Mahlertagebuch, Teil 5

29.07.2020
Es gibt so gewisse Musiker, die verehre ich einfach, und zu denen gehört ganz klar Leonard Bernstein. Mit ihm habe ich diesen Mahlerzyklus hier angefangen, also ist es logisch, dass ich mir Mahlers neunte und letzte vollendete Symphonie auch mit Bernstein und den Wiener Philharmonikern auf YouTube anhöre bzw. -schaue. Die Musik beginnt als Bild reinsten Friedens, aber der Konflikt lässt nicht lang auf sich warten, dann wirbelt sich alles schnell zu einem ersten Höhepunkt hinauf, es ist ein bisschen wie am Anfang: Ich kapiere das System Mahler nicht. Höre es mir dennoch gerne an, auch wenn ich die Logik dieser Musik nicht ganz verstehe.

Was mir wahnsinnig gut gefällt, ist Bernsteins Tanzen. Er dirigiert die Musik nicht nur, er tanzt sie mit, der ganze Körper, nicht nur das Dirigierstäbchen bewegt sich, das macht einen riesigen Unterschied, der Swing, den der Mahlersound ja auch hat, kommt hier viel besser zur Geltung.

Gewisse Totentanzassoziationen, spinne ich, oder höre ich hier auch zitierende Anklänge an die zweite, die Auferstehungssymphonie? Erster Satz schließt in ganz großer Ruhe, als wäre die Symphonie jetzt schon vorbei. Im zweiten Satz geht es dann direkt aufs Land, buchstäblich: „Im Tempo eines gemächlichen Ländlers. Etwas täppisch und sehr derb.“ Wie beim späten Beethoven werden auch beim späten Mahler die Tempobezeichnungen immer eigentümlicher. Aber wird es dadurch auch wirklich genauer? Im Grunde wird doch nur gesagt: Langsamer Dreivierteltakt. Auch hier gefällt mir Bernsteins Dirigierstil wahnsinnig gut. Wieder stellt er das Tänzerische, Swingende in den Vordergrund, wobei das kontrastierende, täppisch vor sich hin Stolpernde immer auch hörbar bleibt. Im dritten Satz die jetzt schon öfter beobachtete, irgendwie hohle Fröhlichkeit bei Mahler. Man scheut sich, hier so unbeschwert mit einzusteigen, ein Abgrund lauert hinter dieser vordergründig lustigen Musik.

Im abschließenden Adagio klingt dann alles nach Abschied. Auch hier wiederholt das Gefühl, als hörte ich zitierende Anklänge an frühere Mahlerwerke, immer nur so ganz kurz angerissen. Dann steigern sich die Streicher in eine Art endlosen choralartigen Gesang hinein, von großem Schmerz getränkt, sehr bewegend. Ganz leise und ruhig klingt diese Neunte aus, ich bin ganz gerührt, es ist vorbei. In den Kommentaren bei YouTube schreibt jemand: „Damn, I miss Lenny.“ Und ein besseres Schlusswort für dieses ganze komische, unnötige, viel zu verschachtelte, und außerdem viel zu lang hingezogene Mahlertagebuch, wird wahrscheinlich nur sehr schwer zu finden sein.

A Christmas Carol

Wir unterbrechen unser musikalisches Programm für eine kurze Zwischenmeldung, und zwar kam ich durch den geschätzten Herrn Buddenbohm darauf, der einige sehr lesenswerte Notizen zum Thema „Notizen“ notiert hat, bei deren Lektüre mir in den Sinn kam, es gebe außer den Garnichtsnotierern und den Allesnotierern auch noch eine dritte Kategorie von Menschen, in welche wie zufällig auch ich selbst zu fallen scheine, nämlich jene fatalen Subjekte, für die das Aufschreiben auch der allerkleinsten Notiz sofort mit dem Aufschreiben der gesamten Geschichte zusammenfällt.

Ich will das kurz erläutern: Auf meinem Telefon findet sich eine Notiz vom 22. Dezember des letzten Jahres mit dem Wortlaut: „Im Zug. Gespräche über Ute.“ Und jedesmal wenn ich über diese Notiz stolpere, halte ich kurz inne, die ganze Szene steigt vor meinem inneren Auge wieder auf, aber seit sieben Monaten habe ich es nicht über mich gebracht, diese Notiz mal kurz in einen Text zu verwandeln, den auch Leute verstehen könnten, die da nicht dabei waren. Mir selber reichte ja das „Im Zug. Gespräche über Ute.“, um alles wieder ganz klar vor Augen zu haben, oder vor den Ohren, um noch genauer zu sein, denn ich sah die handelnden Personen überhaupt nicht, hörte aber sehr gut ihre Worte. Aber von vorn.

Es war – logisch – der 22. Dezember 2019 und ich saß im Zug von München nach Berlin, Großraumwagen. Einige Reihen vor mir begann nun eine Frau zu telefonieren, von der Stimme her zu urteilen vielleicht so circa mitte fünfzig. Da es sich um einen Ruhebereich handelte, die anderen Fahrgäste also alle mucksmäuschenstill waren, konnte ich jedes Wort glasklar verstehen. Es wurde nach und nach deutlich, dass die Frau das Telefonat hauptsächlich aus einem Grund führte, nämlich um zu erfahren: Wo ist Ute? Ihr Gegenüber im Gespräch schien aber genau dieser Frage immer wieder auszuweichen, die Frau wurde gezwungen, über dies und das zu reden, wie das Wetter ist, wie angenehm oder unangenehm die Zugreise verläuft, derlei Dinge. Sie gab auch geduldig Auskunft, kam aber wie nebensächlich, gleichwohl mit gewisser Beharrlichkeit, immer wieder auf die Frage zurück: „Wo ist eigentlich Ute? Weißt du, wo Ute ist?“ Ohne eine befriedigende Antwort bekommen zu haben, beendete sie das Telefonat, rief aber augenblicklich jemand anderen an, den sie nach dem üblichen Vorgeplänkel fragte: „Du, sag mal, ist denn die Ute bei dir?“ Und wieder geschah das Gleiche wie beim vorigen Telefonat, sie musste über tausend Dinge reden, hatte aber auf die Frage nach Ute offenbar gar keine Antwort erhalten, denn nach minutenlangem Smalltalk fragte sie wiederum: „Weißt du denn, wo Ute ist? Ist sie bei dir, oder kommt sie noch?“ Doch auch diesmal konnte die Frage nach Ute offenkundig nicht gelöst werden, weswegen sie noch ein drittes Telefonat führte. Diesmal schien die Person am anderen Ende der Leitung kooperativer, doch leider mit ähnlich wenig Informationen ausgestattet, so dass man sich jetzt in Mutmaßungen erging: Vielleicht nimmt Ute den Zug von A nach B, und fährt dann weiter mit dem Taxi, oder vielleicht könnte ja der X sie abholen – Überlegungen dieser Art. Die Möglichkeit, dass Ute aber vielleicht auch gar nicht auf diese Reise gehen könnte, stand jedoch ebenfalls weiterhin im Raum, und dass alle schon so lange nichts mehr von Ute gehört hatten und niemand so richtig wusste, wo Ute sich aktuell aufhielt, trug offenbar zu großer Verunsicherung bei.

Nachdem die Dame auch dieses dritte Telefonat beendet hatte, erhob sich eine andere Frauenstimme, welche sie ganz ruhig und freundlich darauf hinwies, dass man sich in einem Ruhebereich des Zuges befinde, in dem das Telefonieren eigentlich verboten sei. Die Frau entschuldigte sich umgehend und versicherte glaubhaft, das habe sie gar nicht gewusst mit dem Ruhebereich, es sei ihr furchtbar unangenehm. Da nun aber keine weiteren Telefonate und also auch keine weiteren Aufschlüsse über Ute mehr zu erwarten waren, machte sich eine dritte Frauenstimme vernehmbar, die mit höchster Dringlichkeit fragte: „Aber was ist denn nun mit Ute? Kommt sie denn nun?“ Und die Angesprochene erwiderte ganz leise und, wie mir schien, schon fast den Tränen nahe: „Naja, ich hoffe es! Wir treffen uns doch jedes Weihnachten bei meiner Schwester.“ Und nun wurde es wieder ganz und gar still in dem Ruhebereich, man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können, und fühlte doch in dieser Stille, wie der gesamte Waggon mit der Frau zusammen hoffte, die ganze Sache mit Ute möge bitte gut ausgehen.

Das alles hätte ich damals in dem Zug am liebsten direkt aufnotieren wollen, doch mir mangelte es an Schreibzeug, das einzige, was mir zur Hand war, war das Telefon, auf dem längere Texte zu tippen mir leider völlig unmöglich ist, weswegen ich nur schrieb: „Im Zug. Gespräche über Ute.“ Mit dem festen Vorsatz, diese Notiz so bald wie möglich, am selben Abend am besten noch, solange die Erinnerung noch frisch, auszuformulieren und als Geschichte festzuhalten. Doch in der Folge schien mir durch die fünf ins Telefon getippten Worte offenbar die Pflicht zur Niederschrift schon erledigt, nie schrieb ich die Utegeschichte auf, und oft schrecke ich daher vor den kurzen Notizen zurück, weil ich denke, dieser Gedanke braucht mehr Raum, um sich zu entfalten, wenn ich ihn jetzt in eine kurze Notiz presse, schreibe ich nie das Ganze auf, das wäre doch viel zu schade drum. Und schreibe dann natürlich die extra nicht notierten Großgedanken auch viel zu oft überhaupt nirgends auf. Wenigstens habe ich dank Buddenbohm jetzt endlich mal die Utenotiz verarbeitet und kann sie vom Telefon löschen.

Mahlertagebuch, Teil 4

24.07.2020
In der Siebten ist von der ersten Sekunde an alles Strudlhofstiege, Wien der Jahrhundertwende, man riecht es förmlich durch die Akkordteppiche hindurch, die schweren Vorhänge der reichen Leute, und dahinter das ganze Unglück einer dekadenten Gesellschaft. Doderers zu lange und zu verschachtelte Sätze passen hier sehr gut zum immer zu langen und zu verschachtelten Mahler. Bisher sah ich beim Mahlerhören immer so ein eher ländliches, bergiges Österreich vor meinem inneren Auge, allein schon wegen der Kuhglocken. Jetzt in der Siebten zum ersten Mal Wien.

An Bruckner erinnerndes Verfahren, auf einen Höhepunkt zuzustreben, der aber nie erreicht wird, sondern kurz vor der Verwirklichung bricht die Musik abrupt ab und fällt zurück in neblige Akkordsümpfe, aus denen sie sich dann wieder herausarbeitet, einem immer klarer erkennbaren Höhepunkt zu, um dann wieder abrupt, undsoweiter. Ob Mahler mit der Musik Bruckners vertraut war? Ich habe keine Ahnung.

Bin heute wieder in der Royal Albert Hall zu Gast, Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker, BBC-Proms von 2016. Rattle dirigiert auch auswendig, wie Abbado, scheint fortwährend mitzusingen, sehr interessant. Auch im zweiten Satz verfestigt sich meine Wienmetapher: Alles mit so einem gewissen Schmelz und einer lässigen Eleganz überzogen. Dann natürlich wieder Kuhglocken. Was der Mahler damit hatte, wird mir ewig unverständlich bleiben. Vermutlich, weil ich damit aufgewachsen bin, die Kühe grasten den ganzen Sommer lang vor unserer Haustür, das Gebimmel begleitete meine Kindheit, für mich war es nie Verkündigungsklang eines seligen Arkadien, sondern ganz normal nervtötender Sound des Alltags. So ist es heute in Oberammergau auch nicht mehr, die Kühe sind längst aus dem Innern des Dorfes verschwunden, nichts bimmelt mehr auf diesen Wiesen, aber zurück zu Mahler. Die Siebte scheint mir bisher sein zugänglichstes, menschlichstes Werk. Das Schroffe, Verstörende ist immer noch präsent, aber tritt ein wenig in den Hintergrund. Der letzte Satz schließt fast wie ein Manifest: Alles wird am Ende gut!

 

26.07.2020
Mit einem Orgelton setzt die Achte ein als klar erkennbar geistliches Werk, als Messe. Allein das Latein: Veni Creator Spiritus. Mit dieser Symphonie gelingt es Mahler zum ersten Mal, mich wirklich zu überraschen. Ich bin ja jetzt vom Mahlerschen Gigantismus schon echt leicht angestrengt, und dann die sogenannte Symphonie der Tausend, mit drei Chören, Solisten, Orgel, und was nicht noch alles, ich war ganz sicher: Das wird jetzt einfach nur fürchterlich, ein endloses Gedröhne und Gekreisch. Aber der erste Satz, diese Vertonung eines mittelalterlichen Gebets, ist eigentlich wirklich mitreißend, durchströmt von wahnsinnig positiver Energie, ein riesengroßes JA, ich bin von der ersten Note an mit dabei.

Zweiter Satz beginnt in ganz großer Innigkeit, auch hier spürt man mittelalterliche Archaik in den sehr offenen Harmonien, gefällt mir auch sofort. Was genau da in der Schlussszene von Goethes Faust 2 verhandelt wird, hab ich früher schon nicht kapiert, erschließt sich durch Mahler jetzt leider auch nicht wirklich. Teilweise nimmt das Ganze Züge einer konzertant aufgeführten Oper an, am Ende überwiegt aber doch der Gestus von Messe oder Oratorium, auf jeden Fall durch und durch spirituell, ich bin in jeder Sekunde mit dabei, mache jede unerwartete Wendung mit, auf dieses Werk kann ich mich musikalisch völlig einlassen. Auch wenn ich kein Wort verstehe. Hole einmal das alte Reclam von Faust 2 raus, finde auch recht schnell die Stelle, wo wir gerade sind, und lege das Buch dann doch wieder weg. Die Worte sind es nicht, die hier den Schlüssel zum Verständnis darstellen, scheint mir. Eigentlich egal, was die da genau singen. So rezipierte ich auch meine ersten Popsongs, Beatles und Stones, da ich praktisch kein Englisch verstand damals. Nichtverstehen des Texts erschien mir geradezu erforderlich für intensive Musikerfahrung. So geht es mir jetzt mit dem Mahler noch einmal.

Im Schluss, als nochmal das allererste Anfangsmotiv zitiert wird, schien mir, diese Musik sei eigentlich eine Hymne an die Kreativität. Als sei das gar keine Anrufung eines katholischen oder evangelischen Gottes, sondern als bezöge sich das alles auf den Menschen zurück: Du selber bist der schöpferische Geist!

Siebte und Achte vollkommen komplementäre Werke, unterschiedlicher kaum denkbar, aber beide richtig gut, jetzt langsam freunde ich mich an mit Mahler.

Mahlertagebuch, Teil 3

21.07.2020
Mahler Sechste nach zehn Minuten abgebrochen. Interessiert mich einfach überhaupt nicht, hab auch die Schnauze voll jetzt von dem ewigen Mahlersound, der mit nichts Neuem mal überrascht, sich stattdessen nur in die schon vorgegebene Mahlerrichtung immer weiter radikalisiert. Bestimmt hat auch die Sechste irgendwann nach drei Stunden wirrem Bläsergegluckse ein Adagio, das mich wieder knacken würde, aber heute schaffe ich es einfach nicht bis dorthin.

23.07.2020
Nach zwei Tagen Mahlerpause gebe ich der Sechsten nochmal eine Chance. Diesmal mit David Zinman und dem SWR-Symphonieorchester. Erinnere mich dunkel, dass ich Zinmans Beethovensymphonien mit dem Züricher Orchester gut fand, sehr schnell und völlig ohne unnötigen Schmalz. Mir selber im Grunde unverständlich ist mein Wahn, musikalische Werke so listenartig abzuarbeiten. Damals die 32 Klaviersonaten von Beethoven. Jetzt aus dem Nichts heraus die fixe Idee, alle Mahlersymphonien der Reihe nach durchzuhören. Ich weiß wirklich nicht, was das soll, warum mich derartige Zwänge von Zeit zu Zeit befallen. Aber ich hätte jetzt auch nicht einfach mit der Siebten weitermachen können. Wo ich jetzt schon mal angefangen habe, gibt es nichts mehr als Augen zu und durch. Im Kopfsatz wieder für mich schwer auszuhalten die ewig vor sich hinstampfenden Marschrhythmen, unterlegt von Kuhglockengebimmel, ich sehe da so eine bizarre k.u.k.-Armee in den gleichermaßen grotesken wie unausweichlichen Untergang marschieren, und vielleicht ist das ja sogar das intendierte Bild, aber musikalisch finde ich das so irre anstrengend. Im Andante höre ich, wie Mahler aus der alten Dur-Moll-Tonalität herausstrebt, aber dann doch wieder die unvermeidlichen Kuhglocken, und wir sind unvermittelt wieder im Heimatfilm der Fünfziger, reinste Filmmusik, ich kann mich nicht wehren gegen die Dirndln und Lederhosen in meinem Kopf. Dramatik am Berg, Übersteigung der gefährlichen Passage, Dur-Moll-Wirrwarr, aber wer hätte es gedacht: Der Held meistert alles.

Scherzo fängt an, und ich bleibe dabei: Die Sechste ist Mahlers typischste und daher uninteressanteste Symphonie bisher. Der ganze Mahlerismus ist hier idealtypisch versammelt: Irre Dimensionen der Länge, der Besetzung, alles muss immer riesenhaft sein, etwas anderes als völlige Überdimensionierung ist bei Mahler gar nicht denkbar. Hat der Typ eigentlich je mal so etwas wie ein Streichquartett komponiert? Eine kleine Bagatelle für Klavier? Ich frag ja bloß. Und in diesem übermäßig aufgespannten Zirkuszelt des Wahnsinns zerfasert dann irgendwie alles, es resultiert eine im Grunde zufällig wirkende Revue von Materialschnipseln, teilweise gar nicht unangenehm, wenn man bloß wüsste, wo das alles hinstrebt und ob es überhaupt nochmal auch wieder aufhört, oder doch ewig so weiter sich spinnt. Der Wagnersche Traum von der unendlichen Melodie wird hier endlich wahr und entpuppt sich als nervtötender Endloskaugummi.

Zinman macht etwas merkwürdiges in der Pause zwischen zwei Sätzen: Er klopft sich selbst ein paarmal ganz schnell mit der flachen Hand auf die Brust. Für mich eine nicht dechiffrierbare Geste. Spricht er sich hier Mut zu für das noch Kommende, oder ist es schon Selbstlob für das bereits Geleistete?

Im Schlusssatz ahnt man immerhin mal was davon, wo diese Musik eigentlich hin will, eine Ahnung von einer kollektiven Suche eines viel zu großen Orchesters nach dem erlösenden Schlussakkord, der all die viel zu vielen Motivschnipsel in sich aufhöbe und all die Dissonanzen auflöste, in die sich die Musik so ziellos verrannt. Ich glaube, ich klinge wie Eduard Hanslick persönlich, aber ich schreibe hier nur meinen Stream of Consciousness beim Hören von Mahlers Sechster nieder, für mich wirklich die schwächste und nichtssagendste alle Mahlersymphonien bisher. Bin nicht sicher, ob ich die Siebte überhaupt noch hören will, aber step by step.

Mahlertagebuch, Teil 2

18.07.2020
Mahler Vierte, erster Satz wirkt wie eine eigentümliche Verspottung klassischer Formen. Mozartsche Ornamentik in falschen Harmonien, wirkt alles sehr grotesk. Immer wieder menuettartige Anläufe, die aber nirgendwo so richtig hinführen. Wie jetzt schon öfter bei Mahler, gewisses Gefühl von Orientierungslosigkeit: Ich kapiere gar nicht, was eigentlich das Thema, was das Seitenthema darstellt. Soviel thematisches Material fließt disparat ineinander oder aneinander vorbei, bleibt aber unverstanden. Vierte auf jeden Fall weniger tragisch als die vorhergehenden Werke, eher ein Scherzo. Das ewig Bukolische irgendwann auch fast nicht mehr auszuhalten. – Im Adagio dann aber doch wieder interessant. Als ob der Mahler immer hier erst zu sich selbst käme. Sehr tiefer Ausdruck, unmittelbar verständlicher Schmerz. Wie aus dem Nichts heraus dann plötzlich noch eine Frauenstimme. Worüber redet die Frau? Engel? Die ganze Vierte bleibt mir unverständlich. Das Ende verklingt im Pianissimo, sphärisches Auflösen im Nichts.

19.07.2020
Von Mahlers Fünfter hatte ich mir jetzt so gar nichts erwartet, aber der erste Satz eigentlich sehr schön. Fängt zwar mit den mahlertypischen Trompetenfanfaren an, die mich immer so überhaupt nirgends abholen in ihrer ganzen Fahnenappellhaftigkeit, aber dann setzen sich mehr und mehr ganz rührend melancholische Streicherthemen durch, irgendwie gelangte ich in eine Art Sog. An Schubert erinnerndes Spiel mit volkstanzähnlichen Motiven, wie ein sehnsuchtsvoll erinnertes Land der Kindheit, in das man nicht mehr zurück kann. Auch der zweite Satz, der erst so superhektisch anhebt, findet dann bald zurück in einen ähnlichen Duktus. Valeri Gergiev dirigierte heute auf YouTube ein nicht weiter spezifiziertes „World Orchestra for Peace“ in der Royal Albert Hall, BBC-Proms von 2010, ein gänzlich anderer Dirigierstil als Abbado. Abbado lächelt immer in den Pausen zwischen zwei Sätzen, nimmt Blickkontakt mit den Musikern auf, verströmt positive Vibes. Gergiev ist völlig bei sich, schaut vor allem in die Partitur, streicht sich hektisch durchs Haar, Mundwinkel streng nach unten gezogen. Das klingt jetzt so negativ, aber mir gefällt eigentlich der Sound ganz gut, den Gergiev damit erzeugt. Alles ein wenig abgedunkelt, düster, dennoch samtig. Irgendwie weiß man bei Mahler nie so richtig, wo man gerade ist. Selbst im Scherzo unerwartet ganz elegisch langsame Passagen mit klagendem Hornsolo, wie aus einem nicht ganz fertiggestellten Adagio entlaufen. Der eigentliche langsame Satz dann aber wahnsinnig schön, ich glaube, diese Fünfte Sinfonie von Mahler habe ich wirklich überhaupt noch nie zuvor gehört, sonst würde ich mich an dieses Adagio voll intensivster und wunderschönster Melancholie bestimmt erinnern. Hier kommen jetzt endlich ganz die Streicher zu Wort, kein Strammstehen mehr zum Fahnenappell. Auch kann ich hier zum ersten Mal seit langem mal wieder ein halbwegs klar umrissenes Thema identifizieren, um welches sich der Satz dann in diversen Abwandlungen halt so dreht, ich glaube, meine Vorstellungen von klassischer Musik sind echt sehr konservativ. Die Fröhlichkeit des Finalsatzes dann wieder irgendwie steif, hölzern, künstlich, mechanisch abgerattert. Ich warte ziemlich unbeteiligt, dass die Sache halt jetzt mal vorbeigeht. Der Applaus des Londoner Publikums gleichwohl enthusiastisch.

Mahlertagebuch, Teil 1

17.07.2020
Vom Abend der Rückkehr aus dem Urlaub an angefangen, jeden Abend eine Mahler-Sinfonie auf YouTube anzuschauen. Die erste in einer alten Aufnahme mit Bernstein aus den Siebzigern, interessant, ein bisschen arg viel Volkston für mich. Das Bruder-Jakob-Motiv nahm Bernstein sehr schnell, viel schneller als Bruno Walter, dessen alte Plattenaufnahme mir hier die Referenz im Langzeitmusikgedächtnis darstellte. Die Zweite hörte ich gestern, mit Mariss Jansons, die kenne ich ja praktisch am besten von allen Mahler-Sinfonien, wenngleich auch die seit Jahren nicht mehr gehört. Ich hatte so einen Klassikentzug in Oberammergau, so kam es überhaupt zu dem Projekt, ich komme heim und muss erst mal Klassik tanken, und dann merke ich: Die gefallen mir gar nicht mal so schlecht, diese Mahler-Sinfonien. Das abschließende Adagio der Dritten heute haute mich völlig vom Sockel, was ist das denn für unglaubliche Musik? Der erste Satz hört gar nicht mehr auf, man kapiert auch gar nicht, was da abgeht an thematischen Verstrickungen, dann kommen die diversen tänzelnden Scherzi im Volkston, dann Gesang, Nietzsche, tief, tiefer, noch tiefer als der Tag gedacht. Bisschen übertrieben tief vielleicht sogar, aber das Bimm-Bamm des Knabenchors holt die Dinge wieder ans Licht, und wie gesagt: Das Adagio berührte mich wirklich, hier jetzt ernsthaft: im tiefsten Innern. Entschied mich heute für Abbado mit dem Luzerner Festspielorchester, Abbado dirigierte dieses Riesenwerk ohne Partitur, auswendig, und mit soviel Gefühl und Präzision, was für ein Meister! Was mich am Mahler nervt, ist das Militärmusikgerassel. Das führt doch musikalisch nur ins Leere. Was soll das? Morgen also dann die Vierte.

Zwischenbericht

Corona-Starre. Konnte auch gar nichts mehr schreiben, das Nichts nicht mehr weiter protokollieren, die häuslichen Spannungen, der Irrsinn mit dem Geschäft, die Entfremdung auch von den Kindern, die jetzt immer und immer in der Wohnung sitzen. Im Grunde alles der völlige Wahnsinn. Gesichtsmasken vom Schneider sitzen schlecht, tun mir nach kurzer Zeit schon hinter den Ohren weh, wo ich ja eh schon immer latente Entzündungsherde habe. Außerdem sind sie sehr dick, schlucken den ganzen Schall weg, man kann praktisch nicht kommunizieren mit dem Ding auf der Nase. Die Einkäufe plane ich mittlerweile so, dass ich möglichst wenig reden muss. Gehe also überhaupt nicht mehr zu Rogacki, der Metzger neulich war schon schwierig, Centro Italia apokalyptisch, ich brüllte in meine Maske, die Frau hinterm Plexiglas brüllte in ihre Maske zurück, dass sie mich nicht versteht, nebenan untermalte ein Presslufthammer unsere angeregte Unterhaltung mit ein paar rhythmischen Interpunktionen. Ich war völlig am Ende, als ich endlich meinen Parmaschinken und ein paar Käseeckchen im Sack hatte. Lieber zu Rewe seit der Maskenpflicht. Packe mein Zeug aufs Band, zahle mit Karte, Hallo und Auf Wiedersehen versteht sich von selbst, ich könnte irgendwelche Verfluchungen in die Maske nuscheln, es käme aufs Selbe hinaus. Und so jetzt in die nächsten Monate, Jahre, bis zum Impfstoff. Ochse sagt, vielleicht ist das Coronavirus so gebaut, dass Impfung ganz unmöglich. Und dann? Bin kurz vorm Umkippen.

Out of time

Habe völlig den Bezug zur Zeit verloren. Der April macht nicht mehr, was er will, was er ja eigentlich auch soll, früher hat es da doch immerzu geregnet, jetzt scheint nur noch unentwegt die Sonne, ich kapiere überhaupt nichts mehr. Als der Corona-Lockdown begann, hatten wir nachts noch Minusgrade, jetzt plötzlich herrscht eine Art von falschem Sommer, wieviel Zeit ist seither verflossen, einfach alles erscheint nur noch falsch, die Leute mit der Atemmaske erscheinen mir falsch, die Leute ohne Atemmaske erscheinen mir auch falsch. Die bis unters Kinn hinuntergezogenen Gesichtsmasken, wie soll ich ihre Falschheit beschreiben, neulich vor mir in der Spargelschlange auf dem Markt eine Frau, bestimmt über siebzig, definitiv Risikogruppe, mit ihrer lose ums Gesicht hängenden und schon völlig zerfransten Maske, und dann, als sie endlich dran, also in dem Moment, wo sie in einen sozialen Kontakt hineingeht, sich die Maske endgültig ganz runter zieht und ihre Bestellung aufgibt. Ich sah die Virus-Aerosole nur so durch die Luft fliegen in meinem Kopf.

Heute öffneten die Läden wieder, ich wusste das gar nicht, in den Arcaden, wo in den letzten Wochen alles ganz ruhig war, ganz still, auch in den Lebensmittelläden, die noch offen waren, schien alles den Atem anzuhalten. Heute sind da plötzlich alle Läden wieder auf, sofort wieder ein menschliches Gewusel wie verrückt, Sicherheitsdistanz im Grunde überhaupt nicht mehr zu halten, unser erster Impuls: So schnell wie möglich raus hier.

Meine Paranoia insgesamt immer noch im exponentiellen Wachstum begriffen, auf dem Rückweg vom Schlosspark rempelte mich heute völlig unverhofft von hinten etwas an, ich schrie direkt auf, ein Lebewesen hatte mich berührt, sofort die nackte Panik, bis ich verstand: War bloß ein Hund. Wobei die vielleicht auch als Corona-Taxi fungieren könnten, wer weiß das schon.

In meinem Kopf kreisen die zehn Jahre alten Bilder meines Vaters an der Beatmungsmaschine in der Intensivstation im Garmischer Krankenhaus, kaputte Lunge, da sah ich ihn zum letzten Mal, schrecklich, was für ein Abschied. Als ich zum Rauchen aufhörte, tat ich das unter anderem, um nicht an so einer Beatmungsmaschine zu enden, und jetzt Corona, na toll.

The Kids Are Alright

Die Mützenfalterin fragt: „Was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?“

Ich wusste so gut wie nichts, als ich das erste Kind bekam, plötzlich war es da, der Besuch des Geburtsvorbereitungskurses bestand eigentlich nur aus mega anstrengenden sozialen Kontakten zu Unbekannten, mit denen man nichts gemeinsam hatte, außer dass sie auch gerade zufällig ein Kind am Kommen hatten, man wurde auf nichts wirklich vorbereitet, weder auf die Entbindung noch auf das Danach, jedenfalls als Vater, entsprechend dumm stand ich dann im Kreißsaal allen im Weg herum, machte immer nur das Falsche, und wenn ich nichts machte war das auch falsch, das geht ja gut los, dachte ich.

Hatte ich überhaupt einen Kinderwunsch gehabt vorher? Ich weiß das nur noch so diffus, ich mochte mein altes Leben ohne Kinder, auch kamen mir die Kinderwagenschieber auf der Straße immer nur so halb- bis viertelglücklich vor, dann aber doch auch der Impuls, das könnte doch schön sein, so eine Familie, die aus mehr als nur zwei Menschen besteht. Man selber würde ja natürlich alles richtig machen, was die anderen offensichtlich alle in ihrer Ignoranz verbockten. Was nicht zuletzt die eigenen Eltern an einem selber anno dazumal verbockt hatten. Vielleicht hier ein Urgrund des Kinderwunsches: Der Wunsch nach Korrektur der eigenen Kindheit.

Als ich meine neugeborene Tochter über den Krankenhausflur trug, war das Gefühl der Fremdheit überwältigend. Man hatte mir einen Menschen in die Arme gelegt, den ich gar nicht kannte, ein mir unbekanntes Wesen. Seither lernen wir uns kennen, jetzt ist sie in der Pubertät, schon wieder ein völlig anderer Mensch als noch vor einem Jahr. Beantworte ich eigentlich irgendeine der Fragen vom Anfang? Also im Grunde kann ich nur sagen: Nichts hat mein Leben so bereichert wie die Kinder. Gerade die ständige Veränderung, alle paar Wochen, eigentlich alle paar Minuten, muss man sich schon wieder auf etwas völlig Neues einstellen, und natürlich verbockt man dann doch wieder alles, verzweifelt aneinander, heute erst wieder Zoff beim Abendessen über die korrekte Auslegung der Coronaregeln, so geht die menschliche Komödie immer weiter.

Zusammen schreiben

Vor ein paar Jahren fing ich an, Kempowskis Echolot zu lesen, ich hatte die vier Bände über Januar und Februar 1943 halbwegs günstig in einem Antiquariat herumstehen sehen und direkt mitgenommen. Es haute mich so von den Socken, ein kollektives Tagebuch, diese Vielzahl der Stimmen, die Art und Weise, wie das Durcheinandergerede so vieler Texte nicht in Chaos, sondern in ganz transparente Erzählung mündet. Ich brach die Lektüre dennoch nach ein paar hundert Seiten ab, wie so oft, ohne genau sagen zu können, warum eigentlich. Aber eines Tages lese ich das alles doch noch einmal, das wäre mir wichtiger als Prousts Suche nach der verlorenen Zeit.

Ich dachte daran heute wieder, weil jetzt schon überall über die angebliche Unsitte von Corona-Tagebüchern gemault wird, im Feuilleton der FAS gestern, auf Twitter stieß ich jetzt auch schon öfter darauf, während ich mir nur denke, die Leute sollen doch so viel schreiben, wie sie irgend können. Mein ganzes Bloggen habe ich immer als ein Mitschreiben an einem kollektiven Tagebuch verstanden, eine Stimme von vielen. Bei 54 Books schreiben sie, der Begriff eines öffentlichen Tagebuchs mute genauso paradox an wie das Wort „Home-Office“, weil die Trennung des Privaten vom Öffentlichen diese Dinge, also öffentliches Office einerseits, privates Tagebuch andererseits, überhaupt erst konstituiere. Ich halte das für vollkommen falsch, ich habe ziemlich viel in meinem Leben schon über Tagebücher nachgedacht, öfter auch schon hier im öffentlichen Blograum, deshalb, um euch nicht ewig mit demselben Kram zu langweilen, nur ganz kurz: Ein Tagebuch ist eine Schrift, deren Struktur aus der Datierung der Einträge resultiert. Im Normalfall besagt diese Datierung, wann der entsprechende Eintrag verfasst wurde, an welchem Tag, daher der Name „Bratkartoffel“. Wem der Autor Einblick in diese Schrift gewährt, ist absolut seine persönliche Entscheidung, die Idee des privaten, für alle anderen unzugänglichen Tagebuchs mit eingebautem Vorhängeschloss, in welches ich dann Dinge schreibe, die niemand anderer lesen darf, ist für mich eigentlich reinster Kitsch, wenn ich ehrlich sein soll, nützlich bestimmt für Teenager, die ihre erste, heimliche Liebe da verarbeiten. Ziemlich sicher ist jedenfalls öffentliche Lesbarkeit nichts, das einem Tagebuch seine Tagebuchhaftigkeit entreißen würde.

Ich würde im Grunde lieber weiter von Tagebüchern reden als von Blogs, von denen man leider immer noch zuwenig weiß, nicht einmal, ob sie nun Neutrum oder Maskulinum sind, aber die Blogs sind wahrscheinlich wirklich nochmal was anderes. Der von der Blogsoftware automatisch generierte Datumsindex macht etwas anderes mit den Texten als eine die Überschrift ersetzende Tagesangabe. Das Datum der Niederschrift scheint hier weit weniger wichtig zu sein, die Kollektivität hingegen viel wichtiger, die Öffentlichkeit, das Lesen und Gelesenwerden, die Gespräche, Kommentare, Verlinkungen, im Grunde machen wir hier live, was Kempowski erst im Nachhinein extrem mühevoll und aufwendig zusammengestellt hat: Texte, die miteinander reden. Und logisch: Corona betrifft uns alle, auf unterschiedlichste Weise, dem einen wird sein Geschäft zugesperrt, die andere muss im Krankenhaus Doppelschichten schieben, einer verzweifelt am Home-Schooling, der nächsten stirbt die Oma, alle haben irgendwie Panik, das alles passiert gerade gleichzeitig, ich finde es faszinierend, das lesen zu dürfen, also her mit euren Corona-Tagebüchern, lasst euch bloß nicht einschüchtern von diesen elitären Literatur-Bescheidwissern, die jetzt schon mit den Augen rollen und die Nasen rümpfen, genau wie sie es früher mit den Berlinromanen gemacht haben, und die also jetzt schon wieder wissen, dass die Corona-Tagebücher alle scheiße sind, weil einfach viel zu Mainstream. Was da unterschwellig propagiert wird, ist doch auch Literatur (und Kunst allgemein) als reiner Eskapismus: Im allgemeinen Lockdown jetzt endlich mal im Gartenstuhl mit einer schönen Kanne Grüntee Arno Schmidt lesen! Zettel’s Traum. Und überlasst das Schreiben der Romane mal schön den professionellen Romanschriftstellern, die haben schließlich das Handwerk gelernt, die wissen ja gottseidank, wie sowas geht. Ich hoffe, diese schnöseligen Feuilletons mit ihrem blöden Dünkel gehen alle pleite. Zu lesen habe ich dann immer noch genug, da habe ich nicht die geringste Sorge.