Zweite Chance

Saß heute in der Küche auf dem Boden, die Katze fragend um mich herum streifend, packte Geschenke ein, war dabei ganz bei mir und meiner Aufgabe, hörte Keith Jarrett das Wohltemperierte Klavier von Bach spielen, er spielt das wunderschön, ganz unaufgeregt, ich glaube fast, er kommt dem wirklichen Spirit von Bach da näher als Gould oder irgendeiner von den klassischen Pianisten mit ihrer klassischen Ausbildung. Mein Jarretthass ist ganz verschwunden, ich höre ihn in den letzten Tagen wie manisch. Über zwanzig Jahre habe ich diesen Pianisten gemieden wie der Teufel das Weihwasser, nachdem er in München das Konzert im Gasteig einfach abgebrochen hatte, für das wir teure Karten erworben, auf das wir wochenlang hingefiebert, und dann geht der nach zwanzig Minuten von der Bühne, nachdem er das Publikum noch ordentlich angepampt, er könne halt leider nicht spielen, wenn alle husten wie die Bekloppten. Grotesk damals für mich: Ich hatte nicht das leiseste Hüsteln vernommen, wir sagten danach: Ihm ist halt nichts eingefallen, kann ja passieren, freie Improvisation klappt nicht an jedem Abend, aber dann sollte er nicht das Publikum des Hustens bezichtigen und als gekränktes Genie abdampfen, sondern halt ein paar Standards, ein bisschen Repertoire abspulen und fertig. Im Grunde denke ich das heute auch noch, bloß dass ich heute nicht mehr so wütend bin, und auch die sechzig Mark, die die Karte damals vielleicht gekostet hat, schmerzen mich heute nicht mehr so, damals war das ein Riesenhaufen Geld für mich, wir warteten nach Jarretts Abgang, dass irgendeiner auf die Bühne tritt und uns erklärt, wie wir unser Geld zurück kriegten. Aber gar nichts geschah, niemand trat mehr auf diese Bühne. Einer der seltsamsten Momente, das ganze Publikum saß da, blieb sitzen, murmelte so leise vor sich hin, auch war der Saal noch ganz erleuchtet, aber auf der Bühne nichts mehr. Kein Jarrett, kein Geldzurückerklärbär. Einfach nichts. Eine ganz seltsam gespannte, unruhige Stille in dem riesigen Konzertsaal. Bis wir schließlich halt auch einfach gingen. Nach Schwabing. Logisch.

Künstlicht

Heute nacht wieder seltsam geträumt, ich ging in ein kleines Kino, um dort einen Kunst-Film anzuschauen, sofort unangenehme Gefühle, ich fand die ganze Kunst ganz künstlich, affig, oberflächlich und dachte dann im Traum: Da ist mir mein Schreiben lieber. Dies fand ich im Aufwachen bemerkenswert, denn für gewöhnlich finde ich mein Schreiben immer defizitär, zu schlecht; auch, dass ich keine Geschichten erfinden kann, immer nur Erlebtes in die Schrift bringe, empfinde ich eigentlich als Makel. Mein Traum-Ich scheint da selbstbewusster, was ich interessiert beobachte, wie einer, der nur unbeteiligt daneben steht. Vielleicht auch das eine Lehre aus der Beschäftigung mit Handke jetzt, dass es eben nicht egal ist, was man schreibt, wie man schreibt, aus welcher Haltung heraus. Wohingegen Handke an eine Literatur glaubt, die nur aus sich selbst heraus existiert und die überhaupt keinen Bezug zur Wahrheit, zur Wirklichkeit hat. Er schreibt es selber, in dieser Stelle in der Winterlichen Reise, als ein Serbe gegen die eigene Führung, gegen Milošević schimpft, und Handke schreibt dazu: Das wollte ich nicht hören, vielleicht hat er ja Recht, aber ich will nichts davon wissen. Denn er will ja ein Buch schreiben für die Serben, das weiß er vor der Reise schon, Wirklichkeit kann da natürlich nur stören. Drum ist das ganze Palaver von der Augenzeugenschaft, die Handke oft so hohepriesterlich beschwört, eigentlich hohles Gerede, denn er sieht ja auch nur, was er sehen will, die andersgelben Nudelnester, die in fast jedem Artikel zu Handke vorkommen, weil sie so schön auch den sprachlichen Quark versinnbildlichen, den solch fehlgeleitete Poetik am Ende hervorbringt.

Mutmaßungen

Wie schon letztes Jahr, durfte ich auch heuer wieder beim Graugansschen Adventskalender mitwirken, diesmal zum Thema „Mutmaßungen über das Fremde“. Anders als beim letzten Mal, wo ich ewig herumüberlegte und erst auf den allerletzten Drücker etwas zu Papier brachte, schrieb ich diesmal meine allerersten Gedanken, die mir zu dem Thema durch den Kopf schossen, sofort auf, hier kann man das jetzt lesen.

Schleifen

Vorgestern morgen, in der letzten Stunde vor dem Aufwachen, lief mir der komplette Film „Der mit dem Wolf tanzt“ vor dem inneren Auge vorbei, in seltsamen Schleifen, immer wieder lernt Dunbar die ersten Wörter der Lakotasprache, Tatanka, immer wieder ruft Wind in seinem Haar über die Ebene hinweg: „Siehst du, dass ich keine Angst vor dir habe?“, und später, die Klammer: „Siehst du, dass ich dein Freund bin?“ Gestern morgen dann genau das Gleiche, diesmal „Pulp Fiction“, hier immer nur die Episode, wo die beiden Auftragskiller aus Versehen einen Mann auf ihrem Rücksitz erschießen und dann unter Anleitung von Harvey Keitel die menschlichen Überreste aus dem Auto aufputzen müssen, von Tarantino mit dem Gartenschlauch abgespritzt werden, und am Ende das sauber geschrubbte Auto verschrottet wird. Auch hier wieder ähnliche Schleifenstruktur, immer wieder Gartenschlauch, dann Schrottplatz, dann wieder vorgespult und sie erschießen wieder den Mann auf dem Rücksitz und so weiter. Beide Filme gehören zum Eindrücklichsten, was ich damals sah, „Der mit dem Wolf tanzt“ sah ich in Garmisch, in Ogau gab es ja damals gar kein Kino, allein die Bilder waren der Wahnsinn, meine frühkindliche Sehnsucht nach dem sogenannten Wilden Westen war sofort wieder da, beim Anblick der Berge, der Weiten der Prärie, die Büffelherden – den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern, die unendliche Tragödie, die darin liegt, verstand ich hier wahrscheinlich zum allerersten Mal in Ansätzen. Erster Kontakt mit „Pulp Fiction“ war im winzigen Lagerhauskino in Schongau, ich erwartete praktisch überhaupt nichts von dem Film, und dann kam dieser Hammer, von einem Kunstwerk so vollständig gepackt zu werden, die wundervollste Erfahrung, die es gibt, mit Achtzehn, Zwanzig ist sie noch leichter zu haben, was wir uns in diesem Alter zuführen, ist von prägendster Bedeutung, das sind die Filme, die dir fünfundzwanzig Jahre später noch im Traum vor dem inneren Auge runterflimmern.

Im Fließen des Klangs

Vorgestern sehr eindrückliche Erfahrungen in der Philharmonie bei Abdullah Ibrahim. Er kommt auf die Bühne mit einem Notenbuch, das er aufgeschlagen aufs Klavier legt, aber dann im Lauf des Konzerts kein einziges Mal umblättert. Die Songs, die er spielt, fließen so ineinander, auseinander hervor, es ist alles wie ein ganz organischer Strom, im ersten Teil vor allem sehr elegisch, jedem einzelnen Akkord, jedem Klang scheint er lange hinterherzuhorchen, macht dabei nicht die geringste Show, ist einfach vollkommen konzentriert, bei sich und seiner Musik, während das Publikum hustet als seien alle kollektiv von der Lungenpest ergriffen, dann bimmelt auch noch ein Handy und zwanzig Minuten später erklingt wirklich derselbe grell schellende Klingelton noch einmal, unfassbar selbst für mich, Keith Jarrett wäre nach fünf Minuten gegangen, soviel ist sicher. Abdullah Ibrahim lässt sich aber nichts anmerken, 85 Jahre ist er inzwischen alt, da regt man sich vermutlich über solche Kleinigkeiten nicht mehr auf. Im zweiten Teil nach der Pause kommt ein bisschen mehr Bewegung in die Musik, fast widerwillig spielt er einige seiner bekannteren Lieder an – ich erkenne The Mountain, Mannenberg und Whoza Mtwana – nur um sie sofort wieder fallenzulassen, einzig beim melancholischen The Wedding verharrt er länger. Zu einem ganz zarten Thema kehrt er dabei auf Umwegen immer wieder zurück, teilweise Momente choralartiger Innigkeit, ich kann es nicht anders sagen, es war wirklich bewegend. Zur Zugabe stellt er sich an die Rampe, hebt eine Hand zum Ohr, wie um zu sagen: Hört mir zu!, und singt allein und unbegleitet ein afrikanisches Lied, da hustet dann auch endgültig keiner mehr, da hielt der ganze große Philharmonische Saal den Atem an.

Zurüstungen

Endlich Wochenende, nach dem Abholen Familienkonferenz mit den Kindern, was wollt ihr essen: Tiefkühlpizza! Für mich mittlerweile wirklich komplett unessbarer Fraß, aber wenns die Kinder so freut, also machte ich mir meine allen anderen nur verhassten Krautfleckerln und schob währenddessen den Kindern ihren Fertigfraß, den ich mich weigere, Pizza zu nennen, in den Ofen. Trotzdem dann auch noch fertig geworden mit Saša Stanišićs „Herkunft“, was mich streckenweise begeisterte, vor allem der Mittelteil, wo er in Deutschland ankommt, die ARAL-Tankstelle als ultimative Integrationsbehörde, das war wirklich fantastisch erzählt. Am Ende fasert es leider aus, musste an Rayuela denken, das vom Autor gewollte Rumblättern im Buch, sowas funktioniert nie, es ist ähnlich aussichtslos wie der Kampf der Postdramatiker gegen die Guckkastenbühne: der Kampf des Romanschreibers gegen das ganz normale Umblättern. Ich weiß immer nicht, was an beidem eigentlich so schlimm sein soll. Weder will ich als Zuschauer im Theater zum Mitspielen gezwungen werden, noch verstehe ich, warum ein Autor mir am Ende von Seite 23 sagt, ich solle jetzt auf Seite 251 weiterlesen, dann kann er den jetzt folgenden Text doch lieber gleich auf Seite 24 legen, so wäre es für alle leichter. Die Jugoslawienbücher von Handke sind auch mittlerweile angekommen, liegen bleischwer herum, mit sofort natürlich aufgeklebtem Sticker „Nobelpreis 2019“, ich lass mich immer so fertigmachen von den Typen, die sagen: Du hast doch den Handke gar nicht gelesen, wie kannst du ihn verurteilen! Und so zwingt dich der Typ, ein Buch zu lesen, das du von Anfang an schon hasst. „Winterliche Reise“, welche Anmaßung schon im Titel, sich den Schubert da so einzuverleiben, einem ewig gültigen Kunstwerk wie der „Winterreise“ seine blöd politischen Zwecke aufzustülpen. Dabei habe ich ja Handke gelesen, Versuch über den geglückten Tag, Wunschloses Unglück, Kurzer Brief zum langen Abschied. Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter war das beschissenste, langweiligste, wirklich inhaltsloseste Buch, das ich je gelesen habe, ich stand vollkommen ratlos vor diesen Buchstaben damals, als junger Leser, der sich wer weiß was für ewig gültige Weisheiten von der Literatur erwartete. Als später die Debatte um seine Jugoslawientexte aufbrandete, war ich schon lange weg von ihm. Ein berühmter Autor, klar, aber mir sagte das alles nichts. Mich interessierten aber auch diese Balkankriege als solche nicht, ist doch weit weg, hat nichts mit uns zu tun, uns, von welchem uns redet der Mensch, der ich einmal war, es macht mich heute fassungslos, mit welchen Scheuklappen ich damals durch die Welt rannte.

Später sah ich ein Stück von Handke im Burgtheater, eine Wienreise mit meinem Vater, da war Kultur angesagt, jeder Tag durchgeplant, Oper, Burg, Akademietheater, Musikverein, Handke geht da natürlich klar. Das Stück war so schlecht, ich sehe uns noch in der Pause mit unserem Glas Sekt rumstehen und Ratlosigkeit bekunden, wie keiner sich aber traut zu sagen: Komm, lass uns lieber gehen, das wird nichts mehr. Als mein Vater es dann aber doch sagte, war ich es, der zum Durchhalten aufrief, nach der Pause der Zuschauerraum schon halb geleert, was auf der Bühne verhandelt wurde, verstand auch nach der Pause niemand. Das waren Handkes „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“, zwischen meinem Vater und mir wurde das nach diesem fürchterlichen Theaterabend zum geflügelten Wort, noch Jahre später bestellten wir im Wirtshaus Biere, um uns zur Unsterblichkeit zu zu rüsten, einmal überwies er mir ein Geld, Verwendungszweck: Zurüstung. Da lachte ich hell am Kontoauszugsdrucker.

Dichte Lesung

Gestern die Lesung im POP von Mattheis, er las Gedichte, wurde begleitet von einem Gitarrenspieler, eine seltsame Veranstaltung, fast genau die gleichen Leute im Publikum wie vor drei oder vier Jahren, als der Plattenladen noch woanders, damals rauchte ich noch und er schrieb noch Prosa, jetzt in der Yorckstraße, gegenüber eines übergroßen Möbelcenters. Mattheis’ Gedichte sehr traurig, deprimiert, von unterkühlten Eltern handelnd, verfehltem Leben, unendliche Traurigkeit, die sich oft im letzten Vers noch ins Witzige, Ironische zu retten versucht, aber mich hat das echt erschüttert, auch diese Bejahung der Kälte: Die Kälte ist der Gott der Geistesmenschen, hieß es einmal sinngemäß.

Nach der Lesung zogen wie auf Knopfdruck alle ihre bereits vorgedrehten Joints hervor, in Minutenschnelle verwandelte sich der winzige Plattenladen in eine vollvernebelte Räucherkammer, ich hielt es fast nicht aus, aber weil ich den Mattheis auch so selten nur sehe, man holte sich Bier vom Bäcker an der Ecke, also ich immer wieder rüber, redete mit Meinolf, der natürlich auch da war, über Literatur, über Handke, über Jazz. Nachdem er weg war, grotesker Zusammenstoß mit einem offensichtlich Wahnsinnigen, da konnte ich schon kaum noch atmen, Mattheis und ich waren jetzt die einzigen in dem Raum, die nicht rauchten oder kifften, meine Atemwege rebellierten, ich soff das Bier schneller, um möglichst bald wieder rüber zum Bäcker zu dürfen, ein bisschen Luft zu schnappen auf dem kurzen Weg zum nächsten Bier. Ein Typ fragte mich ungläubig, ob ich die Mattheisromane wirlich gelesen hätte, freiwillig, ich bejahte das, meine Güte, ich bin doch quasi der unbezahlte Lektor dieses ungelesenen Schriftstellers, es war alles so deprimierend, und dazu der immer noch dichter werdende Rauch, die immer noch lauter aufgedrehte Musik, ich konnte irgendwann nicht mehr so laut schreien, um meine komplett glasklar unterkühlten Gedanken an irgendwen ran zu kommunizieren, musste praktisch flüchten.

Nächsten Tag Kopfweh wie verrückt, der Rauch, so viele Biere waren es ja gar nicht. Als wir später rausgehen, schnuppere ich an der Jacke, denke sie riecht nach Aschenbecher, verzieh schon das Gesicht, bis mir einfällt: Die Jacke hatte ich ja gestern gar nicht an, das war ja die andere, so voll von Paranoia renne ich schon durch die Gegend mittlerweile. Mittagessen im Kantini unessbar, um uns rum nur Schnösel, im Saturn will ich ein MIDI-Kabel fürs Klavier kaufen, aber der Typ versteht die ganze Zeit „Medi-Kabel“, auch der zweite und der dritte, im ersten und im vierten Stock, alle haben noch nie was von einem MIDI-Kabel gehört, tun aber so als wüssten sie total Bescheid und verweisen auf den jeweils Nächsten. Den Satz: „Das gibt es hier nicht“, muss der Kunde schließlich selbst aussprechen.