Plattenspieler

Gestern abend endlich fertig geworden mit dem dritten Band von Vernon Subutex. Die ersten zwei Bände hatte ich mir ja mehr oder weniger direkt reingezogen, ich konnte gar nicht anders, als das unglaublich rasante Erzähltempo in ein ebenso rasendes Lesetempo umzusetzen, das war im April, und dann musste ich warten, bis im September der dritte Band auf Deutsch erschien, hatte es im Oktober mit auf Mallorca, ich weiß auch nicht, irgendwie war die Luft raus, seither schleppte ich es so mit, ich bin aber auch kein sehr guter Leser mehr. Zum Ende hin nimmt es dann aber doch noch mal Fahrt auf, ein Panoptikum der Gegenwart, auf jeden Fall, jeder sollte es lesen: Virginie Despentes, die kann schreiben, die hat einen scharfen Blick auf die Menschen, die Verhältnisse, die Welt, da kann man die Trauergestalt Houellebecq getrost vergessen.

Die Geschichte von Vernon Subutex ist im Grunde eine Versuchsanordnung, die der Frage nachgeht: Was genau ging der Welt eigentlich verloren, als dieser Plattenladen um die Ecke dichtgemacht hat? Und die sich in drei Bänden langsam entfaltende Antwort lautet: Alles. Und gleichzeitig auch nichts, weil sich der im Plattenladen verkörperte Spirit der Musik einfach nicht auslöschen lässt.

Vernon Subutex ist dieser ehemalige Plattenhändler, der erste Band erzählt in einem unglaublichen Tempo, wie er wohnungslos wird. Er hielt sich noch lange nach dem Verlust des Plattenladens irgendwie über Wasser, aber dann, als der Roman einsetzt, geht es eben einfach nicht mehr, er wird rausgeschmissen, es hat sich angebahnt, kommt nicht völlig überraschend, aber als es als Tatsache da ist, erwischt es ihn eben doch komplett kalt. Wie knallhart und vollkommen schnörkellos das erzählt wird, das hat mich wirklich umgehauen, das gehört zum Besten, was ich je gelesen habe. Und dann öffnet sich das Panoptikum der Gesellschaft: Als armer Arbeitsloser hat sich Subutex versteckt, machte sich unsichtbar: als Obdachloser muss er raus, sucht Unterschlupf bei alten Bekannten, die gute alte Zeit, der Plattenladen, Millionäre, Penner, Pornostars – alle sind mit dabei, das ganze Spektrum des menschlichen Irrsinns faltet sich jetzt Stück für Stück vor dem Leser auf. Jedes Kapitel nimmt die Perspektive einer anderen Person ein, alle haben irgendwie mit Subutex zu tun, ein soziales Geflecht von immer mehr anwachsender Komplexität wird da entworfen, und gleichzeitig ist es genau Vernon Subutex, der in dem Stimmengewirr zunehmend verschwindet, zur Leerstelle wird. Ein Mann ohne Eigenschaften, darüber hinaus aber auch ein Mann ohne Wohnung. Tagsüber hängt er im Park ab, aber wenn er an den Plattentellern steht, drehen alle durch.

Das Ideal einer Kommune, in der das Geld egal ist, uninteressant, was einer hat oder darstellt, weil alle von der Kraft der Musik geeint werden, flammt kurz auf, erscheint für einen kurzen Moment denkbar, und wird dann doch von der alles zernichtenden Realität zurück in den Erdboden gestampft.

Am Ende, auf den allerletzten paar Seiten, die ich gestern las, wird eine düstere Zukunft ganz schnell hinskizziert, in der von autoritären Systemen die Musik als solche ganz verboten wird, und nur im Untergrund als geheimer und quasireligiöser Subutex-Kult fortbesteht, von den Mächtigen unverfolgbar, weil sie sich auf die alte Vinyltechnik zurückbesinnen.

Daran dachte ich heute morgen nochmal kurz, als ich im Schneegestöber meinen alten Plattenspieler, der schon seit Jahren kaputt im Wohnzimmer einstaubte, zum Container zu den anderen Elektroaltgeräten am Recyclinghof trug.

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Fehler

Ein Druckfehler oder Tippfehler, ein einzig falsch geschriebener Buchstabe in einem Buch über Popmusik, ließ mich für lange Zeit glauben, der leibhaftige Vater von Captain Beefheart hätte ein Flugzeug gehabt, warum auch nicht, vielleicht war er ja Pilot, und dann hätte der Captain mal so lässig zu seinem Vater gesagt: Hey Dad, kann ich nicht mal ein Konzert in deinem verdammten Flugzeug geben? Und der Vater sagte natürlich: Natürlich! Und so entstand dann die Platte: „Captain Beefheart – Live at My Father’s Plane“.

In Wahrheit hieß die Kneipe „My Father’s Place“. Kein in der Wüste von New Mexico herumstehendes Flugzeug, wie ich mir immer vorgestellt hatte, sondern ein ganz normaler Musikclub in New York. Und Beefhearts Vater, sofern er je einen hatte, hatte nichts damit zu tun, schon gleich nicht sein riesiges, megakaputtes Flugzeug in der Wüste von New Mexico.

Die Musik von Beefheart und der Magic Band, die mir früher immer so grauenhaft schräg, kaputt, destruktiv und um ihrer reinen Groteskheit willen anbetungswürdig erschien, hört sich mir heute viel normaler an, groovt eigentlich total, der Blues ist immer da, selbst in den abgedrehtesten Stücken, als Grundgerüst immer hörbar. It schwings. Absolut vollendet in der fehlerhaften Nichtperfektheit.

Bruchstück (kann auch weg)

Baum gestern schon weggetan, Treppenhaus voller Nadeln. Früher wollte ich die Weihnachtstage immer maximal ausdehnen, mittlerweile der umgekehrte Impuls, nach Silvester alles direkt rauszuhauen. In der Nacht so schreckliches Zeug geträumt, grauenvoll, ganz deprimiert aufgewacht, brauche dann immer ewig, aus diesen Stimmungen wieder rauszufinden, die Träume als das Unwahre wegzulegen und zu vergessen. Am Morgen wieder extremes Schleimhochhusten, was Schlossparkspaziergang praktisch erzwang, nur so kriege ich die Bronchien wieder halbwegs frei. Letzter Ferientag, niemand kam mit. Später las ich Herrndorfs Stimmenbuch fertig, manches sehr gut, manches langweilig, überblättert, ich mochte extrem das Zusammengewürfelte, Bloghafte, die kurzen Formen, und war verwundert, im Nachwort zu lesen, Herrndorf habe mehrfach auf das Nachdrücklichste verfügt, nichts Fragmentarisches aus seinem Nachlass dürfe veröffentlicht werden. Daher der unausgesprochene Subtext des ganzen Nachworts: Die hier veröffentlichten Fragmente sind ganz und gar nicht fragmentarisch! Mir ist das ziemlich wurscht, ich liebe Fragmente, ich glaube ja, sogar so scheinbar vollendete Werke wie die Buddenbrooks sind eigentlich auch bloß Fragmente von irgendwas anderem. Am Ende ist doch jede Kunst, egal wie sehr sie sich um Künstlichkeit bemüht, nur ein Bruchstück von der Welt.

Am Stachus

Wunderschönes Wetter heute an Neujahr, der Regen hat in der Nacht all den verböllerten Feinstaub weggebunden, man konnte gleich die Fenster wieder öffnen und der Himmel war ganz hellblau und die Sonne schien: das neue Jahr war irgendwie sofort gut und voller guter Hoffnungsgedanken für das Kommende. Fuhren durch eine vollkommen entvölkerte Stadt, Straßen ohne Menschen, dafür voll Feuerwerksmüll und Scherben, in den Grunewald, wo dann die bereits verloren geglaubten Menschen alle wieder auftauchten. Hier geht es ja zu wie am Stachus, pflegte meine Mutter bei solcher Gelegenheit auszurufen, und ich verkneife mir den Spruch immer, weil in meiner Familie niemand weiß, was der Stachus eigentlich ist. Obwohl, wenn ich es recht bedenke: Ich hatte als Kind auch keine Vorstellung von einem Stachus, für mich war das bloß irgendein Wort, und jetzt war ich schon so lange nicht mehr in München, dass ich gar nicht mehr wüsste: Ist da wirklich immer so ein Gewusel? Ich hab ja wirklich überhaupt keine Münchensehnsucht in mir, wo ich so viele Jahre lebte und doch immer fremd blieb. Höchstens die Biergärten, im Sommer, der Steckerlfisch im Augustinergarten, und für den Winter das Bratwurstglöckl am Dom, diese rauchig verkohlten Bratwürschtel auf dem sehr dunklen Sauerkraut in der noch dunkleren, holzvertäfelten Gaststube. Wenn ich mit meinem Vater in München war, gingen wir fast immer da rein, damals rauchte man noch überall, das war normal, aber im Bratwurstglöckl hing der Rauch besonders dicht, man sah kaum bis ans andere Ende des Tisches. Wenn ich nur wüsste, wie die da das Sauerkraut machen, nirgends schmeckte es mir je so gut, aber ich kriege es selber nie auch nur annähernd so hin. Jedenfalls waren wir heute am Teufelssee und in der sogenannten Kiesgrube, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil ist, nämlich keine Grube, sondern ein Hügel, und nicht aus Kies, sondern aus Sand. Dennoch, und H., die da schon als Kind herumlief, legte da unmissverständlich größten Wert drauf, heißt das Kiesgrube. So wie der Stachus in München ja auch eigentlich Karlsplatz heißt, aber alle sagen nur Stachus, denn der Name des bierausschenkenden Wirtes Eustachius war eben hartnäckiger als der von irgendeinem Kurfürst Karl, von dem heute kaum jemand mehr was weiß.

Remotius

Eigentümlich sind die Wellen, die der Fall Relotius schlägt. Zu mir haben sie gesagt, als ich anfing zu bloggen: Mensch, Wahnsinn, du schreibst ja so schön, schreib doch auch mal Geschichten. Und die andern dann alle so: Au ja, eine Geschichte, eine Geschichte! Und ich wusste gar nicht, was die so richtig von mir wollten. Waren das nicht eh Geschichten, die ich schrieb? Ist nicht jeder erzählende Text irgendwie eine Geschichte?

Damals fing meine Panik vor den Kommentaren an. Was wollten die von mir? Ist doch wunderbar, wenn ihr mein Zeug gerne lest, aber ich bin doch keine Jukebox, wo man oben eine Münze oder ein paar Likes reinschmeißt, und dann kommt unten der Text raus, den ihr gerne lesen würdet.

Ich schreibe aus so einer Naivität heraus, ich schreibe einfach, ich setze mich an eine Tastatur hin und tippe los, so habe ich das schon immer gemacht, ich kann es gar nicht anders tun, das habe ich mittlerweile gelernt. Wenn ich vorher versuche, mir einen Lord Cunningshurst auszudenken, der mit der Lady Scheesmydoud ins Bett will, und dann die ganzen Hindernisse, die eine wahnsinnige Spannung aufbauen sollen, bis am Schluss die Bombe platzt – dann schreibe ich gar nicht. Dann sitze ich vor der Tastatur und nichts passiert. Ich kann sowas einfach nicht schreiben.

Gleichzeitig ist mein Schreiben auch immer und zu jedem Zeitpunkt ein komplett verantwortungsloses Lügen. Ich erfinde schlimmste Unwahrheiten, niemand sollte irgendetwas von dem hier Geschriebenen glauben! Ich wünschte mir ein Pop-Up-Fenster, welches beim Aufrufen der Seite sofort aufschnellt und den Leser anschreit: „Achtung! Diese Seite beinhaltet Erfundenes!“ Und dann muss der Leser entweder „OK“ oder „IGITT“ drücken.

Ich weiß auch nicht, irgendwie war mir dieses spiegelmäßige Storytelling immer schon zuwider, diese mega atmosphärischen Einstiege, Hamburg an einem Dienstag im Spätherbst, der Regen peitscht, die Nacht ist dunkel, ein schwarzer Mercedes zerschneidet die nasskalte Finsternis mit seinen gleißenden Scheinwerfern, darin sitzt einer der einflussreichsten Männer der Republik, kaum einer kennt ihn, und weiter so bla bla bla, bis mal irgendwann in Absatz fünf so langsam klar wird, worum es überhaupt geht.

Während draußen ein kalter Wind vor sich hin haucht und die Regentropfen sinnlos an die Scheibe prasseln, wird mir eventuell klar, dass wir Blogger sowieso was völlig anderes machen als die Heinis beim Spiegel.

Karma Police

09.12.2018
Gestern haute ich mir noch so dermaßen den kleinen Zeh an, ich weiß gar nicht mehr woran eigentlich, entweder die Bank im Flur oder der Türstock der Küche, jedenfalls schrie J. nach mir, genau in dem Moment, als ich das Mehl zur schäumenden Butter geschmissen hatte für die Bechamelsoße, und ich zog das also vom Feuer, rannte zu ihm, regelte sein Anliegen, rannte wieder zurück und blieb im vollen Lauf mit dem kleinen Zeh an einer Holzkante hängen, strauchelte, furchtbarster Schmerz, mir blieb für Minuten fast die Luft weg. Kochte die Lasagne fertig, die auch gut war, danach schauten wir alle Mary Poppins auf Netflix, ich mit Kühlkissen am Fuß. Ein eigentümlicher Film, wobei ich mich von ferne erinnerte, dass ich mich als Kind mit diesen Kindern ganz gut identifizieren konnte, die Kinder aus gutem Hause, die alles haben, bloß dass die reichen Eltern selber nie da sind, nie Zeit haben. Heute morgen sofort laufunfähig, der kleine Zeh ums Doppelte angeschwollen, blau-gelblich verfärbt der halbe Fuß. Fast völlig untätiger Sonntag, abends noch Weihnachtsmarkt, wo viel zu viel los, meine akustische Überreiztheit, das Geschrei und Gerede, dazu tröten zwei Blaskapellen gleichzeitig von links und von rechts zwei verschiedene Weihnachstlieder stereo in meinen Kopf rein, rechne das Grundrauschen des Spandauer Damms da dann noch dazu, ich halte sowas praktisch nicht mehr aus, wie soll solch überdrehte Lärmkaskade irgendwas von weihnachtlicher Stimmung verströmen, in mir verlangt alles nur nach Stille, Ruhe, Leisigkeit.

10.12.2018
Immer noch fußkrank, heute den Vormittag allein auf dem Sofa, fürchterlichste Langeweile, konnte überhaupt nicht produktiv sein, auch nichts lesen, keinen Film schauen, nur fahrig auf Twitter herum gescrollt, es war grauenvoll, früher habe ich solche Tage genossen, was ist mit mir passiert? Absolute Erlösung als C. um eins heimkam. Morgen wieder Zahnarzt.

11.12.2018
Trotz anhaltender Fußschmerzen, auch dem scheißig nasskalten Nieselwetter zum Trotz, humpelte ich heute zu Fuß nach Moabit zum Zahnarzt. Es muss einfach so sein. Dem Motzverkäufer Ecke Bochumer oder Krefelder muss ich eine Münze in seinen Becher schmeißen, um damit mein Zahnkarma aufzubessern, mittlerweile weiß er, dass ich keine Zeitung will, in der Praxis kennen sie mich auch schon, wenn ich reinkomme sofort: Ah, hallo, Herr Wolf, bitte nochmal kurz Platz nehmen, na klar, heute ein verrücktes Rentnerpaar, das die Wartezeit nutzte, um eine Art Radio auseinanderzunehmen. Rückweg im weiter anhaltenden Nieselregen über Turmstraße, ich bin immer so fasziniert von Moabit, das Gewusel, die Gedrängtheit, ich weiß nicht, ich bin da gern.