Das Auto im Wandel der Zeiten

Ein Brief an unbekannt:
„Dienstag, 17.09.2019, um 7.55 Uhr, genau als die größte Masse an Schülern auf den Schulhof strömt, fährt ein 7,5-Tonnen-LKW einer Aktenvernichtungsfirma rückwärts auf den Schulhof. Er wird dabei eingewiesen von einem Herrn, der mir auf meine Frage hin, ob man das nicht um fünf Minuten NACH 8.00 Uhr machen könne, wenn der Schulhof menschenleer sei, lapidar beschied, es ginge dies nicht anders und schließlich sei er ja da, um abzusichern. Er steht dabei auf der Fahrerseite des LKWs. Was auf der anderen, der Beifahrerseite passiert, kann weder er noch der Fahrer im Spiegel sehen (toter Winkel). Letztes Jahr hieß es, die ganze Nehringstraße solle um 8 bzw. 16 Uhr herum für Autos gesperrt werden. Nun ist dies schon nicht passiert, was ich extrem bedauere, da ich auch nach 16.00 Uhr auf der Nehringstraße mehr oder weniger täglich haarsträubende Konflikte zwischen Schülern – sowohl zu Fuß als auch auf Fahrrädern – und auf der Nehringstraße in zweiter Reihe parkenden bzw. in alle Richtungen kreuzenden Autos (darunter viele SUVs) erlebe. Aber wenigstens einem Liefer-LKW wird man doch vermitteln können, dass er nicht genau zu den Stoßzeiten auf den Schulhof fährt. Was ich heute morgen auf dem Schulhof sehen musste, war wirklich lebensgefährlich, ich würde ungern warten, bis das erste Kind tatsächlich unter die Räder gerät, damit endlich einmal etwas geschieht.“

Schickte es dann weiter an H., sie kümmert sich drum, kennt die Leute, an die man sowas schicken muss. Die Autos sind wirklich die größte Plage, das habe ich früher auch nicht verstanden, als einer, der mit der Herrschaft des Autoparadigmas so aufwuchs, dass man sich eine andere Welt gar nicht vorstellen konnte. In meiner Familie auch unbestritten, obwohl die Schwester meines Vaters mit 17 Jahren Opfer des Straßenverkehrs wurde, tot, als Beifahrerin in einem LKW, Frontalzusammenprall auf der B2, der sogenannten Olympiastraße, meine Großmutter kam nie drüber weg, weigerte sich, nach Garmisch zu fahren und so an der Unfallstelle vorbeizukommen. Wenn es sich doch einmal gar nicht vermeiden ließ, weil man zum Notar zum Beispiel musste, dann ging es nicht anders, man musste den Umweg über Österreich nehmen, Plansee, Reutte und über Ehrwald sozusagen zur Hintertür nach Garmisch rein, was fünfmal solange dauert. Sie war nicht in der Lage, den Ort zu passieren, an dem ihre Tochter zu Tode kam. Dennoch war man immer stolz auf die schönen Autos, mein Vater, zuerst die schnittigen Sportwagen, später hatte er einen der ersten SUV, avant la lettre möchte ich behaupten, damals sagte man noch Jeep.

Für meine Mutter war das Auto nach der Trennung das wesentliche Symbol der neuen Eigenständigkeit. Den Führerschein, der 20 Jahre lang unbenutzt in der Schublade gelegen hatte, nochmal rauszuholen, nochmal Fahrstunden zu nehmen, sich ein Auto zu kaufen – das war für sie der wesentliche Akt der Emanzipierung von meinem Vater. Wer selber Auto fährt, der kommt auch sonst alleine klar, ich glaube nicht, dass ich wirklich ermessen kann, wie schwer das für sie war, umso stolzer war sie dann auf das Auto, das ihr diese Freiheit und Unabhängigkeit ermöglichte: Ein silbergrauer Ford Fiesta mit rotem Streifen, ich sehe ihn noch vor mir. Er hatte sogar Sicherheitsgurte, meine Mutter hasste das Ding, es schnüre ihr die Luft ab, sagte sie. Meistens fuhr sie ohne, zog den Gurt dann hektisch vor, wenn sie auf der Straße einen Polizisten erblickte, neuerdings war das Anschnallen ja Pflicht geworden, sie hielt das für unsinnige Schikane: Wenn man vorsichtig fährt, dann passiert doch nichts.

Es passierte auch nichts. Wie stolz mein Vater war auf soundsoviel unfallfreie Jahre, der niedrigste denkbare Versicherungsbeitrag, meine Mutter desgleichen. Dennoch zahlten sie beide am Ende den Preis für ihren Autofetisch: Tod durch Kollaps der Herz-Kreislauf-Systeme, um es auf einen Begriff zu bringen. Die Zigaretten sind dabei das eine, aber nie einen Schritt zu Fuß zu gehen, oder mal das Rad zu nehmen, für jeden Weg, der länger als fünfzig Meter, ich übertreibe hier nicht, bemühten sie beide ihr Leben lang das Auto, ein Prozess, der sich irgendwann irreversibel selbst verstärkt, wenn nämlich die Schmerzen beim Gehen durch die Arterielle Verschlusskrankheit so unerträglich werden, dass man jeden Schritt vermeidet und dadurch den unerbittlichen Verlauf der Krankheit nur noch weiter beschleunigt.

So gesehen killt das Auto wirklich jeden, auch die, die das Glück haben, nicht direkt von einem überrollt zu werden, meine Hustenanfälle manchmal auf der Schlossbrücke, wenn sich der Stau stinkend, hupend, schlecht gelaunt durch die Stadt wälzt. Zur Zeit wird diese Brücke generalsaniert, ist seit Wochen für Autos ganz gesperrt, da merkt man erst, welche Wohltat das ist, wie schön das Leben in der Stadt sein könnte, ohne die verfluchten Karren. Ich selbst hatte praktisch immer ein Auto seit ich achtzehn war, ich dachte nie groß drüber nach, so bin ich aufgewachsen, jeder hatte ein Auto, das war einfach so, musste so sein, ohne Auto war man nicht ganz vollständig. Das Autofahren selber habe ich immer gehasst, das Angeben mit dem Statussymbol war mir auch fremd, mittlerweile merke ich: Das Ding steht wirklich fast nur noch unbenutzt herum, ein teurer Spaß für nichts, ich werde es wegtun, ersatzlos streichen, ein Werkzeug des Teufels weniger auf der Straße.

Werbeanzeigen

Erinnern ist Arbeit

Fortgesetzte Schleeflektüre, eigentlich war ich am Tagebuch von Susan Sontag dran, aber mein Blick schweifte ab und ich sah im Regal den Schleef rumstehen, das letzte Tagebuch 1999-2001 hatte ich ja nie beendet, und griff mir das, versank sofort wieder darin. Vor allem wenn Berlin vorkommt, bin ich sofort im Bann. An der Nußbaumallee, wo er wohnte, bin ich oft vorbeigeradelt, wenn ich den Spandauer Damm langfuhr, dachte immer: Einmal biege ich rein und schau mir das Haus, Nummer 24 war es, glaube ich, mal an, aber gemacht habe ich es nie. Auch Kantstraße, Wilmersdorfer, Seelingstraße kommen vor, mir vertraute Orte, ganz eigentümlich, sie durch Schleefs Sätze zu sehen.

Anders als alle anderen, mit denen ich je darüber sprach, sehe ich Schleef vor allem als Schriftsteller, seine Sprache scheint mir einzigartig, „Droge Faust Parsifal“ hat mich mehr geprägt als jedes andere Buch, war mir Geistöffner, diese seltsame Magie, die man nur ganz selten mit Büchern erlebt. Wieviel Droge braucht der Mensch, fragt die Rückseite des Buches, mir war das Buch selber die Droge, konnte nicht genug davon kriegen, stürzte mich danach in die Tagebücher, die ich eins nach dem anderen wegfraß und selber nie verstanden habe, warum ich ungefähr bei der Hälfte des letzten Bandes plötzlich die Lektüre abbrach. Wahrscheinlich wirklich so ein kindlicher Reflex, weil man weiß, am Ende stirbt der geliebte Autor, oder schlimmer noch, die Schrift bricht einfach ab, der Autor verstummt, weil er seinen Tod ja selber nicht erzählen kann, das will man nicht lesen, diesem Abgrund weicht man aus.

Schleefs Theater kenne ich nur von Videos, die natürlich keinen Zauber transportieren, die Inszenierungen damals gesehen zu haben, muss unglaublich gewesen sein, aber heute eben trotzdem auch schon Schnee von vorgestern, ich bleibe dabei: Schleefs Hauptwerk ist sein Geschriebenes, im Zentrum das Tagebuch. Allein, wie in diesen fünf dicken Tagebuchbänden, auf denen vorne groß das Wort SUHRKAMP draufsteht, immer wieder davon berichtet wird, wie der alte Unseld die Publikation der Tagebücher ablehnt, abblockt bis zuletzt. Dann stirbt erst Schleef, ein Jahr später stirbt Unseld, erst dann kann Müller-Schwefe die Tagebücher im Verlag durchdrücken, so jedenfalls stelle ich mir vor, dass es gewesen sein muss.

Letzter Halbsatz im Tagebuch „Mir kommt kaum ein Wort über die Lippen,“ – da bricht es ab, datiert vom 15.07.2001, ein paar Tage später starb er.

„Erinnern ist Arbeit“, das Motto wahrscheinlich über Schleefs Gesamtwerk, heute scheint er selber fast völlig vergessen, seine Bücher sehe ich manchmal im Antiquariat auf der Kantstraße noch in der Grabbelkiste, Ramschware, Mängelexemplar.

Happy New Year

31.08.2019
Im Grunde letzter Tag des Jahres, der Wechsel auf September für mich immer Reboot, Neubeginn, neues Schuljahr früher halt ganz simpel. Mein Geburtstag war immer gerade noch in den Ferien, danach ging das neue Jahr los. Sicher auch deswegen bin ich zur Zeit so durcheinander, weil zum ersten Mal in meiner Existenz Schule schon Anfang August losging, alles um einen ganzen Monat verschoben. In mir läuft eine innere Uhr, die mit der äußeren Zeit nur schwer zum Einklang zu bringen ist, die Leute lachen immer, lächeln, wenn ich sowas zur Sprache bringe, wie ich unter der Zeitumstellung leide zum Beispiel auch, aber es ist wirklich so. Als wir im Juni in Bayern waren, sagte ich jedem gleich: ja, klar, wir in Berlin haben schon Ferien, bloß tickte meine innere Uhr so, dass diese Ferien natürlich trotzdem bis Ende August weitergehen würden, weil es ja logisch so sein muss. Die Vernunft, die weiß, dass dem allem nicht so ist, vermag da wenig. Das überhaupt meine Erfahrung: Der Kopf weiß alles mögliche, ein ganzes Arsenal an Wahrheiten steht da zur Verfügung, aber der Mensch, dieses eigentümliche Ich, handelt ununterbrochen nur gegen dieses Wissen an.

Ganz normal am Arsch

Morgens im Moment des Aufwachens sofort verzweifelt, fürchterliche Zustände, Tag für Tag dasselbe. Immerhin erledigte ich heute ein bisschen verhassten Papierkram, ganz kleiner Trost, dass der Tag nicht völlig für die Katze. Die momentane Hitzeperiode hat vielleicht auch damit zu tun, im Moment jeden Tag über 30 Grad, Kinder standardmäßig ab 13.00 Uhr hitzefrei, was meine Tagesplanungen zusätzlich irritiert. Und dann noch die schmerzende Fresse, Zahnarzt schabte, schnitt und kratzte wieder alles auf am Montag, zum wievielten Mal, immer wieder Spritze, Aufschneiden, Rumschaben, Zunähen. Sobald alles verheilt, dasselbe wieder von vorn.

Derweil die ganze Welt im Untergangsmodus: Der Regenwald am Amazonas brennt, rechtsradikaler brasilianischer Präsident verweigert die angebotene, eh schon lächerliche Hilfe der G7-Staaten, verhöhnt stattdessen auf Twitter Macron, während Trump genau in dem Moment die Idee hat, die Urwälder Alaskas könne man doch auch mal eben noch zum Abholzen freigeben. Und Mister „lustige Haare“ Johnson will das britische Parlament auflösen, um den No-Deal-Brexit am Parlament vorbei einfach so durchzuprügeln, die Rede ist schon vom Staatsstreich. Undsoweiter. Hier in Deutschland ein nicht abreißender Strom von Nachrichten aus richtung AfD, alle sind jetzt schon resigniert, weil demnächst der Osten Landtage wählt, man glaubt, die Ergebnisse jetzt schon zu kennen, alle haben schon aufgegeben, Osten ist jetzt Naziland.

In der Schule arbeitet sich C. an Autoritäten ab, fühlt sich gegängelt, zu Unrecht kritisiert, abgekanzelt, kein Dialog auf Augenhöhe möglich. Lehrerin M., mit der sie heute Stress hatte, weinend aus der Schule kam, schnauzt J. und mich später an, weil wir auf dem völlig menschenleeren Schulhof mit den Rädern richtung Ausgang rollen. „Könnten Sie bitte ABSTEIGEN!“ Klar, logisch, kein Problem, wir können alles außer Hochdeutsch. Der autoritäre Charakter, der urpreußische Kasernenhof, bricht sich merkbar wieder Bahn.

Vielleicht als Zeichen, dass möglicherweise doch noch nicht alles komplett am Arsch ist: Abdullah Ibrahim lebt noch. Sein Klavierspiel war mir Erleuchtung, als ich den Jazz entdeckte, die Platte Live at Montreux, damals noch unter dem später abgelegten Namen Dollar Brand, eine meiner liebsten. Wie lang ich gar nicht an ihn dachte, plötzlich fiel er mir wieder ein, googelte ihn, ich war so froh, dass er noch lebt, was mir bei anderen Künstlern, wie Bowie zum Beispiel, immer komplett schnurz war, wo alle durchdrehten, als er starb. Ich also höre drei Tage nur noch Abdullah Ibrahim, dann sagt Spotify mir: Er spielt bald ein Konzert in deiner Stadt. So läufts auch manchmal, ich war mir fast sicher, bestimmt ist der lang schon tot, jetzt gehe ich im November in die Philharmonie und sehe ihn zum ersten Mal live.

loslabern revisited

Nach ziemlich genau zehn Jahren das Goetzsche „loslabern“ nochmal zu lesen, war eine höchst interessante Erfahrung, man sollte alle Bücher, die man je gut, hervorragend, außerordentlich gelungen fand, nach zehn Jahren nochmal einer Überprüfung unterziehen. Gerade der so gegenwartsbesessene Goetz, wie liest sich das, wenn die hier beschriebenen Ereignisse, der Herbst 2008, schon lang Vergangenheit, Geschichte sind? „loslabern“ gruppiert eine Vielzahl ganz heterogener Texte um drei Kristallisationskerne herum: Goetz auf der Buchmesse 2008, Goetz auf dem Herbstempfang der FAZ 2008, und Goetz auf einem künstlerischen Abendessen zu einer Ausstellung oder sowas ähnliches. Der dritte Teil fällt gegen die ersten beiden so erkennbar ab, dass man eigentlich sagen will: Buchmesse und FAZ-Empfang sind die wahren Zentren des Buches. Goetz verstand sich damals offenbar als eine Art Baby Schimmerlos, irgendwie lose unterwegs im Auftrag der damals ja noch existierenden deutschen Vanity Fair, der sich auf derlei Events herumtreibt, um da so seine Beobachtungen zusammenzutragen, eine Art besserer, mit elitärem Theoriesound in die Höhe gehobener Klatsch und Tratsch aus der schönen Welt der Berühmten. Dementsprechend ist das Buch zu großen Teilen ein Namedropping, das einem heute, zehn Jahre später, ein paar leichte Schauer über den Rücken jagt: Matussek, Sloterdijk, Fleischhauer, Broder, Diekmann, Don Alphonso, Uwe Tellkamp, Botho Strauß, (man sieht, worauf ich hinauswill), und Joachim Lottmann: ist der nicht auch rechts jetzt? Sogar Ernst Jünger geistert durch diese Seiten, Döpfner natürlich auch, und der Paulskirchen-Walser. Damals gab es ja noch keine AfD, keine Identitären, niemand kannte einen Kubitschek, man fuhr noch nicht zum Ziegenmelken nach Schnellroda, um mit Rechten zu reden. Aber die hier bei Goetz in kleinen Szenen Porträtierten kann man aus heutiger Sicht mit gutem Recht als die konservativ-deutschnationalen Geister bezeichnen, die den Weg zu der ganzen Scheiße, mit der wir es heute zu tun haben, verbal und einfach vom ganzen Spirit her geebnet haben. Wie magisch scheint der 2008er Goetz von genau diesen Typen angezogen, eine gewisse Irrheit, Gestörtheit wird da loslabernd hochgefeiert, die man von heute aus vielleicht nicht mehr als lustig-schräge Verschrobenheit oder einfach nur coole Andersheit beschreiben würde, sondern, naja, halt als ganz simple rechte Scheiße. Klar war der Don Alphonso von 2008 noch nicht so sichtbar rechtsaußen unterwegs wie heute, und dennoch kann ich das beim Wiederlesen fast nicht mehr ertragen, wie Goetz hier Alphonsos „Stützen der Gesellschaft“ als unglaubliche Errungenschaft und einzig wahre Zeitung in der Zeitung hochjubelt. Ebenso mit Tellkamp, dessen mir damals schon unlesbarer „Turm“ über den Schellnkönig hinaus gepriesen wird, seltsamerweise obwohl Goetz gleichzeitig der Tellkampsche Sprachkitsch übel aufstößt, wörtlich redet er von „Sprachmüll“ (S.112). Man wird generell nicht ganz schlau aus diesen sehr speziellen Dialektik-Übungen, die Goetz da vornimmt, einerseits fordert er von Schirrmacher ganz ernsthaft mehr Seriosität in der Zeitung, also in Schirrmachers Zeitung, und andererseits ist Ulf Poschardts Quatschjournalismus für Goetz das Top of the Pops, bestmögliche Irrheit und komplett super, richtig gut gestörter Megatext. Heute feiert Poschardt als Chefredakteur der „Welt“ das unlimitierte Autobahnrasen als letzte Bastion vollkommener Freiheit. Gestört? Auf coole Weise bisschen irre? Oder vielleicht doch einfach nur dumm?

Irgendwie ist mir der ganze Goetz, der mir so lange Leuchtturm der Literatur war, durch diese Relektüre entzaubert worden. Ernüchtert schaue ich auf diese Sätze, die sich in gewollter Verkomplizierung der oft ja gar nicht so unglaublich verschachtelten Sachverhalte, kunstvoll um sich selber drehen. Die ganze Idee des reinen Loslaberns, als Gegenmodell zu einer Literatur der ewig schön gedrechselten und endlos abgefeilten Sätze, als Idee einer eben nicht hochliterarisch salonfähigen Literatur für Literaturhäuser und Literaturpreise und literarische Kolloquien, wie soll ich es sagen, mir schien das immer so vollkommen einleuchtend, ich fühle noch den Beat dieser Sätze, den Sound, und doch kommt mir dem Goetz sein Losgelabertes von 2008 heute so vergangen, so gestrig, teilweise einfach nur noch beknackte Scheiße labernd rüber, was ist passiert?

[Und diesen ganzen Text, alles was hier steht, das schrieb ich vor anderthalb Monaten noch so ganz leicht und ohne großes Zögern hin, aber nur eine Woche später zerstritt ich mich mit meinem ältesten Freund über genau dieses Thema: Über den Paulskirchen-Walser und den Bocksgesangs-Strauß, und deren Einfluss auf die Gegenwart. Es liegt so eine Gereiztheit in der Luft, wie sie in den letzten Kapiteln des Zauberbergs beschrieben ist. Wie soll man sich in dieser vergifteten Geistesatmosphäre verhalten? Ich bin ratlos.]

Wetter und Zeit

29.06.2019
Seit zwei Tagen in Oberammergau. Wetter zu heiß, eigentlich wollten wir hierher zur Abkühlung. Gestern Romanshöhe, um die Bergschuhe mal vorsichtig einzulaufen. Wir sahen ein Reh, aufgeschreckt von einem Raubvogel, was mich sofort in Verzückung versetzte. Auf der Romanshöhe fragte mich die Hildegard nach meiner Tante Monika, welcher Jahrgang die gewesen sei. Ein 45er, erwiderte ich, und sie darauf, ganz versonnen: „So, so, dann waren wir wirklich nur ein Jahr auseinander.“ Die Zeitverschränkungen überwältigten mich in dem Moment, da meine Kinder neben mir saßen und mich fragten: Woher kennst du denn die Kellnerin hier? Und ich wahrheitsgemäß erklärte, die Hildegard, die sei einfach schon immer hier heroben die Wirtin gewesen, solange ich denken könne, und sich dann im mehr oder weniger selben Moment ergibt, dass sie meine Tante, die ich nie kennengelernt, die lang vor meiner Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, mit eigenen Augen gesehen und gut gekannt hat.

Auf der Not noch vier ganz kleine Schneeflecken zu sehen, letzte Reste. Der von mir beobachtete Rekord, dass am 1. Juli noch Schnee dort zu sehen war, ich glaube 2001 war das, wird auch dieses Jahr nicht eingestellt werden. Wäre bei der Affenhitze auch verwunderlich. Am Thaneller, den wir heute vom Plansee aus sehen konnten, dagegen noch ganz viel Schnee, man glaubt fast, danach greifen zu können.

Beim Bäcker heute morgen stieß ich auf den S., verfluchte ihn innerlich sofort, musste natürlich höflicherweise kleinen Small Talk halten, bist du auch mal wieder am Ort, fragte er. Naja, dachte ich, wie sieht es denn aus, ich bin doch kein Gespenst, was soll man denn da sagen, und was bedeutet überhaupt dieser Ausdruck „Am Ort“, ich musste direkt an Bernhards „Am Ortler“ denken, was mich natürlich in diesem quälenden Minigespräch keinen Zentimeter weiter brachte. Die absolute Griesgrämigkeit und offen ausgestellte Missgelauntheit, der unbedingte Wille zum Schlechtdraufsein bestimmt hier generell die Gemüter, war heute morgen aber am grauen Gesicht des selbstverständlich Zigarette rauchenden S. nochmal besonders exemplarisch zu studieren.

30.06.2019
Schon mitten in der Nacht mit quälenden Kopfschmerzen erwacht, Tablette eingeworfen, und dennoch morgens immer noch kaputt, erschöpft, dröhnender Schädel. Es muss die Hitze sein, das Wetter, ich bin wie neben mir. Versumpften dann dementsprechend fast den ganzen Hitzetag nur dümpelnd in der Wohnung. Nur nachmittags kurz raus zum Eisessen, zeigte auf dem Weg den Kindern meine alte Schule und das Grab der Ur-, Urur-, und Urururgroßeltern. Was immer ich ihnen hier zeige, mir kommt vor, als zeigte ich nur mir selber diese Dinge, den Kindern ist all dieses Zeug vollkommen gleichgültig, und so muss das ja auch sein: unbelastet von den Tonnen von Geschichte muss man voran ins Leben gehen.

01.07.2019
Ich hatte Unrecht: Zwei letzte Schneeflecke auch heute, am ersten Juli, noch auf der Not, Rekord von 2001 mindestens eingestellt, mal schauen, wie es morgen aussieht. Heute Wettersturz, Gewitter und Regen, waren Schwimmen im Wellenberg, für mich allein deswegen schon ein erleichterndes Ereignis, weil J. endlich auch mal bei irgendwas Spaß hat.

02.07.2019
Kontrolle der Schneeflecke unmöglich, da Not zur Stunde in Nebel gehüllt. Hatten lange geschlafen, erst um 11 kletterte J. als letzter aus den Federn. Angesichts dessen und des indifferenten Wetters entschieden wir uns noch einmal fürs Dreistundenticket im Wellenberg, von 14 bis 17 Uhr, eigentlich ideal. Am Parkplatz kam es zu einer Szene, die mir sofort wieder als absolut typisch für die Geisteshaltung der hier lebenden Menschen erschien: Zwei ältere Damen regten sich darüber auf, dass das Parkticket jetzt drei Euro, statt bisher nur einen Euro kostet. Wie die Derwische tanzten sie über den Asphalt. In ihrer Empörung wandten sie sich an mich, wollten, dass ich einstimme in ihr Wutgeheul. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich gestern schon hier war und daher weiß, dass sie an der Kasse des Wellenbergs gegen Vorlage der Quittung zwei der drei Euro auf den Eintrittspreis angerechnet bekämen, somit summa summarum also alles beim Alten geblieben wäre. Aber sie hörten mir nicht zu, ich konnte förmlich sehen, wie in dem Moment, wo sie merkten, dass ich nicht mit ihnen losschimpfe und irre Flüche gegen die verrückt gewordenen Preiserhöher ausstoße, ihre Ohren zugingen, sie nichts weiter von mir wissen wollten, schon gar nichts, was eventuell die Wut und die schlechten Gefühle von ihrer Seele wieder runternähme. Denn sie brauchen das für ihr Selbstverständnis, diese absolute Negativität des Denkens und Fühlens, die sich von der Mürrischkeit der Berliner nochmal spürbar unterscheidet, ich kann bloß noch nicht genau beschreiben, worin dieser Unterschied eigentlich besteht. Dazu muss ich die Berliner Mürrischkeit noch länger untersuchen, die mir ja immer noch fremd und oft völlig unverständlich ist. Die schwarze Farbe, mit der hier im Gebirg die Leute ihre Seelen auspinseln, ist mir hingegen allzu gut vertraut.

Im Bad dann wieder schön. In meiner Kindheit war ich nur so selten hier, weil wir das Bruckengras hatten, und eigentlich ahne ich erst jetzt, was ich da möglicherweise verpasst habe, ein wirklich wunderbares Schwimmbad, mit der Kombination aus drinnen und draußen für jedes Wetter ideal geeignet, das Bergpanorama, einfach fantastisch. Seit Jahren will die Gemeinde dieses Bad zusperren, da es nur rote Zahlen schreibt, nur geballter Bürgerwiderstand hält diese wunderschöne Schuldenmaschine weiter am Laufen. Eigentlich müsste das eine Goldgrube sein, ich verstehe es nicht, wo versickert hier fortwährend das Geld?

03.07.2019
Tag aus Papier. Für morgen der Plan, endlich den Laber zu besteigen, Wetter sollte ideal sein, nicht zu heiß, aber auch nicht regnerisch, bloß schmerzt seit zwei Tagen mein linker großer Zeh auf mysteriöse Weise. Habe beschlossen, das zu ignorieren und trotzdem auf jeden Fall loszugehen. C. freut sich so aufs Bergsteigen, wir müssen da jetzt einfach irgendwie rauf.

04.07.2019
Zurück vom Laber. Bin immer noch völlig von den Socken, dass wir das wirklich geschafft haben. Morgens klingelte schon der Wecker nicht, kein gutes Omen, mein Plan war ja, so früh wie möglich loszugehen, um die Frische des Morgens noch am Berg zu haben, so verzögerte sich alles um eine Stunde, aber egal, beim Bäcker noch schnell Brezen geholt, gegen den Zehschmerz ein Ibuprofen reingepfiffen und los. Muss fast zwanzig Jahre her sein, dass ich zuletzt hier raufgegangen bin, aber war sofort wieder verliebt in das langsame Steigen, durch den Wald hinauf, und über die Wiesen. Die Blumen und Schmetterlinge. Die Stille, Abwesenheit von Motorenlärm, Gezwitscher der Vögel. J., der auf dem Weg zur Romanshöhe noch so schwierig gewesen, ging fast immer voran, war unser Bergführer, oft kam ich selber nicht so schnell hinterher, musste ihn zur Langsamkeit anhalten. Es gibt wirklich nichts Schöneres, als hier oben am Berg zu sein. Unterhalb der schon zum Greifen nah scheinenden Bergbahnstation dann nach rechts rüber, bis zu den Schartenköpfen, und der für mich einfach immer total magische Moment, wenn man den Grat erreicht und zum ersten Mal auf die andere Seite des Berges hinunterschaut. Dort war ein Seil gespannt, eine Art Slackline gigantischen Ausmaßes, über einen tiefen Abgrund hinweg, rüber zu einer einsam aufragenden Felszacke. Am andern Ende waren zwei Seiltänzer offenbar mit den Vorbereitungen zur Überquerung beschäftigt, aber uns wurde schwindlig vom bloßen Hinschauen, und ausgerechnet jetzt kamen die etwas diffizileren Kletterpassagen. Aber die Kinder gingen da ab wie die reinen Gemsen. Mir schmerzte irgendwann die Hüfte, und C. stieß den Fluch aus: Wo ist denn nun endlich diese verdammte Bergstation, da sahen wir genau in dem Moment die rettende Mobilfunkantenne über die Fichtenwipfel hinausragen und waren praktisch schon am Ziel. Oben dann alles voller Seilbahntouristen, ganze Gruppe von spanischen Jugendlichen, kurz drauf noch Mengen Bundeswehrler in Uniform, wir aßen Schnitzel, Spaghetti, Wurstsalat, jeder was er wollte, Eisschokolade hinterher, ich war so happy, erlaubte alles, mir selber auch zwei Bier. Noch ein Selfie, dann mit der Bahn wieder runter. Großes Glück, den Rückweg dergestalt abkürzen zu können. Zu Fuß den letzten Rest des Weges heim. Laber und Aufacker sind wirklich hier unsre Hausberge, wo man gar kein Auto oder Fahrrad braucht, sondern direkt von der Haustür loslatscht bis rauf zum Gipfel. Dieses Privileg, die Berge so unmittelbar vor der Tür zu haben, das mir als Kind und Jugendlichem, als ich hier noch tagtäglich lebte, völlig egal war, verstehe ich erst jetzt, wo ich weg bin. Neulich radelte ich im Traum einmal nach Spandau, und plötzlich waren da wundervolle Berge. Toll, dachte ich im Traum, dann kann ich ja da rauf steigen, und wachte auf.

05.07.2019
Tag im Schwimmbad. Die Kinder haben keinerlei Muskelkater, die gestrigen Strapazen scheinen für sie schon völlig vergessen, wie ein fern Vergangenes. Ich hingegen konnte morgens kaum aufstehen, humpelte mühsam die Treppe rauf, erst im Lauf des Tages kam ich langsam wieder halbwegs in die Gänge. Schwimmen natürlich das ideale Gegenprogramm zum Bergsteigen: Ist das eine ein reiner Kampf gegen die Schwerkraft, so ist das andere die Illusion der Aufhebung derselben, ein leichtes, gewichtsloses Gleiten im Wasser. Ein letzter, winzigster Schneerest schien mir heute morgen noch auf der Not erkennbar, jetzt, am Abend, sehe ich nichts mehr.

Als wir vom Laber gestern heimkamen, lag vor der Türe ein Paket voller Bücher, geschickt vom Guggerutz. Zum verabredeten Simon Strauss hatte er noch zwei Überraschungsbücher dazugelegt, die natürlich wie immer interessanter schienen als das schon Erwartete. Ich fing direkt an mit Ferdinand von Schirachs „Kaffee und Zigaretten“, mochte sofort die offene Form, die irgendwie lose aneinandergereihten, kurzen Kapitel, die sich thematisch immer mal wieder leicht berühren, aber nie so einen strengen Sinn von einem hermetischen Ganzen verströmen. Diese Leichtigkeit, auch bei den schweren Themen: Tod, Endlichkeit, Sinnlosigkeit aller menschlicher Bestrebungen, gefiel mir gleich, las es heute schon zu Ende. Hatte vorher noch nie was von Schirach gelesen, und hätte mir wahrscheinlich niemals selber eines seiner Bücher gekauft. Morgen fange ich dann mit dem Strauss an, an den ich ebenfalls nur die allergeringsten Erwartungen herantrage. Gut an den Guggerutzschen Büchern ist, dass sie alle so schön dünn sind.

06.07.2019
Idee des heutigen Tages war eigentlich, den Tag mit meiner Schwester zu verbringen, weswegen wir, obwohl das Wetter ideal gewesen wäre, Aufacker oder Hörnle hintan stellten, und stattdessen im Tal zur Ettaler Mühle wanderten, um sie dann dort zum Mittagessen zu treffen. Als wir ungefähr beim Frauenwasserl waren, kam die SMS: „Muss umkehren, hab Herd angelassen.“ Tatsächlich, wie sie später noch präzisierte, hatte sie einen Topf mit kochenden Kartoffeln auf dem Herd stehengelassen, die Wohnung verlassen und sich aufgemacht, nach Oberammergau zu fahren. Erst auf der Autobahn fielen ihr die Kartoffeln wieder ein, als sie heimkam, war gerade noch ein Hauch von Wasser unten im Topf. Ungefähr zeitgleich mit diesen Nachrichten, wurde C. von einer Biene in den Fuß gestochen, ich zog zu spät den bereits leergepumpten Stachel raus und sie humpelte unter Schmerzen weiter bis zur Mühle, wo man sie sehr nett und hilfsbereit verarztete, und dann sogleich mein Handy von unbekannter Nummer bimmelte: Meine Tante, die ihr Telefon zuhause vergessen und mich nun per Handy einer Freundin wissen lassen wollte: Sie sei jetzt da. Sie hat so eine Art zu fragen: Wo seid ihr gerade?, und dann direkt weiterzureden, ohne die kleinste Pause, die einem die Gelegenheit gäbe, vielleicht auf diese eigentlich ja sehr konstruktive Frage auch mal kurz zu antworten, um eventuell die Terms und Conditions einer möglichen Begegnung entscheidend weiter Richtung Klärung fortzutreiben. Fast ein Wunder, dass wir es später doch noch schafften, uns zu sehen, wir tranken ein Bier auf der Terrasse, kurz nachdem sie weg war, setzte der Regen ein.

07.07.2019
Beim Duschen heute die plötzliche Eingebung, warum das Sterbebuch in der geplanten Form für mich nicht schreibbar war: Falscher Ansatz. Ich sah die neue Struktur plötzlich glasklar vor mir: Nicht Trennung, sondern Verschränkung der zeitlichen Ebenen.

Seltsamerweise war der Gedanke ausgelöst durch die mich langweilende Lektüre von Strauss’ „Römische Tage“. Ich dachte, der Strauss irrt da so durch Rom und sehnt sich geradezu nach dem ganz besonders schicksalhaften Ereignis, damit er einen Stoff zum Schreiben kriegt, stolpert aber im Grunde nur über relativ Triviales. Und ich hatte umgekehrt diese für mich sehr heftige Erfahrung des Sterbens meiner Eltern, und zuckte immer davor zurück, ob ich das in öffentlich lesbarer Schrift überhaupt ausbreiten dürfe. Ist nicht der Tod auch etwas sehr Privates? Darf man das einfach so beschreiben, schildern, preisgeben? Besonders da der Tote selber sich ja nicht mehr wehren kann, auch nicht sagen kann „der eine Satz hier, der geht wirklich zu weit, den streich mal lieber wieder…“, muss hier der Schreibende selber die volle Verantwortung für die Persönlichkeitsrechte auch der Toten übernehmen.

08.07.2019
Seit wir hier sind, fragt J. immer wieder, wieviele Tage es noch bis zu seinem Geburtstag seien, überlegt hin und her, was er sich wünscht, was er sich nicht wünscht undsoweiter, und erst heute morgen begriff ich, wie er da überhaupt draufkommt: Der Geburtstagskalender an der Innenseite der Klotür, der da hängt seit Jahr und Tag, den ich schon lange nicht mehr wirklich wahrnehme, und in den meine Mutter als letzte Hinzufügung mit schon deutlich wackeliger Handschrift, dafür mit etwas dunklerem, markanterem Stift, J.s Geburtstag eingetragen hat, dessen Name daher sichtbar hervorsticht unter all den anderen, von denen jetzt auch schon ziemlich viele nicht mehr leben, viele auch, von denen ich nicht weiß, existieren sie noch?

Ganzer Tag Dauerregen, wir ab Mittag wieder im Schwimmbad, Kinder meistenteils am Rutschen, bis sie von einer Lautsprecher-Lady angeschimpft wurden: Falsches, nicht ordnungsgemäßes Rutschen wurde moniert. Das Rutschen sei jetzt Scheiße, sagte J., und was ein Schwimmbad überhaupt solle, in dem man gar nichts machen könne außer Schwimmen? So gingen wir heim.

09.07.2019
Wetter wieder besser, kein Regen mehr, aber bedeckt. Gingen nochmals auf die Romanshöhe, mit der Labererfahrung im Rücken jetzt deutlich schneller unterwegs. Am Rückweg vorbei an der Schnitzschule, wo wir kurz stehenblieben und die im Garten aufgestellten Skulpturen betrachteten. Manche ganz neu, man glaubt das frisch verletzte Holz noch riechen zu können, andere vom Wetter und der Zeit schon ganz ins Grau hinüberverwittert, zerfurcht von tiefen Rissen. Das liebe ich so am Holz als Rohstoff der Kunst, dass das Material so sichtbar weiterarbeitet, wenn der Künstler lang schon fertig, sich längst vom scheinbar fertigen Werk weggewandt hat. Auch die Skulpturen am Altherrnweg, an denen ich oft vorbeilief, als meine Mutter im Sterben lag und ich so viel Luft brauchte, nach Stunden im stickigen Krankenhauszimmer nur draußen herumlaufend es noch aushielt, sehen jetzt ganz anders aus als damals. Nicht unbedingt schlechter. Wetter und Zeit sind unterschätzte Künstler.

10.07.2019
Gemütlich ausgeschlafen, dann mit den Kindern rauf aufs Hörnle, von der Kappel losgehend, stressfrei, langsam, mit vielen kleinen Pausen, wie es so unsere Art ist. Ein gänzlich anderer Berg als der Laber vom Charakter her, ich achtete penibel auf den Weg, da ich mich letztes Mal ja auf dem Rückweg so saublöd verlaufen hatte und einen riesen Umweg gehen musste. Der Aufstieg zog sich länger, als ich in Erinnerung hatte, die Kinder leisteten Unglaubliches, den letzten Stich, steil rauf über holpriges Wurzelwerk, hätte ich selbst fast nicht mehr gepackt. Früher, als ich noch geraucht habe, war es immer die Atmung, die schlapp machte am Berg. Ich röchelte, hechelte, hustete und bekam irgendwann einfach nicht mehr genug Luft in den Körper rein zum weiterlaufen, musste pausieren, bis die Lunge sich wieder beruhigt hatte. Jetzt, nach annähernd drei Jahren als Nichtraucher, ein völlig anderes Bild: die Atmung läuft eigentlich ruhig, aber der Bewegungsapparat als solcher macht irgendwann nicht mehr mit: die Hüfte, der Rücken, die Knochen und Muskeln melden alle: Autsch, aua, bitte aufhören. Oben dann aber sehr schön, Einkehr auf der Hütte mit Russenhalbe und Kaiserschmarrn, plötzlich rasten Horden von Kühen über die Hügelkuppe des Vorderen Hörnles und trugen direkt vor unserer Nase ihren Stress aus, beruhigten sich aber auch schnell wieder und grasten weiter, als wäre nichts gewesen. Wir dann noch aufs Vordere rauf, fantastischer Rundblick vom Wetterstein bis fast bis München. Der Abstieg dann das, was wir uns beim Laber dank Gondelbahn erspart hatten. Immerhin verliefen wir uns nicht. Ich wusste noch ziemlich genau, wo ich beim letzten Mal den Weg verloren hatte, und passte hier doppelt gut auf. Endlich an der Kappel wieder angelangt, waren wir vollkommen erledigt. Das Schöne an der Route ist, dass kaum einer da unterwegs ist, wir begegneten vielleicht fünf Leuten. Ist man dann oben, fragt man sich, wo die ganzen Leute, die da in und um die Hütte wie die Bienchen emsig herumwimmeln, eigentlich alle herkommen. Die meisten fahren wohl mit der Bahn rauf. Nächstes Ziel wäre: die Einsamkeit eines von Gondelbahnen gänzlich unerschlossenen Berges zu genießen. Schaffen wir aber diesmal nicht mehr. Telefon sagt: ab morgen Dauerregen.

11.07.2019
Regen.

12.07.2019
Regen.

13.07.2019
Streit.

14.07.2019
Koffer packen, Wohnung aufräumen, Glotze und Super Mario.

15.07.2019
Tag im Zug: Murnau, München, Berlin. Große Freude. Zurück daheim.

Bierinnerungen

Neulich mal einen Kasten Augustiner gekauft, aus einer Laune heraus, und dann gemerkt: Es schmeckt mir gar nicht mehr so richtig. Zu süß, zu pappig. Stattdessen habe ich mich mittlerweile völlig ans Rothaus-Pils gewöhnt, das so leicht und ganz hell im Glas steht, durchaus ein bisschen herb, aber doch nicht so ein Reibeisen wie die norddeutschen Pilse. Im Grunde die perfekte Mitte zwischen den beiden Polen, süßes bayrisches Helles und herbes norddeutsches Pils. Als ich noch in Frankfurt wohnte, und später in Offenbach, trank ich immer das Schlappeseppel Pils, das war so ähnlich. Das dort ubiquitäre Binding hingegen praktisch untrinkbar. Kopfwehbier. Frankfurt und Offenbach, das habe ich wirklich geliebt damals, der Apfelwein, das Sauerkraut, der Offenbacher Markt, die Kartoffelwurst vom Vogelsberger Metzger. Heute vermisse ich all das kaum noch. Habe wenig Lust, nach Frankfurt zurück zu fahren, um zu sehen, wie sie eine neugebaute, ausgedachte Altstadt ins Zentrum der Stadt geklatscht haben. Eigentlich verrückt auch, dass das Rothaus jetzt mein Lieblingsbier geworden ist, denn es erinnert mich an meine allerfinstersten Tage als dramaturgischer Hospitant am Schauspiel Freiburg. Wo ich zwischen dem absolut unfähigen und ideenlosen Regisseur, der neurotischen Dramaturgin mit Allmachtsfantasien, und ein paar Jungschauspielern, die eigentlich eh lieber zum Film wollten, vollkommen zerrieben wurde. Einziger Trost nach einem langen Probentag voller psychotischer Zerrüttungen waren ein paar Rothaus-Pilse. Nie wieder hat mich eine Theatervorführung so sehr erfreut, wie die völlig vergurkte, bis ins letzte Detail misslungene Premiere damals, weil ich wusste: morgen bin ich hier weg und sehe keinen von euch je wieder. Und so war es dann auch, das war mein Abschied vom Theater: darauf ein Tannenzäpfle.