are Alright

Die Mützenfalterin fragt: „Was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?“

Ich wusste so gut wie nichts, als ich das erste Kind bekam, plötzlich war es da, der Besuch des Geburtsvorbereitungskurses bestand eigentlich nur aus mega anstrengenden sozialen Kontakten zu Unbekannten, mit denen man nichts gemeinsam hatte, außer dass sie auch gerade zufällig ein Kind am Kommen hatten, man wurde auf nichts wirklich vorbereitet, weder auf die Entbindung noch auf das Danach, jedenfalls als Vater, entsprechend dumm stand ich dann im Kreißsaal allen im Weg herum, machte immer nur das Falsche, und wenn ich nichts machte war das auch falsch, das geht ja gut los, dachte ich.

Hatte ich überhaupt einen Kinderwunsch gehabt vorher? Ich weiß das nur noch so diffus, ich mochte mein altes Leben ohne Kinder, auch kamen mir die Kinderwagenschieber auf der Straße immer nur so halb- bis viertelglücklich vor, dann aber doch auch der Impuls, das könnte doch schön sein, so eine Familie, die aus mehr als nur zwei Menschen besteht. Man selber würde ja natürlich alles richtig machen, was die anderen offensichtlich alle in ihrer Ignoranz verbockten. Was nicht zuletzt die eigenen Eltern an einem selber anno dazumal verbockt hatten. Vielleicht hier ein Urgrund des Kinderwunsches: Der Wunsch nach Korrektur der eigenen Kindheit.

Als ich meine neugeborene Tochter über den Krankenhausflur trug, war das Gefühl der Fremdheit überwältigend. Man hatte mir einen Menschen in die Arme gelegt, den ich gar nicht kannte, ein mir unbekanntes Wesen. Seither lernen wir uns kennen, jetzt ist sie in der Pubertät, schon wieder ein völlig anderer Mensch als noch vor einem Jahr. Beantworte ich eigentlich irgendeine der Fragen vom Anfang? Also im Grunde kann ich nur sagen: Nichts hat mein Leben so bereichert wie die Kinder. Gerade die ständige Veränderung, alle paar Wochen, eigentlich alle paar Minuten, muss man sich schon wieder auf etwas völlig Neues einstellen, und natürlich verbockt man dann doch wieder alles, verzweifelt aneinander, heute erst wieder Zoff beim Abendessen über die korrekte Auslegung der Coronaregeln, so geht die menschliche Komödie immer weiter.

Zusammen schreiben

Vor ein paar Jahren fing ich an, Kempowskis Echolot zu lesen, ich hatte die vier Bände über Januar und Februar 1943 halbwegs günstig in einem Antiquariat herumstehen sehen und direkt mitgenommen. Es haute mich so von den Socken, ein kollektives Tagebuch, diese Vielzahl der Stimmen, die Art und Weise, wie das Durcheinandergerede so vieler Texte nicht in Chaos, sondern in ganz transparente Erzählung mündet. Ich brach die Lektüre dennoch nach ein paar hundert Seiten ab, wie so oft, ohne genau sagen zu können, warum eigentlich. Aber eines Tages lese ich das alles doch noch einmal, das wäre mir wichtiger als Prousts Suche nach der verlorenen Zeit.

Ich dachte daran heute wieder, weil jetzt schon überall über die angebliche Unsitte von Corona-Tagebüchern gemault wird, im Feuilleton der FAS gestern, auf Twitter stieß ich jetzt auch schon öfter darauf, während ich mir nur denke, die Leute sollen doch so viel schreiben, wie sie irgend können. Mein ganzes Bloggen habe ich immer als ein Mitschreiben an einem kollektiven Tagebuch verstanden, eine Stimme von vielen. Bei 54 Books schreiben sie, der Begriff eines öffentlichen Tagebuchs mute genauso paradox an wie das Wort „Home-Office“, weil die Trennung des Privaten vom Öffentlichen diese Dinge, also öffentliches Office einerseits, privates Tagebuch andererseits, überhaupt erst konstituiere. Ich halte das für vollkommen falsch, ich habe ziemlich viel in meinem Leben schon über Tagebücher nachgedacht, öfter auch schon hier im öffentlichen Blograum, deshalb, um euch nicht ewig mit demselben Kram zu langweilen, nur ganz kurz: Ein Tagebuch ist eine Schrift, deren Struktur aus der Datierung der Einträge resultiert. Im Normalfall besagt diese Datierung, wann der entsprechende Eintrag verfasst wurde, an welchem Tag, daher der Name „Bratkartoffel“. Wem der Autor Einblick in diese Schrift gewährt, ist absolut seine persönliche Entscheidung, die Idee des privaten, für alle anderen unzugänglichen Tagebuchs mit eingebautem Vorhängeschloss, in welches ich dann Dinge schreibe, die niemand anderer lesen darf, ist für mich eigentlich reinster Kitsch, wenn ich ehrlich sein soll, nützlich bestimmt für Teenager, die ihre erste, heimliche Liebe da verarbeiten. Ziemlich sicher ist jedenfalls öffentliche Lesbarkeit nichts, das einem Tagebuch seine Tagebuchhaftigkeit entreißen würde.

Ich würde im Grunde lieber weiter von Tagebüchern reden als von Blogs, von denen man leider immer noch zuwenig weiß, nicht einmal, ob sie nun Neutrum oder Maskulinum sind, aber die Blogs sind wahrscheinlich wirklich nochmal was anderes. Der von der Blogsoftware automatisch generierte Datumsindex macht etwas anderes mit den Texten als eine die Überschrift ersetzende Tagesangabe. Das Datum der Niederschrift scheint hier weit weniger wichtig zu sein, die Kollektivität hingegen viel wichtiger, die Öffentlichkeit, das Lesen und Gelesenwerden, die Gespräche, Kommentare, Verlinkungen, im Grunde machen wir hier live, was Kempowski erst im Nachhinein extrem mühevoll und aufwendig zusammengestellt hat: Texte, die miteinander reden. Und logisch: Corona betrifft uns alle, auf unterschiedlichste Weise, dem einen wird sein Geschäft zugesperrt, die andere muss im Krankenhaus Doppelschichten schieben, einer verzweifelt am Home-Schooling, der nächsten stirbt die Oma, alle haben irgendwie Panik, das alles passiert gerade gleichzeitig, ich finde es faszinierend, das lesen zu dürfen, also her mit euren Corona-Tagebüchern, lasst euch bloß nicht einschüchtern von diesen elitären Literatur-Bescheidwissern, die jetzt schon mit den Augen rollen und die Nasen rümpfen, genau wie sie es früher mit den Berlinromanen gemacht haben, und die also jetzt schon wieder wissen, dass die Corona-Tagebücher alle scheiße sind, weil einfach viel zu Mainstream. Was da unterschwellig propagiert wird, ist doch auch Literatur (und Kunst allgemein) als reiner Eskapismus: Im allgemeinen Lockdown jetzt endlich mal im Gartenstuhl mit einer schönen Kanne Grüntee Arno Schmidt lesen! Zettel’s Traum. Und überlasst das Schreiben der Romane mal schön den professionellen Romanschriftstellern, die haben schließlich das Handwerk gelernt, die wissen ja gottseidank, wie sowas geht. Ich hoffe, diese schnöseligen Feuilletons mit ihrem blöden Dünkel gehen alle pleite. Zu lesen habe ich dann immer noch genug, da habe ich nicht die geringste Sorge.

Kreiz Birnbaam und Hollerstaudn

Heute morgen, ich ziehe den Vorhang auf, die Sonne scheint, Wärme schlägt mir entgegen, Frühling, und möchte als erstes kotzen. Schon wieder ein Tag. Fuhr dann mit C. später raus nach Ribbeck, wohin sie ihre erste Reise ohne Eltern unternommen, mit dem Kinderladen damals, wie lange es her scheint, ein paar Jahre sind das doch bloß, zum Kinderbauernhof. Wir parkten am Birnbaum, liefen zum Bauernhof raus und dann die Schleife wieder zurück. Sie erkannte nichts wieder, ich hingegen erinnerte mich ganz genau, wie wir sie damals dort abholten, alles kam mir heute plötzlich so klein vor, die Ponys, die Esel, der ganze Hof, als wäre alles geschrumpft. Hat mir viel besser gefallen von der Natur her, als das alte DDR-Truppenübungsgelände in Elstal, das immer noch wie so ein verwüstetes Schlachtfeld aussieht, obwohl da seit dreißig Jahren kein Panzer mehr rumgefahren ist. Wahrscheinlich liegt es an Fontane, am Birnbaum, ein Gedicht, das jeder irgendwann schon mal gelesen oder gehört hat. Wiste ne Beer? Die Stille, die Luft, Weite des Himmels. Für eine Stunde erlöst zu sein. Im Moment brauche ich so dringend alles, was nicht Stadt ist, nicht Enge, Abgas, Menschengedränge. Musik zum Beispiel auch. Streichquartette.

Ein Birnbaum gehört zu den wenigen Erinnerungen an meinen Großvater, die ich habe. Er pflückte immer die Birnen und legte sie dann zur finalen Reifung auf das Fensterbrett des Stadels, in dem er seine Werkstatt hatte. Da nahm ich mir dann die Birnen, und sie schmeckten köstlich, im Gegensatz zum Radi, den er auch dort hinten züchtete, der war unglaublich scharf, das hielt ich als Kind nicht aus. Als mein Opa starb, kam der Birnbaum sofort weg, er stand im Weg für irgendwas. So geht es ja den meisten Bäumen. Auch die zwei Äpfelbäume, die ich später mit dem Ochsen ungefähr zehn Meter weiter anpflanzte, ließ mein Vater ein paar Jahre später direkt wieder umschneiden, bevor sie noch die erste Frucht getragen hätten. Irgendwie muss mein Vater echt was gegen Obstbäume gehabt haben.

Väter und Gezeiten

Eigentümlich unbestimmte Zeitbestimmungswörter: „Siebzehnhundertselbigsmal“ sagte meine Mutter oft. Auch die Redewendung „Matthäi am Letzten“ kannte ich nur von ihr. Seit sie tot ist, höre ich diese Wörter nicht mehr, nur noch in meiner Erinnerung. Keine Ahnung, warum mir das ausgerechnet jetzt wieder einfällt, ich denke ziemlich viel an meine Eltern im Moment. Bin einerseits froh, dass sie tot sind und diesen Corona-Irrsinn nicht mehr miterleben müssen, als Hochrisikoleute am besten noch, mein Vater mit dem COPD, meine Mutter mit dem amputierten Bein, auch immer am Husten, kaputte Lungen nach lebenslangem Rauchen. Andererseits wünschte ich, sie wären da, einfach nur so, unproblematisch. Aber so läuft es nicht. Träumte kürzlich von meinem Vater, ich wollte ihn dazu überreden, dass er eine Atemschutzmaske aufzieht. War natürlich unmöglich, er weigerte sich, so ein Schmarrn, was soll das? Das war schon realistischer. In einem anderen Traum erschien mir Glasers Vater, ich klingelte an der Tür des Glaserhauses, er öffnete, bat mich schweigend ins Haus rein, wir standen in der Werkstatt, alles war ganz finster, draußen Winter, alles verschneit, ganz still. Wir gaben uns wortlos die Hand, dann sagte er: „Was denkst du?“, und ich erwiderte: „Ich denke, man sollte keine Hände mehr schütteln.“ Auch er seit zehn Jahren tot, starb im selben Jahr wie mein Vater, Matthäi am Letzten, manchmal denke ich, das ist ein Datum, das bereits vergangen.

War Games

Morgens beim Aufwachen brauche ich immer noch ein, zwei Minuten, bis ich wieder ganz realisiere: Dieser dystopische Horrorfilm von der unsichtbaren Gefahr, die die ganze Welt in ihren Fundamenten erschüttert, ist wahre Wirklichkeit. Ein Virus, so wie in H.G. Wells’ „Krieg der Welten“, da bringt doch am Ende auch ein Schnupfen die dreibeinigen Eindringlinge aus dem All zu Fall. Als Orson Welles das im Radio brachte, drehten die Leute reihenweise durch, Massenpanik brach aus, weil alle dachten, sie hörten gerade eine Nachrichtensendung und die Invasion vom Mars sei dementsprechend real. Wie erstaunlich ruhig die Menschen aber jetzt bleiben. Der Schlosspark bei dem schönen Frühlingswetter jeden Tag vollgepackt mit Menschen, die sonst im Büro sitzen würden, man geht schon in so verrückten Schlangenlinien durch die Welt, um niemandem zu nah zu kommen, der Ein- und Ausgang ist ein vermaledeites Nadelöhr, an dem es notwendig zu Menschenanhäufungen kommen muss. Großstadt insgesamt eine eher schlechte Idee, wenn der Feind gerade ein Virus ist, das von Mensch zu Mensch hüpft. Siehe dazu New York gerade, ich kann gar nicht daran denken, habe auch selber aufgehört, so viel Nachrichten zu lesen.

Weil wir den Schlosspark nicht mehr sehen können, wollten wir heute mal zum Teufelssee, das Auto ist jetzt doch wieder nützlich, muss ich sagen, Bus und U-Bahn sind ja im Grunde unbenutzbar im Moment, aber im Grunewald war heute ganz Berlin versammelt, ein reiner Massenansturm, Menschen dicht an dicht, wir drehten direkt um und fuhren ganz raus aus der Stadt. Wenn Karls Erdbeerimperium und Outlet-City geschlossen haben, ist es in Elstal plötzlich sehr ruhig, einsam und beschaulich. Wir gingen im ehemaligen Truppenübungsgelände herum, sandiger Boden, wenig Leute, zwei Meter Mindestabstand kein Problem. Die Wege mit hohen Zäunen geschützt, Warnschilder stehen herum, es könnten überall noch Minen und anderes explosives Zeug da rum liegen, ich konnte mir sofort vorstellen, wie die sowjetischen Panzer durch diese Landschaft brettern und Krieg spielen.

Später frühes Bier, Spaghetti Carbonara, keine Smash Brothers gesmasht. Dafür Zeitgefühl verloren. War morgen schon Donnerstag, oder wird gestern Mittwoch sein? Zeitverschiebung und Sonnenstandsneuregelung mit einer Stunde Verlust von irgendwas wird hier sicherlich sehr hilfreich geworden.

Zeitreisen

Aus meiner Kindheit erinnere ich ein eigentümliches Gefühl, diese ganz seltsame Empfindung, wenn man viele Tage lang krank war, geschwächt ans Bett gefesselt, immer nur drinnen und im Zimmer lag, und dann, noch nicht ganz gesund wieder, aber doch auf dem Weg der Besserung befindlich, zum ersten Mal wieder ins Freie tritt: Wie ungewohnt da die Luft riecht, und der Sonnenschein auf dem Kopf. Ich verbinde dieses unvergleichliche Gefühl komischerweise genau mit so einem Wetter wie jetzt gerade: Ganz kalte, noch winterliche Luft, aber dabei das Licht der Sonne schon: diese spezielle kalte Helligkeit.

Als Kind war ich oft krank, Mittelohrentzündung, Masern, alles mögliche, ganz normale Fieberschübe, das schlimmste war Scharlach in der Dritten – es war mir ein vertrautes Gefühl, dieses erneute Hinaustreten in die Welt. Irgendwann muss ich das verloren haben, mit Mitte zwanzig vielleicht, ich erkrankte, lag ein paar Tage drinnen rum, ging wieder raus, wartete auf das alte Gefühl, aber es kam nicht mehr. Es ist jetzt nur noch in der Erinnerung präsent, ich kann es noch denken, aber nicht mehr wirklich fühlen. Ich dachte heute wieder daran, wo ich den ganzen Tag nur drinnen war, lesend am Sofa lag, überhaupt nicht krank, mir aber trotzdem bald so leicht kalt wurde, ich mich unter die Decke verkroch und es mir in der Vorstellung bequem machte, ich wäre vielleicht tatsächlich einfach krank und deswegen jetzt daheim in Decken gehüllt und sehr arm dran. Seit das Virus grassiert bin ich eh schon so halb hypochondrisch und fühle ständig in mich rein, ob irgendwas, speziell in der Lungengegend, eventuell auffällig sein könnte, vermeine so eine gewisse Kälte in der Brustgegend zu verspüren, am liebsten wäre ich jetzt zusammen mit Hans Castorp irgendwo zum Auskurieren meiner eingebildeten Krankheit in einer Spezialklinik in den Schweizer Bergen.

Aus meiner momentanen Tätigkeit als Aushilfslehrer, Fachbereich Deutsch, Jahrgangsstufe 3, kann ich berichten: Es wird von Tag zu Tag grotesker. Ich habe selber zum Teil größte Mühe, überhaupt die Aufgabenstellungen zu dechiffrieren. Heute zum Thema Osterbräuche: „Lies den Text! Setze passende Sammelwörter in die Lücken ein!“ Es folgen jetzt Sätze, in denen immer das Verb fehlt und durch ein leeres, eiförmiges Oval substituiert ist. Also auf jeden Fall schon mal gar kein „Text“, den man einfach so mal eben lesen könnte. Was sind aber vor allem Sammelwörter? Ich habe das Wort „Sammelwort“ noch nie gehört. Soll ich die Sammelwörter jetzt aus meinem Kopf raussammeln, oder sind das die Wörter in dem Kasten rechts, die dort versammelt sind und auf mich warten, dass ich sie aus ihrer Versammelung da rauspicke? Mein Sohn ist, muss ich hier vielleicht dazusagen, auch ein bisschen schwierig, was solche Dinge angeht. Wenn ich ihn frage, was sind denn Sammelwörter, du arbeitest doch öfter schon mit diesen Schulbüchern, dann wird er augenblicklich sehr erratisch. Sammelwörter halt, das weiß man, oder man weiß es nicht, das ist halt so was wie das da, (auf ein unbestimmtes Etwas deutend), so was ist das, oder was anderes, vielleicht, keine Ahnung. Er ist mir da keine große Hilfe, ich muss mich schon allein in die Aufgabenstellung erstmal selber reinfummeln. Und dann kommen solche Sätze:

Die Kinder [ ] die Sträucher mit Ostereiern.
Am Osterbäumchen [ ] zwölf Ostereier.
Auch der Brunnen [ ] Osterschmuck.
Junge Mädchen [ ] schweigend am Ostermorgen Osterwasser.
Osterwasser [ ] schön.

Was ist das? Aus welchem Jahrhundert stammen diese bizarren Fragmente? Ich bin jetzt wirklich alt, von vorgestern, aufgewachsen im tiefsten bayrischen Katholizismus, aber noch nichtmal mir ist irgendwas von Osterwasser oder österlicher Brunnenschmückerei bekannt. Brunnen spielen in der Lebenswelt meiner Kinder keinerlei Rolle, man schickt auch keine jungen Mädchen mehr zum Wasserholen da hin, und selbst wenn, dann hoffe ich doch sehr, dass sie wenigstens mittlerweile den Mund dabei aufmachen dürfen. Und was denken eigentlich die Muslime, die solchen Käse als Deutschunterricht unter die Nase gerieben bekommen? Ich finde das alles auf so vielen Ebenen falsch, dumm, komplett irre und verfehlt. Für mich natürlich auch der Wahnsinn, weil ich immer dachte: Das wird schon passen, was die da in der Schule lernen. Solange die Noten stimmen, undsoweiter. Wie wenig ich darüber je nachgedacht habe. Ich schaue jetzt, in dieser Ausnahmesituation, zum ersten Mal überhaupt in diese Bücher rein und bin entsetzt. Kunst und Musik unterrichte ich echt lieber, muss ich sagen, wir zeichnen, hauen auf dem Klavier rum, scheißen auf die Lehrpläne.

In Super Smash Brothers ist er mein Lehrmeister, aber er erklärt nicht gut, eher wie so ein unverständlicher Zen-Meister: „Mach mal so und dann das!“ Ich drücke dann hektisch irgendwelche Knöpfe, und dann lacht mein persönlicher Dalai Lama und smasht mich in den Abgrund.

Lehrkraftzersetzung

Gefühl des Nichtverstandenwerdens mittlerweile quälend, rund um die Uhr, und egal zu wem ich was sage oder schreibe. Alle verstehen immer was anderes und ich sacke innerlich zusammen, kann mich nicht mehr aufraffen, umständlich zu erklären, was ich eigentlich meinte, weil ich schon weiß, dass ich mich damit nur noch mehr um Kopf und Kragen rede. Willkommen im Home Office der beklopptesten Firma der Welt. Mittlerweile traue ich mich kaum noch, den Mund aufzumachen, beim Schreiben noch schlimmer. Auch im Blog, da verstehen ja auch alle fortwährend alles falsch. Obwohl es besser geworden ist. Der Wechsel zu Wald und Höhle hat mich so viele Leser gekostet, aber meine Vermutung ist, dass viele der Klicks im alten Blog einfach Hate-Views waren, wie ich sie selber ja auch immer noch, wenn auch viel seltener, meinem alten Troll und Lieblingskotzbrocken B. abstatte. Hotel Mama ist, soviel ich sehe, das einzige Blog, das mich und B. in derselben Blogroll verlistet, ich finde das interessant, ich lese Hotel Mama gerne, obwohl mich die Kleinschreibung nervt, früher schrieb ich selber so, Mitte der Neunziger war das irgendwie cool, die ersten Emails auf Pine, keine Großbuchstaben, warum eigentlich, keine Ahnung, nur ein Gefühl, anders schreiben als die Alten. Am Klo lese ich jetzt Susan Sontags großes Rolling-Stone-Interview, „The Doors und Dostojewski“, ihr Essay „Against Interpretation“ war für mich eine der ganz entscheidenden Lektüren, wirklich schade, dass ich da schon mit dem Studium der Literatur fertig war. Zu spät. Durch diesen Text verstand ich erstmals, warum mich dieses Verstehenwollen und Stellenerklären immer so fertiggemacht hatte, wieso diese ganze Methodik, die Texte auseinanderzunehmen, um sie verstehbar zu machen, anstatt sie einfach mal ganz und unzerlegt zu lassen, und damit einer anderen Art von Verständnis zuzuführen, meiner ganzen Art der Rezeption von Kunstwerken komplett zuwiderlief. Im Studium hatte ich mich auf der Flucht vor der Hermeneutik dann einfach in den Theoriekram gestürzt: keine Hölderlinseminare, sondern Semiotik, Medientheorie, radikaler Konstruktivismus. Da waren die Seminare auch leerer, weil die Lehramtler fehlten. Elitärer Dünkel natürlich, auf die Lehramtsstudenten so runterzublicken. Gerade jetzt, wo alle Schulen zu sind, die Kinder den ganzen Tag zuhause sitzen, beginne ich zu verstehen, wie elementar die Institution Schule eigentlich ist, wie wichtig das ist, dass ausgebildete Profis diesen Job machen, und nicht jeder irgendwie zuhause, so gut er eben kann. Ich kann das nämlich nicht besonders gut, merke ich zur Zeit, und es macht mir auch keinerlei Spaß, meine Kinder mit sinnlosen Aufgaben zu malträtieren. „Der Schwimmer schwimmt“ war ein Beispielsatz dritte Klasse neulich, und jetzt sollte man dasselbe mit den Wörtern „Der Treffer“ und „Der Fall“ machen. Aber der Treffer trifft ja nicht, er wird noch nichtmal getroffen, sondern ein Treffer wird erzielt. Auch fällt der Fall normalerweise nicht, sondern irgendwas anderes fällt, und das ist dann der Fall, so wie ja die Welt insgesamt angeblich exakt genau alles das ist, was der Fall ist, nach einer halben Stunde Homeschooling schmeiße ich schon alle Bücher in die Ecke und sage selber: Super Smash Brothers ist die lehrreichere Lektion fürs Leben. Mein Sohn meint diese Meinung auch.

Luft

Fast völlige Ausgangssperren mittlerweile, zum Einkaufen und Spazierengehen darf man noch raus, mit dem Gebot des Abstandhaltens, war bei Getränke Hoffmann und in den Arcaden heute morgen, wo es sogar noch Nudeln gab, Klopapier aber nicht, es war so still, gespenstisch fast, obwohl in den Geschäften ganz normal viele Leute sind, aber keiner redet, alle wirken ganz konzentriert, angespannt, kein Geräusch. Mengen von Angst liegen tonnenschwer in der Luft, am Boden aufgeklebte Markierungen zeigen an, wo man stehen soll. Die waren vorgestern auch noch nicht da. Wie schnell jetzt alles geht. Haben wir kürzlich noch diskutiert, ob die Burka verboten werden soll, rennt heute schon jeder Dritte mit Mundschutz rum, oder eben mit Schals, die ums Gesicht gebunden, im Prinzip Vermummung, Panik, Paranoia. Niemand weiß was ganz Genaues, selbst Wissenschaftsguru Drosten betont immer, was er alles nicht weiß, ein neuer Sokrates, mir natürlich sofort megasympathisch. Söder hingegen macht mir Angst, wie er sich jetzt als Krisenmanager inszeniert, immer zwei Tage vor den anderen die nächst schärfere Notstandsklausel aus dem Register zieht, dabei können doch die vor einer Woche getroffenen Maßnahmen jetzt noch gar nicht in den Zahlen sich niederschlagen, wenn die Inkubationszeit des Virus 14 Tage beträgt. Das muss doch jeder Depp verstehen. Söder läuft hier nur auf seinem Kanzlerprofilierungslaufsteg auf und ab. Im Grunde unverantwortlich, denn die Krise ist ja real. Für die Kinder das Nervigste, dass ich sie einmal am Tag zum Rausgehen zwinge, um nicht durchzudrehen, aber tut mir sehr leid, da werde ich selber zum Despoten und dekretiere knallhart: Jetzt aber sofort an die sogenannte frische Luft.