Fehler

Ein Druckfehler oder Tippfehler, ein einzig falsch geschriebener Buchstabe in einem Buch über Popmusik, ließ mich für lange Zeit glauben, der leibhaftige Vater von Captain Beefheart hätte ein Flugzeug gehabt, warum auch nicht, vielleicht war er ja Pilot, und dann hätte der Captain mal so lässig zu seinem Vater gesagt: Hey Dad, kann ich nicht mal ein Konzert in deinem verdammten Flugzeug geben? Und der Vater sagte natürlich: Natürlich! Und so entstand dann die Platte: „Captain Beefheart – Live at My Father’s Plane“.

In Wahrheit hieß die Kneipe „My Father’s Place“. Kein in der Wüste von New Mexico herumstehendes Flugzeug, wie ich mir immer vorgestellt hatte, sondern ein ganz normaler Musikclub in New York. Und Beefhearts Vater, sofern er je einen hatte, hatte nichts damit zu tun, schon gleich nicht sein riesiges, megakaputtes Flugzeug in der Wüste von New Mexico.

Die Musik von Beefheart und der Magic Band, die mir früher immer so grauenhaft schräg, kaputt, destruktiv und um ihrer reinen Groteskheit willen anbetungswürdig erschien, hört sich mir heute viel normaler an, groovt eigentlich total, der Blues ist immer da, selbst in den abgedrehtesten Stücken, als Grundgerüst immer hörbar. It schwings. Absolut vollendet in der fehlerhaften Nichtperfektheit.

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Bruchstück (kann auch weg)

Baum gestern schon weggetan, Treppenhaus voller Nadeln. Früher wollte ich die Weihnachtstage immer maximal ausdehnen, mittlerweile der umgekehrte Impuls, nach Silvester alles direkt rauszuhauen. In der Nacht so schreckliches Zeug geträumt, grauenvoll, ganz deprimiert aufgewacht, brauche dann immer ewig, aus diesen Stimmungen wieder rauszufinden, die Träume als das Unwahre wegzulegen und zu vergessen. Am Morgen wieder extremes Schleimhochhusten, was Schlossparkspaziergang praktisch erzwang, nur so kriege ich die Bronchien wieder halbwegs frei. Letzter Ferientag, niemand kam mit. Später las ich Herrndorfs Stimmenbuch fertig, manches sehr gut, manches langweilig, überblättert, ich mochte extrem das Zusammengewürfelte, Bloghafte, die kurzen Formen, und war verwundert, im Nachwort zu lesen, Herrndorf habe mehrfach auf das Nachdrücklichste verfügt, nichts Fragmentarisches aus seinem Nachlass dürfe veröffentlicht werden. Daher der unausgesprochene Subtext des ganzen Nachworts: Die hier veröffentlichten Fragmente sind ganz und gar nicht fragmentarisch! Mir ist das ziemlich wurscht, ich liebe Fragmente, ich glaube ja, sogar so scheinbar vollendete Werke wie die Buddenbrooks sind eigentlich auch bloß Fragmente von irgendwas anderem. Am Ende ist doch jede Kunst, egal wie sehr sie sich um Künstlichkeit bemüht, nur ein Bruchstück von der Welt.

Am Stachus

Wunderschönes Wetter heute an Neujahr, der Regen hat in der Nacht all den verböllerten Feinstaub weggebunden, man konnte gleich die Fenster wieder öffnen und der Himmel war ganz hellblau und die Sonne schien: das neue Jahr war irgendwie sofort gut und voller guter Hoffnungsgedanken für das Kommende. Fuhren durch eine vollkommen entvölkerte Stadt, Straßen ohne Menschen, dafür voll Feuerwerksmüll und Scherben, in den Grunewald, wo dann die bereits verloren geglaubten Menschen alle wieder auftauchten. Hier geht es ja zu wie am Stachus, pflegte meine Mutter bei solcher Gelegenheit auszurufen, und ich verkneife mir den Spruch immer, weil in meiner Familie niemand weiß, was der Stachus eigentlich ist. Obwohl, wenn ich es recht bedenke: Ich hatte als Kind auch keine Vorstellung von einem Stachus, für mich war das bloß irgendein Wort, und jetzt war ich schon so lange nicht mehr in München, dass ich gar nicht mehr wüsste: Ist da wirklich immer so ein Gewusel? Ich hab ja wirklich überhaupt keine Münchensehnsucht in mir, wo ich so viele Jahre lebte und doch immer fremd blieb. Höchstens die Biergärten, im Sommer, der Steckerlfisch im Augustinergarten, und für den Winter das Bratwurstglöckl am Dom, diese rauchig verkohlten Bratwürschtel auf dem sehr dunklen Sauerkraut in der noch dunkleren, holzvertäfelten Gaststube. Wenn ich mit meinem Vater in München war, gingen wir fast immer da rein, damals rauchte man noch überall, das war normal, aber im Bratwurstglöckl hing der Rauch besonders dicht, man sah kaum bis ans andere Ende des Tisches. Wenn ich nur wüsste, wie die da das Sauerkraut machen, nirgends schmeckte es mir je so gut, aber ich kriege es selber nie auch nur annähernd so hin. Jedenfalls waren wir heute am Teufelssee und in der sogenannten Kiesgrube, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil ist, nämlich keine Grube, sondern ein Hügel, und nicht aus Kies, sondern aus Sand. Dennoch, und H., die da schon als Kind herumlief, legte da unmissverständlich größten Wert drauf, heißt das Kiesgrube. So wie der Stachus in München ja auch eigentlich Karlsplatz heißt, aber alle sagen nur Stachus, denn der Name des bierausschenkenden Wirtes Eustachius war eben hartnäckiger als der von irgendeinem Kurfürst Karl, von dem heute kaum jemand mehr was weiß.

Remotius

Eigentümlich sind die Wellen, die der Fall Relotius schlägt. Zu mir haben sie gesagt, als ich anfing zu bloggen: Mensch, Wahnsinn, du schreibst ja so schön, schreib doch auch mal Geschichten. Und die andern dann alle so: Au ja, eine Geschichte, eine Geschichte! Und ich wusste gar nicht, was die so richtig von mir wollten. Waren das nicht eh Geschichten, die ich schrieb? Ist nicht jeder erzählende Text irgendwie eine Geschichte?

Damals fing meine Panik vor den Kommentaren an. Was wollten die von mir? Ist doch wunderbar, wenn ihr mein Zeug gerne lest, aber ich bin doch keine Jukebox, wo man oben eine Münze oder ein paar Likes reinschmeißt, und dann kommt unten der Text raus, den ihr gerne lesen würdet.

Ich schreibe aus so einer Naivität heraus, ich schreibe einfach, ich setze mich an eine Tastatur hin und tippe los, so habe ich das schon immer gemacht, ich kann es gar nicht anders tun, das habe ich mittlerweile gelernt. Wenn ich vorher versuche, mir einen Lord Cunningshurst auszudenken, der mit der Lady Scheesmydoud ins Bett will, und dann die ganzen Hindernisse, die eine wahnsinnige Spannung aufbauen sollen, bis am Schluss die Bombe platzt – dann schreibe ich gar nicht. Dann sitze ich vor der Tastatur und nichts passiert. Ich kann sowas einfach nicht schreiben.

Gleichzeitig ist mein Schreiben auch immer und zu jedem Zeitpunkt ein komplett verantwortungsloses Lügen. Ich erfinde schlimmste Unwahrheiten, niemand sollte irgendetwas von dem hier Geschriebenen glauben! Ich wünschte mir ein Pop-Up-Fenster, welches beim Aufrufen der Seite sofort aufschnellt und den Leser anschreit: „Achtung! Diese Seite beinhaltet Erfundenes!“ Und dann muss der Leser entweder „OK“ oder „IGITT“ drücken.

Ich weiß auch nicht, irgendwie war mir dieses spiegelmäßige Storytelling immer schon zuwider, diese mega atmosphärischen Einstiege, Hamburg an einem Dienstag im Spätherbst, der Regen peitscht, die Nacht ist dunkel, ein schwarzer Mercedes zerschneidet die nasskalte Finsternis mit seinen gleißenden Scheinwerfern, darin sitzt einer der einflussreichsten Männer der Republik, kaum einer kennt ihn, und weiter so bla bla bla, bis mal irgendwann in Absatz fünf so langsam klar wird, worum es überhaupt geht.

Während draußen ein kalter Wind vor sich hin haucht und die Regentropfen sinnlos an die Scheibe prasseln, wird mir eventuell klar, dass wir Blogger sowieso was völlig anderes machen als die Heinis beim Spiegel.

Karma Police

09.12.2018
Gestern haute ich mir noch so dermaßen den kleinen Zeh an, ich weiß gar nicht mehr woran eigentlich, entweder die Bank im Flur oder der Türstock der Küche, jedenfalls schrie J. nach mir, genau in dem Moment, als ich das Mehl zur schäumenden Butter geschmissen hatte für die Bechamelsoße, und ich zog das also vom Feuer, rannte zu ihm, regelte sein Anliegen, rannte wieder zurück und blieb im vollen Lauf mit dem kleinen Zeh an einer Holzkante hängen, strauchelte, furchtbarster Schmerz, mir blieb für Minuten fast die Luft weg. Kochte die Lasagne fertig, die auch gut war, danach schauten wir alle Mary Poppins auf Netflix, ich mit Kühlkissen am Fuß. Ein eigentümlicher Film, wobei ich mich von ferne erinnerte, dass ich mich als Kind mit diesen Kindern ganz gut identifizieren konnte, die Kinder aus gutem Hause, die alles haben, bloß dass die reichen Eltern selber nie da sind, nie Zeit haben. Heute morgen sofort laufunfähig, der kleine Zeh ums Doppelte angeschwollen, blau-gelblich verfärbt der halbe Fuß. Fast völlig untätiger Sonntag, abends noch Weihnachtsmarkt, wo viel zu viel los, meine akustische Überreiztheit, das Geschrei und Gerede, dazu tröten zwei Blaskapellen gleichzeitig von links und von rechts zwei verschiedene Weihnachstlieder stereo in meinen Kopf rein, rechne das Grundrauschen des Spandauer Damms da dann noch dazu, ich halte sowas praktisch nicht mehr aus, wie soll solch überdrehte Lärmkaskade irgendwas von weihnachtlicher Stimmung verströmen, in mir verlangt alles nur nach Stille, Ruhe, Leisigkeit.

10.12.2018
Immer noch fußkrank, heute den Vormittag allein auf dem Sofa, fürchterlichste Langeweile, konnte überhaupt nicht produktiv sein, auch nichts lesen, keinen Film schauen, nur fahrig auf Twitter herum gescrollt, es war grauenvoll, früher habe ich solche Tage genossen, was ist mit mir passiert? Absolute Erlösung als C. um eins heimkam. Morgen wieder Zahnarzt.

11.12.2018
Trotz anhaltender Fußschmerzen, auch dem scheißig nasskalten Nieselwetter zum Trotz, humpelte ich heute zu Fuß nach Moabit zum Zahnarzt. Es muss einfach so sein. Dem Motzverkäufer Ecke Bochumer oder Krefelder muss ich eine Münze in seinen Becher schmeißen, um damit mein Zahnkarma aufzubessern, mittlerweile weiß er, dass ich keine Zeitung will, in der Praxis kennen sie mich auch schon, wenn ich reinkomme sofort: Ah, hallo, Herr Wolf, bitte nochmal kurz Platz nehmen, na klar, heute ein verrücktes Rentnerpaar, das die Wartezeit nutzte, um eine Art Radio auseinanderzunehmen. Rückweg im weiter anhaltenden Nieselregen über Turmstraße, ich bin immer so fasziniert von Moabit, das Gewusel, die Gedrängtheit, ich weiß nicht, ich bin da gern.

Back in the USSR

Das weiße Album von den Beatles war eine der ersten Platten, die ich mir selber gekauft habe, ich werde das nie vergessen, die Fahrt nach München, Saturn Hansa an der Theresienwiese, diese Plattentempel waren ja damals für uns heilige Orte, man kann das heute gar keinem mehr verständlich machen. Auf der Rückfahrt im Zug merkte ich schon, ich werde krank, legte mich zuhause mit rasant ansteigendem Fieber ins Bett und dazu den Soundtrack des weißen Albums, erstes Hören, völlig unbekannte Musik. Bei Revolution 9 dachte ich, ok, das wars, das sind jetzt die letzten Fieberphantasien bevor es abgeht richtung Tod, vollkommen logisch folgte danach „Good Night / Sleep Tight“, ich schlief ein, die Platte drehte sich in der Endrille weiter bis zum nächsten Morgen, und ich verstehe im Grunde bis heute nicht, wie ich je wieder aufwachen konnte, wie es eigentlich sein kann, dass mein Leben danach doch noch weiterging. Ich kann kaum noch genau sagen, wann das war, vielleicht 1988 oder 89. Über die Beatles, die Stones, die Musik der Sechziger insgesamt, erschloss sich mir der ganze Kosmos der Musik nochmal neu, nachdem ich bis dahin nicht anderes gekannt hatte als Beethoven und Mozart einerseits, deutscher Schlager andererseits, und dann noch, fast das Schlimmste, die mir vollkommen steril und seelenlos erscheinende Popmusik der Achtziger, das Zeug, das damals so im Radio lief, das auch die Leute in der Schule gut fanden, kalte Plastikmusik, diese Synthesizersounds und künstlich klappernden Schlagzeuge, ich konnte dem einfach nichts abgewinnen. Die Beatles waren für mich damals eine Tür zu einer mir völlig neuen Welt des Pop, und lustigerweise das weiße Album stieß sie auf, Sergeant Pepper hörte ich erst viel später und fand es dann auch eine nicht so wahnsinnig bahnbrechend gute Platte, wie alle immer tun.

Gestern kam mit der Post [1] das weiße Album noch einmal zu mir, wegen einer Notiz des Klagefalls, wo ich sofort wusste: Ok, das brauche ich auch. Die neue Abmischung sehr gut, die neue Klarheit und Präsenz der Stimmen, überzeugt mich sofort, die Esher Demos auch sehr interessant, wie fertig diese Songs schon sind, auch in der Rohfassung. Man kriegt so eine kleine Ahnung, wie diese Lieder gewachsen sind. Gleichzeitig aber auch schon deutlich die Signale der Auflösung, der Entfremdung. Die Herausgeber haben bei ganz vielen Liedern die Stimme des Sängers einfach verdoppelt, so dass die Illusion von chorischem Zusammenklang entsteht, aber in Wahrheit singt immer nur John mit John, Paul mit Paul, und manchmal vernimmt man im Hintergrund ein Klatschen und hofft, es ist Ringo. Aber John und Paul singen hier im Jahr 1968 offenbar nicht mehr zusammen.

Der Zusammenklang dieser zwei Stimmen war aber mal die wahre Magie dieser Band, ich gäbe alles für eine Zeitmaschine in den Star-Club 1960. Das weiße Album ist im Grunde schon die gewaltsame Ineinanderschiebung von zwei Soloalben. Fast jeder Song ist der Hammer, wahnsinnig gut, aber im Gegensatz zu Revolver, meine geheime Lieblingsplatte der Beatles, sieht man die Band hier trotzdem schon am Ende. Die Esher-Demos bestätigen diese Vermutung.

 
[1] Ich lebe in einer Stadt voller Plattenläden und lasse mir trotzdem CDs von bösen Internetkonzernen per Post liefern, um sie dann zu digitalisieren und als mp3 vom Küchenradio abspielen zu lassen, während ich Zwiebeln schneide. Mit anderen Worten: Ich bin Voldemort.