Herkunft

Mein Migrationshintergrund ist ja der, dass ich aus Bayern komme. Dank meiner Großmutter mütterlicherseits, die aus Bremen stammte, und von der ich erst das Sprechen, später das Lesen und Schreiben, und dabei gleichzeitig auch das Denken lernte, sprach ich dennoch seit frühester Kindheit ein reines Hochdeutsch. Das Wort „Saupreiß“ hörte ich in meiner Kindheit manches Mal, ich kapierte gar nicht, was das genau bedeuten sollte, von einem Land namens Preußen wusste ich nichts, dennoch bemerkte ich natürlich die Verächtlichkeit, die in diesem Schimpfwort lag. Ich verhärtete mich dagegen mit einem inneren Panzer. Ich konnte doch nicht anders, als zu sprechen, wie ich eben sprach. Die Lehrerin in der Schule liebte mich dann plötzlich für mein Hochdeutsch, hier war „Austreibung des Dialekts“ das heimliche Hauptfach, in welchem ich von der ersten Stunde an ihr Musterschüler war.

Das Bairische ergriff dann erst später Besitz von meiner Zunge. In der Pubertät, wo alles sich ändert, fing ich dann an zu reden wie meine Freunde. Wenn ich mich heute konzentriere, kann ich, glaube ich, immer noch ein halbwegs akzentfreies Hochdeutsch über meine Lippen pressen. Wenn ich ganz normal drauflos rede, bemerkt jeder, der Ohren hat, meine bayrische Herkunft.

Als ich in Frankfurt lebte, und später genauso in Offenbach, war es oft so, dass ich ein paar Sätze sagte, und mein Gesprächspartner dann sehr bald fragte: „Wo kommst du denn her?“ Und wenn ich dann antwortete: „Aus Bayern!“, dann hatte man gleich ein Thema, ich erinnere mich an den wunderbaren Metzger vom Vogelsberg auf dem Offenbacher Markt, der geradezu vernarrt war in alles Bayrische, sehr interessante Gespräche ergaben sich daraus, zum Leidwesen der hinter mir in der Schlange Wartenden.

In Berlin hingegen, da bist du nur der lästige Zugereiste. Der Schwabenhass der Berliner ist ja schon seit Wolfgang Thierse legendär, als Bayer hat man da noch Glück, da wird dein Dialekt bloß gnädig ignoriert. Wo du herkommst, fragt dich niemand.

Im diesjährigen Frühjahr redete ich hier in Berlin mit einem Türken, der fragte mich das: „Wo kommst du her?“ Und als ich Bayern sagte, erzählte er mir davon, wie er den Münchner Flughafen gebaut hat, wie die Bayern so drauf sind, und wie die Berliner, und auch davon, wo er herkommt, nämlich aus der ganz östlichen Türkei, Grenze zu Georgien, gebirgig sei es da, und ich dachte direkt: Da will ich auch mal hin. Und der nächste Gedanke war, wie witzig es ist, dass nach zehn Jahren in Berlin ein Türke es ist, der mich zum ersten Mal fragt, wo ich herkomme.

Missa brevis

Auf dem Weg zu Krachs Laden traf ich neulich den M., meinen früheren Dirigenten im Kirchenorchester. Wir unterhielten uns ein wenig, ich hatte ihn Jahre nicht mehr gesehen, der war früher so ein kugelrunder, energiegeladener Typ, eine barocke Gestalt, wie man so sagt. Jetzt ist er deutlich leiser geworden. Die Kirchenmusik habe er vor vier Jahren aufgegeben, der neue Pfarrer halte nichts von Musik, dementsprechend gebe es auch vier Jahre nach seinem Abschied noch immer keinen Nachfolger. Die Kirchenmusik, einst ein Aushängeschild des Dorfes, sei de facto nicht mehr existent. Zuletzt habe er förmlich betteln müssen, dass der Kirchenchor einmal singen dürfe. Der neue Pfarrer sei auch insgesamt so unbeliebt, dass viele jetzt am Sonntag in andere Dörfer führen, um den Gottesdienst zu besuchen. Diese Nachricht stimmte mich auf eigentümliche Weise melancholisch, auch wenn ich mit dem ganzen Katholizismus schon lange nichts mehr am Hut habe. Auch früher, als ich in der Kirche noch spielte, war mir der ganze Hokuspokus schon völlig egal. Dennoch empfand ich es damals als etwas besonderes, in diesem Kirchenorchester zu spielen, auch wenn es oft nervte, wenn ich am Sonntag nicht einfach im Bett liegen bleiben konnte, sondern mich um 10 Uhr zum Hochamt schleppen musste. Die anderen Dörfer hatten keine so festen Ensembles für die Kirche, da rief dann manchmal Kohlgrub, Murnau oder Partenkirchen bei mir an und fragten, ob ich am Sonntag bei ihnen Cello spielen könne. Mir gänzlich unbekannte Messen, teilweise ohne Probe, alles vom Blatt, das war ein gutes Training. Für einen solchen Einsatz bekam man dann 50 Mark. Daheim in O. gab es nichts, bloß schulfrei im Fall eines Requiems, das war immerhin auch etwas. Naja, all das scheint es jetzt nicht mehr zu geben. Als wir im Gespräch naturgemäß auch auf Corona kamen, ich das Glück der Impfungen pries, entgegnete er lapidar: I bin ned g’impft. – Damit hatte ich nicht gerechnet, den hätte ich als ganz klaren CSU-Mann eingeschätzt, der, wenn der Markus Söder zum Impfen aufruft, sich logisch einen Impftermin besorgt. Nein, er lasse sich nicht vergiften, sagte er. Ich fragte ihn, ob ich für ihn wie ein Vergifteter aussähe, doch er winkte nur ab. Kurz darauf verabschiedeten wir uns und er schob sein Fahrrad weiter des Weges. Krachs Laden aber, den ich eigentlich doch hatte aufsuchen wollen, war geschlossen.

Wahl O Mat

Gestern schon beim Wählen gewesen, gleich in der Früh machte ich mich auf ins Rathaus in der Otto-Suhr-Allee und gab meine diversen Stimmen ab, alles für die Grünen. Ich denke nicht mehr nach über irgendwelche Taktiken, früher wählte ich mit der Erststimme immer den SPDler, weil ich dachte, der oder die Grüne gewinnt den Wahlkreis ja doch nicht, also hilft meine Stimme für Grün indirekt der CDU. Aber mittlerweile denke ich, Demokratie ist eigentlich einfacher: Wähl einfach das, was dir am meisten entspricht und warte, was dabei rauskommt.

Man wählt ja auch weder Personen noch Koalitionen, man wählt Parteien. Das ganze alarmistische Geschrei „Wenn du X wählst, wachst du am nächsten Tag mit Y auf!“, das geht mir so auf die Nerven. Als würde gleich die Welt untergehen, wenn Olaf Scholz einen Linken zum Entwicklungshilfeminister ernennt. Als müssten wir dann gleich am nächsten Tag alle mit Mao-Jackerln zum Jubelappell antreten und rote Fähnchen schwenken, das ist doch alles Quatsch. Das ganze Geplärr vom angeblichen Linksrutsch, der unbedingt verhindert werden müsse. Im Grunde sind das letzte Zuckungen einer Union, die selber überhaupt keine positive Vision mehr anzubieten hat und daher nur noch diffuse Angstmache betreibt.

Mich nerven aber auch die Linken, die auf Twitter große Appelle raushauen, man dürfe nicht Volt wählen oder die Sonnebornsche Spaßpartei, weil das verschenkte Stimmen wären. Lasst doch jeden mal wählen, was er will. Der Wahlomat hat mir noch höhere Übereinstimmung mit Volt und mit der Linkspartei attestiert, als mit den Grünen, die ich wähle seit ich wählen darf. Ok, einmal wählte ich auch CSU, damit kokettiere ich immer, das war die Stichwahl zum Bürgermeister bei uns im Dorf. Der Gegenkandidat war noch konservativer. Da war der CSUler praktisch schon der Linksradikale.

Jetzt wähle ich ja schon lange dort nicht mehr, sondern in Berlin, wo mich die Zusatzfrage nach der Enteignung gewisser Immobilienfirmen in leichte Ratlosigkeit versetzte. Die Stadt kann diesen Firmen ja nicht einfach die Wohnungen so leichterhand wegnehmen, sie muss sie ihnen ja praktisch abkaufen und mein letzter Kenntnisstand war, dass Berlin noch immer pleite ist. Also wenn die Stadt jetzt per Volksentscheid dazu verpflichtet wird, riesige Mengen an Immobilien aufzukaufen, mit einem Geld, das sie nicht hat, um dort dann die Mieten zu senken – ich weiß ja nicht, ob diese Rechnung wirklich aufgeht.

Kreuzte dann trotzdem fürs Enteignen, im Grunde um ein Signal zu setzen, dass Wohnen kein Luxusgut für ein paar Privilegierte werden darf. Mir scheint hier so ein Fall, an dem sich zeigt, wie schwierig es ist, die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte wieder zurückzudrehen. Merkels Erfolgsrezept bestand darin, wie sie nach außen immer so sozialdemokratisch rüberkam, in Wirklichkeit aber ganz Kohl war.

Kohl – Schröder – Merkel. Die drei Kanzlerinnen meines Lebens. Ernüchternde Erkenntnis.

Elektrifiziert

Von der Lokführergewerkschaft zum Autofahren gezwungen, heizte ich am Samstag also mit der alten Klapperkiste zurück nach Ogau. Kam völlig erschöpft am Abend an, schaute auf 3sat „Elektra“ von den Salzburger Festspielen, und war wie damals, als ich sie vor 16 oder 17 Jahren im Frankfurter Opernhaus live gesehen hatte, wieder völlig von den Socken. Eine so seltsame Oper: die ganze Action passiert abseits der Bühne, liegt entweder in der Vergangenheit oder findet hinter den Kulissen – im Palast – statt, während vor dem Palast die ganze Zeit nur geredet wird. Dieses Reden aber steht unter dem Starkstrom der Musik, die einfach nur rast und pulst und vorwärts drängt und prescht wie verrückt. Hier war Frankfurt (Dirigent leider vergessen) damals sogar noch eindrücklicher, da peitschte das Orchester noch erbarmungsloser, noch schneller einfach durch die Partitur. Was an gestriger Fernseh-Elektra hingegen unvergesslich bleiben wird, ist die Hauptdarstellerin: Ausrine Stundyte. Was für ein Talent, auch und gerade schauspielerisch, die ganze entfesselte Energie der Musik schien sichtbar auch in ihrem Inneren zu toben, während sie halbverrückt mit den Augen zuckend auf der Treppe vor dem Palast saß. Auch ihre sängerische Leistung stand dem in nichts nach, ich wünschte mir die sofort in sämtlichen Wagnerrollen.

Früher, ich erinnere mich deutlich, war es mir rätselhaft, wie das Duo Strauss/Hofmannsthal zwei so völlig verschiedene Opern wie „Elektra“ einerseits, und „Rosenkavalier“ andererseits produzieren konnte. Der Rosenkavalier erschien mir damals so zugänglich, so vertraut und verständlich, während die Elektra mich einfach nur verstörte. Gestern hingegen hörte ich Rosenkavalier an jeder Ecke dieser Oper, der ganze antike Königspalast schien zeitweise nach Wien verlegt. So ändern sich die Hörgewohnheiten, die musikalische Sprache von Strauss ist mir einfach vertrauter geworden, vielleicht kommt noch der Tag, an dem ich die Frau ohne Schatten verstehen werde. Ich glaubs aber eher nicht.

Gestern durch Zufall auf das Blog „Familienbande“ von Xeniana gestoßen. Ich kenne das Blog noch von früher, aus den ganz enthusiastischen Bloggerzeiten, fand immer interessant wie sie schreibt, noch offenherziger als ich selbst das eigene Leben erzählend, mit einem oft ganz interessanten, mikroskopischen Blick auf scheinbar Nebensächliches. Unsere Wege kreuzten sich nur selten, einmal debattierte sie mit mir über Handke, als der den Nobelpreis bekam. Da unterzog ich Handkes Jugoslawienbücher noch einmal einer wutentbrannten Hasslektüre, um mir nicht nachsagen lassen zu müssen, ich empörte mich über Bücher, die ich nicht gelesen hätte. Während Xeniana den Nobelpreis und auch die Aufregung darum zum Anlass nahm, die stille Poesie der Handketexte für sich zu entdecken. So lasen wir damals beide zwei völlig unterschiedliche Handkes, und dann verlor ich sie wieder aus den Augen.

Gestern konnte ich mich dann von ihrem Blog nicht mehr losreißen, ich las, wie man ein Blog manchmal, zu selten leider, liest: Text für Text, Eintrag für Eintrag, zurück in die Vergangenheit mich tastend, und verstand mehr und mehr: Sie ist in einer ganz ähnlichen Lebenssituation wie ich: Ihre Ehe ging fast zeitgleich in die sogenannten Brüche wie die meinige, und auch sie lebt jetzt in wöchentlichem Wechsel in dieser Seltsamkeit, für die sich das Wort „Nestmodell“ eingebürgert hat. Und sie macht ähnliche Erfahrungen wie ich: Sitzt viel in Zügen, denkt viel zurück, ich fühlte mich ihr auf seltsame Weise nah. Jetzt liest sie Proust, den ich mir witzigerweise auch erst vor einem Monat beim Hugendubel holte, aus einem vagen Gefühl heraus, vielleicht sei genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um über tausende von Seiten jemandem beim Suchen nach verlorener Zeit zuzuschauen. (Habe mich dann aber doch bisher noch nicht rangetraut.)

Praxisnachweis Modul 3

Alles, was ich mache, wird mir, indem ich es tue, zur völligen Selbstverständlichkeit, und ich vergesse es praktisch sofort. Indem es mit mir selbst verknüpft ist, wird es automatisch zu etwas Unbesonderem. Ich erinnere mich an eine Zeugnisvergabe, das muss so in der achten oder neunten Klasse gewesen sein, jede Schülerin und jeder Schüler bekam einzeln von der Klassenlehrerin das Zeugnis überreicht, und bei mir erlaubte sie sich den Zusatz, sie finde das so toll, dass ich so viel über das rein pflichtmäßige Schulprogramm hinaus noch machte. In dem Moment dachte ich wirklich, sie meine das ironisch, ja fast spöttisch-aggressiv, da ich fauler Sack doch eigentlich genau gar nichts über das Nötigste hinausgehend tat. Die anderen machten alle Sport wie die Verrückten, waren Ministranten oder sonstwas, aber ich? Als ich das Zeugnis dann in Händen hielt, verstand ich, was sie meinte: Schulorchester, Kammermusikgruppe und Mitwirkung beim Schultheater. Die ganze Tatsache, dass ich praktisch ständig mein Cello durch die Gegend schleppte, überall mitspielte bei jedem Konzert, jedem Theater – daran hatte ich gar nicht gedacht.

Ähnliches passierte mir Jahre später im Dramaturgiestudium, als es um die Praxisnachweise ging. Ich saß da mit dem L., die Theoriescheine hatte ich alle beisammen, aber im Praxismodul fehlte noch was. Mir brach der kalte Schweiß aus. Da meinte der L., keine Panik, wir schreiben da einfach irgendwas Erfundenes rein, wer prüft das schon nach. Später fielen mir zwei Sachen ein, die ich tatsächlich gemacht hatte, komplette Hospitanzen am Staatstheater Darmstadt und in Freiburg, praktischere Praxis war praktisch gar nicht mehr denkbar als diese komplett geistlosen Tätigkeiten als Handlanger für Menschen ohne Hirn. Ich hatte die völlig vergessen.

Mir fiel das neulich wieder ein, als ich „Das Leben meiner Mutter“ von Oskar Maria Graf las. Der Klappentext etikettiert das Buch mit den Worten Thomas Manns: „Ein Monument der Liebe“, doch mir schien es beim Lesen eher ein Monument der stetigen Arbeit, des unablässigen Vor-sich-hin-Werkelns dieser Mutter. Anders als der Vater, der sich in unsterblichen Bauwerken verewigen will, liegt das Glück der Mutter in jener unverzichtbaren Art von Arbeit, über die die Zeit sofort hinweggeht: Das Putzen, Waschen, Kochen, sich um die Viecher kümmern. Dieses Zeug, nach dem keine alte Sau fragt, aber irgendjemand muss es trotzdem machen.

Interessant eigentlich, dass Graf ausgerechnet diese im Grunde fast unscheinbare Mutter qua Titel so ins Zentrum seines Erinnerungsbuches stellt. Schaut man das Buch an, so kommt oft über viele Seiten die Mutter überhaupt nicht vor, kaum je greift sie aktiv in die Geschehnisse ein, sie bildet fast mehr einen stets gleich bleibenden Hintergrund, vor dem sich Zeit- und Familiengeschichte dann entfaltet. Besonders gefiel mir, wie der Kommunist Graf die märchenhafte Figur des König Ludwig II. durch das Buch geistern lässt, der große, zahnlose König: Einerseits lächerliche Gestalt, andererseits aber doch Symbol für die relative Intaktheit einer Welt, die dann 1914 einfach gnadenlos zusammenbrechen sollte.

Hab mir gleich noch mehr Bücher von Graf geholt. Ein Schriftsteller, der zu Unrecht auf das Provinzielle beschränkt wird, wozu er natürlich mit seiner Selbstinszenierung in der Lederhose das Seinige beitrug. Muss aufpassen, dass ich mit meinen Kofel- und Muttertexten nicht in dieselbe Falle tappe: Nicht zu grafig werden. Ich selber habe die Lederhose immer gehasst.

Am Kofel

„Unterm Kofel liegen“ war für meine Mutter das gebräuchliche Synonym für Totsein, da der Friedhof von Oberammergau genau am Fuß dieses Berges liegt. „Wenn ich mal unterm Kofel liege…“, begann sie oft, und gab dann dezidierte Anweisungen, was im Falle ihres Ablebens zu geschehen habe. Ich aber machte mich gestern, angesichts nahezu idealer Wetterverhältnisse, kurzentschlossen auf, auf den Kofel hinaufzusteigen. Bis zum Einstieg in die Felswand war ich mir nicht sicher, ob ich es mich diesmal trauen würde, nachdem ich ja vor zwei oder drei Jahren beim Einstieg in die Wand 10 Minuten so herumgezaudert hatte und dann schließlich doch wieder umgekehrt war, weil es mir zu gefährlich schien. Gestern machte ich daher an der Weggabelung zur Kolbensattelhütte nochmal länger Pause, um mich innerlich zu sammeln, und zögerte dann beim Beginn des Klettersteigs keine Sekunde mehr. Nach wenigen Metern im Fels wusste ich, dass ich es diesmal machen würde, intuitiv wählte ich die Route über den Unterstand der Ludwigsfeuerleute von der Krone, und war schwuppdiwupp am Gipfel, wo ich nicht lang verweilte, da Mückenschwärme mich attackierten. Stieg dann ab über die andere, völlig neu verseilte Route hinten herum, wo es deutlich steiler schien, ich hatte stellenweise durchaus Angst und Schwindelgefühle. Überhaupt der Abstieg problematischer als der Aufstieg. Die Devise, die ich noch von meiner allerersten Kofelbegehung mit dem Wagner Martin verinnerlicht habe – „Niemals nach unten schauen!“ – lässt sich beim Absteigen nicht immer so ganz verwirklichen. Ich war jedenfalls heilfroh, als ich aus dem Felsengebiet wieder raus war, jeden Tag brauche ich solchen Nervenkitzel nicht.

Als ich wieder unten war, zögerte ich kurz, so verschwitzt und verdreckt und mit den Bergschuhen den Friedhof zu betreten, tat es dann aber doch, suchte als erstes, einem unbestimmten Impuls folgend, das Grab des Neukamp auf, der jetzt schon fünfzehn Jahre lang tot, und legte einen Stein auf sein Grab. Dann noch zu den Meinigen, es ist wirklich seltsam, dieses Grab, das mir nie groß was bedeutet hat, dessen pflichtgemäße Besuche an Weihnachten ich im Grunde lächerlich fand – jetzt, wo meine Eltern beide dort drinliegen, denen die weihnachtlichen Grabbesuche so wichtig gewesen waren – jetzt wird auch mir dieses Grab zu einem spirituellen Ort. Ein gewisses, kaum beschreibbares Gefühl von Nichtvergeblichkeit der Existenz.

Die körperliche Fitness nimmt aber erschreckend ab, ich werde alt, es ist fürchterlich. Der Kofel ist ja kein besonders hoher Berg. Heute dennoch Muskelkater. Der Wagner Martin, der mit meiner Schwester und mir Mitte der Achtziger Jahre den Kofel bestieg, muss damals jünger gewesen sein, als ich heute bin. Auch er ist heute lang schon tot, wo er begraben, weiß ich gar nicht.

Zwei Zettel

Als meine Mutter vor vier Jahren starb, vererbte sie mir neben anderen Schätzen auch ihre Kundennummer bei der Metzgerei Gerold. Der Chef persönlich bestätigte mir dies, als ich kurz nach ihrem Tod dort einkaufte und Unsicherheit darüber bekundete, ob ihre alte Kundennummer nun noch für mich verwendbar sei. „Das ist jetzt deine“, sagte er kurzerhand, und so kommt es, dass immer, wenn ich dort einkaufe, der Name meiner Mutter auf dem Kassenzettel erscheint: Pilar Wolf. Mich erfreut dieser Umstand auf eine Weise, die ich mir selbst nicht ganz genau erklären kann, irgendwie vermittelt es mir ein gewisses Gefühl von Kontinuität, als könne die Welt noch nicht ein vollkommen abgefuckter Ort sein, solange wenigstens ich noch immer in dieselbe Metzgerei hineintapere wie meine Mutter, deren Leben ich auch eines Tages mal ausführlicher erzählen muss, erst heute fiel mir ihre Geburtsurkunde beim Sichten, Ordnen und Ausmisten der Kisten und Schränke in die Hände und ich dachte wieder, wie seltsam das doch ist, dieser Name: „Maria del Pilar Gomez de Ortega“, auf einer in Frakturschrift geschriebenen und mit Hakenkreuzstempel versehenen Urkunde des Standesamts Jena vom 8. Mai 1939. Den Akzent auf dem o von „Gómez“ ließ der Standesbeamte Schmidt natürlich weg, ein Fehler, der sich durch das gesamte Leben meiner Mutter ziehen sollte, auch auf ihrem letzten Personalausweis ist der Geburtsname auf diese Weise falsch geschrieben, was sie jedoch, soviel ich weiß, nicht weiter juckte. Was sie hingegen tatsächlich nervte, war die Tatsache, dass in Oberammergau niemand ihren Namen richtig aussprach: Pilar, mit Betonung auf der letzten Silbe. Stattdessen sagten die Leute entweder Pihla oder Pilla, auf jeden Fall immer die erste Silbe betont, da konnte meine Mutter den Leuten noch so oft erklären, wie man das ausspricht, es war vergeblich. Worüber sie sich ebenfalls ärgern konnte, wenn immer Post ankam, die an „Herrn Pilar Wolf“ adressiert war. Dass die Leute das nicht irgendwann mal lernen, dass Pilar ein Frauenname ist, schimpfte sie dann vor sich hin.

Dies fiel mir bei meinem gestrigen Einkauf in der erwähnten Metzgerei wieder ein, wo die Verkäuferin, nachdem ich ihr die Kundennummer genannt hatte, ein paar Sekunden zu lang auf ihren Monitor schaute, und mich dann mit etwas skeptischem Blick fragte: „Herr Wolf?“ „Ja, genau!“, erwiderte ich, bezahlte, und dachte im Weggehen, dass ich jetzt möglicherweise selber auch noch dazu beitrage, dass sich hierzulande die Überzeugung festigt, es handle sich bei „Pilar“ um einen Männernamen.

La isla de la segunda cara

Abends las ich dann den Vigoleis fertig. Nach dreieinhalb Monaten, zum Anfang des sogenannten Lockdown Light im November fing ich an zu lesen. Was für ein Buch! Ich konnte es teilweise wirklich nur in kleinsten Dosen zu mir nehmen, die Überfülle der Sprache, Überfülle der Personen, die unendlichen Abschweifungen, eine einzige Überforderung. Aber am Ende steht der Eindruck eines in sich vollkommen schlüssigen Werks, der Epilog, die plötzliche Umdrehung von allem durch den spanischen Bürgerkrieg, Allgegenwärtigkeit von Mord, Erschießung, Totschlag: ich war richtig bewegt. Selten, dass man ein Buch zuschlägt, und auf solche Weise noch nachbebt, dass man es nicht einfach weglegen kann, sondern nach kurzem Innehalten nochmal vorne aufmacht und direkt das erste Kapitel nochmal liest. So ging es mir heute. Saß da mit J., der seine Füße auf meine Beine stütze, in der Küche, er spielte Brawl Stars und ich las die letzten Seiten vom Vigoleis, diese Mischung aus Komödie und Tragödie, wie er seinen den Hitlerismus veräppelnden Roman aus Angst vor Erschießung durch die Francofaschisten portionsweise im Klo runterspült, dabei allerdings immer noch dies und jenes verbessernd, streichend, hinzufügend, damit „das Werk wenigstens druckreif den Weg aller Gülle gehen“ sollte (S. 888). Das ist schon Don Quijote pur, und ebensolche Spaniensehnsucht hat das Buch in mir ausgelöst, das Land meiner Ahnen, ich würde so gerne mal wieder da hin fahren, aber naja, Corona, also langsam, ganz langsam fängt es an zu nerven.

Der gelbe Hubschrauber

Achter Februar: Todestag meiner Mutter. Vermisse sie mehr denn je. Als ich damals vor vier Jahren Tag für Tag ins Garmischer Krankenhaus fuhr, ihr beim Sterben beistand, ohne wirklich Beistand leisten zu können, einfach halt dasaß und zusah wie sie stirbt, Stunde um Stunde, da beobachtete ich auch immer aus dem Fenster schauend den gelben Rettungshubschrauber, der direkt neben dem Krankenhausgebäude abhob und sich in den Nebel und in die Berge verflüchtigte.

An dem Tag, an dem der Doktor sagte, er glaube, heute sei es soweit, heute wohl mache sie ihren letzten Atemzug: an dem Tag war schönstes Winterwetter, der Schnee glitzernd unterm eiskalten Sonnenschein und der Himmel ganz blau. Aber das war kein Sterbewetter für meine Mutter. Erst am nächsten Tag war sie soweit, als das Wetter ganz umgeschlagen, der Nebel bis zum Boden alles verhängte, verfärbten sich ihre Lippen schwarz, kroch der Tod in sie hinein, und ich sah es und konnte nicht mehr bleiben, musste raus aus diesem Zimmer, in dem der Tod schon so präsent. Ich werf mir das bis heute vor, dass ich nicht ausgeharrt, nicht bei ihr bleiben konnte in der Stunde ihres Todes.

Der gelbe Hubschrauber erschien mir später, nachdem sie schon beerdigt war, nochmal im Traum. Ich war in höchster Not, verletzt im Schnee, da kam aus dem Nichts der gelbe Hubschrauber zu meiner Rettung. Aber ich konnte ihn nicht erreichen, das mir vom Hubschrauber aus zugeworfene Seil entschlüpfte mir stets von neuem, ich konnte es nicht zu fassen kriegen. Der Hubschrauber entschwand dann, ich berappelte mich aus eigener Kraft, und erwachte mit dem vollkommen sicheren Gefühl: Wenn ich ihn einmal wirklich brauchen werde, dann wird er wieder kommen: der gelbe Rettungshubschrauber.

Don’t pass me by

In meinem Kopf läuft fast immer Musik. Das kann manchmal auch nervig sein, kürzlich hatte ich für ungefähr zwei Tage „Your Song“ von Elton John in Dauerschleife laufen, zweifellos ein wundervolles Lied. Für die Dauer von vier Minuten. Nach zwei Tagen zermürbt es einen dann doch eventuell ein ganz klein wenig. Dank meines geschätzten Freundes Klagefall habe ich jetzt neuerdings auch manchmal Songs im Hirn, von denen ich erstmal gar nicht weiß: Was ist denn das schon wieder? Das ist dann der Ringo. Ich muss hier kurz ein bisschen ausholen.

Das blaue Album der Beatles war meine erste selbstgekaufte Platte, als ein mit Klassik eigentlich nur Großgewordener suchte ich damals einen Einstieg in die Welt des Pop, den zeitgenössischen Synthie-Pop der Achtziger lehnte ich ab, es erschien mir so kalt und blutleer, untote Vampirmusik, also ging ich in der Zeit zurück und landete bei den Beatles. Die Musik haute mich um und tut es bis heute. Strawberry Fields Forever. Eine schmalbrüstige Lennon-Biographie fiel mir in die Hände, ich las die wieder und wieder, ich wollte gar kein Rockstar werden, mir schien dies eine generelle Anleitung zum Leben. Zur Kreativität. Wenn man einmal verstünde, wie die Beatles das gemacht haben, dieses damals ja wirklich völlig Neue in die Welt zu setzen. Das wäre die Weltformel!

Die Auflösung der Beatles erschien mir damals als tragischer Fehler, war Abbey Road nicht sowieso deren beste Platte überhaupt? Ihr ganzes Schaffen eine einzige Steigerung, besser von Platte zu Platte? Was hätten die vier noch alles ins Werk setzen können? Wenn ich mich recht erinnere, war meine kleine Lennon-Biographie sowohl gegen McCartney (halbtalentierter Schmalzbarde, der nur in Verbindung mit Lennon Großes hervorzubringen vermochte), als auch gegen Yoko Ono (nicht alle Tassen im Schrank und letztlich schuld am Ende der Beatles). Vielleicht gelenkt von diesen Ausführungen beschränkte sich meine Beschäftigung mit den Solohervorbringungen der Beatles vollkommen auf das Werk von John Lennon. Meine Schwester schenkte mir damals – wir reden hier über die späten Achtziger und frühen Neunziger – verlässlich Beatlesplatten zum Geburtstag, als ich die alle zusammen hatte, folgten die Platten von Lennon: Plastic Ono Band und Imagine.

Auf die Idee, mich mit den Solowerken von George Harrison oder Paul McCartney zu beschäftigen, wäre ich damals nicht gekommen. Von Ringo Starr völlig zu schweigen. Ich liebte immer seinen klaren, schnörkellosen, immer perfekt swingenden Trommelstil. Aber der Gesang? Auf dem Weißen Album gab es zwei Lieder, bei denen ich den Tonarm ein Lied weiterheben musste, weil ich es einfach nicht aushielt: „Revolution 9“ und „Don’t pass me by“. Die Misshandlung einer Violine und eines verstimmten Klaviers in Verbindung mit Ringos grausamer Stimme, da war ja „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ noch erträglicher.

Dank Spotify ist das Reinhören in unbekannte Musiken heute kein so großes Problem mehr und so habe ich im Zuge der Klagefallschen „Rewind Ringo“-Serie mir die entsprechenden Ringo-Alben halt jetzt doch mal angehört, und, Überraschung: Die sind gar nicht so schlecht! Er wächst teilweise als Sänger förmlich über sich hinaus, manche Lieder sind richtig gut, die Alben „Ringo“ und „Goodnight Vienna“ kann man sich wirklich gut anhören. Harrison, McCartney und Lennon wurschteln bei dem einen oder anderen Lied immer mal mit, in den besten Momenten hat man das Gefühl: Ja, so könnte er geklungen haben, der Beatles-Sound der Siebziger. Zwar bleibt die Ringostimme schwierig, nach einem ganzen Album braucht man schon definitiv eine Pause, die Stimme ist einfach zu gleichförmig, schlägt Lied für Lied immer das gleiche Register an, das geht einem auf Dauer auf die Nerven. Das Faszinierendste an diesen Hörerfahrungen fand ich aber, dass man überhaupt nicht hört, dass dies die Platten eines Schlagzeugers sind. Wenn man das nicht wüsste, käme man da nie drauf. Was ich an Ringo so toll finde als Schlagzeuger der Beatles, das setzt er in seinen Solowerken konsequent fort: Er trommelt sich nicht in den Vordergrund, macht keine Virtuosenshow daraus, im Gegenteil: Ich dachte beim Hören soviel über Ringos seltsame Stimme nach, dass ich irgendwann von dem Gedanken überrascht wurde: Schlagzeug spielt er ja vermutlich auch.

(Dies der große Nachteil an Spotify: Keine Informationen, keine Booklets, kein Artwork, nichts: Nur die reine Musik. Wer spielt bei welchem Lied Gitarre, singt Harrison hier vielleicht im Hintergrund mit, wer hat das Lied eigentlich geschrieben? Nichts, ein gigantische Leere. Wer das wissen will, der muss es selber mühsam nachgoogeln. Wenn ich nicht andere Probleme hätte, würde ich möglicherweise über die Wiederanschaffung eines Plattenspielers nachdenken.)

Klagefalls Ringo-Hörberichte finden sich hier, hier und hier. (Und ich hoffe auf Fortsetzung…)