Saturday Night Bruckner

Im Zweihunderter Bus schon vom Zoo weg lauter Klassikleute, ich weiß auch nicht, woran man die so zweifelsfrei erkennt, ein ganzer Pulk Franzosen, recht jung noch, und so lässig gut gekleidet, wo ich sofort dachte: Die fahren bestimmt ins selbe Konzert wie ich. Und so war es dann auch, an der Philharmonie stiegen alle aus. Es ist verrückt, mein allererster Besuch in der Berliner Philharmonie, seit acht Jahren lebe ich jetzt in dieser Stadt. Mozart, Klavierkonzert B-Dur KV 595; Schubert, Allegretto c-moll D 915; Bruckner, Siebte Symphonie E-Dur. Paul Lewis Klavier, Bernard Haitink Dirigent. Hat mir sehr gut gefallen, besonders auch der Mozart, den auch Haitink schon dirigierte, was mich wunderte, ich dachte, das regelt der Pianist alleine, und Haitink käme erst zum Bruckner raus. Aber er machte das sehr schön, ganz unprätentiös, mit großer Leichtigkeit, und doch sehr innig. Beim Bruckner dann für meinen Geschmack alles einen winzigen Tick zu langsam, zu gemäßigt, mir fehlte da ein bisschen die fiebrige Nervosität, die dieser Musik ja auch innewohnt, das zuckende Augenlid im Flirren der Streicher, das fehlte fast ganz. Aber schon toll natürlich trotzdem, wenn man sich mal drauf einlässt, in sehr großen Bögen gedacht. Der uralte Haitink, ich glaube, ich hab ihn mal mit meinem Vater in Wien gesehen, vor Jahrzehnten, bin nicht mehr ganz sicher, oder war es München, jetzt ist er jedenfalls 90, dirigiert sehr sparsam, was ich sofort mag, dennoch mit großer Präzision. Ich hör den Bruckner ja meist zum Kochen aus der Monobox, das war schon mal was anderes, allein klanglich, wie laut, wie klar man alles hört ohne die technischen Limitierungen. Schön auch, wenn ich es mit früher vergleiche, wie entspannt, wie unsteif, wie demokratisch so ein Konzertabend mittlerweile ist. Nicht mehr nur eine Veranstaltung für superreiche Alte in Frack und Abendkleid. Ich fiel überhaupt nicht auf mit meinem Kapuzenpullover und den Turnschuhen. Jeans tragen sowieso schon fast alle, vor zwanzig Jahren im Herkulessaal sah das noch anders aus. Wahnsinn andererseits die Geschlechterungleichheit in so einem Orchester: Extremer Männerüberhang, 80 zu 20 Prozent würde ich grob schätzen. Warum ist das so? Im Schulorchester war es bei uns genau umgekehrt: Hauptsächlich Mädchen lernten klassische Instrumente, warum landen so wenige davon bei den Philharmonikern?

Beim Applaus sprang das ganze Publikum auf, Standing Ovations, eine Geigerin brachte Haitink einen Strauß Blumen, aber genau in dem Moment als er den Strauß nehmen wollte, zog sie ihn wieder zurück, offenkundig, damit er die Hände frei behalten solle, die eine für den Stock mit Silberknauf, die andere fürs Geländer. Sie trug dann selber den Blumenstrauß wieder raus, Haitink viel langsamer, am Stock, allein und straußlos hinterher. Das wirkte seltsam, irgendwie verkorkst, die ganze Geste wie verfehlt. Großartig hingegen, wie er später, im immer noch brausenden Applaus, nochmal raus geht zum Dirigentenpult, sich nochmal verbeugt, und dann lächelnd die Partitur zuwirft. Geht nach Hause Leute, die Show ist vorbei.

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Sauerampfer

Ich war elf Jahre alt, meine Mutter war wegen einer Operation im Krankenhaus in München, also wohnte ich für eine Woche bei meinem Freund Flori und seiner Familie. Der Flori war ein paar Jahre älter als ich und hatte immer den Kopf voller Ideen, hinter seinem Haus lief direkt der Bach, dahinter die Wiesen und Felder. Wir waren also viel draußen unterwegs, schließlich war Frühling, ich sehe uns irgendwo im Moos herumstapfen, während der Himmel sich langsam verdüstert, und der Flori mir den Sauerampfer zeigt. Ich war skeptisch, ist das wirklich Sauerampfer, kann man das bestimmt essen? Aber er mampfte die grünen Blätter fröhlich in sich hinein, also probierte ich auch, es schmeckte tatsächlich sauer, also war es logisch Sauerampfer, was sonst. Nieselregen setzte ein, wir sammelten und aßen weiter unseren Sauerampfer, bis wir uns irgendwann dann doch auf den Heimweg machten. Kurz darauf, vielleicht am selben Abend noch, oder vielleicht auch erst am nächsten Tag, hieß es, in Russland habe es einen Unfall an einem Atomkraftwerk gegeben, die atomar verseuchte Wolke sei vom Wind akkurat genau bis zu uns nach Südbayern getrieben worden, wo der Regen ausgerechnet genau jetzt den hoch verstrahlten Todesstaub zu Boden wäscht und alles hier verseucht. Betastrahlen, Gammastrahlen, Cäsium, Strontium, Becquerel, Curie, Sievert und Millisievert – Begriffe, die man noch nie vorher gehört hatte, schwirrten plötzlich durch die Luft, niemand wusste was genaues, offenbar rückten die Russen auch nur sehr zögerlich mit den Informationen rüber, was da eigentlich passiert war, das war natürlich wieder typisch, ausgerechnet die Russen. Ungläubig starrten wir in den Fernseher. Das kaputte Atomkraftwerk sah gar nicht so aus wie eines, das waren doch sonst so eiförmig-weiße Dinger. Klar wurde langsam nur, dass man unbedingt den Regen meiden müsse und auch den direkten Kontakt mit der Erde. Nicht auf den Spielplatz, nicht im Sand buddeln, auf keinen Fall bei Regen rausgehen und nichts essen, was draußen wächst. Floris Mutter saß ratlos vor einem Schälchen Erdbeeren, die könne sie doch unmöglich wegwerfen, die seien doch so schön, wie sollten so wunderschöne Erdbeeren denn bitte vergiftet sein, das sei doch gar nicht möglich. Wir beschworen sie, die Erdbeeren wegzuschmeißen, sie konnte es nicht, sagte: Ich ess jetzt diese Erdbeeren – und starrte weiter auf die auf dem Tisch stehende Schale. Am Ende warf sie sie dann doch weg. Unter uns flüsterten wir: Und wir Deppen sind im Regen gestanden und haben radioaktiven Sauerampfer gefressen. Was passiert jetzt mit uns?

Tschernobyl

Neulich ist mir etwas eigenartiges widerfahren: Mehr oder weniger zufällig rutschte ein Buch in mein Blickfeld mit dem Titel „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ – und ich wusste augenblicklich: Das interessiert mich, das will ich unbedingt lesen. Von der Autorin, Swetlana Alexijewitsch, hatte ich noch nie etwas gehört. Ich kaufte das Buch, und als ich es zuhause aufschlug und zuerst den Klappentext überflog, stellte ich fest: Die mir unbekannte Autorin hat 2015 den verdammten Literaturnobelpreis bekommen. Wie hatte mir denn das entgehen können?

Heute morgen habe ich das Buch beendet, und kann nur sagen: Es ist das erschütterndste, ergreifendste, das schlichtweg beste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Alexander Kluge hat im Radio einmal sinngemäß gesagt, einem Thema wie Stalingrad könne man sich nur mit dokumentarischen Mitteln annähern, fiktionale Beimischungen des Autors verböten sich hier auf ganz selbstverständliche, nicht weiter begründungsbedürftige Weise. Und genau das macht Alexijewitsch hier mit dem Thema Tschernobyl. Nur ein einziges Kapitel hat die Autorin sozusagen selbst geschrieben, alle anderen sind Mitschriften von Gesprächen, die sie mit Betroffenen der Reaktorkatastrophe geführt und dann zu Monologen montiert hat. Die Stimme der Autorin ist nur eine von vielen, sie verschwimmt bis zur Unhörbarkeit mit dem vielstimmigen Chor der Ehefrauen toter Liquidatoren, Ehefrauen toter Feuerwehrleute. Jäger, die damals in der Todeszone unterwegs waren mit dem Auftrag, unterschiedslos alle Tiere abzuschießen und in Gruben zu vergraben. Tödlich erkrankte Kinder, verzweifelte Eltern, und so weiter, die Liste wäre endlos fortzusetzen, es ist ein unglaubliches Panoptikum an Geschichten, die zusammen eine ganz dicht verwobene, gigantische Tragödie ergeben. Gerade indem die Autorin sich völlig zurücknimmt, nichts hinzudichtet, sondern nur das wörtlich Gesagte aufschreibt, zu Protokoll nimmt, erzielt sie eine Wirkung, die es mit jedem Dostojewski aufnehmen kann. Augenscheinlich wird das zum Beispiel in folgender Passage: Ein Soldat, der zum Beseitigen des Strahlenmülls in die Sperrzone abgeordert worden war, beschließ seinen Bericht mit folgenden Worten:

„Wieder zu Hause, habe ich alle Sachen, die ich dort getragen hatte, in den Müllcontainer geworfen. Nur das Käppi habe ich meinem kleinen Sohn geschenkt. Er wollte es so gerne haben. Er hat es ständig getragen. Zwei Jahre später wurde bei ihm ein Hirntumor festgestellt … Alles andere können Sie selbst hinzufügen … Ich will nicht weiterreden …“ – Aber sie fügt nichts hinzu, sie lässt das genau so stehen, und genau dadurch erhält der Bericht so eine Kraft und Tragik.

Oder ein Evakuierter aus der Stadt Pripjat, die am nächsten am Reaktor lag: Zwei Jahre nach dem Unglück fährt er zurück, schleicht sich an der Polizei vorbei in die Todeszone, nur um seine alte Haustür zu holen, da man bei ihm in der Familie die Größe der Kinder an der Tür markiert hat, und dann auch die Toten immer auf der Tür aufgebahrt hat, bis der Sarg kam. Das ganze Leben, sagt er, sei auf der Tür festgehalten, er kann ohne die Tür nicht existieren. Das hat schon so eine groteske, sehr russische Komik, bis die nur drei Seiten lange Geschichte dann ins Unvermeidliche kippt: Die Tochter stirbt mit sieben Jahren an den Folgen der Verstrahlung. Sie legen sie auf die Tür.

Eine Metapher, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht, ist der Vergleich der Reaktorkatastrophe mit dem Krieg. Auf Krieg war das Land vorbereitet, auch war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg noch ganz präsent im kollektiven Gedächtnis. Und dann explodiert ein Atomkraftwerk und allen ist klar: Jetzt ist Krieg. Die Armee rückt an, militärische Krisenstäbe beraten sich, aber wo ist der Feind? Wie bekämpft man eine unsichtbare Strahlung? Das Buch oszilliert hier auf eine Weise, wie nur große Literatur es vermag, zwischen zwei gleichberechtigten Wahrheiten: Einerseits war es wirklich ein Krieg, ein Krieg gegen das „friedliche“ Atom, gegen den brennenden Reaktor. Und andererseits lief genau deswegen so vieles falsch bei der Bewältigung der Katastrophe, weil das ganze Land zwar auf einen Atomkrieg, aber nicht auf einen Reaktorunfall vorbereitet war. Eine Frau berichtet: „Die Geräte schlugen wie wild aus, aber niemand verstand das, so etwas hatte es noch nicht gegeben. Man stellte die Geräte einfach ab. Meine Mutter rechtfertigte sich: ‚Ja, wenn Krieg ausgebrochen wäre, hätten wir gewußt, was zu tun ist. Da gab es Anweisungen. Aber hier?‘ Wer leitete bei uns den Zivilschutz? Generäle und Oberste a.D., für die ein Krieg so beginnt: Regierungserklärungen im Radio, Luftalarm, Sprengbomben, Brandbomben … Sie hatten noch nicht verstanden, daß wir in einem anderen Zeitalter leben.“

Das ist vielleicht das zweite Motiv, das sich durch das ganze Buch zieht, diese Zeitenwende, die Tschernobyl markiert. Da explodierte nicht nur ein Reaktor, sondern die ganze Sowjetunion als solche, die Katastrophe von Tschernobyl ist untrennbar verbunden mit dem Untergang des sowjetischen Staates. Und auch hier wieder das Paradox, dass man sich gleichzeitig nicht vorstellen mag, was passiert wäre, wenn nicht gerade die Sowjets, die ihr Leben lang die absolute Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv eingetrichtert bekommen hatten, mit dem massenhaften Selbstmordkommando der Aufräumarbeiten am Reaktor betraut gewesen wären. „Wir sind Sowjetmenschen“, „Ich war ein Sowjetmensch“, „Jemand musste doch die Arbeit machen“ – Sätze wie diese kehren immer wieder.

Am Ende aller Erklärungsversuche steht oft einfach nur die Resignation, das Unverstehbare. „Wäre ich nur in Afghanistan gefallen!“, sagt ein Soldat, „Dort war der Tod eine ganz normale Sache … Etwas Verständliches …“

Das Buch ist schon über 20 Jahre alt, es handelt sich um eine überarbeitete Neuauflage, die meisten der Menschen, die darin zu Wort kommen, dürften mittlerweile tot sein. Dass Swetlana Alexijewitsch ihre Stimmen festgehalten, ihre Worte aufgeschrieben und zu diesem Buch montiert hat, ist ein unschätzbarer Verdienst, das Ergebnis ein Stück ganz großer Literatur, der Nobelpreis für sie geht mehr als in Ordnung.

Hinterglasbild

Vorgestern nacht verzweifelter Traum, ich stand in einer schnieken Neubauwohnung mit Blick auf ein Meer, keine Ahnung welches, und rauchte. Die Kinder waren auch da, als ich das realisierte, wollte ich mit der Zigarette hinausgehen, aber es gab kein draußen, hinterm Glas war nur ein weiteres verglastes Zimmer, dahinter noch eins, immer so weiter. Hinter tausend Glasfronten das Meer, unerreichbar. Also rauchte ich sofort noch eine, während in mir die tiefste Verzweiflung darüber tobte, dass ich rauche, wieder rauche, nachdem ich doch geschworen hatte, nie wieder damit anzufangen. Gleichzeitig Zwangsgedanken, wo ich die nächste Schachtel Zigaretten kaufen könnte, da jetzt nur noch drei oder vier in der Schachtel waren. Wo kauft man Kippen, es war schon nach acht, wo kriege ich jetzt noch welche her, ich weiß das ja gar nicht mehr, dachte ich, wie ein Verzweifelter an der Zigarette saugend, und atmete den verhassten Rauch bis in die tiefsten Lungentiefen hinunter. Im Aufwachen stieg nur sehr langsam die Erkenntnis in mir hoch, dass alles nur ein Traum gewesen, dass ich in Wahrheit nicht geraucht hatte. Sehr starke Glücksgefühle daraus resultierend. Ein glücklicher Nichtraucher, wach in seinem Bett liegend.

Karfreitags Future Blues

Wie seltsam, dass ausgerechnet die, die den Begriff „Heimat“ so exklusiv für sich in Anspruch nehmen, sich gleichzeitig so dezidiert gegen den Klimaschutz aussprechen und Greta Thunberg als ein von sinistren Mächten ferngesteuertes und fehlgeleitetes kleines Mädchen darstellen. Neulich, als mich auf der Straße plötzlich der Slogan „DIESEL RETTEN!“ anbrüllte, dachte ich instinktiv, das könne nur eine Kampagne der Sonnebornschen Satirepartei sein, aber nein, das sind natürlich wirklich die vermeintlichen Heimatschützer von der AfD, denen in Wirklichkeit an nichts anderem als an der Verpestung und Vernichtung der sogenannten Heimat gelegen ist. Diese Geistesgrößen, die in ihren irre tiefgründigen Pamphleten fortwährend mit Ernst Jünger zum Waldgang verabredet sind, sind beim Hambacher Forst dann die ersten, die nach der Motorsäge kreischen, denen der Wald gar nicht schnell genug abgeholzt und die Landschaft in eine trostlose Einöde verwandelt werden kann. In meiner Jugend wurde das verbleite Benzin abgeschafft und die Autos mit Katalysatoren ausgestattet, und ich kann mich an keine ernsthaften Proteste dagegen erinnern, es war gesellschaftlicher Konsens, dass das vernünftige Maßnahmen sind. Auch das FCKW in den Kühlschränken und Spraydosen hielt niemand für rettungsbedürftig, wenn ich mich recht erinnere. Konservative, die rechts neben sich keine ernstzunehmenden politischen Kräfte aufkommen ließen, setzten diese Verbote durch, und alle machten ganz normal einfach mit, weil klar war, dass das vernünftig ist. Energie sparen, Müll trennen – auch meine ultrakonservative Mutter, der die CDU immer zu lasch war, weswegen sie froh war in Bayern zu leben und die CSU-Hardliner wählen zu können, machte da mit, schalt mich, wenn ich ein Papier oder einen Joghurtdeckel nicht in den richtigen Abfalleimer schmiss. Gute Luft, saubere Gewässer, gesunde Wälder – wie kann man das eigentlich nicht wollen? Was ist denn hier in der Zwischenzeit passiert, dass das plötzlich Fragen von links oder rechts geworden sind? Treibhauseffekt und Klimawandel, Anstieg des Meeresspiegels und Abschmelzen der Polarkappen durch die CO2-Emissionen sind ebenfalls Dinge, die wir schon Ende der Achtzigerjahre im bayrischen Gymnasium ganz selbstverständlich auf dem Lehrplan hatten. Jetzt ist ein Jahr heißer als das andere, extreme Wetterlagen nehmen zu, die Prognosen unseres Erdkundelehrers von 1988 treffen exakt ein, und die Fridays-for-Future-Bewegung wird von den Mächtigen in einem beispiellosen Ablenkungsmanöver auf eine Diskussion um Schulpflicht reduziert. Ich bin so enttäuscht, so wütend über diese ganze Unvernunft, die uns endlos in Diskursen zermürbt, die wir schon seit Jahrzehnten hinter uns haben müssten. Auch wütend auf mich selbst natürlich, der ich immer dachte, das regele sich alles von selbst, da setzten Profis schon das Richtige zur gegebenen Zeit um, da müsse ich mich nicht noch selber groß engagieren. Jetzt latsche ich halt manchmal freitags mit den SchülerInnen mit, im Grunde todtraurig, fühl mich zu alt, aller Visionen beraubt, und unsere Sache schon fast wie verloren.

Err Orr

Gestern kamen zwei Bücher, der zweite Band der Umbrella Academy und die neuen, letzten Tagebücher von Michael Rutschky. Ich hatte noch nie etwas von Rutschky gelesen, aber habe natürlich dieses Faible für Tagebücher, also lag das nahe, nachdem ich in einer Kritik gelesen hatte, diese späten Notizen seien sehr dunkel, extrem düster, außerdem ziemlich finster und verschattet. Im Aufblättern mehr oder weniger sofort die Enttäuschung: schon im Vorwort erläutert der Herausgeber, Rutschky habe seine handschriftlichen Notizen beim Abtippen dahingehend verändert, dass er das ursprüngliche „Ich“ immer durch ein „R.“ ersetzte, die ganze Grammatik der Sätze also von der Ich- in die Er-Form transformierte. Meine Güte, was soll das denn? Denkt der Typ, er wäre Cäsar? Wer ist denn so bescheuert und schreibt sein Tagebuch in der Er-Form, beziehungsweise R.-Form? Mir zerstört dieses Err die ganzen Sätze, ich finde den Sound nicht, habe nur ein paar Seiten gelesen, aber alles klingt falsch. Err denkt irgendwas und dann sieht Err in den Spiegel und sieht Err, oder ein Bild von Err, wahnsinnig literarisch ist das natürlich, für mich klingt es von der ersten Zeile an nur hohl. Ich höre einen verkrampften Willen zur Literatur, zum literarisch hohen Stil, sonst nichts. Der vielleicht gute Sound der ursprünglichen, schnell hingeschriebenen Notiz geht durch den Taschenspielertrick, der das angebliche Stroh der Tagebuchnotiz zum Gold der Literatur spinnen soll, augenblicklich verloren. Rutschky denkt, wenn er statt „Ich“ immer „R.“ schreibt, dann produziert er plötzlich Literatur, während er vorher nur belanglose Nabelschau in die Kladden haute. Schade, dass er schon tot ist, ich würde ihm so gerne sagen: Mensch Err, schreib doch einfach mal Ich.

Plattenspieler

Gestern abend endlich fertig geworden mit dem dritten Band von Vernon Subutex. Die ersten zwei Bände hatte ich mir ja mehr oder weniger direkt reingezogen, ich konnte gar nicht anders, als das unglaublich rasante Erzähltempo in ein ebenso rasendes Lesetempo umzusetzen, das war im April, und dann musste ich warten, bis im September der dritte Band auf Deutsch erschien, hatte es im Oktober mit auf Mallorca, ich weiß auch nicht, irgendwie war die Luft raus, seither schleppte ich es so mit, ich bin aber auch kein sehr guter Leser mehr. Zum Ende hin nimmt es dann aber doch noch mal Fahrt auf, ein Panoptikum der Gegenwart, auf jeden Fall, jeder sollte es lesen: Virginie Despentes, die kann schreiben, die hat einen scharfen Blick auf die Menschen, die Verhältnisse, die Welt, da kann man die Trauergestalt Houellebecq getrost vergessen.

Die Geschichte von Vernon Subutex ist im Grunde eine Versuchsanordnung, die der Frage nachgeht: Was genau ging der Welt eigentlich verloren, als dieser Plattenladen um die Ecke dichtgemacht hat? Und die sich in drei Bänden langsam entfaltende Antwort lautet: Alles. Und gleichzeitig auch nichts, weil sich der im Plattenladen verkörperte Spirit der Musik einfach nicht auslöschen lässt.

Vernon Subutex ist dieser ehemalige Plattenhändler, der erste Band erzählt in einem unglaublichen Tempo, wie er wohnungslos wird. Er hielt sich noch lange nach dem Verlust des Plattenladens irgendwie über Wasser, aber dann, als der Roman einsetzt, geht es eben einfach nicht mehr, er wird rausgeschmissen, es hat sich angebahnt, kommt nicht völlig überraschend, aber als es als Tatsache da ist, erwischt es ihn eben doch komplett kalt. Wie knallhart und vollkommen schnörkellos das erzählt wird, das hat mich wirklich umgehauen, das gehört zum Besten, was ich je gelesen habe. Und dann öffnet sich das Panoptikum der Gesellschaft: Als armer Arbeitsloser hat sich Subutex versteckt, machte sich unsichtbar: als Obdachloser muss er raus, sucht Unterschlupf bei alten Bekannten, die gute alte Zeit, der Plattenladen, Millionäre, Penner, Pornostars – alle sind mit dabei, das ganze Spektrum des menschlichen Irrsinns faltet sich jetzt Stück für Stück vor dem Leser auf. Jedes Kapitel nimmt die Perspektive einer anderen Person ein, alle haben irgendwie mit Subutex zu tun, ein soziales Geflecht von immer mehr anwachsender Komplexität wird da entworfen, und gleichzeitig ist es genau Vernon Subutex, der in dem Stimmengewirr zunehmend verschwindet, zur Leerstelle wird. Ein Mann ohne Eigenschaften, darüber hinaus aber auch ein Mann ohne Wohnung. Tagsüber hängt er im Park ab, aber wenn er an den Plattentellern steht, drehen alle durch.

Das Ideal einer Kommune, in der das Geld egal ist, uninteressant, was einer hat oder darstellt, weil alle von der Kraft der Musik geeint werden, flammt kurz auf, erscheint für einen kurzen Moment denkbar, und wird dann doch von der alles zernichtenden Realität zurück in den Erdboden gestampft.

Am Ende, auf den allerletzten paar Seiten, die ich gestern las, wird eine düstere Zukunft ganz schnell hinskizziert, in der von autoritären Systemen die Musik als solche ganz verboten wird, und nur im Untergrund als geheimer und quasireligiöser Subutex-Kult fortbesteht, von den Mächtigen unverfolgbar, weil sie sich auf die alte Vinyltechnik zurückbesinnen.

Daran dachte ich heute morgen nochmal kurz, als ich im Schneegestöber meinen alten Plattenspieler, der schon seit Jahren kaputt im Wohnzimmer einstaubte, zum Container zu den anderen Elektroaltgeräten am Recyclinghof trug.