La isla de la segunda cara

Abends las ich dann den Vigoleis fertig. Nach dreieinhalb Monaten, zum Anfang des sogenannten Lockdown Light im November fing ich an zu lesen. Was für ein Buch! Ich konnte es teilweise wirklich nur in kleinsten Dosen zu mir nehmen, die Überfülle der Sprache, Überfülle der Personen, die unendlichen Abschweifungen, eine einzige Überforderung. Aber am Ende steht der Eindruck eines in sich vollkommen schlüssigen Werks, der Epilog, die plötzliche Umdrehung von allem durch den spanischen Bürgerkrieg, Allgegenwärtigkeit von Mord, Erschießung, Totschlag: ich war richtig bewegt. Selten, dass man ein Buch zuschlägt, und auf solche Weise noch nachbebt, dass man es nicht einfach weglegen kann, sondern nach kurzem Innehalten nochmal vorne aufmacht und direkt das erste Kapitel nochmal liest. So ging es mir heute. Saß da mit J., der seine Füße auf meine Beine stütze, in der Küche, er spielte Brawl Stars und ich las die letzten Seiten vom Vigoleis, diese Mischung aus Komödie und Tragödie, wie er seinen den Hitlerismus veräppelnden Roman aus Angst vor Erschießung durch die Francofaschisten portionsweise im Klo runterspült, dabei allerdings immer noch dies und jenes verbessernd, streichend, hinzufügend, damit „das Werk wenigstens druckreif den Weg aller Gülle gehen“ sollte (S. 888). Das ist schon Don Quijote pur, und ebensolche Spaniensehnsucht hat das Buch in mir ausgelöst, das Land meiner Ahnen, ich würde so gerne mal wieder da hin fahren, aber naja, Corona, also langsam, ganz langsam fängt es an zu nerven.

Der gelbe Hubschrauber

Achter Februar: Todestag meiner Mutter. Vermisse sie mehr denn je. Als ich damals vor vier Jahren Tag für Tag ins Garmischer Krankenhaus fuhr, ihr beim Sterben beistand, ohne wirklich Beistand leisten zu können, einfach halt dasaß und zusah wie sie stirbt, Stunde um Stunde, da beobachtete ich auch immer aus dem Fenster schauend den gelben Rettungshubschrauber, der direkt neben dem Krankenhausgebäude abhob und sich in den Nebel und in die Berge verflüchtigte.

An dem Tag, an dem der Doktor sagte, er glaube, heute sei es soweit, heute wohl mache sie ihren letzten Atemzug: an dem Tag war schönstes Winterwetter, der Schnee glitzernd unterm eiskalten Sonnenschein und der Himmel ganz blau. Aber das war kein Sterbewetter für meine Mutter. Erst am nächsten Tag war sie soweit, als das Wetter ganz umgeschlagen, der Nebel bis zum Boden alles verhängte, verfärbten sich ihre Lippen schwarz, kroch der Tod in sie hinein, und ich sah es und konnte nicht mehr bleiben, musste raus aus diesem Zimmer, in dem der Tod schon so präsent. Ich werf mir das bis heute vor, dass ich nicht ausgeharrt, nicht bei ihr bleiben konnte in der Stunde ihres Todes.

Der gelbe Hubschrauber erschien mir später, nachdem sie schon beerdigt war, nochmal im Traum. Ich war in höchster Not, verletzt im Schnee, da kam aus dem Nichts der gelbe Hubschrauber zu meiner Rettung. Aber ich konnte ihn nicht erreichen, das mir vom Hubschrauber aus zugeworfene Seil entschlüpfte mir stets von neuem, ich konnte es nicht zu fassen kriegen. Der Hubschrauber entschwand dann, ich berappelte mich aus eigener Kraft, und erwachte mit dem vollkommen sicheren Gefühl: Wenn ich ihn einmal wirklich brauchen werde, dann wird er wieder kommen: der gelbe Rettungshubschrauber.

Don’t pass me by

In meinem Kopf läuft fast immer Musik. Das kann manchmal auch nervig sein, kürzlich hatte ich für ungefähr zwei Tage „Your Song“ von Elton John in Dauerschleife laufen, zweifellos ein wundervolles Lied. Für die Dauer von vier Minuten. Nach zwei Tagen zermürbt es einen dann doch eventuell ein ganz klein wenig. Dank meines geschätzten Freundes Klagefall habe ich jetzt neuerdings auch manchmal Songs im Hirn, von denen ich erstmal gar nicht weiß: Was ist denn das schon wieder? Das ist dann der Ringo. Ich muss hier kurz ein bisschen ausholen.

Das blaue Album der Beatles war meine erste selbstgekaufte Platte, als ein mit Klassik eigentlich nur Großgewordener suchte ich damals einen Einstieg in die Welt des Pop, den zeitgenössischen Synthie-Pop der Achtziger lehnte ich ab, es erschien mir so kalt und blutleer, untote Vampirmusik, also ging ich in der Zeit zurück und landete bei den Beatles. Die Musik haute mich um und tut es bis heute. Strawberry Fields Forever. Eine schmalbrüstige Lennon-Biographie fiel mir in die Hände, ich las die wieder und wieder, ich wollte gar kein Rockstar werden, mir schien dies eine generelle Anleitung zum Leben. Zur Kreativität. Wenn man einmal verstünde, wie die Beatles das gemacht haben, dieses damals ja wirklich völlig Neue in die Welt zu setzen. Das wäre die Weltformel!

Die Auflösung der Beatles erschien mir damals als tragischer Fehler, war Abbey Road nicht sowieso deren beste Platte überhaupt? Ihr ganzes Schaffen eine einzige Steigerung, besser von Platte zu Platte? Was hätten die vier noch alles ins Werk setzen können? Wenn ich mich recht erinnere, war meine kleine Lennon-Biographie sowohl gegen McCartney (halbtalentierter Schmalzbarde, der nur in Verbindung mit Lennon Großes hervorzubringen vermochte), als auch gegen Yoko Ono (nicht alle Tassen im Schrank und letztlich schuld am Ende der Beatles). Vielleicht gelenkt von diesen Ausführungen beschränkte sich meine Beschäftigung mit den Solohervorbringungen der Beatles vollkommen auf das Werk von John Lennon. Meine Schwester schenkte mir damals – wir reden hier über die späten Achtziger und frühen Neunziger – verlässlich Beatlesplatten zum Geburtstag, als ich die alle zusammen hatte, folgten die Platten von Lennon: Plastic Ono Band und Imagine.

Auf die Idee, mich mit den Solowerken von George Harrison oder Paul McCartney zu beschäftigen, wäre ich damals nicht gekommen. Von Ringo Starr völlig zu schweigen. Ich liebte immer seinen klaren, schnörkellosen, immer perfekt swingenden Trommelstil. Aber der Gesang? Auf dem Weißen Album gab es zwei Lieder, bei denen ich den Tonarm ein Lied weiterheben musste, weil ich es einfach nicht aushielt: „Revolution 9“ und „Don’t pass me by“. Die Misshandlung einer Violine und eines verstimmten Klaviers in Verbindung mit Ringos grausamer Stimme, da war ja „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ noch erträglicher.

Dank Spotify ist das Reinhören in unbekannte Musiken heute kein so großes Problem mehr und so habe ich im Zuge der Klagefallschen „Rewind Ringo“-Serie mir die entsprechenden Ringo-Alben halt jetzt doch mal angehört, und, Überraschung: Die sind gar nicht so schlecht! Er wächst teilweise als Sänger förmlich über sich hinaus, manche Lieder sind richtig gut, die Alben „Ringo“ und „Goodnight Vienna“ kann man sich wirklich gut anhören. Harrison, McCartney und Lennon wurschteln bei dem einen oder anderen Lied immer mal mit, in den besten Momenten hat man das Gefühl: Ja, so könnte er geklungen haben, der Beatles-Sound der Siebziger. Zwar bleibt die Ringostimme schwierig, nach einem ganzen Album braucht man schon definitiv eine Pause, die Stimme ist einfach zu gleichförmig, schlägt Lied für Lied immer das gleiche Register an, das geht einem auf Dauer auf die Nerven. Das Faszinierendste an diesen Hörerfahrungen fand ich aber, dass man überhaupt nicht hört, dass dies die Platten eines Schlagzeugers sind. Wenn man das nicht wüsste, käme man da nie drauf. Was ich an Ringo so toll finde als Schlagzeuger der Beatles, das setzt er in seinen Solowerken konsequent fort: Er trommelt sich nicht in den Vordergrund, macht keine Virtuosenshow daraus, im Gegenteil: Ich dachte beim Hören soviel über Ringos seltsame Stimme nach, dass ich irgendwann von dem Gedanken überrascht wurde: Schlagzeug spielt er ja vermutlich auch.

(Dies der große Nachteil an Spotify: Keine Informationen, keine Booklets, kein Artwork, nichts: Nur die reine Musik. Wer spielt bei welchem Lied Gitarre, singt Harrison hier vielleicht im Hintergrund mit, wer hat das Lied eigentlich geschrieben? Nichts, ein gigantische Leere. Wer das wissen will, der muss es selber mühsam nachgoogeln. Wenn ich nicht andere Probleme hätte, würde ich möglicherweise über die Wiederanschaffung eines Plattenspielers nachdenken.)

Klagefalls Ringo-Hörberichte finden sich hier, hier und hier. (Und ich hoffe auf Fortsetzung…)

Skifahren

An wenige Dinge habe ich so schlechte Erinnerungen wie an das Skifahren. Der ganze Zwang, ich bin ja in den Bergen aufgewachsen, jeder musste hier Skifahren lernen, es war gar keine Frage, die Lifte waren praktisch vor der Haustür, aber ich hasste es von der ersten Sekunde an, stürzte, taumelte, rollte mehr bergab als ich je fuhr, am Ende war ich nass, fror, hatte schlechte Laune, und für alle anderen war das das Paradies. Hä? Man musste aber trotzdem da raus, auch wenn man nicht wollte, elterlicherseits wurden Skikurse für mich arrangiert, Winter für Winter, er muss es doch mal lernen, damals fiel sogar der Schnee noch von selber vom Himmel und musste nicht von Schneekanonen künstlich auf den Berg gebombt werden. Ich stellte mich aber hartnäckig blöd an, beim Skiausflug mit der Grundschule stürzte ich, musste von der Bergwacht abtransportiert werden, ab ins Krankenhaus, unglaubliche Schmerzen sind mir erinnerlich, Bänderriss im Knie, wochenlang im Gips, die Qualen, wenn es unterm Gips juckte und ich verzweifelt versuchte, mich da zu kratzen, aber ums Verrecken nicht rankam, selbst die allerlängste Gabel war immer genau den halben Zentimeter zu kurz. Als der Gips endlich abkam, die erste Bewegung, und mir wurde schwarz vor Augen vor Schmerz, das wochenlang unbewegte Gelenk brauchte weitere Wochen, um wieder den Normalbetrieb aufzunehmen.

In der Siebten dennoch, logisch, auf ins einwöchige Skilager am Großvenediger. Für alle in der Klasse der absolute Höhepunkt des Jahres, außer für mich und die anderen paar Hanseln in Gruppe Fünf. Die Gruppen wurden ermittelt durch ein Probefahren am ersten Tag, ich sah sie alle den Hang runterwedeln, aufgrund meines Nachnamens (Buchstabe W) war ich wie immer als letzter dran und stürzte praktisch sofort, kam gar nicht richtig ins Fahren, rutschte schneegepökelt irgendwie ins Ziel, alles klar, willkommen in Gruppe Fünf von fünf. Der Gestank von Skiwachs, abends wenn man dann endlich das dumme Skifahren hinter sich gebracht hatte. Dann gingen die Cracks aus Gruppe Eins nämlich in den Keller und machten sich ihre Ski schneller durch die kunstgerechte Applikation von heißen Wachsen, die man mit Bügeleisen aufzubringen hatte. Mir wars einerlei, denn mir konnten die Dinger gar nicht langsam genug sein. Nur den scheußlichen Gestank des Wachses hab ich noch in der Nase. Überhaupt dieser Kontrast aus der Kälte am Tag, und dann die überheizten, stinkenden Innenräume am Abend. Als das vorbei war, unendliche Freude: Endlich wieder Schule. Lateinbuch, alter Freund, komm her, an meine Brust!

Hatte man das Skilager überstanden, lauerte aber noch der jährliche sogenannte Skiwandertag auf einen, die ganze Schule wurde da auf die Zugspitze hochbefördert, die stickige Luft in der Zugspitzzahnradbahn, du steckst im dicksten Skianzug der Welt und kriegst keinerlei Luft mehr, dann steigst du aus, und stirbst sofort vor Kälte.

Am Skifahren lernte ich, wie das geht, ein Außenseiter zu sein. Irgendwann hörte ich auf, den anderen vorzuheucheln, mir mache dies auch totalen Spaß, auf Brettern, die sich falsch anfühlen, einen viel zu steilen Berg hinunterzurutschen. Verweigerte ab der zehnten Klasse die Teilnahme an diesen bizarren Skiritualen, man wurde dann mit Mathematikunterricht bestraft, die kleine, dicke Mathelehrerin, die auch nicht Skifahren konnte. Mir war das recht. Zum Skifahren ging ich nie wieder.

Fernsehen

04.12.2020

Ich bin hier in O., die alte Wohnung meiner Mutter, abgeschnitten von allem, kein Festnetz, kein WLAN, Anfang Dezember, es wird früh dunkel, der erste Schnee ist schon gefallen: ich bin zurückgeworfen auf den Fernseher. Ein Gerät, das ich auch zuhause in Berlin habe, dort aber praktisch nur nutze, um mich mit meinem Sohn auf Super Smash Brothers zu verkloppen – „verkloppen zu lassen“ trifft es eventuell noch besser – oder wir schauen mal The Voice of Germany als ganze Familie, große Ausnahme, weil sonst ja eh jeder immer nur in seine eigene Röhre gafft. Jetzt sitze ich hier allein in der bayrischen Provinz und schaue Maischberger. Eine groteske Erfahrung. Die schlafwandlerische Fähigkeit der Moderatorin scheint darin zu bestehen, immer genau dann den Gast aufs penetranteste immer wieder zu unterbrechen und partout nicht ausreden zu lassen, wenn es mich ausnahmsweise mal interessieren würde, was der vielleicht zu sagen hätte. Man achtet strikt darauf, dass wirklich nur die gänzlich inhaltsleeren Phrasen über den sogenannten Äther geschickt werden. Eine gewisse Lockerung tritt ein, als Lauterbach und Kubicki das Studio verlassen, und stattdessen Elke Heidenreich den Sitz einnimmt. Ich will ihr völlig zustimmen, wenn sie wie Maren Kroymann vor ihr, die Kultur als den großen Leidtragenden der Coronakrise benennt. Theater, Kino, Konzerte – wie wichtig das alles sei. Wie schmerzlich, dass wir auf all das jetzt verzichten müssten. Alle stimmen brav zu, Moderatorin inklusive. Und dann, zum Abschluss, werden Elke Heidenreich Bilder von Menschen gezeigt, zu denen sie ganz schnell etwas sagen soll. Erstes Bild: Karl Lauterbach, der vorher selber in der Sendung war. Und Heidenreich verfällt sofort in Lauterbachs rheinischen Tonfall, äfft ihn nach, macht ihn verächtlich. Sinngemäß sagt sie: Er hat bestimmt mit allem recht, was er so sagt, aber ich ertrage den lahmen Singsang nicht, in dem er es sagt, also lehne ich ihn ab. Kurz darauf kommt das Bild Söders, da ist sie fasziniert: Ich traue ihm nicht über den Weg, sagt sie, aber schau mal, wie der schaut! Toll!

Mir schien das in diesem Moment symptomatisch für genau diesen ach so prekären Bereich Kultur / Literatur / Darstellende Künste: Diese Haltung, der Inhalt sei doch ziemlich zweitrangig, Hauptsache die Performance stimmt. Es ist egal, was einer labert, bloß bitte nicht in rheinisch-monotonem Gebetsmühlenton, dann nehm ich lieber den Opportunisten aus Bayern, der hat wenigstens dieses gewisse diabolische Funkeln in den Augen.

Dieses völlig unverhohlene Bekenntnis zur reinen Oberfläche. Als gäbe es dahinter eh nichts. Mich fröstelte. Vor allem auch deshalb, weil Heidenreich selbst als bühnenerprobte Rampensau das natürlich supergut performte, alle lachten, alle liebten diesen Auftritt, der Applaus des nicht vorhandenen Publikums lag förmlich in der Luft.

Lieber würde ich, so wie es früher war, mir im Spätprogramm irgendwelche bizarren Schwarzweissfilme aus den Vierzigern anschauen, der junge Cary Grant, oder die alten Western mit John Wayne, irgendwie sowas, aber dieses Zeug läuft gar nicht mehr, wie ich feststellen muss.

Stattdessen dann Lanz, der in so grotesken Verrenkungen auf der äußersten Kante seines Stuhls nervös hin- und herrutscht, dass man immer meint, er springt den Gast jetzt gleich an, um die richtige Antwort aus ihm rauszuschütteln. Und so redet er auch. Er sagt immer, wie die Dinge sich verhalten, und fordert den Gast im Grunde nur noch zur Zustimmung auf. Völlig irre letztlich, wie er versucht Kühnert zu benutzen, um seine eigene islamophobe Agenda rauszuhauen.

Über Illner habe ich dabei noch nicht geredet, wo Chrupalla und Wagenknecht einander die Bälle zuspielen durften, bitte nehmt mir diesen Fernseher weg, oder zeigt endlich wieder die alten Movies, Terminator, Mad Max, Alien II, egal, ich nehm echt alles, nur bitte keine neue Debatte über die Sinnhaftigkeit der neuen Coronamaßnahmen, die fast genauso wirkungslos sind, wie die Maßnahmen von letzter Woche, und die von vorletzter Woche, und die von der Woche davor, ich kann es nun nicht mehr.

Mahlertagebuch, Teil 5

29.07.2020
Es gibt so gewisse Musiker, die verehre ich einfach, und zu denen gehört ganz klar Leonard Bernstein. Mit ihm habe ich diesen Mahlerzyklus hier angefangen, also ist es logisch, dass ich mir Mahlers neunte und letzte vollendete Symphonie auch mit Bernstein und den Wiener Philharmonikern auf YouTube anhöre bzw. -schaue. Die Musik beginnt als Bild reinsten Friedens, aber der Konflikt lässt nicht lang auf sich warten, dann wirbelt sich alles schnell zu einem ersten Höhepunkt hinauf, es ist ein bisschen wie am Anfang: Ich kapiere das System Mahler nicht. Höre es mir dennoch gerne an, auch wenn ich die Logik dieser Musik nicht ganz verstehe.

Was mir wahnsinnig gut gefällt, ist Bernsteins Tanzen. Er dirigiert die Musik nicht nur, er tanzt sie mit, der ganze Körper, nicht nur das Dirigierstäbchen bewegt sich, das macht einen riesigen Unterschied, der Swing, den der Mahlersound ja auch hat, kommt hier viel besser zur Geltung.

Gewisse Totentanzassoziationen, spinne ich, oder höre ich hier auch zitierende Anklänge an die zweite, die Auferstehungssymphonie? Erster Satz schließt in ganz großer Ruhe, als wäre die Symphonie jetzt schon vorbei. Im zweiten Satz geht es dann direkt aufs Land, buchstäblich: „Im Tempo eines gemächlichen Ländlers. Etwas täppisch und sehr derb.“ Wie beim späten Beethoven werden auch beim späten Mahler die Tempobezeichnungen immer eigentümlicher. Aber wird es dadurch auch wirklich genauer? Im Grunde wird doch nur gesagt: Langsamer Dreivierteltakt. Auch hier gefällt mir Bernsteins Dirigierstil wahnsinnig gut. Wieder stellt er das Tänzerische, Swingende in den Vordergrund, wobei das kontrastierende, täppisch vor sich hin Stolpernde immer auch hörbar bleibt. Im dritten Satz die jetzt schon öfter beobachtete, irgendwie hohle Fröhlichkeit bei Mahler. Man scheut sich, hier so unbeschwert mit einzusteigen, ein Abgrund lauert hinter dieser vordergründig lustigen Musik.

Im abschließenden Adagio klingt dann alles nach Abschied. Auch hier wiederholt das Gefühl, als hörte ich zitierende Anklänge an frühere Mahlerwerke, immer nur so ganz kurz angerissen. Dann steigern sich die Streicher in eine Art endlosen choralartigen Gesang hinein, von großem Schmerz getränkt, sehr bewegend. Ganz leise und ruhig klingt diese Neunte aus, ich bin ganz gerührt, es ist vorbei. In den Kommentaren bei YouTube schreibt jemand: „Damn, I miss Lenny.“ Und ein besseres Schlusswort für dieses ganze komische, unnötige, viel zu verschachtelte, und außerdem viel zu lang hingezogene Mahlertagebuch, wird wahrscheinlich nur sehr schwer zu finden sein.

A Christmas Carol

Wir unterbrechen unser musikalisches Programm für eine kurze Zwischenmeldung, und zwar kam ich durch den geschätzten Herrn Buddenbohm darauf, der einige sehr lesenswerte Notizen zum Thema „Notizen“ notiert hat, bei deren Lektüre mir in den Sinn kam, es gebe außer den Garnichtsnotierern und den Allesnotierern auch noch eine dritte Kategorie von Menschen, in welche wie zufällig auch ich selbst zu fallen scheine, nämlich jene fatalen Subjekte, für die das Aufschreiben auch der allerkleinsten Notiz sofort mit dem Aufschreiben der gesamten Geschichte zusammenfällt.

Ich will das kurz erläutern: Auf meinem Telefon findet sich eine Notiz vom 22. Dezember des letzten Jahres mit dem Wortlaut: „Im Zug. Gespräche über Ute.“ Und jedesmal wenn ich über diese Notiz stolpere, halte ich kurz inne, die ganze Szene steigt vor meinem inneren Auge wieder auf, aber seit sieben Monaten habe ich es nicht über mich gebracht, diese Notiz mal kurz in einen Text zu verwandeln, den auch Leute verstehen könnten, die da nicht dabei waren. Mir selber reichte ja das „Im Zug. Gespräche über Ute.“, um alles wieder ganz klar vor Augen zu haben, oder vor den Ohren, um noch genauer zu sein, denn ich sah die handelnden Personen überhaupt nicht, hörte aber sehr gut ihre Worte. Aber von vorn.

Es war – logisch – der 22. Dezember 2019 und ich saß im Zug von München nach Berlin, Großraumwagen. Einige Reihen vor mir begann nun eine Frau zu telefonieren, von der Stimme her zu urteilen vielleicht so circa mitte fünfzig. Da es sich um einen Ruhebereich handelte, die anderen Fahrgäste also alle mucksmäuschenstill waren, konnte ich jedes Wort glasklar verstehen. Es wurde nach und nach deutlich, dass die Frau das Telefonat hauptsächlich aus einem Grund führte, nämlich um zu erfahren: Wo ist Ute? Ihr Gegenüber im Gespräch schien aber genau dieser Frage immer wieder auszuweichen, die Frau wurde gezwungen, über dies und das zu reden, wie das Wetter ist, wie angenehm oder unangenehm die Zugreise verläuft, derlei Dinge. Sie gab auch geduldig Auskunft, kam aber wie nebensächlich, gleichwohl mit gewisser Beharrlichkeit, immer wieder auf die Frage zurück: „Wo ist eigentlich Ute? Weißt du, wo Ute ist?“ Ohne eine befriedigende Antwort bekommen zu haben, beendete sie das Telefonat, rief aber augenblicklich jemand anderen an, den sie nach dem üblichen Vorgeplänkel fragte: „Du, sag mal, ist denn die Ute bei dir?“ Und wieder geschah das Gleiche wie beim vorigen Telefonat, sie musste über tausend Dinge reden, hatte aber auf die Frage nach Ute offenbar gar keine Antwort erhalten, denn nach minutenlangem Smalltalk fragte sie wiederum: „Weißt du denn, wo Ute ist? Ist sie bei dir, oder kommt sie noch?“ Doch auch diesmal konnte die Frage nach Ute offenkundig nicht gelöst werden, weswegen sie noch ein drittes Telefonat führte. Diesmal schien die Person am anderen Ende der Leitung kooperativer, doch leider mit ähnlich wenig Informationen ausgestattet, so dass man sich jetzt in Mutmaßungen erging: Vielleicht nimmt Ute den Zug von A nach B, und fährt dann weiter mit dem Taxi, oder vielleicht könnte ja der X sie abholen – Überlegungen dieser Art. Die Möglichkeit, dass Ute aber vielleicht auch gar nicht auf diese Reise gehen könnte, stand jedoch ebenfalls weiterhin im Raum, und dass alle schon so lange nichts mehr von Ute gehört hatten und niemand so richtig wusste, wo Ute sich aktuell aufhielt, trug offenbar zu großer Verunsicherung bei.

Nachdem die Dame auch dieses dritte Telefonat beendet hatte, erhob sich eine andere Frauenstimme, welche sie ganz ruhig und freundlich darauf hinwies, dass man sich in einem Ruhebereich des Zuges befinde, in dem das Telefonieren eigentlich verboten sei. Die Frau entschuldigte sich umgehend und versicherte glaubhaft, das habe sie gar nicht gewusst mit dem Ruhebereich, es sei ihr furchtbar unangenehm. Da nun aber keine weiteren Telefonate und also auch keine weiteren Aufschlüsse über Ute mehr zu erwarten waren, machte sich eine dritte Frauenstimme vernehmbar, die mit höchster Dringlichkeit fragte: „Aber was ist denn nun mit Ute? Kommt sie denn nun?“ Und die Angesprochene erwiderte ganz leise und, wie mir schien, schon fast den Tränen nahe: „Naja, ich hoffe es! Wir treffen uns doch jedes Weihnachten bei meiner Schwester.“ Und nun wurde es wieder ganz und gar still in dem Ruhebereich, man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können, und fühlte doch in dieser Stille, wie der gesamte Waggon mit der Frau zusammen hoffte, die ganze Sache mit Ute möge bitte gut ausgehen.

Das alles hätte ich damals in dem Zug am liebsten direkt aufnotieren wollen, doch mir mangelte es an Schreibzeug, das einzige, was mir zur Hand war, war das Telefon, auf dem längere Texte zu tippen mir leider völlig unmöglich ist, weswegen ich nur schrieb: „Im Zug. Gespräche über Ute.“ Mit dem festen Vorsatz, diese Notiz so bald wie möglich, am selben Abend am besten noch, solange die Erinnerung noch frisch, auszuformulieren und als Geschichte festzuhalten. Doch in der Folge schien mir durch die fünf ins Telefon getippten Worte offenbar die Pflicht zur Niederschrift schon erledigt, nie schrieb ich die Utegeschichte auf, und oft schrecke ich daher vor den kurzen Notizen zurück, weil ich denke, dieser Gedanke braucht mehr Raum, um sich zu entfalten, wenn ich ihn jetzt in eine kurze Notiz presse, schreibe ich nie das Ganze auf, das wäre doch viel zu schade drum. Und schreibe dann natürlich die extra nicht notierten Großgedanken auch viel zu oft überhaupt nirgends auf. Wenigstens habe ich dank Buddenbohm jetzt endlich mal die Utenotiz verarbeitet und kann sie vom Telefon löschen.

Mahlertagebuch, Teil 4

24.07.2020
In der Siebten ist von der ersten Sekunde an alles Strudlhofstiege, Wien der Jahrhundertwende, man riecht es förmlich durch die Akkordteppiche hindurch, die schweren Vorhänge der reichen Leute, und dahinter das ganze Unglück einer dekadenten Gesellschaft. Doderers zu lange und zu verschachtelte Sätze passen hier sehr gut zum immer zu langen und zu verschachtelten Mahler. Bisher sah ich beim Mahlerhören immer so ein eher ländliches, bergiges Österreich vor meinem inneren Auge, allein schon wegen der Kuhglocken. Jetzt in der Siebten zum ersten Mal Wien.

An Bruckner erinnerndes Verfahren, auf einen Höhepunkt zuzustreben, der aber nie erreicht wird, sondern kurz vor der Verwirklichung bricht die Musik abrupt ab und fällt zurück in neblige Akkordsümpfe, aus denen sie sich dann wieder herausarbeitet, einem immer klarer erkennbaren Höhepunkt zu, um dann wieder abrupt, undsoweiter. Ob Mahler mit der Musik Bruckners vertraut war? Ich habe keine Ahnung.

Bin heute wieder in der Royal Albert Hall zu Gast, Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker, BBC-Proms von 2016. Rattle dirigiert auch auswendig, wie Abbado, scheint fortwährend mitzusingen, sehr interessant. Auch im zweiten Satz verfestigt sich meine Wienmetapher: Alles mit so einem gewissen Schmelz und einer lässigen Eleganz überzogen. Dann natürlich wieder Kuhglocken. Was der Mahler damit hatte, wird mir ewig unverständlich bleiben. Vermutlich, weil ich damit aufgewachsen bin, die Kühe grasten den ganzen Sommer lang vor unserer Haustür, das Gebimmel begleitete meine Kindheit, für mich war es nie Verkündigungsklang eines seligen Arkadien, sondern ganz normal nervtötender Sound des Alltags. So ist es heute in Oberammergau auch nicht mehr, die Kühe sind längst aus dem Innern des Dorfes verschwunden, nichts bimmelt mehr auf diesen Wiesen, aber zurück zu Mahler. Die Siebte scheint mir bisher sein zugänglichstes, menschlichstes Werk. Das Schroffe, Verstörende ist immer noch präsent, aber tritt ein wenig in den Hintergrund. Der letzte Satz schließt fast wie ein Manifest: Alles wird am Ende gut!

 

26.07.2020
Mit einem Orgelton setzt die Achte ein als klar erkennbar geistliches Werk, als Messe. Allein das Latein: Veni Creator Spiritus. Mit dieser Symphonie gelingt es Mahler zum ersten Mal, mich wirklich zu überraschen. Ich bin ja jetzt vom Mahlerschen Gigantismus schon echt leicht angestrengt, und dann die sogenannte Symphonie der Tausend, mit drei Chören, Solisten, Orgel, und was nicht noch alles, ich war ganz sicher: Das wird jetzt einfach nur fürchterlich, ein endloses Gedröhne und Gekreisch. Aber der erste Satz, diese Vertonung eines mittelalterlichen Gebets, ist eigentlich wirklich mitreißend, durchströmt von wahnsinnig positiver Energie, ein riesengroßes JA, ich bin von der ersten Note an mit dabei.

Zweiter Satz beginnt in ganz großer Innigkeit, auch hier spürt man mittelalterliche Archaik in den sehr offenen Harmonien, gefällt mir auch sofort. Was genau da in der Schlussszene von Goethes Faust 2 verhandelt wird, hab ich früher schon nicht kapiert, erschließt sich durch Mahler jetzt leider auch nicht wirklich. Teilweise nimmt das Ganze Züge einer konzertant aufgeführten Oper an, am Ende überwiegt aber doch der Gestus von Messe oder Oratorium, auf jeden Fall durch und durch spirituell, ich bin in jeder Sekunde mit dabei, mache jede unerwartete Wendung mit, auf dieses Werk kann ich mich musikalisch völlig einlassen. Auch wenn ich kein Wort verstehe. Hole einmal das alte Reclam von Faust 2 raus, finde auch recht schnell die Stelle, wo wir gerade sind, und lege das Buch dann doch wieder weg. Die Worte sind es nicht, die hier den Schlüssel zum Verständnis darstellen, scheint mir. Eigentlich egal, was die da genau singen. So rezipierte ich auch meine ersten Popsongs, Beatles und Stones, da ich praktisch kein Englisch verstand damals. Nichtverstehen des Texts erschien mir geradezu erforderlich für intensive Musikerfahrung. So geht es mir jetzt mit dem Mahler noch einmal.

Im Schluss, als nochmal das allererste Anfangsmotiv zitiert wird, schien mir, diese Musik sei eigentlich eine Hymne an die Kreativität. Als sei das gar keine Anrufung eines katholischen oder evangelischen Gottes, sondern als bezöge sich das alles auf den Menschen zurück: Du selber bist der schöpferische Geist!

Siebte und Achte vollkommen komplementäre Werke, unterschiedlicher kaum denkbar, aber beide richtig gut, jetzt langsam freunde ich mich an mit Mahler.

Mahlertagebuch, Teil 3

21.07.2020
Mahler Sechste nach zehn Minuten abgebrochen. Interessiert mich einfach überhaupt nicht, hab auch die Schnauze voll jetzt von dem ewigen Mahlersound, der mit nichts Neuem mal überrascht, sich stattdessen nur in die schon vorgegebene Mahlerrichtung immer weiter radikalisiert. Bestimmt hat auch die Sechste irgendwann nach drei Stunden wirrem Bläsergegluckse ein Adagio, das mich wieder knacken würde, aber heute schaffe ich es einfach nicht bis dorthin.

23.07.2020
Nach zwei Tagen Mahlerpause gebe ich der Sechsten nochmal eine Chance. Diesmal mit David Zinman und dem SWR-Symphonieorchester. Erinnere mich dunkel, dass ich Zinmans Beethovensymphonien mit dem Züricher Orchester gut fand, sehr schnell und völlig ohne unnötigen Schmalz. Mir selber im Grunde unverständlich ist mein Wahn, musikalische Werke so listenartig abzuarbeiten. Damals die 32 Klaviersonaten von Beethoven. Jetzt aus dem Nichts heraus die fixe Idee, alle Mahlersymphonien der Reihe nach durchzuhören. Ich weiß wirklich nicht, was das soll, warum mich derartige Zwänge von Zeit zu Zeit befallen. Aber ich hätte jetzt auch nicht einfach mit der Siebten weitermachen können. Wo ich jetzt schon mal angefangen habe, gibt es nichts mehr als Augen zu und durch. Im Kopfsatz wieder für mich schwer auszuhalten die ewig vor sich hinstampfenden Marschrhythmen, unterlegt von Kuhglockengebimmel, ich sehe da so eine bizarre k.u.k.-Armee in den gleichermaßen grotesken wie unausweichlichen Untergang marschieren, und vielleicht ist das ja sogar das intendierte Bild, aber musikalisch finde ich das so irre anstrengend. Im Andante höre ich, wie Mahler aus der alten Dur-Moll-Tonalität herausstrebt, aber dann doch wieder die unvermeidlichen Kuhglocken, und wir sind unvermittelt wieder im Heimatfilm der Fünfziger, reinste Filmmusik, ich kann mich nicht wehren gegen die Dirndln und Lederhosen in meinem Kopf. Dramatik am Berg, Übersteigung der gefährlichen Passage, Dur-Moll-Wirrwarr, aber wer hätte es gedacht: Der Held meistert alles.

Scherzo fängt an, und ich bleibe dabei: Die Sechste ist Mahlers typischste und daher uninteressanteste Symphonie bisher. Der ganze Mahlerismus ist hier idealtypisch versammelt: Irre Dimensionen der Länge, der Besetzung, alles muss immer riesenhaft sein, etwas anderes als völlige Überdimensionierung ist bei Mahler gar nicht denkbar. Hat der Typ eigentlich je mal so etwas wie ein Streichquartett komponiert? Eine kleine Bagatelle für Klavier? Ich frag ja bloß. Und in diesem übermäßig aufgespannten Zirkuszelt des Wahnsinns zerfasert dann irgendwie alles, es resultiert eine im Grunde zufällig wirkende Revue von Materialschnipseln, teilweise gar nicht unangenehm, wenn man bloß wüsste, wo das alles hinstrebt und ob es überhaupt nochmal auch wieder aufhört, oder doch ewig so weiter sich spinnt. Der Wagnersche Traum von der unendlichen Melodie wird hier endlich wahr und entpuppt sich als nervtötender Endloskaugummi.

Zinman macht etwas merkwürdiges in der Pause zwischen zwei Sätzen: Er klopft sich selbst ein paarmal ganz schnell mit der flachen Hand auf die Brust. Für mich eine nicht dechiffrierbare Geste. Spricht er sich hier Mut zu für das noch Kommende, oder ist es schon Selbstlob für das bereits Geleistete?

Im Schlusssatz ahnt man immerhin mal was davon, wo diese Musik eigentlich hin will, eine Ahnung von einer kollektiven Suche eines viel zu großen Orchesters nach dem erlösenden Schlussakkord, der all die viel zu vielen Motivschnipsel in sich aufhöbe und all die Dissonanzen auflöste, in die sich die Musik so ziellos verrannt. Ich glaube, ich klinge wie Eduard Hanslick persönlich, aber ich schreibe hier nur meinen Stream of Consciousness beim Hören von Mahlers Sechster nieder, für mich wirklich die schwächste und nichtssagendste alle Mahlersymphonien bisher. Bin nicht sicher, ob ich die Siebte überhaupt noch hören will, aber step by step.

Mahlertagebuch, Teil 2

18.07.2020
Mahler Vierte, erster Satz wirkt wie eine eigentümliche Verspottung klassischer Formen. Mozartsche Ornamentik in falschen Harmonien, wirkt alles sehr grotesk. Immer wieder menuettartige Anläufe, die aber nirgendwo so richtig hinführen. Wie jetzt schon öfter bei Mahler, gewisses Gefühl von Orientierungslosigkeit: Ich kapiere gar nicht, was eigentlich das Thema, was das Seitenthema darstellt. Soviel thematisches Material fließt disparat ineinander oder aneinander vorbei, bleibt aber unverstanden. Vierte auf jeden Fall weniger tragisch als die vorhergehenden Werke, eher ein Scherzo. Das ewig Bukolische irgendwann auch fast nicht mehr auszuhalten. – Im Adagio dann aber doch wieder interessant. Als ob der Mahler immer hier erst zu sich selbst käme. Sehr tiefer Ausdruck, unmittelbar verständlicher Schmerz. Wie aus dem Nichts heraus dann plötzlich noch eine Frauenstimme. Worüber redet die Frau? Engel? Die ganze Vierte bleibt mir unverständlich. Das Ende verklingt im Pianissimo, sphärisches Auflösen im Nichts.

19.07.2020
Von Mahlers Fünfter hatte ich mir jetzt so gar nichts erwartet, aber der erste Satz eigentlich sehr schön. Fängt zwar mit den mahlertypischen Trompetenfanfaren an, die mich immer so überhaupt nirgends abholen in ihrer ganzen Fahnenappellhaftigkeit, aber dann setzen sich mehr und mehr ganz rührend melancholische Streicherthemen durch, irgendwie gelangte ich in eine Art Sog. An Schubert erinnerndes Spiel mit volkstanzähnlichen Motiven, wie ein sehnsuchtsvoll erinnertes Land der Kindheit, in das man nicht mehr zurück kann. Auch der zweite Satz, der erst so superhektisch anhebt, findet dann bald zurück in einen ähnlichen Duktus. Valeri Gergiev dirigierte heute auf YouTube ein nicht weiter spezifiziertes „World Orchestra for Peace“ in der Royal Albert Hall, BBC-Proms von 2010, ein gänzlich anderer Dirigierstil als Abbado. Abbado lächelt immer in den Pausen zwischen zwei Sätzen, nimmt Blickkontakt mit den Musikern auf, verströmt positive Vibes. Gergiev ist völlig bei sich, schaut vor allem in die Partitur, streicht sich hektisch durchs Haar, Mundwinkel streng nach unten gezogen. Das klingt jetzt so negativ, aber mir gefällt eigentlich der Sound ganz gut, den Gergiev damit erzeugt. Alles ein wenig abgedunkelt, düster, dennoch samtig. Irgendwie weiß man bei Mahler nie so richtig, wo man gerade ist. Selbst im Scherzo unerwartet ganz elegisch langsame Passagen mit klagendem Hornsolo, wie aus einem nicht ganz fertiggestellten Adagio entlaufen. Der eigentliche langsame Satz dann aber wahnsinnig schön, ich glaube, diese Fünfte Sinfonie von Mahler habe ich wirklich überhaupt noch nie zuvor gehört, sonst würde ich mich an dieses Adagio voll intensivster und wunderschönster Melancholie bestimmt erinnern. Hier kommen jetzt endlich ganz die Streicher zu Wort, kein Strammstehen mehr zum Fahnenappell. Auch kann ich hier zum ersten Mal seit langem mal wieder ein halbwegs klar umrissenes Thema identifizieren, um welches sich der Satz dann in diversen Abwandlungen halt so dreht, ich glaube, meine Vorstellungen von klassischer Musik sind echt sehr konservativ. Die Fröhlichkeit des Finalsatzes dann wieder irgendwie steif, hölzern, künstlich, mechanisch abgerattert. Ich warte ziemlich unbeteiligt, dass die Sache halt jetzt mal vorbeigeht. Der Applaus des Londoner Publikums gleichwohl enthusiastisch.